Es war ein torloses Remis, das die Slowakei und England am Montagabend einander schenkten – für beide bedeutet dies wohl der Aufstieg aus der... EM-Tagebuch aus Saint-Étienne (14): Langweiliges Spiel, fantastische Atmosphäre

england_fansEs war ein torloses Remis, das die Slowakei und England am Montagabend einander schenkten – für beide bedeutet dies wohl der Aufstieg aus der Gruppe B in das Achtelfinale dieser EURO 2016. Und so war es weniger das Sportliche, das diesen Ausflug nach Saint-Étienne so besonders machte, sondern viel mehr das Geschehen auf den Tribünen.

Stehen statt Sitzen

Rund 42.000 Sitzplätze hat das Stade Geoffroy-Guichard, nur ein Teil davon wurde an diesem Abend aber auch benützt, denn viel eher waren dies auch auf den Längsseiten Stehplätze, hinter den Toren sowieso. Gewohnt aus vielen ihrer heimischen Stadien, verfolgten die englischen Fans das Spiel stehend – und selbstverständlich singend. Dennoch waren es nicht nur die Engländer, die das Stadion des A.S. Saint-Étienne in einen Hexenkessel verwandelten. Auch die slowakischen Fans waren nicht nur zahlreich vorhanden, sondern sorgten ebenso für eine lautstarke Unterstützung ihres Teams. Das „Duell“ auf den Tribünen gewannen wohl dennoch die Engländer, die numerisch und stimmlich überlegen waren und immer wieder für Gänsehautmomente sorgten – spätestens, als während der zweiten Halbzeit sämtliche englische Fans im Stadion, verteilt über alle vier Tribünen, rund zehn Minuten lang lautstark ein Lied sangen.

DJ Ötzi mittendrin statt nur dabei

Dass die Anhänger der „Three Lions“ mit dem Spiel dennoch nicht gänzlich zufrieden waren, zeigten immer wieder Pfiffe bei schlecht vorgetragenen Angriffen sowie nach dem Spiel. Spiegelverkehrt war das Bild auf der anderen Seite, wo die slowakische Mannschaft mit ihren Anhängern nach Abpfiff den Punktgewinn zelebrierte. Außerhalb des Stadions wurde wieder gemeinsam gefeiert, was die friedliche, fast schon freundschaftliche Atmosphäre an diesem Tag wiederspiegelt. Dafür sinnbildlich war ein Gruppenfoto von slowakischen, schwedischen und deutschen Fans (siehe unten). Nichts desto trotz war das Bild außerhalb des Stadions mit mit jenem innerhalb nicht ganz ident. Während auf den Rängen fast Gleichstand herrschte, waren in den Pubs, auf den Straßen und in den öffentlichen Verkehrsmitteln fast nur Engländer zu sehen. Selbstverständlich auch bereits dort gesangstechnisch topfit. Die von den Stadionsprechern initierte „Laola-Welle“ war das Einzige, das an diesem Abend verweigert wurde. Dafür leisteten die englischen Fans mit DJ Ötzis „Hey Baby“ und „Sweet Caroline“ einen kleinen rot-weiß-roten Beitrag.

Sicherheitsbedenken

Dass rund um das Stadion enorme Sicherheitsvorkehrungen herrschten, war anhand der schwer bewaffneten Polizisten und Soldaten kaum zu übersehen, dennoch waren die Kontrollen ein wenig lockerer als am Vortag in Lyon. Sicherheitstechnisch besonders brisant (und „anfällig“) sind aber ohnehin nicht so sehr die Stadien selbst, sondern mehr das Rundherum, vor allem die An- und Abreise, wo weder kontrolliert noch sonderlich bewacht wird.

Wartezone Bahnhof

Apropos An- und Abreise. Das beschauliche Saint-Étienne mit lediglich rund 170.000 Einwohnern bietet nur wenigen Fans Unterkunft, der Großteil wohnt im 62 Kilometer entfernten Lyon, welches via Zug innerhalb von 45 Minuten erreicht werden kann. Was bei der Anreise recht gut funktioniert, überforderte die Organisatoren bei der Rückreise, wo weit nach Mitternacht noch immer Tausende Fans am Bahnhof Saint-Étienne warteten (ein Teil davon siehe Foto unten). Endlich einmal im Zug und später in Lyon, gab es als Wiedergutmachung die englische Hymne. Jene der Slowakei blieb aus, störte aber wohl keinen – im Zug waren schließlich wie generell rund um das Stadion nur Engländer zu sehen.

Resümée

Unterm Strich wurde ein langweiliges Spiel durch eine fantastische Atmosphäre und einen tollen Support der Engländer ausgemerzt. Das Stade Geoffroy-Guichard ist ein nettes Stadion, mit engen und steilen Tribünen – der Arbeitsplatz von Robert Beric kann sich definitiv sehen lassen.

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Pascal Günsberg, abseits.at

Pascal Günsberg