Langezeit galt die Hintermannschaft des FC Liverpool als das große Sorgenkind des Klubs. Mittlerweile ist aber die Abwehr der „Reds“ zum Aushängeschild mutiert. Von... Fortress Anfield – Liverpools neu entdeckte Abwehrleidenschaft

Langezeit galt die Hintermannschaft des FC Liverpool als das große Sorgenkind des Klubs. Mittlerweile ist aber die Abwehr der „Reds“ zum Aushängeschild mutiert. Von wegen nur Tore schießen, Heavy-Metal-Ho-Ruck-Tempofußball und das Verlassen auf die Offensivpower. Bis vor wenigen Tagen hielt die Hintermannschaft den Bestwert für die wenigsten Gegentore aller Vereine in den europäischen Topligen. Zuletzt gab es aber an der Anfield Road gegen Nachzügler Crystal Palace gleich drei Gegentore. Ein einmaliger Ausrutscher der nur die Regel bestätigt oder ist doch nicht mehr alles so souverän? Wir fühlen heute den Liverpooler Verteidigungskünsten auf den Zahn.

Die Entwicklung der Defensive

Der FC Liverpool und das Vermeiden von Gegentoren – eine Langezeit schier unpassende Kombination! Doch heuer scheint alles anders? Nur eine verklärte Vermutung der eigenen Fans oder doch Gewissheit? Wir haben uns die Entwicklung der Verlusttreffer (gesamt bzw. zum jetzigen Zeitpunkt der Saison) und den Schnitt pro Spiel seit Einführung der Premier League angesehen:

Auffallend, man verteidigte vor allem in der Benítez-Ära gut und blieb da viermal in Folge unter der dreißig Gegentore-Marke. Nach 23 Spieltagen (heller Balken) stand man da aber immer über den 13 kassierten der heurigen Saison.  Die durchschnittlichen Gegentore pro Spiel blieben in den letzten zehn Saisonen nur einmal unter einem Treffer, in der Saison 2011/12 bei 0,91. Heuer hält man bei starken 0,57, einen Wert den man selbst unter Rafael Benítez nie erreichte. Heißt in aller Kürze: Der Faktencheck bestätigt den Eindruck, man ist punkto Abwehrleistung tatsächlich in neue Sphären vorgestoßen.

Musterschüler im internationalen Vergleich – vor allem dank 2018

An einem neuen Allzeit-Defensivrekord schrammte Jürgen Klopp zuletzt nur haarscharf vorbei. Zwischen Februar und Oktober 2018 blieb man im heimischen Stadion in der Meisterschaft saisonübergreifend 918 Minuten ohne Gegentor. Von den in der aktuellen Spielzeit kassierten 13 Gegentoren, entfielen fast ein Viertel ausgerechnet auf das letzte Spiel gegen Tabellennachzügler Crystal Palace. Nachdem man in den 20 Meisterschaftsrunden im alten Jahr 2018 nur acht Gegentreffer kassierte, fing man sich im Jänner gleich fünf Stück in drei Meisterschaftspartien und zwei weitere im FA-Cup ein. Ein gefährlicher Trend für die Liverpooler Titelträume, der auch im Kurztrainingslager zuletzt aufgearbeitet wurde.

Trotzdem, im europäischen Vergleich steht aktuell nur die Abwehr von Paris Saint Germain minimal besser da. Wir haben die Abwehrbollwerke (mit einem Gegentoreschnitt von unter 0,9) aus den fünf europäischen Topligen plus Österreich gesammelt:

  SpieleGegentoreSchnitt
Paris Saint Germain *Frankreich20110,550
FC Liverpool *England23130,565
Juventus Turin *Italien21120,571
Atletico Madrid *Spanien21130,619
Inter MailandItalien21150,714
MontpellierFrankreich21160,762
Manchester CityEngland24190,792
Chelsea LondonEngland23190,826
NapoliItalien21180,857
GetafeSpanien21180,857
Valencia CFSpanien21180,857
OGC NizzaFrankreich22190,864
FC Red Bull Salzburg *Österreich18160,889
*) Topwert in der jeweiligen Liga
Deutschland: Borussia Mönchengladbach & RB Leipzig mit 19 Spielen / 18 Tore / 0,947

Der Rückhalt zwischen den Pfosten: Alisson Becker

Ein wesentlicher Erfolgsbaustein der neugewonnenen Defensivstärke ist zweifelsohne Alisson Becker. Für den brasilianischen Teamkeeper wurde im Sommer eine zum damaligen Zeitpunkt Rekordablösesumme für einen Torwart nach Rom zum AS überwiesen. Die 75-Millionen-Euro-Investition sollte sich bislang rentierten, nicht zuletzt dank des Lastminute-Saves gegen Napolis Arkadiusz Milik. Eine Parade die schließlich den Champions-League Achtelfinal-Aufstieg sicherte und so einige Millionen an Mehreinnahmen wieder in die Kassen zurückspülte.

Doch auch die nackten Zahlen sprechen eine klare Sprache pro Alisson. Auf whoscored.com hält er mit einem durchschnittlichen Rating von 6,84 den Bestwert aller Tormänner. Dazu weist er dort die höchste „Save Success Rate“ – eine Statistik für gehaltene Bälle – auf. Mit 13 Clean-Sheets hält er die meisten „Zu-Null“ der Liga. Dazu strahlt der 26-Jährige eine deutlich verbesserte Präsenz aus und die sichere Spieleröffnung lässt die „Reds“ im Aufbau flexibler werden. Die Verspieltheiten des Brasilianers zum Saisonstart gipfelten gegen Leicester mit einem Gegentor, seitdem ließ sich Alisson nicht mehr auf ein Tänzchen mit dem gegnerischen Angreifer ein.

Der Abwehrchef: Virgil van Dijk

Der entscheidende Erfolgsgarant der letzten zwölf Monate und somit wohl kaum ersetzbar ist der neue Abwehrchef: Virgil van Dijk. Für den ehemaligen Southampton-Kapitän wurde im vorigen Jänner tief in die Tasche gegriffen. Mit kolportierten 84 Millionen Euro stellt man die Rekordablösesumme für einen Verteidiger. Doch nicht nur die Wucht beeindruckt, mit der der 1,93-Meter große Hüne als Abwehrchef seine Hintermannschaft stabilisiert. Sämtliche Statistiken bescheinigen dem „Oranje-Kapitän“ Topwerte.

So wurde van Dijk im Dezember zum „Premier League Player of the Month“ gewählt, womit erstmal seit sechs Jahren wieder ein Verteidiger ausgezeichnet wurde. In den bewerbsübergreifend ersten 50 Spielen mit dem Niederländer gewann Liverpool 33 – nur Craig Johnston (37), Peter Beardsley (35), Ronnie Whelan (34) und Ian Rush (34) gewannen in der langen Vereinshistorie zu diesem frühen Zeitpunkt öfters mit den „Reds“. Mit 24 „Clean Sheets“ hält der Niederländer aber in dieser Kategorie den alleinigen Rekord an der Merseyside. Dazu wurde er in dieser Saison weder in der Premier- noch in der Champions League im Eins gegen Eins überdribbelt.

Henry Jackson von „This is Anfield“ beschreibt das defensive Multitalent passend: „He is the complete defender: he can out-jump anyone, outpace someone as freakishly quick as Wolves’ Adama Traore, look as slick in possession as Alan Hansen and provide the leadership of Hyypia.“

So gesehen wird das Champions-League-Achtelfinalhinspiel gegen den FC Bayern interessant. Da sitzt Van Dijk nämlich eine Gelbsperre ab und die „Reds“ müssen in diesem Spitzenspiel die Innenverteidigung neu besetzen.

Die Viererkette und die Sechser

An der Seite des niederländischen Teamkapitäns steigern sich auch dessen Nebenleute. Allen voran Joe Gomez, der als zweiter Innenverteidiger in die Saison ging und mit van Dijk ein souveränes Abwehrduett bildete. Nach dessen Verletzung Anfang Dezember ersetzten Dejan Lovren, Joel Matip und nach deren Ausfällen Fabinho den englischen Teamspieler im Abwehrzentrum. An die Sicherheit des Duos zum Saisonstart kam aber keine Kombi mehr heran.

Die Außen bilden der heute schon ausführlich portraitierte Andrew Robertson und eine aktuell vakante rechte Seite. Dort wäre Trent Alexander-Arnold vorgesehen, der aber verletzt ausfällt. Weshalb zumindest heute Abend, nach der Sperre von James Milner und dem Leihgeschäft von Nathaniel Clyne, eine Lücke auf der Rechtsverteidiger-Position klafft.

Eine weitere Absicherung kommt vom personell eher defensiv ausgerichteten zentralen Mittelfeld. Sowohl bei Jordan Henderson, James Milner, Georginio Wijnaldum oder Fabinho stehen die defensiven Qualitäten vor einem Offensivfeuerwerk. Damit steht vor der Viererkette immer mindestens ein Staubsauger, der das Zulaufen auf die Viererkette schon verhindert oder zumindest entscheidend stört.

Was auf die Hintermannschaft noch zukommt

Gut für Jürgen Klopp und seine Männer: Duelle gegen den ersten Verfolger Manchester City samt deren besten Offensive der Liga stehen in der Meisterschaft nicht mehr an. Dort trifft man heute auf Leicester, die in der Hinrunde von einer Alisson-Spielerei profitierten und so zu diesem Zeitpunkt erstmals die Liverpool-Defensive knackten. Nachdem Rafa Benítez trotz der gestärkten Defensive zwar die Champions- nicht aber die Premier League mit den „Reds“ gewinnen konnte, lieferte ausgerechnet der an der Merseyside noch immer sehr beliebte Spanier gestern seinem Ex-Klub eine Steilvorlage im Titelkampf.

Weiter geht es am Montag-Abend bei West Ham und dann kommt noch Bournemouth nach Anfield, ehe das Hinspiel gegen die Bayern am Programm steht. Vor dem Rückspiel trifft man unter anderem auf die historisch bedingt größten Rivalen aus Everton und Manchester United, eine Phase die den weiteren Saisonverlauf maßgeblich beeinflussen wird.

Werner, Sonnleitner, abseits.at

Werner Sonnleitner

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