Der Sunderland AFC ist das Team der Stunde in der englischen Premier League. Seit Martin O’Neill in der Hafenstadt das sportliche Sagen hat, holten...

Der Sunderland AFC ist das Team der Stunde in der englischen Premier League. Seit Martin O’Neill in der Hafenstadt das sportliche Sagen hat, holten die Black Cats in sechs Spielen 13 Punkte – so viele wie keine der anderen 19 Mannschaften – und machten in der Tabelle sieben Plätze gut. Unvergessen bleibt dabei der Last-Minute-Sieg gegen Tabellenführer Manchester City. abseits.at erläutert die Hintergründe der Trendwende.

Nur elf Punkte holte Sunderland unter Steve Bruce, rangierte in der Tabelle nur einen Zähler vor den Abstiegsplätzen. Die Verantwortlichen zogen die Reißleine, trennten sich vom 51-Jährigen und konnten Anfang Dezember mit Martin O’Neill ihren Wunschnachfolger präsentieren. „Ich hoffe ich kann Sunderland zu einer sehr erfolgreichen Zeit verhelfen. Deshalb bin ich gekommen und das ist meine besondere Ambition“, sagte der langjährige Aston Villa-Manager nach Amtsantritt. Sechs Spiele, von denen vier gewonnen und nur eines verloren wurden, später lässt sich dem 59-Jährigen eine durchwegs sehr gute Arbeit attestieren. Dass die einzige Niederlage auswärts gegen stark spielende Spurs mit 0:1 denkbar knapp ausfiel verstärkt diesen Eindruck. Zudem qualifizierten sich die Black Cats am vergangenen Wochenende mit einem 2:0-Sieg bei Peterborough United für die vierte Runde des FA Cups.

Altbewährtes wird übernommen…

Bereits im ersten Spiel deutete O’Neill an das Spiel gegenüber seines Vorgängers verändern zu wollen. Schon bei Aston Villa setzte er auf schnelles Umschalten über die Flügel und versucht diese Idee auch bei den Rot-Weißen zu forcieren, wie die folgende Grafik verdeutlicht.

Gegen Blackburn schlugen O’Neills Schützlinge sage und schreibe 46 Flanken – so viele wie keine andere Mannschaft seit Liverpool beim Sieg gegen Stoke in der Saison 2008/2009 und 92 Prozent mehr als beim letzten Auftritt von Bruce an der Linie. Einer, der von dieser Philosophie besonders profitierte ist O’Neills Landsmann James McClean. Bis Anfang Dezember kickte der 22-jährige Nordire noch im Reserveteam ehe ihn der smarte Brillenträger gegen die Rovers sein Premier League-Debüt feiern ließ. Am vergangenen Spieltag erzielte er seinen ersten Treffer in Englands Eliteliga.

…und neue Idee entworfen

Bei all seiner Liebe zu den altbewährten Praktiken verschließt sich O’Neill jedoch nicht vor neuen Ideen. Beim denkwürdigen 1:0-Sieg am Neujahrstag gegen Manchester City zeigte der Coach, dessen Sweater stets die Nummer 31 ziert, dass er über enormes taktisches Verständnis verfügt. Aufgrund von Verletzungen und Krankheiten musste O’Neill seine Viererkette umstellte, bot mit Jack Colback und Craig Gardner zwei Mittelfeldspieler auf den Außenverteidiger-Positionen auf. Dem nicht genug, gesellte sich während der ersten Halbzeit auch noch Stamm-Innenverteidiger Wes Brown zum gut gefüllten AFC-Lazarett, das mittlerweile elf Spieler beherbergt, hinzu. Für den ehemaligen ManUnited-Verteidiger kam der selbst manch Sunderland-Fan unbekannte Matt Kilgallon ins Spiel, womit die gesamte linke Seite aus Linksfüßen bestand. Es mag etwas Zufall dabei gewesen, aber diese Konstellation spielte den Black Cats in die Karten.

City zog seine Angriffe oft über Johnson auf der rechten Seite auf, meinte Linksverteidiger Colback als Schwachstelle ausgemacht zu haben, was sich als falsch herausstellen sollte. Colback gewann fünf von sieben Zweikämpfen und fing drei Pässe ab. Dabei wurde er von seinen Mitspieler kräftig unterstützt. McClean zeigte, dass er nicht nur über großartige Anlagen in der Offensive verfügt, sondern ließ sich geschickt fallen und unterstütze seinen Hintermann beim Doppeln gegen Johnson. Brach dieser dennoch durch, schob Kilgallon raus und deckte den Raum hinter Colback gut ab.

Der Kapitän etabliert sich

Ein Spiel gegen den Ball, das man in der Bruce-Ära kaum sah. Ohne Spielgerät wirkte die Mannschaft sehr statisch. Die Spieler standen starr herum, wurden vom Gegner leicht überlaufen. Das Defensivverhalten war eindeutig der Punkt, an dem O’Neill den Hebel ansetzen musste, nicht zuletzt weil es der Grundpfeiler seiner Philosophie ist. Diesbezüglich stand vor allem Sunderlands Kapitän Lee Cattermole in der Kritik. Der ehemalige Nachwuchsteamspieler spielte sehr unbeständig und legte eine ungewohnte Zweikampfschwäche an den Tag. Nach Monaten voller Schmähungen findet der 23-Jährige unter O’Neill zu alter Stärke zurück. Unter dem Neo-Coach agiert Cattermole etwas tiefer und geduldiger. Als Sechser vor der Abwehr legt er sein Spiel nun so an, dass er den Ball abfängt anstatt den Spieler dahinter niederzustrecken.

Beachtliche neun Interceptions konnte „Catts“ im Spiel gegen die Queens Park Rangers verzeichnen – mehr als ein Drittel der Gesamtheit seiner Mannschaft. Außerdem besticht der Mittelfeldspieler mit seiner hohen Passgenauigkeit. Den Vorwurf er spiele zu viele „sichere“ Pässe musste er sich oft anhören, mittlerweile fädelt Cattermole jedoch auch Angriffe mit präzisen Zuspielen ein. Gegen Everton fanden eindrucksvolle 87 Prozent seiner 46 Pässe den Mitspieler.

Sessegnon als Mitarbeiter des Monats

Der wohl technisch begabteste dieser ist Stephane Sessegnon. Der 27-jährige Offensiv-Allrounder wechselte im letzten Winter von Paris Saint-Germain in den Norden Englands und war einer der wenigen, die auch in der Pre-O’Neill-Ära positiv auffielen. Der Nationalspieler Benins bekleidete in der aktuellen Saison sämtliche Offensivpositionen und ist mit vier Toren sowie sieben Vorlagen Topscorer seiner Mannschaft. Neben seiner Vielseitigkeit besticht er mit seiner Schnelligkeit, sucht das Dribbling und den Zug zum Tor – der perfekte Spieler für O’Neills Taktik. Zudem gilt der Enkel des ehemaligen beninischen Präsidenten Nicephore Dieudonne Soglo als überaus lauffreudig.

Das bisher beste Spiel unter Martin O’Neill lieferte Sessegnon am 17. Spieltag gegen die Queens Park Rangers ab. Als hängende Spitze hinter Solostürmer Nicklas Bendtner aufgeboten, sorgte er für viel Wirbel in der Hälfte der Hoops, setzte seine Mitspieler gut in Szene und erzielte obendrein ein Tor. Zudem scheint Sessegnon nun auch seine Defensivqualitäten erkannt zu haben. Im letzten Ligaspiel gegen Wigan Athletic bestritt er stolze elf Zweikämpfe, acht davon siegreich – der absolute Bestwert. Und das obwohl der agile Angreifer nur 168 Zentimeter misst.

Fazit

Die 13 Punkte, die Sunderland unter Martin O’Neills errangen sind, wie dargelegt, kein Zufall. Und dennoch ist es unbestritten, dass bei dem ein oder anderen das kleine Quäntchen Glück aufseiten der Black Cats war – vor allem beim Sieg über Manchester City. So fiel der Siegtreffer von Ji Dong-Won aus Abseitsposition und scheiterten die Citizens mehrmals am Aluminium. Zudem profitierte man beim 3:2-Erfolg bei QPR vom katastrophalen Abwehrfehlern der Gastgeber und sprang der Ball vom Pfosten anstatt zurück ins Spiel in die Maschen. Fairerweise muss man aber auch erwähnen, dass das Unentschieden gegen Everton auf die Kappe von Referee Howard Webb geht. Osman schlug in den Rasen worauf Webb auf Strafstoß entschied, den Baines zum 1:1-Endstand verwandelte. Oder könnte man damit argumentieren, dass die Last-Minute-Siege gegen Blackburn, QPR und City auf den „O’Neill Faktor“ zurückzuführen sind. „Es ist ein anderes Gefühl“, sagt Mittelfeldspieler David Vaughan, „der neue Manager kam her und gab uns die Überzeugung zurück. Er will, dass wir rausgehen und uns selbst ein wenig ausdrücken und versuchen das Fußballspielen zu genießen. Das hilft uns.“ O’Neill hat also definitiv etwas bewegt, das Saisonziel einen einstelligen Platz im Endklassement zu belegen ist dank seiner ausgezeichneten Arbeit absolut realistisch. Weshalb er im Dezember völlig zu Recht zum Premier League Manager of the Month ausgezeichnet wurde.

Alexander Semeliker

@axlsem

Keine Kommentare bisher.

Sei der/die Erste mit einem Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.