Lange Zeit beherrschen die Kroaten das Spiel gegen Tschechien. Konzentrationsfehler nach der 2:0-Führung und Unruhen auf den Rängen brachten den Tschechen jedoch einen Punkt... Viel Potential gepaart mit Nachlässigkeiten: Kroatien verspielt 2:0-Führung

Luka Modric - Kroatien_abseits.atLange Zeit beherrschen die Kroaten das Spiel gegen Tschechien. Konzentrationsfehler nach der 2:0-Führung und Unruhen auf den Rängen brachten den Tschechen jedoch einen Punkt ein.

Prinzipielle Ausrichtungen

Die Tschechen pressten ab dem Mittelfeld im 4-4-2, das sich sehr mannorientiert gestaltete. Bereits die Stürmer übergaben einander immer wieder die Aufgabe den höheren der beiden kroatischen Sechser zu decken. Im restlichen Mittelfeld wurde meist ebenfalls manngedeckt, weshalb es immer wieder sehr unkompakte Staffelungen gab.

Im Aufbau wechselten sich die beiden Sechser Plasil und Darida im Abkippen ab, dies tat man meist diagonal in den von aufrückenden Außenverteidigern geöffneten Raum. Die Tschechen schafften es jedoch in der ersten Halbzeit kaum effektiv aufzubauen, zu schwach waren die Fähigkeiten der tschechischen Sechser im Aufbau und die Verbindungen im 4-2-3-1.

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Bei den Kroaten agierte meist Modric als tieferer Sechser, während Badelj sich in nur marginal höheren Zonen aufhielt. Rakitic spielte als Zehner hinter Mandzukic, der situativ auf die Halbräume auswich um dort mehr Platz vorzufinden, um in die Tiefe zu starten.

Die Spieleröffnung beider kroatischer Innenverteidiger ist nicht die kreativste und stabilste, weshalb es oft zu hohen Bällen kam, wenn der Pass zu Modric oder Badelj nicht möglich war.

Die Kroaten rückten bei Rückpässen der Tschechen intensiv nach und übernahmen ebenfalls Mannorientierungen, die bei höheren Pressingsituationen vor allem gegen weniger fluide agierende Mannschaften Vorteile in Sachen Zugriff bedeuten können. Zudem hat man in Mandzukic einen Stürmer, dessen Arbeitswille im Spitzenfußball seinesgleichen sucht, er lief immer wieder die Passwege für Verlagerungen zu und attackierte die ballführenden Innenverteidiger, die den Ball meist zu Cech nach hinten spielten, der unter Mandzukic‘ Druck den hohen Ball schlug.

Kroatien lässt Potential erahnen

In den ersten 15 Minuten kristallisierte sich eine Patt-Stellung heraus. Wenn man fleißig nach Vorteilen suchen wollte, dann hätte man diese noch eher bei Kroaten finden können, die in der Offensive zumindest einige Ecken herausholen konnten und deren Angriffe etwas mehr Struktur hatten. Vor allem die Ecken hatten jedoch ihren Ursprung in den vielen Flanken, die bereits früh geschlagen wurden. Natürlich war Mandzukic hier der Zielspieler, einmal konnte er in der ersten Viertelstunde auch aufs Tor köpfen, wenngleich Cech mit diesem Ball keine Probleme hatte.

Die beste Chance hatten die Kroaten nach einem Konter in der 20. Minute, als Mandzukic geschickt und dessen Stanglpass nur knapp verfehlt wurde. Davor hatten die Tschechen zwei Angriffe über ihre fokussierte rechte Seite gestartet, die mit viel Tempo vorangetragen wurden. Diese waren jedoch nicht ausreichend abgesichert und führten deshalb zu einem kroatischen Gegenstoß.

Die meisten Probleme hatten die Kroaten damit aus ihrem eigenen Aufbau Dynamik zu erzeugen. Angriffe wurden meist aus gewonnenen zweiten Bällen oder Einwürfen gestartet, vor allem wenn Modric und Badelj gedeckt wurden und die Tschechen den kroatischen Aufbau auf die Außenverteidiger lenken konnte hatten die Vatreni Probleme. Kamen jedoch Modric oder Badelj an den Ball gab es vor allem von Rakitic immer kluge Freilaufbewegungen, auch Brozovic und Perisic rückten situativ ein. Vor allem Srna bekam dadurch öfters Räume, die er für viele Flanken nutzte, die jedoch meistens leicht zu verteidigen waren. So war die Offensive der Kroaten sehr ausrechenbar und man konnte die deutlichen individuellen Vorteile, die man gegenüber den Tschechen zweifelsohne hat, nicht effektiv nutzen. Dies lag hauptsächlich an der Struktur, die vor allem Kovacic entgegengekommen wäre. Zwar sind Perisic und Brozovic durchaus gute Spieler, doch die vor allem im Aufbau etwas tiefer situierten, dynamischen Dribblings vom Real- „Bankldrucker“ hätten den Kroaten einiges an Tempo bringen können, was dem Spiel sicherlich gut getan hätte.

Nichtsdestotrotz konnten die Vatreni eine bestimmende Dominanz aufbauen, Modric und Badelj konnten besser eingebunden werden, die mit teils unglaublichen Pässen in der Spieleröffnung das Spiel der Kroaten trugen. Die sich nun etwas auch flexibler frei laufenden Mitspieler der beiden Klasse-Spieler brachten Verwirrung in die Mannorientierungen der Tschechen. Dennoch musste ein Konter und eine individuelle Aktion Perisic‘ für das 1:0 herhalten, als er nach einem Ballgewinn in den Strafraum dribbelte und mit links aus schwerem Winkel ins lange Eck an Cech vorbei abschloss.

Nachlässige Kroaten

Die Tschechen „wollten mehr“ nach Wiederanpfiff und hatten in den ersten paar Minuten einige Szenen, wo man zumindest ansatzweise gut den Ball laufen ließ. Strategische Schwächen am Ball einzelner Spieler, vor allem der Innenverteidiger, brachten jedoch immer wieder unnötige Ballverluste. Die Kroaten agierten nun jedoch auch etwas tiefer und zurückhaltender im Pressing, was den Tschechen natürlich etwas mehr Zeit im Aufbau gab. In Minute 59 konnten die kleinen Hoffnungen der Tschechen schnell wieder gebrochen werden, Rakitic erzielte nach einem schlimmen Fehlpass das 2:0, nachdem er allein auf Cech zulaufen und diesen überheben konnte.

Nach einer Flanke konnten die Tschechen in Minute 75 ihre Bemühungen mit dem Anschlusstreffer belohnen, die Kroaten hatten sich nach der erhöhten Führung etwas zurückgelehnt und verteidigten weniger konsequent. Nach einer Unterbrechung des Spiels wegen Ausschreitungen von Zuschauern kam es noch schlimmer für die Kroaten: In der 89. Minute hatte Vida die Hände bei einem Kopfballduell zu hoch und traf einen Tschechen mit dem Ellbogen im Gesicht. Schiedsrichter Clattenburg entschied auf Elfmeter, den Necid zum 2:2 Ausgleich verwandelte.

Fazit

Kroatien deutete einmal mehr das vorhandene Potential an, das mit kleinen strukturellen Veränderungen wahrscheinlich sogar dazu führen könnte, dass man sie als Geheimfavoriten handeln müsste. Im Ballbesitz kam man nach einigen Anlaufschwierigkeiten gut ins Spiel und baute eine deutliche Dominanz auf. Nach dem 2:0 ließ man jedoch etwas schleifen, dies kann sich im Fußball sehr schnell rächen. So „verloren“ die Kroaten zwei Punkte.

David Goigitzer, abseits.at

David Goigitzer