Bereits unter Roberto Martínez waren die blauen Liverpooler eine der Mannschaften in der Premier League, die ansehnlichen Ballbesitzfußball spielten. Der Spanier war jedoch zunehmend... Evertons Ballbesitzspiel unter Ronald Koeman

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Bereits unter Roberto Martínez waren die blauen Liverpooler eine der Mannschaften in der Premier League, die ansehnlichen Ballbesitzfußball spielten. Der Spanier war jedoch zunehmend erfolglos, weshalb er jetzt durch den Cruyff- Schüler Ronald Koeman ersetzt wurde. Wir haben für euch das Ballbesitzspiel unter dem Niederländer genauer analysiert.

Grundordnung

Nach Spielen im 3-4-2-1 hat Ronald Koeman seine Mannschaft gegen Sunderland im 4-2-3-1 aufgestellt, wie man es schon oft unter Roberto Martínez gespielt hatte. Die Rollenverteilung war durch die Bank recht klar und orthodox, mit einer Doppelsechs bestehend aus Barry und Gana, die sich beide meist auf einer Höhe oder nur leicht versetzt zueinander befanden, wenngleich der englische Routinier eher tiefer stand.

Als Innenverteidiger trat man mit zwei vor allem in der Defensive starken Spielern an. Der von Swansea gekommene Waliser Ashley Williams und Phil Jagielka. Als sicherer Rückhalt sollte Maarten Stekelenburg dienen, der ehemalige Ajax- und Roma-Mann.

Auf den Außenverteidigerpositionen spielten der immer wieder leicht einrückende Leighton Baines und auf rechts der geradlinige Ire Seamus Coleman.

Im offensiven Mittelfeld spielten zunächst Bolasie auf rechts, Barkley in der Mitte und Mirallas im linken Halbraum, während Sturmtank Romelu Lukaku die ausweichende Sturmspitze gab.

Erste Aufbauphase

Beide Innenverteidiger fächern auf, tun dies jedoch wahrscheinlich aufgrund gewollter Konterabsicherung nicht allzu breit und halten meist einen Abstand von ungefähr 15-20 Metern zueinander. Torwart Stekelenburg befindet sich meist nur leicht außerhalb des Strafraums und wird nur als Ausweichmöglichkeit verwendet. Durch das tiefere Pressing Sunderlands war die Einbindung des Holländers jedoch selten vonnöten.

Vor den beiden Innenverteidigern agieren, wie oben bereits erwähnt, Gareth Barry und Idrissa Gana Gueye. Barry ist einer der dienstältesten aktiven Premier League Spieler und hat natürlich eine Menge Erfahrung, ist jedoch nicht der antrittsschnellste und athletischste. Dies äußert sich auch in seinem Spielstil, er ist mehr „pivote“, Dreh- und Angelpunkt von vielen der Teams, denen er seine Dienste bereits zu Verfügung gestellt hatte. Er agiert meist etwas tiefer als Gana und holt sich die Bälle von den Innenverteidigern ab, um sie meist auf die Flügel zu verteilen. Das Sunderland Pressing ließ nämlich nur wenige Vertikalpässe aus der zentralen Position zu.

Die Mannorientierungen Sunderlands nutzte vor allem Barry immer wieder durch weiträumiges Freilaufen aus, um für seine Mitspieler Räume zu öffnen. Er tat dies selten dynamisch, das Ziel schien wirklich nur die Raumöffnung zu sein. Wohin er sich frei lief hing meist von der Situation ab, in mehreren Szenen ging er jedoch wie Gana auf den Flügel, um eine Passmöglichkeit durch die Mitte auf Ross Barkley zu ermöglichen.

Um den Aufbau einfacher und effektiver zu gestalten rückten die beiden Flügelstürmer Mirallas und Bolasie oft in den Halbraum ein, wenngleich letzterer in höheren Zonen wieder in die Breite ging. Die Breite wird ja von den Außenverteidigern besetzt, was den Gegner bereits genug auseinander ziehen sollte, um so Räume in der Mitte zu finden. Gibt der Gegner diese Räume nicht preis, kann man über die Seite aufbauen.

Die spielstärkere und fokussierte linke Seite liefert hier immer wieder gute Beispiele, als Mirallas manchmal Diagonalpässe von Baines in den Halbraum, aber auch manchmal einfach gerade Pässe der Linie entlang bekam. Auf rechts konnte der Aufbau vor allem aufgrund von der Simplizität von Bolasie nicht so komplex ausgeführt werden und gestaltete sich meist weniger kreativ. Deswegen bauten die Toffees bevorzugt über links auf. Und für den Fall der Fälle konnte man immer noch einen hohen Ball auf Lukaku spielen und versuchen den zweiten Ball zu gewinnen. Dies kam in diesem Spiel jedoch sehr selten vor, Sunderland presste zurückhaltend und selbst unter Druck versuchte Everton meist die Situation flach auszuspielen.

Vom Mittelfeld ins Angriffsdrittel

Einer der immer wieder fokussierten Spielzüge um Durchbrüche zu erzielen waren diagonale Läufe von Yannick Bolasie von rechts, wenn der Ball auf der linken Seite war. Diese Läufe machte er oft weit in die linke Hälfte hinein und versuchte sich so im Rücken seiner Gegenspieler zu lösen. Durch seine hohe Schnelligkeit kann er hier die Reaktionsschnelligkeit der Gegner auf die Prüfung stellen und eventuelle Zuordnungsprobleme hervorrufen. Selbst wenn Bolasie bei diesem Spielzug dann nicht den Ball bekommt, so zieht er in der mannorientierten Defensive von Sunderland Gegner aus der Position, kreiert so Staffelungsänderungen und öffnet Passwege für seine Mitspieler.

Als weiteres Mittel für Durchbrüche waren natürlich Pässe in den Zwischenlinienraum von Sunderland. Die Gastgeber verteidigten jedoch lange Zeit recht kompakt und rückten immer wieder klug auf den Ballführenden heraus, sodass das Bespielen jenes Raumes eine größere Herausforderung für Everton war.

Zudem boten sich Mirallas und Barkley zu selten im Zwischenlinienraum und den Lücken des davor verschiebenden Mittelfeldes an. Auch ist hierbei nicht unbedingt der beste, bietet sich oft mit schlechtem Timing oder gar nicht an und ist für Vertikalpässe und Ablagen zu selten verfügbar.

Konnte man jedoch hier mal einen Durchbruch erzielen, sollte vor allem Barkley durch Dribblings Gegner binden und zu Aktionen zwingen. Schnelle Doppelpässe mit Lukaku oder Abschlüsse boten sich hier als meist angewandte Folgeaktion nach dem Durchbruch für Barkley an.

Die Angriffe wurden selten überhastet ausgeführt, sofern sie von der linken Seite aus kamen. Mirallas und Barkley, sowie auch Baines, sind bedachte Spieler mit Übersicht, die auch mal einen Angriff abbrechen und wieder neu starten, wenn sie die Erfolgswahrscheinlichkeit anzweifeln.

Auch Verlagerungen kommen im letzten Drittel immer wieder vor, hierbei hat Everton jedoch ein Problem: Oft sind die Staffelungen im letzten Drittel zu flach, was Verlagerungen schwer zu spielen und noch schwieriger abzusichern macht. Vor allem ist dann manchmal nur eine Verlagerung möglich, weil es nicht genug Optionen gibt.

Durch die zu hohe Position von Gana gibt es nur die leicht vorhersehbare, und somit leicht abfangbare, Option der Verlagerung auf Bolasie.

Apropos überhastet: Auf rechts hat man mit Yannick Bolasie einen der Spieler in England, um den es den größten Hype gibt und das heißt selten Gutes. Der kongolesische Flügelstürmer ist sehr schnell und wendig, körperlich wie auch technisch stark und unheimlich ausdauernd. Aber auch sehr stumpf in seiner Entscheidungsfindung. Zu oft entscheidet er sich für den Durchbruch über die Seite, will sich den Ball am Gegner vorbei legen und kann dann meist nur aus ungünstiger Position flanken. Seine Dribblings führen allzu oft ins nichts und sein Umblickverhalten ist schwach bis nicht vorhanden, was ihn vor allem im den Halbräumen immer wieder in Situationen bringt, in denen er Ballverluste generiert. Nicht immer direkt bei ihm, auch manchmal durch seine Folgeaktion, der der Weitblick fehlte.

Flanken, wenngleich generell nicht unbedingt effektiv, sind bei Everton jedoch ein berechtigtes Mittel um Torchancen zu erspielen. Wie bereits erwähnt kommen genug dieser Hereingaben von rechts, auf links hat man mit Baines einen ebenfalls sehr gezielten Flankengeber, der auch mit gutem Timing und Entscheidungen für Flankenpositionen besticht.

Dass Flügelangriffe mit folgenden Hereingaben bei Everton effektiv sind hat vor allem einen Grund: Romelu Lukaku. Der 23-Jährige hat im Strafraum seine Heimat gefunden, bindet kluge Bewegungen darin und seine starke Physis sehr gut ein und konnte so auch an diesem Tag drei Tore für seinen Verein erzielen. Die ersten zwei Tore machte er per Kopf nach Flanken von Bolasie, das dritte nach einem unglaublichen Steilpass von Mirallas, der die Defensive von Moyes‘ Mannschaft durchschnitt.

Fazit

Everton ist eine Mannschaft, die den Ballbesitz als taktisches Mittel für die Chancenvorbereitung nutzen möchte. Zu oft fehlen jedoch noch die richtigen Ideen und Mechanismen, um etwas anderes als Hereingaben auf Lukaku zu verwenden um Tore zu erzielen. Der Aufbau gestaltet sich jedoch sehr sauber, Koeman stellt hier implizit seine Barcelona-Vergangenheit unter Beweis.

Das kreative Potential ist mit Mirallas und Barkley zudem groß und im letzten Drittel kann hier sicher noch mehr herausgeholt werden. Gerard Deulofeu ist eine 22-jährige Alternative zu Yannick Bolasie und könnte sicher noch mehr Fluidität und Kreativität in das Spiel bringen, sofern Coleman dann auch mehr offensive Aufgaben übernimmt.

David Goigitzer, abseits.at

David Goigitzer