Wären heuer nicht die Überflieger von Leicester City, dann wäre der West Ham United Football Club die große Sensation der Premier League. Die Hammers,... Ein weiterer Underdog: Slaven Bilic rockt mit West Ham die Premier League

_England Premier LeagueWären heuer nicht die Überflieger von Leicester City, dann wäre der West Ham United Football Club die große Sensation der Premier League. Die Hammers, die eher Richtung Abstiegs- denn Europacup-Kandidat in die Saison gestartet waren, ärgern regelmäßig die Spitzenklubs und stehen auf dem sensationellen sechsten Tabellenrang. Zufall oder doch das Ergebnis einer gelungenen Strategie am und neben des Platzes? Wir fühlen den Hammers auf den Zahn.

Der über 100 Jahre alte Upton Park hat schon einiges erlebt. Und heuer sieht es fast so aus, als ob sich die Herren in den Hammers-Trikots zu seinem Abschied noch einmal ganz besonders ins Zeug legen möchten. Die Europa-League-Qualifikation ist in Griffweite, optimistische Fans träumen sogar von einem Champions-League-Platz. Ab Sommer übersiedelt man dann ins prunke Londoner Olympia-Stadion, bis dahin soll der Klub auch sportlich auf Vordermann gebracht sein. Und unter Neo-Coach Slaven Bilic sieht es auch schon sehr gut aus. Statt grauem Tabellenmittelfeld werden die Fans der „Irons“ heuer mit einem fußballerischen Höhenflug verwöhnt.

Auf dem Weg zur besten Saison seit 1998/99

Die Hammers stehen nach 25 Spieltagen auf Platz 6 der Tabelle, nur zwei Punkte fehlen auf die Europa-League Plätze. Wären da nicht die Foxes aus Leicester, dann würden noch mehr positiven Schlagzeilen auf West Ham United entfallen. Im FA-Cup zog man diese Woche in einem 120 Minuten-Pokalfight gegen den FC Liverpool ins Achtelfinale ein, dort wartet mit den Blackburn Rovers nun ein schlagbarer Gegner. Es sieht also erfreulich aus, bevor der englische Klubfußball dann langsam aber sicher in die Zielgerade einbiegt.

Acht Ligaspiele in Folge blieben die Hammers in der hektischen Zeit rund um Weihnachten ungeschlagen und legten da den Grundstein für diese erfolgreiche Saison. Zuletzt setzte es nach einem Unentschieden bei Manchester City einen bitteren Rückschlag. Beim Tabellennachbarn aus Southampton kassierte der Klub eine 0-1 Niederlage.

In den verbleibenden 13 Partien warten harte Auswärtsspiele auf West Ham, beispielsweise gegen Leicester und Chelsea. Daheim stehen unter anderem noch der große Rivale Tottenham, Arsenal und Manchester United auf der Gästeliste. Zwar ein alles andere als einfaches Restprogramm einerseits, doch damit hat es die Bilic-Elf auch noch selber in der Hand, die Saison so erfolgreich wie seit 17 Jahren nicht mehr abzuschließen. Damals war Rang fünf für die Hammers die beste Platzierung seit Einführung der Premier League.

Ein Erfolgsbaustein am aktuellen Höhenflug ist die Breite in der Offensive. 14 verschiedene Torjäger trugen sich in den 25 Premier-League-Partien bislang in die Schützenliste ein. Auch wenn kein echter Topscorer unten ihnen ist, ist man dafür unberechenbar und personell flexibel in der Offensive. Mit sechs Treffern und vier Assists ist der französische Neuzugang aus Marseille Dimitri Payet der gefährlichste Offensivspieler. Solospitze Enner Valencia und die Mittelfeldspieler Cheikhou Kouyaté bzw. Manuel Lanzini trafen jeweils viermal. Mit Andy Carroll hat man auch noch einen baumlangen Backup, wenn die Brechstange aktiviert werden muss.

Der ehemalige Rapid-Stürmer Nikica Jelavic steht dagegen unter seinem Landsmann am Abstellgleis. Ein Wechsel noch im Februar nach China zu Beijing Renhe steht daher im Raum.

Taktische Flexibilität als Grundstein für den Höhenflug

Der im Sommer verpflichtete Coach Slaven Bilic brachte vermehrt taktische Flexibilität in die Mannschaft. Bevorzugt wird eigentlich die Absicherung vor der Viererkette mit einer Doppelsechs. Drei offensiv ausgerichtete Mittelfeldspieler sollen die aufgebotene Solospitze unterstützen. Mit Mark Noble, Cheikhou Kouyaté und Toptorjäger Dimitri Payet braucht sich die Mittelfeldzentrale nicht zu verstecken. Dazu verteidigt eine routinierte, Premier-League-erprobte Hintermannschaft rund um James Tomkins, Aaron Cresswell oder Goalie Adrián.

Doch der wahrscheinlich größte Erfolgsfaktor und die Stärke von Trainer Slaven Bilic ist, dass der 47-Jährige nicht stur am System festhält. Läuft ein Spiel nicht nach Wunsch und geht der penibel konstruierte Spielplan nicht auf, wird sofort taktisch flexibel nachjustiert. Ein offensiver ausgerichtetes 4-3-3 oder das Vorziehen eines Sechsers sind dabei die bevorzugten taktischen Variabilitäten des Kroaten an der Seitenauslinie.

Dazu wurde der Kader im Sommer durchaus klug zusammengestellt, um auch mit Optionen von der Bank die nötigen Impulse setzen zu können. Mit Dimitri Payet, Carl Jenkinson oder Manuel Lanzini bewies man in der Saisonplanung ein glückliches Händchen zu moderaten Preisen am Transfermarkt.

Slaven Bilic – der charismatische Rockstar in der Coachingzone

Der Mastermind hinter der Erfolgsgeschichte ist ein 47-Jähriger Kroate, der über die notwendige Leidenschaft und ausgeprägten Ehrgeiz verfügt. Ein akribisch arbeitender Fußballverrückter, fast schon ein Freak, der seinen Sport liebt und lebt. Taktisch perfekt eingestellt wurden so zum Beispiel die Big-Player aus Arsenal, Liverpool und Manchester City auswärts besiegt, dazu im Old Trafford remisiert und daheim Meister Chelsea geschlagen.

Seine Karriere begann vor knapp zehn Jahren. Relativ unerfahren wurde der damals 37-Jährige zum kroatischen Teamchef befördert. Dort lenkte der gebürtige Spliter und Gitarrenspieler einer Rockband sechs Jahre die Geschicke des Nationalteams, führte sie bei der Europameisterschaft 2008 durch die Österreich-Gruppe ins Viertelfinale. 2012 war dagegen schon in der Vorrunde Schluss. Nach einer Saison in Russland (Lok Moskau) und zwei Jahren in der Türkei (Besiktas) ist der charismatische Kroate seit Sommer in der Premier League gelandet und dort auch schon voll angekommen.

Wenn sich Bilic in London einmal kurz vom Fußball ausklinkt, dann liegt das meist an seiner Frau Ivana und seiner Tochter Sofi. Doch schon beim Ausführen der familieneigenen Hunde ist er dann gleich wieder ganz der Vollbluttrainer: Dort an der frischen Luft holt er sich nach eigenen Angaben Inspirationen für neue Matchpläne und Aufstellungsvarianten.

Die nächste Gelegenheit, an einer Erfolgssaison weiter zu basteln bietet sich schon am Samstag. Da werden die Hammers beim Aufsteiger aus Norwich zu Gast sein und könnten mit einem Sieg die Red Devils von Manchester United weiter unter Druck setzen. Doch platzierungstechnisch kann der Höhenflug auch schnell wieder wie die Bubbles in der Vereinshymne zerplatzen: Punktetechnisch liegt eine ganze Verfolgerschar den Hammers auf den Fersen. Spannende Finalwochen sind dem altehrwürdigen Upton-Park auf jeden Fall gewiss.

Werner Sonnleitner, abseits.at

Werner Sonnleitner