Seit drei Jahrzehnten gilt Sir Alex Ferguson als einer der besten Trainer der Welt. Immer wieder baut er eine neue Spielergeneration und mit dieser...

Seit drei Jahrzehnten gilt Sir Alex Ferguson als einer der besten Trainer der Welt. Immer wieder baut er eine neue Spielergeneration und mit dieser eine große Mannschaft auf, im letzten Jahr hatten sie jedoch wieder einmal eines der schwächeren Jahre – wobei man das in Relation sehen muss. Das Ausscheiden in der Champions League war nicht standesgemäß, während man in der Liga durchaus starke Leistungen zeigte. Allerdings mussten die Red Devils trotz hervorragender Punktausbeute den Meistertitel ihrem Lokalrivalen überlassen. Es scheint so, als ob die Zeit für einen neuerlichen Umbruch gekommen ist. Nicht nur personell, sondern viel eher taktisch.

Abkehr vom 4-4-2 und dem Fokus auf die Flügelspieler

Ob Lee Sharpe, Ryan Giggs, David Beckham oder Cristiano Ronaldo: sie alle stehen in der Reihe von George Best, dem Begründer des Flügelspielermythos von Manchester United. Keine andere Topmannschaft hat sich in den letzten Dekaden so sehr durch ihren Starspieler als Flügelstürmer definiert, wie es die Ferguson-Elf tat. Doch mit Nani, der an guten Tagen Weltklasse verkörpert, diese jedoch nicht konstant eine gesamte Saison abrufen kann, und Valencia, welcher sich durch seine Dynamik definiert, besitzt man zwei Spieler von „lediglich“ internationalem Format. Ashley Young hatte eine hervorragende Herbstsaison, fiel dann im Frühjahr aber etwas ab. Der große Star spielt nominell im Sturmzentrum und ist womöglich auch aufgrund seiner Position etwas öfter im Fokus der Kritiker: Wayne Rooney. Er spielt oftmals sogar tiefer und sorgt dafür, dass Manchester United zwischen einem 4-4-2, 4-4-1-1 und einem 4-2-3-1 pendelt.

Letzteres gilt als die moderne Formation von Topteams und wird sich wohl in der nächsten Saison als die Standardformation Uniteds heraus kristallisieren. Interessant wird dann werden, wie der Sturm gebildet, was für eine Rolle Altstar Scholes spielen und wie Kagawa genutzt werden wird.

Totale Offensive?

Mit Ashley Young und Nani besitzt Manchester zwei Spieler, die enorme Torgefahr ausüben und stark invers spielen können. Dazu kommt, dass sie beide auch zur Grundlinie marschieren können, dies jedoch etwas facettenreicher als der etwas athletischere Valencia praktizieren. Hier wäre es eine Möglichkeit, Rooney im Sturm zu platzieren und dahinter Kagawa aufzustellen. Beide können selbst zum Abschluss kommen, die Position des jeweils anderen übernehmen oder sich bei Ausflügen der nach innen ziehenden Außenstürmer um deren Aufgaben zu kümmern. Insbesondere Nani hätte Vorteile durch eine solche Spielweise, weil er seine hervorragenden Fähigkeiten im Dribbling jederzeit einsetzen kann. Diese Flexibilität begrenzt sich nicht nur auf Kagawa und Rooney. Auch Young und Nani können sehr interessante Rochaden an den Tag legen: beispielsweise, dass Young als mitspielender Mittelstürmer operiert oder die beiden konstant ihre Seiten tauschen. Eine Art Freirolle für sämtliche vier Positionen sozusagen, was stark an Manchester Uniteds Spielweise in der Saison 2007/08 erinnert. Diese wurde oftmals als 4-2-4-0 deklariert, obwohl es wegen Ji-Sung Park respektive Ryan Giggs eher einem 4-3-3-0 entsprach. Hier wäre die Offensive kompletter und würde aus einem fluiden Viererblock bestehen, was auch daran liegt, dass es keinen dominanten Spieler wie Cristiano Ronaldo gäbe.

Sogar defensiv ergeben sich einige interessante Möglichkeiten. Es wäre möglich, im Mittelfeld im 4-4-2 zu pressen und gleichzeitig auch ein deutlich verbessertes Pressingspiel an den Tag zu legen. Da die Spieler frei agieren, können sie die Nähe zueinander suchen und das Passspiel wie auch das Gegenpressing durch die kürzeren Abstände verbessern. Mit der soliden Abwehr sowie der offensivkonservativen Doppelsechs hätten sie auch genügend Spieler zur Absicherung bei einer solchen Spielweise. Mit Danny Welbeck haben sie ebenso einen perfekten Ersatzspieler für die zwei Positionen im Sturm sowie einen interessanten weiteren Kandidaten für die Außenbahn – als ein Typ Flügel, der in Richtung Strafraumstürmer geht wie beispielsweise der Deutsche Thomas Müller, als ein klassischer Manchester-Flügel.

Die Extremform einer neuen Flexibilität

Es klingt fast vermessen, doch es wäre durchaus möglich, dass sich Ferguson gänzlich neu erfindet. Allerdings zeigte er in der letzten Saison viele interessante Ansätze. Beispielsweise ließ er im Herbst ein paar Mal im 4-1-4-1 spielen, Torhüter de Gea spielte höher als jeglicher Torhüter der Red Devils vor ihm und agierte fast mit den Innenverteidigern in einer Linie, während Wayne Rooney in ein paar Spielen als Sechser auflief. Mit der Kagawa-Verpflichtung würde dies die Türen zu einer herausragenden Taktik öffnen. Rooney zeigte in seinen Spielen auf der Sechs eine hervorragende Genauigkeit im Passspiel, er lief sehr viel und konnte offensiv wie defensiv Akzente setzen. In seiner Spielweise erinnerte er an klassische box-to-box-midfielder und konnte den Ball in seiner eigenen Art und Weise aus dem Raum vor der Abwehr ins letzte Spielfelddrittel bringen. Die Frage ist allerdings, wer sein Partner werden sollte.

Paul Scholes wäre eine Option, die wohl nur gegen schwächere beziehungsweise sehr tiefstehende Gegner klappt. Er würde sich offensiv zurückhalten und vor der Abwehr agieren, allerdings den gesamten Spielaufbau übernehmen. Eine Rolle, die ihm wie auf den Leib geschneidert wird. Gegen individuell starke Mannschaften würde dies voraussichtlich ins Auge gehen, da er zu langsam ist, um Konter effektiv zu unterbinden. Mit Carrick gäbe es einen Spieler, der diese Rolle wohl verkörpern könnte. Er ist hervorragend im Defensivspiel, insbesondere der passiven Seite – kaum Grätschen, wenig direkte Zweikämpfe, aber eine exorbitante Zahl an abgedrängten Gegenspielern und Passunterbindungen. Dennoch ist die Frage, wie er von der Dynamik gegen schnelle Konter aussehen würde. Es verwundert wenig, dass Rooney nur im Zentrum auflief, als der laufstarke Fletcher fit war.

Die letzte Alternative wäre es, mit Kagawa statt Rooney und dazu Scholes oder Carrick auf der Doppelsechs zu beginnen. Die Sturmreihe würde sich nicht verändern und United hätte eine ähnliche Spielweise wie in diesem Jahr. Jedoch hätten sie Ersatz für Scholes, der etwas dynamischer und torgefährlicher ist. Ihre Kadertiefe wäre verbessert, gleichzeitig könnten sie sogar Kagawa mit Scholes aufstellen und eine ungemein kreative Doppelsechs bilden. Es würden sich ähnliche Probleme stellen wie mit Rooney auf der zweiten Sechser-Position, allerdings ist Kagawa der taktisch intelligentere und quirligere. Insbesondere im Pressing weiß der ehemalige Dortmunder zu gefallen.

Fazit

Was genau Ferguson vorhat, ist noch nicht abzusehen. Durchaus möglich, dass er bei seinem 4-4-1-1 bleiben wird und lediglich Kagawa als hängenden Stürmer einplant, um Rooney an vorderster Front einzusetzen. Dies scheint aber kaum wahrscheinlich. Mit Hernandez und Welbeck stehen zwei sehr interessante Spieler für die Position des Mittelstürmers bereit, außerdem spielt Rooney am besten als hängender Stürmer. Lediglich eine Rolle Kagawas als falsche Neun könnte hierbei Sinn machen, erscheint allerdings sehr unwahrscheinlich. Die kommenden Neuverpflichtungen dürften darüber Aufschluss geben, welche taktischen Spielzüge sich die Fußballwelt von Allzeitgenie Ferguson erwarten darf.

René Maric, abseits.at

Rene Maric

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