Als der FC Everton 1985 das Double aus englischer Meisterschaft und dem Europapokal der Pokalsieger gewann, gehörten mit Torhüter Neville Southall, Pat van den... Vergessene Legenden (9) – T.G. Jones

Als der FC Everton 1985 das Double aus englischer Meisterschaft und dem Europapokal der Pokalsieger gewann, gehörten mit Torhüter Neville Southall, Pat van den Hauwe und dem Kapitän Kevin Ratcliffe gleich drei Waliser zur Stammformation des Vereins. Die drei waren jedoch nicht die ersten Waliser, die mit den „Toffees“ große Erfolge feiern sollten: als der Club 1939 seine vierte Meisterschaft gewann, nahm ein walisischer Mittelläufer eine herausragende Position innerhalb der Mannschaft ein. Der neunte Teil der Serie „Vergessene Legenden“ beschäftigt sich daher mit:

T.G. Jones

Thomas George Jones kam am 12. Oktober 1917 in der walisischen Kleinstadt Quensferry zur Welt. Jones, der Zeit seines Lebens den Rufnamen „T.G.“ hatte, begann seine Karriere bei Wrexham F.C.. Für den Verein absolvierte er jedoch nur sechs Profi-Einsätze, ehe 1936 der FC Everton den damals achtzehnjährigen Jones für die Summe von 3000 Pfund verpflichtete.

Nachdem er in seiner ersten Saison nur einmal zum Einsatz gekommen war, absolvierte Jones ab 1937 immer mehr Spiele und konnte schließlich seinen Konkurrenten Charlie Gee, der immerhin dreimal für England gespielt hatte, verdrängen. Nachdem Everton 1938 nur den vierzehnten Platz der First Division belegt hatte, konnte der Verein 1939 erstmals seit sieben Jahren wieder Meister werden.

Als Schlüsselspieler der Meistermannschaft galten neben Jones, der 39 von 42 möglichen Spielen absolviert hatte, vor allem Ted Sagar, Joe Mercer, Alex Stevenson und Tommy Lawton: während Sagar als Torhüter und Mercer als linker Außenläufer für das Verhindern von Toren zuständig waren, sorgten Stevenson als Vorbereiter und Lawton als eiskalter Vollstrecker (in 38 Spielen traf er 34 mal) für zahlreiche Tore. Die Hoffnungen vieler Everton-Fans, mit dieser Mannschaft eine neue Dominanz im englischen Fußball zu erleben, erloschen jedoch mit Ausbruch des 2. Weltkrieges am 1. September 1939: die Meisterschaft wurde eingestellt und viele Spieler meldeten sich zum Militär. T.G. Jones arbeitete während des Krieges sowohl als PTI („Physical Training Instructor“) für die RAF und ebenso als Fabrikarbeiter. Aufgrund seiner beruflichen Einschränkung und einer Verletzung konnte Jones nur selten für Everton spielen, worauf ihm von einem Mitglied des Managements vorgeworfen wurde, dass er diese Verletzung nur vortäuschen würde. Die angeblich vorgetäuschte Verletzung erwies sich jedoch als schwerwiegend und sorgte dafür, dass Jones mehrere Monate im Krankenhaus verbringen musste und außerdem dem Management die falschen Vorwürfe übel nahm. Jones‘ Übel wuchs sogar noch, als sich das Everton-Management 1946 dazu entschied, Joe Mercer an Arsenal und Tommy Lawton an Chelsea zu verkaufen. Weder Jones, der mit Mercer und Lawton eng befreundet war, noch Everton konnten den Verlust auffangen, sodass sich der Verein in den folgenden Jahren im Mittelfeld der Tabelle wiederfand. Jones brachte jedoch weiterhin herausragende Leistungen, woraufhin der AS Rom 1948 die damals enorm hohe Summe von 15.500 Pfund bot, um Jones verpflichten zu können. Der Wechsel scheiterte allerdings an finanziellen Details und verhinderte, dass Jones einer der ersten englischen Legionäre in der Serie A wurde.

Spielweise und Position

T.G. Jones spielte während seiner Karriere als „Centre-Half“ (Mittelläufer im deutschsprachigen Raum) und gehörte auf dieser Position zu den besten Spielern im britischen Fußball. Anders als viele andere Mittelläufer glänzte Jones jedoch nicht nur mit Stellungsspiel und Physis (mit einer Körpergröße von 185 cm war er in der Luft nur selten zu bezwingen), sondern auch mit einer herausragenden Technik und akkuraten Pässen. Es kam daher nicht selten vor, dass Jones zunächst seinen Weg aus dem Strafraum heraus dribbelte, um anschließend mit einem zentimetergenau geschlagenen langen Pass die Everton-Offensive in Gang zu bringen.

Als Folge seiner eleganten Spielweise erhielt er während seiner Karriere die Spitznamen „The Prince of Centre-Halves“ und „The Uncrowned Prince of Wales“ und wurde in der Retrospektive sogar mit Franz Beckenbauer verglichen.

Internationale Karriere

Ähnlich wie viele andere europäische Spitzenspieler seiner Zeit kam Jones aufgrund des zweiten Weltkriegs nur auf eine relativ geringe Anzahl von Länderspielen. Nach seinem Debüt im Jahr 1938 lief Jones bis 1950 in siebzehn offiziellen und elf inoffiziellen Spielen für sein Heimatland auf.

Nach Kriegsende nahm er mit der Nationalmannschaft an der Qualifikation zur WM 1950 teil, aber scheiterte dort an England und Schottland. Erst 1958 gelang es der walisischen Nationalmannschaft, sich erstmals für eine Weltmeisterschaft zu qualifizieren. Im Turnier erreichte die Mannschaft, in deren Reihen Spitzenspieler wie John Charles, Ivor Allchurch und Jack Kelsey standen, das Viertelfinale, wo sich der spätere Weltmeister Brasilien als zu stark erwies.

Rückkehr nach Wales und Arbeit als Trainer

Nachdem sich die Spannungen zwischen Jones und dem Everton-Management immer weiter verschärft hatten, verließ er den Verein im Januar 1950 und kehrte in seine walisische Heimat zurück. Dort schloss sich Jones Pwllheli F.C. an, wo er zum einen als Spielertrainer agierte und nebenbei noch ein Hotel betrieb. Nach sieben Jahren wechselte er zu Bangor City und beendete dort 1959 seine aktive Karriere. Nach seinem Karriereende blieb er jedoch Trainer des Vereins und konnte 1962 mit seiner Mannschaft den walisischen Pokal gewinnen. In der folgenden Saison nahm Bangor daher am Europapokal der Pokalsieger teil, wo der Verein nur knapp am haushohen Favoriten SSC Neapel scheiterte (2:0 in Bangor, 1:3 in Neapel, 1:2 im Entscheidungsspiel). Jones trainierte Bangor noch bis 1967 und arbeitete anschließend noch bis 1972 als Trainer im walisischen Fußball.

Später betrieb Jones in Wales einen Zeitungskiosk und schrieb nebenher als Kolumnist für „The Liverpool Echo“. Am 3. Januar 2004 starb T.G. Jones im Alter von 86 Jahren.

Bis heute gilt Jones, der bereits 2000 in die Hall of Fame des FC Everton aufgenommen worden war, als einer der besten Spieler in der Vereinsgeschichte der „Toffees“. Unter anderem bezeichneten die englischen Fußballlegenden Stanley Matthews, Tommy Lawton, Joe Mercer und Dixie Dean T.G. Jones als den besten Spieler, den sie je gesehen hätten.

Marcel Grün, abseits.at

Marcel Grün