Seit Guardiolas Amtsantritt gibt es zweitgeteilte Meinungen, was genau er verändert hat, wie diese Veränderungen genau aussehen und welche Aspekte sie betreffen. In den... Sieben Fragen, sieben Antworten (1): Was hat sich beim FC Bayern München seit Guardiolas Amtsantritt verändert

Pep Guardiola (FC Bayern München)Seit Guardiolas Amtsantritt gibt es zweitgeteilte Meinungen, was genau er verändert hat, wie diese Veränderungen genau aussehen und welche Aspekte sie betreffen. In den letzten Wochen und Tagen trafen auch bei uns Fragen dazu ein; sieben dieser Fragen beantworten wir in einer zweiteiligen Serie. Im ersten Teil gibt es einen Fokus auf Guardiola und die Mannschaft als solche sowie den Ballbesitz, während im zweiten Teil die hineinkippenden Außenverteidiger, die Defensive, die Sechserposition bzw. Philipp Lahm auf dieser Position und das Pressing beleuchtet werden.

1. Wie hoch ist der Einfluss Guardiolas auf die Spielweise der Bayern? Was sind die markantesten taktischen Änderungen, auch in Bezug auf die letzte Saison?

Der große Unterschied zu Heynckes ist das Durchziehen des Ballbesitzes in seiner Extremität bei Führung und gegen individuell (fast) gleichstarke Mannschaften, was eine Änderung darstellt. Ansonsten wird der Ballbesitz als Philosophie generell etwas überbewertet; es geht darum, was man mit dem Ballbesitz anstellt. Auch die Bayern variieren unter Guardiola die Art und Weise, wie sie in Ballbesitz spielen und haben auch Phasen bzw. Mechanismen, wo rein zeitlich gesehen weniger mit dem Ball agiert wird.

Diese Anpassungen in gruppentaktischen Mechanismen haben sich unter Guardiola stark verändert, obgleich natürlich die absolute Ballbesitzzahl im Schnitt doch klar gestiegen ist. Der Ballbesitz ist zwar sein mediales Markenzeichen, aber man kann auch mit 58% Ballbesitz „Guardiola-esk“ spielen; obwohl das natürlich selten vorkommt. Eher sind es Überladungen, Lokalkompaktheiten, strategische Ballzirkulationen, kontaktschnelle Kurzpasskombinationen über mehrere Stationen und positionelle Flexibilität, die eben im Ballbesitz entstehen, welche man als Guardiolas großes Merkmal definieren könnte.

Insgesamt dürfte der Einfluss Guardiolas überaus groß und kaum zu übersehen sein. Zwar sind die Ergebnisse fast gleich geblieben – was sehr beeindruckend ist –, aber das Spiel hat sich doch merklich verändert. Einerseits wird der Ballbesitz nicht nur in der Masse der Spiele noch extremer und konsequenter durchgezogen, sondern auch die Abläufe im Ballbesitz haben sich merklich verändert.

2.  Inwiefern ist der Ballbesitz das entscheidende Merkmal und die entscheidende Änderung unter Guardiola?

Bereits unter Heynckes beziehungsweise dessen Vorgänger war der FC Bayern im Kern eine „Ballbesitzmannschaft“, doch dieses Jahr ist man noch etwas weitergegangen. Insbesondere die defensive Komponente des Ballbesitzes wird betont, man nutzt die Ballzirkulation, um nach Führungen den Gegner nach vorne zu locken, lässt den Ball laufen, verschiebt den Gegner hin und her, woraufhin sie Schnellangriffe durch offene Räume suchen. Dem Gegner erobert nur selten den Ball und kann deshalb nur wenige Angriffe starten. Vor Führungen wird der Ballbesitz sehr extrem durchgezogen, auch gegen stärkere Gegner, was unter Heynckes z.B. nicht so der Fall war. Dort hatte man sich z.B. gegen Villareal schon in der Anfangsphase stärker zurückgezogen. Unter Guardiola variiert zwar das Ausmaß des Ballbesitzes, doch der Versuch sehr viel zu haben wird nie aus den Augen verloren.

Bei Guardiola wurden außerdem die genauen Laufwege in Ballbesitz angepasst. Die Raumaufteilung, die Höhe der Ballzirkulation, die Anzahl der Spieler vor dem Ball und die Struktur der Bewegungen haben allesamt nur noch wenig mit der Vorjahreself zu tun. Alles in allem hat sich viel verändert. Besonders auffällig sind hierbei die Staffelungen im Mittelfeld und in den Halbräumen, wo man deutlich variabler unterwegs ist.

Die Außenstürmer, die Außenverteidiger, das Dreiermittelfeld und in bestimmten Partien auch der Mittelstürmer haben einen größeren Fokus aufs Zentrum. Sehr oft verteidigt man auch in einer 4-1-4-1/4-3-3-Stellung anstatt dem 4-2-3-1/4-4-1-1 der Vorsaison, was für die meisten wohl die größte und offensichtlichste Änderung darstellt. Jedoch gibt es oftmals auch noch 4-4-1-1-Formationen, variable und asymmetrische Anpassungen der Formationen und vieles mehr. Im Aufbau- wie im Defensivspiel wird außerdem Manuel Neuer noch viel extremer fokussiert, was ebenfalls eine klare Veränderung zur Heynckes-Elf ist.

3. Wo liegen die Schwächen der Bayern oder sind sie unschlagbar?

Bekanntlich hat jede Mannschaft ihre Schwächen, sogar die Bayern. Wobei bei ihnen die Schwächen so klein sind, dass sie bei manchen Mannschaften wohl sogar noch überdurchschnittlich wären. Bei ihnen sind diese Schwächen auch sehr punktuell und äußern sich nur in einzelnen, schwer isolierbaren Aspekten. Das Schwierige ist es jedoch diese Schwächen miteinander zu verbinden, um ordentliche Spielzüge oder erfolgreiches Pressing zu fahren, ohne währenddessen unterbrochen zu werden bzw., banal gesagt, um nicht in mit einer der Stärken der  Bayern in Konflikt zu geraten und in deren Balleroberungs- oder Ballzirkulationsstrudel zu geraten.

Am besten dürften es bislang der BVB und die Salzburger Bullen gemacht haben. Der BVB hat letztlich zwar 0:3 verloren, konnte aber über lange Strecken das Aufbauspiel der Münchner extrem ungefährlich gestalten. Danach konnten sie mehrmals über die Flügel kontern und nach vorne kommen, obgleich Bayern dies bis auf einzelne Phasen gut isolieren konnte. Red Bull presste enorm hoch und aggressiv, die ballfernen Spieler rückten ein und es gab immer Überzahl in der Mitte. Auch hier muss aber aufgepasst werden: Spielen die Bayern mit Viererkette, in Topbesetzung, motiviert und passen sich etwas besser an, kann auch das über Flügelkombinationen und Spielverlagerungen überspielt werden.

Ansonsten gibt es immer wieder einzelne Sachen, welche gegen die Bayern funktionieren könnten. Das Angriffspressing der Münchner kann man zum Beispiel mit Anlocken des Pressings, intelligenten langen Bällen in offene Räume bei spielerisch gutem Torhüter bespielen. Das Mittelfeld kann man mit aggressivem Verschieben, hoher Kompaktheit, weit nach hinten arbeitenden Stürmern und guten Abständen etwas abwürgen. Offensiv kann man mit schnellen Kontern bei diagonalen Passmustern und vielen raumgreifenden Bewegungen die Bewegungen der Bayern bespielen.

Im Rahmen der Möglichkeiten der meisten Mannschaften und im aktuellen Fußballkontext ist das System aber zurzeit wirklich nahezu unschlagbar. Ein Punkt ist die Taktik, ein Punkt ist die individuelle Stärke inklusive Kaderbreite auf hohem Niveau und ein anderer Punkt ist Guardiola, welcher im Spiel auf taktische oder personelle Probleme reagieren kann und dies hervorragend tut. Es müssen schon Guardiola und das Team gleichzeitig ausfallen bei starker gegnerischer Tagesform, um einen Sieg einplanen zu können.

René Maric, www.abseits.at

Rene Maric

  • kendaw

    28.Februar.2014 #1 Author

    „Das Schwierige ist es jedoch diese Schwächen miteinander zu verbinden, um ordentliche Spielzüge oder erfolgreiches Pressing zu fahren, ohne währenddessen unterbrochen zu werden bzw., banal gesagt, um nicht in mit einer der Stärken der Bayern zu geraten und in deren Balleroberungs- oder Ballzirkulationsstrudel zu geraten.´´ Einfach nur Perfekt beschrieben!

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  • Andy

    6.März.2014 #3 Author

    Wie immer eine sehr gute Analyse aber das Tor von Götze zählte nur auf Bayern-Seite, deshalb war der Endstand bei BVB-Bayern 0:3.

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