Nach langem Warten wurde Roy Hodgson als Trainer der Three Lions für die bevorstehende Europameisterschaft bekanntgegeben. Die meisten hatten sich eine Anstellung Harry Redknapps... Das ist der neue England-Coach Roy Hodgson!

Nach langem Warten wurde Roy Hodgson als Trainer der Three Lions für die bevorstehende Europameisterschaft bekanntgegeben. Die meisten hatten sich eine Anstellung Harry Redknapps erwartet, welcher als einer der erfolgreichsten Trainer der letzten Jahre gilt. Mit Tottenham schaffte er den Einzug in die Top4 und konnte ein starkes Team aufbauen. Allerdings scheint Roy Hodgson die geeignetere Wahl für das Traineramt zu sein. Die große Frage natürlich: Wieso? Und wofür steht Roy Hodgson überhaupt?

Werdegang

1947 geboren wuchs Hodgson in Surrey auf. Sein Vater war ein Everton-Fan und beeinflusste ihn nachhaltig. Roy Hodgson spielte in höheren Amateurligen, konnte sich jedoch nie zum Profi hocharbeiten. Er beendete sein Gymnasium und wurde für kurze Zeit Lehrer, sogar in Südafrika. Seine Bestimmung lag nach wie vor auf dem Fußballplatz. In Südafrika spielte er nämlich Fußball auf halbprofessionellem Niveau (als Außenverteidiger) und trainierte eine Jugendmannschaft. Im Alter von nur 29 Jahren wurde er schließlich der Trainer Halmstad BKs in der ersten schwedischen Liga. Sechs Jahre davor hatte er unüblich für damalige Zeit seinen Trainerschein gemacht, In fünf Jahren feierte er mit Halmstad zwei Meistertitel, wobei der erste fast schon als Wunder galt.

Halmstad hatte vorher um den Nichtabstieg gekämpft, im ersten Jahr nach Hodgsons Übernahme wurden sie bereits Meister. Die Ursache fand sich beim Trainer. Er führte die Raumdeckung ein, welche Mitte der 70er noch teilweise eine Ausnahmeerscheinung war. Seine Mannschaft spielte modernen Fußball, sie nutzten bereits eine Viererkette und auch im Personalmanagement galt er als vorbildlich. Im Gegensatz zu vielen Schleifern des damaligen Zeitalters behandelte er seine Spieler nicht wie Untergebene, sondern wie Kameraden. Halmstads Spieler hielten ihn in Ehren und kämpften in jedem Spiel verbissen. Diese Laufarbeit gepaart mit moderner Taktik sollte hauptverantwortlich für ihren Erfolg sein. Vom damaligen System mit Dreier- oder Fünferkette stellte er auf das 4-4-2 um, die zwei Viererketten spielten kompakt und verengten die Räume.

Anders sah dies bei seiner Rückkehr nach England aus. 1980 wurde er Assistenztrainer bei Bristol, bald darauf übernahm er den Trainerposten. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten und zahlreichen Problemen bei der Akzeptanz seiner Taktiken (ein Schicksal, welches es in gewisser Weise für andere Trainer in Deutschland noch in den 90ern gab) wurde er bald darauf entlassen. Desweiteren war das 4-4-2 in England bereits vorherrschend, hier konnte er sich keinen Vorteil verschaffen. Vereinzeltes Pressing und Raumdeckung wurde nicht in diesem Ausmaß praktiziert, die Spieler stellten sich dagegen und auch seine zu nette Persönlichkeit spielte eine Rolle bei der Demontage. Er kehrte nach Schweden zurück.

Nach zwei Jahren bei Mittelklassevereinen wechselte er zu Malmö FF, welchen er die erfolgreichste Zeit ihrer Vereinsgeschichte schenkte. Zwei Pokalsiege durfte er sich in die Vita schreiben lassen, fünfmal beendete Malmö unter ihm sogar die Liga als Tabellenführer. Zweimal konnten sie die darauffolgenden Playoffs für sich entscheiden und wurden schwedischer Meister. Ein Blankovertrag auf Lebenszeit wurde ihm angeboten, doch Hodgson entschied sich dagegen. Einerseits wollte er noch im europäischen Ausland arbeiten, andererseits wollte er in absehbarer Zeit nach England zurückkehren. In Schweden hatte er die Möglichkeiten seiner Spieler ausgereizt, teilweise bereits Pressing etabliert und es waren auch steuerliche Gründe, die ihn zu einem Wechsel bewegten.

Ab in die Schweiz

1990 ging er zu Neuchatel Xamax, mit welchen er europäische Achtungserfolge gegen Real Madrid und Celtic Glasgow verbuchte. Zwei Jahre später gab es einen Amtstausch mit Uli Stielike, welcher Neuchatal übernahm. Hodgson wurde stattdessen Trainer der Schweizer Nationalmannschaft, das bisherige Amt Stielikes. In der Qualifikation für die WM in den USA konnte „die Nati“ gegen den späteren Weltmeister Italien vier Punkte holen und qualifizierte sich für die WM. Dort kamen sie bis ins Achtelfinale, wo Spanien wartete. Gegen den Favoriten schied der Fußballzwerg aus, dennoch ein weiterer großer Erfolg für ein kleines Land wie die Schweiz. Weitere Erfolge folgten: ein dritter Platz in der FIFA-Weltrangliste und eine gelungene Qualifikation für die EM 1996. Diese bestritten sie jedoch ohne Hodgson, welcher Trainer von Inter Mailand wurde.

Die italienischen Giganten durchlebten in der damals stärksten Liga der Welt ein Tief. Sie fanden sich im Mittelfeld wieder und Roy Hodgson sollte dies ab 1995 ändern. Im zweiten Jahr wurde er allerdings entlassen, obwohl das Team sich trotz individueller Unterlegenheit auf Platz drei wiederfand. Nach der Niederlage im UEFA-Cup-Finale musste er gehen. Er kündigte, nachdem sich die Wut der Fans durch Werfen von Bechern und Feuerzeugen materialisierte.

zahlreiche Tifosi hatten die Entlassung ohnehin viel früher gefordert, auch weil Hodgson Roberto Carlos entgegen dessen Wünschen als Außenstürmer einsetzte. Er musste als Linksaußen im Mittelfeld des 4-4-2 agieren, was ihm missfiel. Seit Carlos Abgang zu Real Madrid lag ein Schleier über Hodgson, welcher sich stärker verdichtete.

1997 heuerte er beim ehemaligen Titelträger Blackburn Rovers an. Eine starke erste Saison des Abstiegskandidaten mündete in einer teilweise sensationellen Phase zur Saisonmitte, wo man nur wenige Punkte Rückstand auf den Tabellenführer hatte. Obwohl die Rovers einbrachen, fanden sie sich auf einem Platz wieder, der sie zur europäischen Cupteilnahme berechtigte. Allerdings folgten wie bei Inter schwache Transfers und Hodgson musste in seinem zweiten Jahr gehen.

Sein Image als perfekter Trainer für kleine- und Nationalmannschaften stammt wohl aus dieser Zeit. Seine Taktiken verlangten ein diszipliniertes Positionsspiel, Pressing und das „pass and move“-Spiel, woran sich Hodgson in seiner Anfangszeit als Trainer am FC Liverpool orientierte. Aktuell ist der FC Barcelona mit einer spezialisierten Form dieses Spielstils sehr erfolgreich. Daraus entwickelte sich aber das Bild eines zu netten Trainers, der nur mit No-Names auskommt.

1999, 2000 und 2001 wäre er beinahe wieder Nationaltrainer geworden. Otto Baric wurde ihm 1999 als Trainer der österreichischen Nationalmannschaft vorgezogen, 2000 sagte er zugunsten des FC Kopenhagen dem englischen Verband ab. Im Folgejahr waren es die Deutschen, die sich seine Dienste sichern wollten.

Kurze erfolglose Intermezzi bei (abermals) Inter Mailand und Grasshoppers Zürich ebneten ihm den Weg zum FC Kopenhagen, wo er auf Anhieb Meister wurde. Danach ging er zu Udine und scheiterte – auch an sich selbst. Ihm gefiel es nicht, teilweise musst er auf Druck der Vereinsführung und der Fans mit dem 3-5-2 agieren und scheiterte damit. Die folgenden Jahre verbrachte er ohne nennenswerte Erfolge oder Veränderungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, danach bei Viking Stavanger und Finnland. Die Finnen hätte er beinahe zur EM gebracht, scheiterte denkbar knapp in der Qualifikation.

Es folgte letztlich eine fulminante Rückkehr in den englischen Fußball. Im Jahr 2007 heuerte er bei Fulham an, welche prädestiniert für seine Spielweise waren. Eine halbe Saison reichte und er schaffte den Nichtabstieg, im folgenden Jahr schafften sie mit Platz sieben die Qualifikation für Europa. Dort sorgte Hodgson für Furore. Seine tiefspielenden Cottager kamen bis ins Finale, wo Atlético Madrid nur knapp gewinnen konnte. Der schlafende Liverpool FC sicherte sich daraufhin die Dienste des „Manager of the year“.

Einige namhafte Abgänge und zahlreiche enttäuschende Zugänge sorgten für den schwächsten Start seit 82 Jahren. Kritik wurde laut, Hodgson könnte mit den bekannten Spielern nicht umgehen und es sollten sich Déjà-vu-Erlebnisse aus seiner Zeit bei Inter Mailand einstellen. Die Fans und die Medien fielen über ihm her, obwohl Vorstand und ehemalige Vereinsgrößen für mehr Zeit plädierten. Der Druck und sein Image als „netter Gentleman“ sollten sich dennoch als zu schwer herausstellen. Hodgson wurde nach 31 Spielen entlassen und ging einmal mehr zu einem kleinen Verein, West Bromwich. Dort feierte er kleine Achtungserfolge und konnte den Nichtabstieg sichern, es stellt sich jedoch nach seinem Wechsel zum englischen Verband als Nationaltrainer eine große Frage.

Findet sich England mit Hodgson ab?

Menschlich passt er sicher zur Mannschaft. Und zwar als Gegenpol. Er ist ein Gentleman, ein kühler Brite und jemand mit Sachverstand, Durchblick und trockenem Humor. Anders als seine Spieler, welche heutzutage mehr Prominente als Sportler sind. Ob Terry, der mit Tätlichkeiten und Rassismus von seinen stets schwächeren Leistungen ablenkt, oder Starstürmer Wayne Rooney, der sich gerne in zwielichtigen Rotlichtvierteln herumtreibt. Er soll der Mannschaft Disziplin einhauchen und ein System finden, welches die Stärken der Engländer verbindet und sie trotzdem modern macht. Er ist flexibel genug, um alles zu spielen – was nicht dem britischen Taktikerbe wiederspricht. Dieses basiert auf einem Vierermittelfeld und einer Viererkette dahinter, alles andere ist erlaubt. Ob ein 4-4-1-1, ein 4-1-4-1 oder 4-4-2, sämtliche Variationen und Abstufungen ließ Hodgson bereits spielen. Bei West Bromwich experimentierte er sogar mit einem 4-2-3-1 und der Raute, welche beide dennoch als Grundlage das 4-4-2 wählen.

Die Frage lautet nun, ob sich die Engländer eingestehen, dass sie wie ein Fußballzwerg agieren müssen. Bei der anstehenden Europameisterschaft dürfen sich nur die Spanier und Deutschen erlauben, eine offensive Spielweise anzustreben und sich dennoch berechtigte Hoffnung auf den Titel zu machen. Wenn die Spieler sich an der Persönlichkeit Hodgsons ein Beispiel nehmen und dessen taktische Vorgaben umsetzen, könnte es wider Erwarten eine erfolgreiche EM werden. Fraglich natürlich, ob sich das von Stars geprägte Kollektiv zur Bekenntnis durchringt, spielerisch wie taktisch den großen Konkurrenten vom Festland unterlegen zu sein.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

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