Im Finale des FA-Cups trafen zwei Mannschaften aufeinander, die große Probleme in dieser Saison hatten. Unter Villas-Boas hatte Chelsea große Probleme gehabt und war...

Im Finale des FA-Cups trafen zwei Mannschaften aufeinander, die große Probleme in dieser Saison hatten. Unter Villas-Boas hatte Chelsea große Probleme gehabt und war nie ein Titelanwärter gewesen. Bislang konnte sich Di Matteo mit einer überraschenden Qualifikation für das CL-Finale profilieren, ein Sieg im prestigeträchtigen FA-Cup wäre ein weiteres Bewerbungsschreiben für die Weiterbeschäftigung als Chelsea-Trainer über den Sommer hinaus. Sein Trainerkollege aus Liverpool, Kenny Dalglish, steht deutlich stärker in der Kritik. Probleme mit den Medien und mangelnde Erfolge in der Liga sorgten für eine bislang schwache Saison. Trotz zahlreicher teurer Neuverpflichtungen konnte sich einzig Suarez nachhaltig in die Herzen der Fans spielen. Doch selbst seine Tore brachten nur einen Pokal ein, den nicht besonders prestigeträchtigen Carling-Cup.

Umso wichtiger war diese Partie. Sie wäre ein versöhnlicher Saisonabschluss für Liverpool geworden und sie wurde eine gelungene Generalprobe für den Chelsea FC. Die Londoner dominierten das Spiel, ohne wirklich übermächtig zu wirken. Im Stile einer Topmannschaft erzielten sie zwei Tore und kontrollierten die Partie souverän. Der CL-Finalist powerte sich nicht aus und stand defensiv grundsolide – bis zur Einwechslung von Andy Carroll. Der umstrittene Mittelstürmer sorgte mit seiner Größe und seinem Einsatzwillen für viel Gefahr. Er ging in jeden Zweikampf und aus taktischer Sicht vereinfachte er das gesamte Spiel Liverpools. Mit einfachen langen Bällen übersprangen sie das Mittelfeld und kamen schnell vor das gegnerische Tor. Dadurch vermehrten sie ihre Torchancen und Carroll traf sogar überraschend nach einer guten Aktion gegen Chelsea-Kapitän John Terry. In der Schlussphase erzielte er sogar einen beinahe-Treffer per Kopf, eine hervorragende Parade Petr Cechs verhinderte den Treffer. Mit einem knappen Sieg – und trotz der schwächeren zweiten Halbzeit wohl verdient -entschied Chelsea dank ihrem Torhüter dieses Spiel für sich.

Chelseas Aufstellung

Die Londoner spielten mit einer Mischung aus 4-4-1-1 und 4-2-3-1. Juan Mata spielte hinter Drogba und suchte Lücken. Er war im Umschaltspiel der wichtigste Spieler, da er offensiv die meisten Freiheiten genoss. Das Ziel war es, mit einer Doppelsechs und zwei Viererketten kompakt zu agieren, wobei Mata sich frei bewegen sollte. Dies sollte Lampard und Mikel einfache Pässe nach vorne ermöglichen, die Mata auf die Außen für schnelle Vorstöße weiterleiten sollte. Mit Bosingwa und Ashley Cole besaß die Di Matteo-Elf zwei Außenverteidiger, die Kalou und Ramires unterstützen konnten. Je nach Ausarbeitung des Angriffes würden diese zwei den Abschluss selbst suchen oder Drogba mithilfe der Außenverteidiger einzusetzen versuchen. Mata lauerte hingegen zumeist nach Einleitung der Angriffe in den Lücken der Abwehr oder im Rücken derselben bei Hereingaben von den Flanken. Praktischer Effekt: ein Tor erzielte Ramires, das zweite kam dann von Drogba.

Im Mittelfeld hatte die Viererkette sowohl defensive als auch offensive Vorgaben. Während sich die Außenspieler Ramires und Kalou (ein gelernter Stürmer) bei gegnerischem Ballbesitz tief zurückzogen, mussten sie im Offensivspiel schnell nach vorne kommen und ihr Fokus lag auf einer effektiven Nutzung von sehr viel Laufarbeit. Die zentralen Spieler in dieser Mittelfeldkette organisierten das Aufbauspiel und sicherten zumeist ab, wenn das schnelle Konterspiel ihrer Mannschaft stattfand. Allerdings bewegte sich Lampard instinktiv in die zweite Reihe, einerseits als Anspielstation, andererseits natürlich für seine gefürchteten Torabschlüsse aus der Distanz oder mit Dynamik aus der Tiefe kommend.

Die Viererkette dahinter hatte sehr ähnliche Aufgaben. Die Innenverteidiger spielten relativ konservativ und deckten das Zentrum ab. Die Außenverteidiger preschten nach vorne und sorgten für Breite im Spiel. Aufgrund des schnellen Umschaltens und der defensivorientierten kollektiven Spielanlage gingen sie jedoch seltener mit nach vorne, als es vor dem Spiel erwartet wurde.

Fokus

Der Zielspieler Chelseas war neben Drogba und Mata natürlich Ramires. Er zeigte sich in den letzten Wochen in bestechender Form. Desweiteren gilt er als Allrounder sondergleichen. Seine Athletik in Verbund mit einer hohen Spielintelligenz und guten Technik machen ihn zu einem polyvalenten Spieler par excellence. Ob im defensiven oder offensiven Mittelfeldzentrum sowie sämtlichen Außenpositionen beherrscht er eine Vielzahl unterschiedlicher Positionen. Dies wollte Di Matteo nutzen. Ramires auf dem rechten Flügel bedeutete effektive Vorstöße, defensive Absicherung und zur Not konnte er wie in einer Dreifachsechs die Schnittstelle zwischen einem aufrückenden Bosingwa und der Innenverteidigung absichern.

Mata bewegte sich zumeist von links nach rechts, um Henderson zu entfliehen. Er hatte dann bereits einen Geschwindigkeitsvorteil und der Raum für Ramires zum Vorstoßen war geöffnet. Ein schneller Pass eröffnete die Möglichkeit für schnelle Kombinationen auf anspruchsvollem Niveau – etwas, womit Kalou auf der gegenüberliegenden Seite  sicherlich gewisse Probleme hätte. Ein weiterer Pluspunkt für diese Variante war Drogbas Positionierung im Sturm, der teilweise nach rechts in eine Halbposition driftete und ein sehr großes Dreieck bildete. Die drei individuell stärksten Spieler Chelseas befanden sich somit im Angriff idealerweise in einem Dreieck, was zwei Anspielstationen bedeutete. Kalou auf der anderen Seite machte das Spiel breit und war verantwortlich dafür, dass die Abwehrreihe Liverpools nie so eng agieren konnte, wie jene von Chelsea.

Liverpools Fehler

Es war eine Mischung aus taktischen Fehlern und mangelnder individueller Qualität, welche diese Niederlage so berechtigt erscheinen lässt. In den ersten 45 Minuten schienen die Reds absolut chancenlos. Über rechts entfachten sie wenig Gefahr, da Bellamy ins Zentrum ging und Johnson sich in seinen Vorstößen ineffektiv zeigte. Links hatten sie mit Downing und José Enrique zwei Spieler, welche als Linksfüße notorisch auf die Außenbahn gingen und zur Grundlinie stießen. Kein Problem für die großgewachsene Chelsea-Abwehr gegen den Uruguayer Suarez. Dieser hatte nie eine Chance, sich durchzusetzen und das gesamte Liverpooler Angriffskonstrukt fiel in sich zusammen.

Generell war Downings Verpflichtung ein großer Fehler. Er besitzt nicht die Fähigkeit, um ins Zentrum zu ziehen und Gefahr zu entfachen. Defensiv ist seine Unterstützung für Enrique maximal solide und er positioniert sich dermaßen breit, dass er dem Aufbauspiel nie helfen kann. Weite Bälle kann er mangels körperlicher Überlegenheit nicht behaupten und er ist somit einer der Schwachpunkte im Spiel Liverpools.

Bellamy auf der anderen Seite ist ein starker Spieler, welcher hervorragende Fähigkeiten mit sich bringt und teilweise ausgezeichnete Spiele in dieser Saison zeigt. Aber das Problem ist, dass er durch seine inverse Rolle das Zentrum verdichtet, wo er keine Räume vorfand. Henderson und Spearing sind im Gegensatz zu Steven Gerrard zu geduldig im Passspiel und nicht durchsetzungsfähig genug, um durch Einzelaktionen Räume zu schaffen. Deswegen (und besonders nach dem Führungstor) konnte Chelsea sehr tief und kompakt spielen. Die Räume zwischen den Linien sowie die Schnittstellen zwischen Außen- und Innenverteidiger konnten einfach verengt werden. Sowohl Bellamy als auch Suarez konnten deshalb ihre Stärken nicht ausspielen und Gerrard fand sich ohne sichere vertikale Anspielstationen vor.

… und die Korrektur

Eine Umstellung des 4-5-1 auf ein 4-4-1-1 sorgte für mehr Räume. Carroll zog das Spiel in die Tiefe und die Abwehr sowie das Mittelfeld schoben nach. Bellamy hatte mit Suarez in der Nähe einen Partner, wobei Suarez generell von Carroll profitierte wie auch eine negative Komponente erleiden musste. Suarez hatte zwar mehr Räume, wurde aber sehr selten gesucht, da die meisten Bälle auf den vorbildlich kämpfenden Carroll gespielt wurden. Diese langen Bälle behauptete er, ließ sie prallen, legte sie ab und suchte dann die Lücken. Bei seinem Tor nahm er eine Hereingabe hervorragend ab und sorgte mit einem tollen Dribbling auf engem Raum für genug Raum, um den Ball an Terry und Cech vorbei zu schießen.

Diese 35 Minuten waren wohl die besten und interessantesten der Partie. Chelsea spielte weiterhin auf Konter, wurde aber zu diesen verstärkt provoziert. Liverpool attackierte mehr und besser, was beinahe zu einem Unentschieden gereicht hätte.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

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