„Fußball lebt von Überraschungen“ ist eine oftmals gebrauchte Floskel. Über ihren Wahrheitsgehalt lässt sich vermutlich streiten, jedoch haben sich heuer in zahlreichen europäischen Ländern...

„Fußball lebt von Überraschungen“ ist eine oftmals gebrauchte Floskel. Über ihren Wahrheitsgehalt lässt sich vermutlich streiten, jedoch haben sich heuer in zahlreichen europäischen Ländern Vereine zum Meister gekürt, die zu Saisonbeginn nicht als Topfavoriten gehandelt wurden. Abseits.at stellt die neuen Champions von Polen, Zypern und Israel vor, die allesamt vor allem durch ein starkes Kollektiv überzeugen konnten.

Rechtzeitig ins neue Stadion

Böse Zungen würden sagen, dass Śląsk Wrocław (deutsch: Breslau) gerade rechtzeitig zum zweiten Meistertitel der Vereinsgeschichte ein neues Stadion erhalten hat, Optimisten sprechen vermutlich von perfektem Timing.

Der Verein aus dem Südwesten Polens kam heuer zum zweiten Mal überhaupt und zum ersten Mal seit 1977 zu Meisterehren und konnte diese im brandneuen und für die Europameisterschaft errichteten Stadion Miejski feiern.

Śląsk stand nahezu die gesamt Saison über unter den ersten Drei der Tabelle und konnte sich sogar über den Wintermeistertitel freuen. Möglich wurde der Titel jedoch erst durch eine Schwächephase von Legia Warschau am Saisonende, so dass der erst 1947 gegründete Verein doch noch am Hauptstadtclub vorbeiziehen konnte, wofür 14 Punkte aus den letzten sechs Spielen hauptverantwortlich waren. Am letzten Spieltag stand man noch einmal unter großem Druck, musste man doch bei Wisla Krakau antreten und dort einen Sieg einfahren. Dieser wurde dann auch in Unterzahl über die Zeit gezittert, wobei zu berücksichtigen ist, dass Wisla heuer nicht über die Stärke vergangener Jahre verfügt und daher auch nicht im Europacup vertreten sein wird.

Śląsk Wrocław ist eine Mannschaft, die ohne große Stars auskommt, praktisch keiner der Spieler ist dem gemeinen Fußballinteressierten jenseits der Landesgrenzen bekannt. Die wohl prominentesten Akteure sind das ehemalige Supertalent Sebastian Mila (ehemals Austria Wien) sowie Przemyslaw Kazmierczak, der immerhin schon beim FC Porto im Sold stand.

Verdeutlicht wird die Bedeutung des Kollektivs durch einen Blick auf die interne Torschützenliste, denn diese führen Stürmer Johan Voskamp und Abwehrspieler Piotr Celeban mit lediglich sechs Treffern an. Zum Vergleich: Artem Rudnevs von Lech Posen konnte 22-mal einnetzen.

Für  Śląsk gilt es nun, sich während der Europameisterschaft im eigenen Land auf die Qualifikation zur Champions League vorzubereiten – Polen wartet seit der Saison 1996/97 auf einen Vertreter in der Königsklasse, damals konnte sich Widzew Łódź qualifizieren.

In der heurigen Saison nahm Śląsk erstmals seit 1987/88 wieder am Europacup teil und drang immerhin bis ins Playoff der Europa League vor, wo man sich Rapid Bukarest geschlagen geben musste. Auf dem Weg dorthin wurden Dundee United und Lokomotive Sofia in engen und nervenaufreibenden Spielen ausgeschaltet. Das entscheidende Tor in Dundee erzielte der Slowene Rok Elsner, der der Enkel des ehemaligen österreichischen Teamchefs Branko Elsner ist und dessen Bruder Luka kurzzeitig bei Austria Kärnten unter Vertrag stand.

Erster Meistertitel seit 44 Jahren

Die Schlagzeilen des zyprischen Fußballs schrieb in dieser Saison auf internationaler Ebene definitiv APOEL Nikosia, kam man doch bekanntlich bis in das Viertelfinale der Champions League.

In der heimischen Meisterschaft gab jedoch ein anderer Verein den Ton an, denn so wurde AEL Limassol erstmals seit 1968 Meister – es ist der sechste Titel insgesamt. Die Mannschaft aus der an der Südküste Zyperns gelegenen Stadt setzte sich im Meisterschaft-Playoff gegen die wesentlich bekannteren Vereine Omonia und APOEL Nikosia sowie Anorthosis Famagusta durch, die aber auch allesamt im Europacup vertreten sein werden. Limassol musste lediglich drei Niederlagen hinnehmen, setzte sich zumeist jedoch nur hauchdünn durch, ein Torverhältnis von 37:9 nach 31 Spieltagen sprich Bände.

Daher kommt es auch nicht überraschend, dass der beste Torschütze des Vereins lediglich neunmal ins Schwarze traf, es handelt sich hierbei um den Ivorer Vouho, der zuvor in Portugal tätig war. Der 34-Jährige Stürmer Cafú ist mit nur vier Toren schon der zweitbeste Schütze seines Teams.

Der Kader Limassols ist – wie der der meisten zyprischen Mannschaften – von einer enormen Internationalität geprägt. 19 Legionären stehen nur sieben einheimische Spieler gegenüber, womit man voll im Trend der nationalen Meisterschaft liegt, denn dort beträgt der Ausländeranteil rund 63 Prozent.

Namhafte Spieler sucht man bei Limassol vergeblich, am ehesten ist in der bunt gemischten Truppe noch der Portugiese Silas zu nennen, der unter anderem schon England und Spanien aktiv war, jedoch auch bereits 35 Jahre alt ist. Generell gilt es zu bemerken, dass im Kader des zyprischen Meisters einige Spieler stehen, die wohl schon dem Ende ihrer Karrieren entgegenblicken.

Mit Spannung wird zu beobachten sein, wie sich Limassol in der Qualifikation zur Champions League schlägt. Ein frühes Scheitern kann nicht unbedingt vorausgesetzt werden, denn auch APOEL Nikosia und Anorthosis Famagusta drangen mit vermeintlich unbekannten Spielern bis in die Gruppenphase (und darüber hinaus) vor.

Meister im zwölften Jahr des Bestehens

Auf die Frage, wer israelischer Fußballmeister ist, lautet die Antwort des Großteils der Befragten vermutlich „Maccabi Haifa“, „Hapoel Tel-Aviv“ oder „Maccabi Tel-Aviv“. Der Name Hapoel Ironi Kirjat Shmona wird wohl kaum jemanden über die Lippen kommen, doch hat sich tatsächlich der Verein mit dem etwas sperrigen Namen den Titel gesichert.

Der Club, der in einer Ortschaft nahe der libanesischen Grenze beheimatet ist, die mehrfach von der Hisbollah unter Beschuss genommen wurde, wurde erst im Jahre 2000 mittels Fusion gegründet und stieg vor fünf Jahren in die erste Liga auf, womit erstmals ein Club aus dieser Region in der Beletage des israelischen Fußballs vertreten war. 2009 erfolgte nach einem Abenteuer im Europacup der Abstieg, doch man konnte prompt wieder in die höchste Spielklasse zurückkehren.

Heuer gelang dem Team von Ran Ben-Shimon, der sein Amt jedoch bereits an Gil Landau übertragen hat, der souveräne Durchmarsch und man stand bereits fünf Runden vor dem Saisonende als Meister fest.

Ermöglicht wurde dies durch Izzy Sheratzky, einem vermögenden Industriellen, der dem Verein als Präsident vorsteht und sein Geld in der GPS-Sicherheits-Branche verdient. Jedoch sah Sheratzky davon ab, in teure Stars zu investieren, sondern förderte den Nachwuchs. Daher befinden sich im Kader von Hapoel Ironi Kirjat Shmona auch keine namhaften Spieler und wie schon die beiden anderen an dieser Stelle vorgestellten Vereine konnte man vor allem durch das starke Kollektiv bestechen, davon zeugen auch die lediglich 46 erzielten Tore in 36 Meisterschaftsspielen, wohingegen man die beste Defensive der Liga stellt.

Die große Herausforderung wird es nun sein, mit der ungewohnten Situation richtig umzugehen, ist ein solcher Erfolg doch etwas völlig Neues für den Verein. Nachholbedarf besteht noch bezüglich der Infrastruktur, denn das Stadion fasst lediglich etwas mehr als 5.000 Zuschauer und auch die E-Mail-Adresse des Vereins, die auf der Webseite es israelischen Verbands angegeben ist, vermittelt ob ihrer Endung auf „hotmail.com“ nur bedingt Professionalität.

OoK_PS, abseits.at

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