Es gibt wohl keinen Spieler, der die Beobachter des österreichischen Fußballs mehr spaltet, als Marko Arnautovic. Der 24-Jährige galt als Riesentalent dennoch geriet seine... Berechtigte Kritik oder haltlose Vorurteile? Was man beim Defensivverhalten von Arnautovic berücksichtigen sollte

Marko Arnautovic (ÖFB, SV Werder Bremen)Es gibt wohl keinen Spieler, der die Beobachter des österreichischen Fußballs mehr spaltet, als Marko Arnautovic. Der 24-Jährige galt als Riesentalent dennoch geriet seine Karriere ins Stocken, was oft seiner Spielweise zugeschrieben wird. abseits.at setzt sich mit diesem heiklen Thema auseinander.

Spieler wie Arnautovic, so Michael Angerschmid im Chat mit den OÖN, würden in einer Mannschaft mehr kaputt machen als sie helfen würden. In seiner offenen und ehrlichen Art geht der Trainer der SV Ried sogar noch weiter und meint, er habe noch nie ein einziges Länderspiel gesehen, wo Arnautovic der Mannschaft geholfen hätte. ÖFB-Teamchef Marcel Koller sieht dies offenbar anders, denn kein anderer Spieler kam unter dem Schweizer öfter zum Einsatz als der Stoke-Legionär. Woher kommt diese Diskrepanz? Das wollen wir in diesem Artikel ergründen.

Richtige Interpretation der Statistiken

Als Untermauerung für die eigene Argumentation werden häufig Statistiken eingesetzt, was in gewisser Hinsicht durchaus schlüssig und sinnvoll ist. Wir wollen uns daher zunächst die Defensivdaten von Arnautovic ansehen und diese mit einigen Mitspielern – naheliegend sind ebenfalls nominelle Offensivspieler – vergleichen. Damit dies aussagekräftiger ist, wurden die jeweiligen Werte normiert, d.h. auf 90 Minuten bezogen.

Mit durchschnittlich 4,45 Defensivaktionen pro 90 Minuten liegt Arnautovic hier an drittletzter Stelle, nur knapp hinter Jonathan Walters, der im Allgemeinen als aufopferungsvoller und mannschaftsdienlicher Kämpfertyp gilt. Der Abstand zum führenden Peter Odemwingie ist allerdings durchaus groß. Es gilt daher einige relativierende Faktoren zu berücksichtigen. Odemwingie absolvierte beispielsweise erst zwei Spiele für die Potters. Eines davon gegen Manchester United, was aufgrund des geringen Ballbesitzanteils die Anzahl an Defensivaktionen naturgemäß in die Höhe treibt.

Andererseits fällt auch auf, dass Arnautovic hinsichtlich der Balleroberungen und abgefangenen Pässe (zusammen 3,14 pro 90 Minuten) um einiges besser abschneidet als Walters (0,94). Der Ire punktet hingegen vor allem über klärende Aktionen und geblockte Schüsse – zwei Kategorien, die bei der Beurteilung über die Arbeitsrate aufschlussreicher sind, da sie näher am eigenen Tor vonstattengehen und im Allgemeinen brenzligere Situationen implizieren. Die bloße Anzahl an Balleroberungen gibt hingegen keine Auskunft darüber, wo diese gelungen sind.

Dennoch gilt es auch bei den klärenden Aktionen und geblockten Schüssen zu differenzieren. Bei Ersterem werden etwa auch Abwehraktionen nach Standardsituationen, beispielsweise ein Kopfball aus dem Strafraum, berücksichtigt. Das erkennt man unter anderem an den Werten bei Walters und Crouch, die bei Defensivstandards in aller Regel nahe am Geschehen sind. Dafür muss man nicht zwingend über den gesamten Platz sprinten.

Eine weitere beliebte Argumentationsweise ist es, die Laufdistanzen der Spieler heranzuziehen. Je mehr ein Spieler laufe, umso größer sei dessen Arbeitsrate. Auch bei dieser Herangehensweise gibt es Probleme. Jemand der sich taktisch besser bewegt und dem Gegner nicht hinterherlaufen muss, legt eine kürzere Distanz zurück. Man sieht, es gibt offenbar keinen eindeutigen statistischen Indikator dafür, wie groß der Einsatz eines Spielers für das Team ist. Man ist mehr oder weniger an subjektive Eindrücke und taktische Beobachtungen gebunden.

Inkonsequent im Verfolgen des Gegnerspielers

Diese Beobachtungen wollen wir nun einbringen und das Defensivverhalten von Arnautovic (am oberen Bildrand) anhand von zwei charakteristischen Beispielen demonstrieren. Wir beginnen mit einer Szene aus dem Auswärtsspiel gegen Manchester United. Die Gastgeber erobern am eigenen Sechszehner den Ball und erzielen anschließend ein Tor.

Am interessantesten ist der Zeitpunkt von Stokes Ballverlust. Arnautovic orientiert sich bei der Flanke zunächst Richtung Ball um eine Anspielstation für den Stürmer zu bieten, falls dieser die Hereingabe verarbeiten könnte. Danach geht United ins offensive und Stoke ins defensive Umschaltspiel über. Die Potters spielen zwar kein aggressives Gegenpressing, sondern orientieren sich vorsichtigerweise zurück, dennoch agieren sie im Grunde genommen recht gut und sie können den Ballführenden kurzfristig sogar vom Ball trennen.

Das Spiel ist somit verzögert und sogar auf der Seite festgefahren. Dort kann man im Allgemeinen den Gegner einfacher unter Druck setzen als in der Mitte, da sein Handlungsradius aufgrund der Seitenlinie halbiert ist. Stoke hat weitestgehend seine defensive Ordnung hergestellt, dennoch kann United mit einem Seitenwechsel das Tempo wieder anziehen. Der Schlüssel dafür ist, dass auf der ballfernen Seite ein großes Loch klafft – genau jener Raum, den normalerweise Arnautovic abdecken müsste.

Manchesters rechter Flügelspieler rückt ein, zieht somit Stokes linken Sechser auf sich und verschafft seinem  Mitspieler im Zentrum Platz. Anschließend geht er wieder nach außen, stellt gegen den Linksverteidiger eine Überzahlsituation her und leitet mit einer Flanke das Tor ein. Man möchte zunächst meinen, dass der Linksverteidiger hier die Hauptschuld trägt, schließlich ist sein nomineller Gegenspieler eben jener rechte Flügelspieler. Allerdings bewegen sich die United-Spieler in der Szene überaus gut und fluide. Der Stürmer geht aus dem Zentrum raus und blockiert Stokes linken Außenverteidiger.

Arnautovic kommt erst spät zurück, weswegen seine Kollegen gewissermaßen improvisieren müssen. Die Situation hätte man zwar auch trotz des inkonsequenten Umschaltspiels des Österreichers besser verteidigen können, es scheint allerdings so, dass die meisten Stoke-Spieler außerhalb ihrer üblichen Zuständigkeitsbereiche kaum flexibel sind. Wäre Arnautovic umgehend zurückgelaufen – die Ausgangsposition war nahezu ident mit jener des rechten Flügelspielers von United – wäre Stoke in der gewohnten Defensivordnung gestanden und man hätte die vertrauten Abläufe abwickeln können.

Potenziell sehr guter Gegenpressingspieler

Was man in der obigen Szene bereits in Ansätzen sehen konnte, wollen wir nun in einem anderen Beispiel näher ausführen. Wie erwähnt macht sich Arnautovic bei der Flanke bereit um seinem Mitspieler offensiv zur Hilfe zu kommen. Damit hätte er den Angriff am Leben halten oder sogar selbst zum Abschluss kommen können. Nachdem sein Team den Ball verliert schaltet er vorübergehend ab und greift erst beim Wechselpass ein – zu spät.

Dieses Verhalten, dass Arnautovic erst dann aktiv wird, wenn die Situation greifbar wird – etwa in Form eines möglichen Torabschlusses oder drohender Gefahr für das eigene Tor – sieht man regelmäßig. Lässt man dies hingen außen vor bzw. befindet sich Arnautovic in Ballnähe und betrachtet man seine Fähigkeiten im Zweikampf selbst, hat er dort durchaus seine Vorzüge bzw. sogar sehr gute Qualitäten. Als Beispiel sehen wir uns eine Aktion aus dem Spiel gegen Arsenal an.

Stoke gelingt es zunächst wieder den Konter des Gegners zu verzögern, danach wirkt es allerdings so, dass sich die Spieler erst wieder ordnen müssen, ihre gewohnten Positionen einnehmen wollen anstatt gedankenschnell zu reagieren. Man sieht beispielsweise, dass Walters am Mittelkreis deutet, dass ein Mitspieler attackieren soll, anstatt selbst den Gegner unter Druck zu setzen. Hier kommt schließlich Arnautovic ins Spiel.

Mit der angesprochenen Verzögerung geht der ÖFB-Legionär schließlich mit Tempo auf den Gegner, setzt entschlossen nach und kann ihn am Ende vom Ball trennen. Dabei erkennt man gut seine Stärken im Zweikampfverhalten. Arnautovic ist körperlich robust, aber dennoch enorm spritzig und antrittsschnell. Zudem weiß er in Zweikämpfen seinen Körper intelligent einzusetzen. In 45% der Fälle trennt er den Gegnerspieler so vom Ball, dass dieser danach im Besitz seiner Mannschaft ist.

Zum Vergleich: bei Walters sind es 29%. Der bullige Glatzkopf ist also in seiner Zweikampfführung weniger effektiv. Er sorgt zwar dafür, dass sein Kontrahent den Ball verliert, geht aber eher brachial dazwischen als die Kontrolle über den Ball zu bekommen – überspitzt formuliert. Dieses Verhalten macht Arnautovic zu einem potenziell sehr guten Spieler für das Gegenpressing und ist wohl auch ein Grund dafür, dass er im ÖFB-Team in letzter Zeit öfter zum Einsatz als es seinen Kritikern lieb war.

Eine Frage der Philosophie

Entscheidend ist letztlich nämlich wie so oft die angestrebte Spielphilosophie. Das ÖFB-Team praktiziert unter Marcel Koller eine hohes Pressing. Die Wege zum Tor sind im Allgemeinen kurz, was eine Torchance greifbarer macht. Dementsprechend engagierter geht Arnautovic zu Werke. Hinzu kommen seine technischen Qualitäten, aufgrund derer er den Ball auch in engen Räumen kontrollieren kann – etwas, das für österreichische Verhältnisse nicht selbstverständlich ist.

Dass man es mit dieser Spielweise sogar zum Weltfußballer schaffen kann zeigt Cristiano Ronaldo. Der Portugiese zockt meist bei gegnerischen Angriffen, geht nicht nach hinten und hat im Umschaltspiel anschließend viel Platz. Bei seiner individuellen Klasse ist das für den Gegner entsprechend schwer zu verteidigen. Aber auch hier muss differenziert werden. Ist es die klare Vorgabe des Trainers oder eine individuelle Entscheidung des Spielers?

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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