Deadline Day in England, gestern kam auch das irrste Transfer-Karussell zum Stillstand – jenes der Premier League. Was steckt dahinter, dass Klubs für einen... Der Transferwahnsinn – warum die Premier League im Geld zu ersticken droht

England - Flagge_abseits.atDeadline Day in England, gestern kam auch das irrste Transfer-Karussell zum Stillstand – jenes der Premier League. Was steckt dahinter, dass Klubs für einen Kevin De Bruyne, einen Firmino oder einen Anthony Martial das Scheckbuch derart weit öffnen? Mit irrwitzigen Ablösesummen werden zugegeben, talentierte Kicker zu Weltklasse-Spieler-Tarifen auf die Insel gelockt. Dort werden sämtliche monetäre Wünsche mit schier grenzenlosen Gehaltsversprechen befriedigt. Wurde in England neben sämtlichen Relationen zwischen Wert und Preis eines Spielers, jetzt auch das Geld endgültig abgeschafft? Warum können englische Abstiegskandidaten selbst gegen deutsche Bundesliga-Krösusse – zumindest finanziell – meist locker mitbieten? Wir haben die vier wichtigsten Gründe zusammengefasst, warum die Premier League momentan im Geld zu ersticken droht.

Ein abnormaler TV-Vertrag – 13 Millionen Euro pro Spiel

In der abgelaufenen Saison kassierten die ersten vier der Meisterschaft jeweils etwas mehr als 130 Millionen Euro pro Verein vom TV-Rechte-Kuchen. Die ersten dreizehn Mannschaften knackten allesamt die 100 Millionen Marke und selbst das Schlusslicht der Tabelle – die Queens Park Rangers – lukrierten trotz Abstiegssaison noch immer stolze 86,8 Millionen Euro. Zum Vergleich: Der FC Bayern erzielte aus der TV-Vermarktung „nur“ knappe 50 Millionen. Fanmagnet Borussia Dortmund verdiente als Nummer zwei in Deutschland nicht einmal die Hälfte von den Queens Park Rangers.

Doch dies war nur die – mittlerweile veröffentlichte – Statistik für die abgelaufene Saison 2014/15. Durch den neu abgeschlossenen TV-Deal kann man heuer im Schnitt mit etwa 70 % Mehreinnahmen rechnen. Der Meister 2015/16 wird mit kolportierten 220 Millionen Euro aus den Fernsehrechten kalkulieren dürfen. 168 Partien werden in dieser Spielzeit live ausgestrahlt, so kostet jedes Spiel im Schnitt über 13 Millionen Euro.

Knapp 16 Millionen Abonnements hat Sky, der größte Pay-TV-Sender in Großbritannien und Irland. Der große Konkurrent und zweite Big-Player ist BT (British Telekom). Die sich ebenfalls einen Teil am Live-Spiel-Kuchen gesichert haben und so gegenseitig die Preise in die Höhe schaukeln. Wer zahlt’s schlussendlich? Richtig geraten! Egal ob Sky oder BT, deren Kunden wird schon bald wieder ein Brief vom Sender ins Haus flattern, mit weiteren „Tarif-Anpassungen“ für deren Premier-League-Abos.

Doch der Großteil wird aber über die internationale Vermarktung erzielt. „The Greatest Show on Earth“ – wie sich die Premier League selbst tituliert wird in 195 Ländern live ausgestrahlt. Der Großteil läuft über das Netzwerk von Rupert Murdoch, zu dem auch Sky Deutschland gehört, der in Österreich die Topspiele live ins Wohnzimmer bringt. Der wichtigste Markt ist aber etwas weiter weg, in Fernost boomt der Inselkick. Nicht zuletzt deshalb auch die ungewöhnliche Anstoßzeit von Topspielen am Samstagmittag, können doch diese Spiele dort zu einer fernsehfreundlichen Prime-Time ausgestrahlt werden.

Die Vorreiter in der globalen Vermarktung

Keine Liga hat diesen zukunftsträchtigen Mega-Markt Asien so früh erkannt wie die Engländer. Damit man den auch weiter beackert, geigen Rooney, Hazard und Co nicht nur am TV regelmäßig auf, auch live vor Ort kann man die „Fußballgötter“ immer mal wieder bewundern. In den Sommerpausen gehen die Klubs dort regelmäßig auf Promo-Tourneen und beackern so schon seit Jahren den wertvollen Kunden egal ob in China, Thailand, Indonesien, Malaysia oder Australien. Und der kann und wird sich dann gleich mit den neuesten Fanartikel seines Vereins ausrüsten.

Aber auch auf den Boom in den Vereinigten Staaten ist man rechtzeitig aufgesprungen. Allein schon wegen der verwandten Kultur bzw. der gemeinsamen Sprache, genießt die Premier-League in den USA einen deutlichen Wettbewerbsvorteil. Dazu schickt auch die Liga regelmäßig ihre, in der Heimat altersmäßig aussortieren Legenden über den Teich, um dort den Kick noch einmal weiter anzukurbeln.

Bitte wirb für uns!

Chevrolet zahlt Manchester United jährlich 53 Millionen Pfund (etwa 72 Mio Euro), damit die van-Gaal-Schützlinge mit Fahrzeugen der Amerikaner aufs Trainingsgeländer kutschieren. Chelsea casht vom Reifenhersteller Yokohoma 40, Arsenal 30 von Fly Emirates und Liverpool 25 Millionen Pfund von Standard Chartered. Etwas komplizierter ist der Deal von Manchester City mit Etihad, da manch böser „Neider“ hier ein verstecktes Foul am Financial Fair Play vermuten würde, werden die Zahlungen über Umwege (Stadion-Förderungen, Nachwuchs-Honorare, etc) getätigt. In Summe kassieren die Premier-League-Teilnehmer insgesamt etwa doppelt so viel aus der Dressen Werbung wie die deutsche Bundesliga.

Newcastle (Wonga), Stoke (Bet365), Southampton (Veho), sowie Norwich (Aviva) setzen auf heimische Hauptsponsoren und liegen dementsprechend im unteren Teil der Erlös-Tabelle. Einzige Ausnahme ist hier der FC Liverpool, der die Standard Chartered Bank aus London bewirbt und trotzdem mächtig abkassiert. Ansonsten kommen die Sponsoren neben Großbritannien (also 5 Vereine), vorwiegend aus Asien: China (3), Vereinigte Amiratische Emirate, Thailand (je 2), Hong Kong, Japan und Philippinen (je 1). Neben zwei Geldgebern aus den USA dürfen natürlich europäischen „Wirtschaftshochburgen“ nicht fehlen: Gibraltar (2), Malta (1).

Doch neben dem Brustsponsor wird auch um das Hemd mächtig gekämpft. Ob in drei Streifen oder mit dem Nike-Hackerl, die Top-Clubs sind begehrte Objekte für die Sportartikel-Hersteller. So lässt sich Adidas das Sponsoring bei United im Jahr rund 75 Millionen Pfund kosten. Arsenal kassiert von Puma immer noch stattliche 34 pro Jahr. Der traditionsträchtige FC Liverpool ist dagegen äußerst „günstig“ zu haben: Nur 26 Millionen kostet New Balance (aus Boston, ursprünglich eher auf Baseball spezialisiert) das Ausstatten der Reds. Nike wird sich nach den Abgängen von Manchester United und Arsenal nun voll auf die Sky-Blues aus Manchester konzentrieren.

Die Moneyboys und- girls im Präsidenten-Sessel

Der russische Oligarch Roman Abramovich (Chelsea), der arabischen Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan (Manchester City) oder die unbeliebte amerikanische Glazer-Familie (Manchester United) stehen an der Spitze eine Pyramide aus finanzkräftigen Investoren aus allen Teilen der Welt. Fast jeder Verein hat seinen prominenten, zahlungskräftigen Geldgeber. Kehrseite der Medaille: Oft verkommen die Klubs und deren Fans immer mehr zu einem Spielezeug ihres Chefs.

Zwei finanzstarke britische Local Heros gibt übrigens auch im internationalen Karpfenteich: Mike Ashley (Sports Direct) bei Newcastle bzw. Joe Lewis von Tottenham – beide mit einem milliardenschweren Vermögen in der Hinterhand. Aber wer einen reinen Männer-Kreis vermutet, der irrt. Eine Frau aus der Schweiz spielt auch im Konzert der Großen mit: Katharina Liebherr (Bagger, Kühlschränke,…) ist die Mäzenin beim Sensationsteam der letzten beiden Saisonen, dem FC Southampton.

Wie soll das weitergehen?

Deutschen Vertreter sehen dem Treiben beunruhigt entgegen, in Spanien kommen sowieso nur mehr die beiden Top-Vereine halbwegs mit. Der Markt wird mit britischen Pfund regelrecht überschwemmt, die Preise für durchschnittliche Spieler steigen in schwindelerregende Höhen. Langfristig wird der Markt so kaputt gemacht bzw. entsteht hier eine klassische Blase, was nur selten gut gehen kann. Warum es den Klubs möglich ist, ihre oft gigantischen Schulden im dreistelligen Millionenbereich einfach vom Verein auszulagern, irgendwo zu parken und die Millionen-Einnahmen in überteuerte Spieler zu investieren, ist wohl ein rechtliches Versäumnis.

Andererseits profitieren klassische Ausbildungsvereine vom Größenwahn auf der Insel. Wenn plötzlich ein FC Augsburg mit 20 Millionen vom FC Chelsea für einen 21-Jährigen regelrecht zugeschüttet wird, der vor 12 Monaten um 2,5 Millionen zum Verein kam, ergibt dies für die kleineren Vereine neue Möglichkeiten. Mit sinnvollen Investitionen in langfristige Projekte wie Infrastruktur oder Nachwuchs, können diese Klubs langfristig vom aktuellen Größenwahn in England immerhin wirtschaftlich profitieren. Sportlich schießt Geld bekanntlich bislang noch keine Tore, wie es die Briten in den letzten Jahren meist eindrucksvoll im Europacup vorzeigten. Und das ist auch gut so.

Werner Sonnleitner, www.abseits.at

Werner Sonnleitner