Sturm Graz ging als Favorit in das Europa-League Qualifikationsspiel gegen AEK Larnaka, und scheiterte daran katastrophal. Der zypriotische Cupsieger war sowohl taktisch wie auch... Analyse: Sturm nach 0:2 gegen Larnaca vor Europacup-Aus

Sturm Graz ging als Favorit in das Europa-League Qualifikationsspiel gegen AEK Larnaka, und scheiterte daran katastrophal. Der zypriotische Cupsieger war sowohl taktisch wie auch spielerisch die bessere Mannschaft und konnte sich dadurch eine verdiente 2:0 Führung erarbeiten, mit der man nun in das Retourmatch gehen kann.

Bei Sturm fehlte am gestrigen Tag viel, sehr viel sogar. In der Defensive häufig unkoordiniert und ohne Kompaktheit, dazu gruppentaktisch oft mit sehr fragwürdigen Entscheidungen. Bei eigenem Ballbesitz fehlte ebenfalls zu oft die Struktur und Durchschlagskraft, durch viele unnötige Abspielfehler konnten die Blackies vor allem zu Spielbeginn kaum die notwendige Spielkontrolle und Rhythmusbestimmung an sich ziehen. Und wäre das Spiel nicht schon schwach genug gewesen, sorgte auch noch ein dummer Becherwurf für einen absolut unrühmlichen Grazer Europacup-Abend.

Wir schauen uns trotzdem kurz die verschiedenen Systemvarianten von Heiko Vogel an, erläutern die Hintergründe dazu und analysieren auch die gute Spielanlage von AEK Larnaka.

Heiko Vogels System-Festspiele

Nicht nur in Salzburg finden jährlich die Festspiele statt, sondern auch in Graz. Und das jede Woche bzw. sogar alle drei Tage. Die System-Festspiele von und mit Heiko Vogel nämlich. Auch gegen AEK Larnaka versuchte er mit mehreren Systemumstellungen das schwache Spiel seiner Mannschaft doch noch in die gewünschte Richtung zu lenken, wonach es kurzzeitig sogar ausgesehen hat, allerdings mit dem 0:1 unmittelbar nach der Pause wieder ad absurdum geführt wurde.

Wie schon gegen Wacker Innsbruck in der Meisterschaft setzte Vogel zu Beginn wieder auf eine 5-3-2 / 3-1-4-2 Grundformation mit den bekannten Bewegungsabläufen. Stefan Hierländer positionierte sich dafür in der Defensive wieder auf der linken Außenverteidigerposition der Fünferkette, während er bei eigenem Aufbau und Ballbesitz wie schon in Innsbruck in den linken Halbraum neben Sechser Lovric einrückte. Lukas Grozurek, der nominelle halblinke Achter, orientierte sich derweilen wieder nach außen und besetzte den linken Flügel, um dort seine Qualitäten im 1 gegen 1 einsetzen zu können. Auch auf der rechten Seite ließ sich Peter Zulj wieder situativ auf die eigentliche Außenverteidigerposition fallen und anspielen, während sich Fabian Koch höher positionieren musste und dafür ebenfalls leicht einrückte.

Die Grundformation zu Spielbeginn sah daher folgendermaßen aus:

In diesen ersten 20 Minuten brachten die Grazer aber überhaupt keinen Fuß auf den Rasen der eigenen Merkur-Arena. Die Gäste aus Zypern kontrollierten und dominierten das Spiel mit einem deutlichen Plus an Ballbesitz und einer hohen Spielintensität und drückten die Blackies fast ausschließlich ins Abwehrpressing zurück. Dank des Übergewichts im zentralen Mittelfeld und den gut getimten aufrückenden Bewegungen der Außenverteidiger (vor allem auf der rechten Seite) brachte Larnaka Sturm immer wieder ziemlich einfach aus der defensiven Balance und kam so gefährlich hinter die letzte Linie der Steirer. Bereits in dieser Anfangsphase hätte es durchaus schon 1:0 für die Gäste stehen können.

Es musste sich also etwas ändern und Heiko Vogel reagierte auch. Er stellte nach etwa 20 Minuten auf ein flaches 4-4-2 um und beförderte dafür Allrounder Fabian Koch ins rechte Mittelfeld. Lukas Spendlhofer übernahm daraufhin den Part des rechten Außenverteidigers, Avlonitis bildete zusammen mit Maresic die Innenverteidigung und Stefan Hierländer gab den linken Außenverteidiger.

Lovric und Zulj besetzten gemeinsam das zentrale Mittelfeld innerhalb des 4-4-2 Mantels, wobei Zulj tendenziell von nun an mehr über halblinks kam und meist auch etwas höher postiert war als sein Nebenmann Lovric, wodurch vereinzelt auch 4-1-3-2 Staffelungen zustande kamen.

Diese Umstellung hatte auf das Spiel durchaus ein paar stabilisierende Effekte. Auch bedingt durch das etwas tiefer angelegte Pressing von Larnaka nach ca. 25 Minuten kam Sturm endlich zu etwas längeren Ballbesitzpassagen und Spielkontrolle, auch wenn man daraus selbst keine torgefährlichen Aktionen im Angriffsdrittel produzieren konnte. Es war aber schon ein erster Schritt, etwas mehr vom Ball zu haben und nicht permanent den druckvollen Angriffen der Zyprioten hinterherlaufen zu müssen. Auch im Spiel gegen den Ball gab es etwas klarere Zuordnungen. Mannschaftstaktisch gesehen versuchte man sich höher und aktiver zu positionieren (was vermutlich von Anfang an der Plan gewesen wäre), die beiden Sechser konnten sich dafür an den beiden gegnerischen Sechsern vor ihnen orientieren, was einen besseren Zugriff ermöglichte. Aber auch wenn die Grundstruktur sauberer und griffiger war, waren die gruppentaktischen Bewegungsabläufe innerhalb dieser Struktur nach wie vor oft noch unterentwickelt. Vor allem in den Flügelzonen gab es große Abstimmungsprobleme. Im 5-3-2 war vorgesehen, dass die Flügelverteidiger sich aus der Kette lösen sollten und auf die jeweils ballführenden gegnerischen Außenverteidiger herausschieben sollten (was auch schon nicht optimal war, denn die Zyprioten waren auf das vorbereitet und bespielten die Räume hinter dem aufgerückten Flügelverteidiger dank ausweichender Bewegungen des Mittelstürmers, Zehners, oder der eingerückten Flügelspieler konstant sehr gut), diese Mechanismen wurden aber im 4-4-2 noch beibehalten. So gab es auf der rechten Seite zwischen Koch und Spendlhofer einige Situationen, in denen Spendlhofer nach vorne auf den gegnerischen Außenverteidiger herausrückte, während Koch den weiten Weg nach hinten antreten und den großen Raum hinter Spendlhofer schließen musste. Derart unnötige und unökonomische Laufwege (noch dazu bei diesen Temperaturen) sieht man auch nicht oft. Aber auch auf der linken Seite gab es Abstimmungsprobleme zwischen Abwehr und Mittelfeld, vor allem die guten Rochaden zwischen einrückendem Flügelspieler, raumsuchenden Zehner und ausweichendem Stürmer stellten Hierländer, Grozurek und Maresic vor große Zuordnungs- und Übergabeprobleme.

Trotzdem stand es zur Halbzeit noch 0:0 und Heiko Vogel wollte nach der zurückgewonnenen Spielkontrolle die offensive Schlagzahl seiner Mannschaft erhöhen und stellte dafür das System erneut um.

Bei eigenem Angriff setzte Vogel mit seiner Mannschaft fortan auf eine Art 3-3-4 Struktur. In der Halbzeit brachte er den schnellen Huspek für Grozurek, der sich breit am rechten Flügel einordnete. Hierländer bildete das Pendant auf der linken Seite, das Zentrum besetzten zu zweit die beiden Spitzen Pink und Hosiner (bzw. Eze nach seiner Einwechslung). Eine Linie dahinter rückte Koch wieder ins zentrale Mittelfeld neben Sechser Lovric und Achter Zulj ein und fungierte vor allem als Anspieloption für Huspek. Hinter diesem Mittelfeld-Trio formierte sich wie schon zu Spielbeginn eine Dreierkette, nur dass Maresic und Spendlhofer ihre jeweiligen Halbpositionen tauschten. Beide agierten bedingt durch den frühen Gegentreffer sehr offensiv und hoch stehend und suchten vor allem die breiten Flügelspieler sowie die raumgreifenden Pässe auf die Stürmer.

Mit dieser Struktur konnten die Zyprioten zwar konsequent in die eigene Hälfte zurückgedrängt werden, aufgrund der vielen Spieler vor dem Ball und der hoch agierenden Halbverteidiger mussten die Grazer einige gefährliche Konter zulassen, von denen einer schon früher das Spiel hätte entscheiden können.

Eine defensive Ordnung bei den Grazern ausfindig zu machen war gar nicht so leicht. Am ehesten war es ein 4-4-2 mit Koch auf der rechten Außenverteidigerposition und Hierländer im linken Mittelfeld. Also genau andersrum wie das 4-4-2 ab der 20. Minute im ersten Durchgang. Passt irgendwie zu dieser chaotischen Vorstellung der Steirer.

Richtig gutes 4-2-3-1 Pressing lässt Sturm nicht ins Spiel kommen

Taktisch interessanter als die Grazer Systemspiele und vor allem auch gut umgesetzt war das aggressive Pressing von AEK Larnaka in der Anfangsphase, wodurch sie den Grazern komplett den Rhythmus nahmen und viele Abspielfehler provozieren konnten.

Nicht wie bei den meisten anderen Mannschaften wurde das 4-2-3-1 zu einem 4-4-2 umgeformt, stattdessen blieb man recht klar bei der Ausgangstaffelung. Diese passte vor allem auch gut zur Aufbaustruktur von Sturm. Überraschender als die reine Struktur waren aber Pressinghöhe und Intensität. Der gesamte Mannschaftsverbund positionierte sich hoch in der gegnerischen Hälfte und Mittelstürmer Giannou gab dank kluger Auftaktbewegungen immer wieder den ersten Impuls für ein aktives Angriffspressing. Er trennte gut die Verbindungen zwischen den drei Grazer Aufbauspielern und lenkte den Ball oft auf einen der beiden Halbverteidiger, welcher dann vom jeweiligen Flügelspieler aggressiv unter Druck gesetzt wurde. Der Zehner Hector Hevel hielt sich dabei immer etwas zurück und orientierte sich dabei an der Position von Lovric, um den Sechserraum nicht bespielbar zu machen. Er erledigte dies mit einem sehr ausgeprägten Raumgefühl und Timing. Durch kleine, aber sehr wirkungsvolle Bewegungen verknappte er den Raum um den ballführenden Spieler herum sehr gut und konnte so zusammen mit seinen Mannschaftskollegen den Druck auch in nominellen Unterzahlsituationen hochhalten.

Auch hinter der ersten Pressingwelle war Larnaka gut organisiert. Die zwei Sechser Jorge und Nacho Cases kümmerten sich aufmerksam um die Grazer Achter (vor allem Jorge um Peter Zulj), die ballnahen Außenverteidiger schoben mutig und schnell auf die gegnerischen Flügelverteidiger heraus, wenn die Flügelspieler vor ihnen ins aktive Pressing übergingen. Und auch die Innenverteidiger hatten Pink und Hosiner gut unter Kontrolle.

In dieser Grafik erkennt man das gute 4-2-3-1 Pressing von Larnaka mit den herausrückenden Bewegungen der Flügelspieler und der Außenverteidiger sowie die hohe Grundpositionierung und die klaren Zuordnungen hinter der vordersten Pressinglinie.

Fazit

Der 2:0 Sieg für AEK Larnaka geht völlig in Ordnung. Sie waren über 90 Minuten die bessere Mannschaft mit einem klareren Plan und besseren Strukturen, sowohl bei eigenem als auch bei gegnerischem Ballbesitz. Aus Sicht von Sturm Graz muss eine gewaltige Leistungssteigerung her, um doch noch den Aufstieg in die nächste Runde schaffen zu können. Nach diesem Hinspiel spricht allerdings nicht mehr allzu viel für die Blackies.
Ein wenig erinnert die derzeitige Situation an die Phase nach der Übernahme von Heiko Vogel im Winter/Frühjahr 2018. Auch dort gab es wie zum Beispiel gegen Mattersburg oder Wolfsberg chaotische Spiele mit teils wirren Positionsrochaden und defensiven Instabilitäten. Heiko Vogel konnte allerdings nach dieser ersten Findungsphase die Mannschaft merklich stabilisieren und ließ teils hochklassigen Fußball mit sauberen Strukturen und einer guten Raumaufteilung spielen. Deshalb muss man aus Grazer Sicht wohl noch etwas Geduld haben, bis sich diese neu formierte Mannschaft selbst findet und der Trainer die Dinge noch so zusammenführt, dass die Fans in Graz wieder ansehnlichen, flüssigen Offensivfußball zu sehen bekommen. Hat man im Sommer allerdings eine Qualifikation für einen internationalen Bewerb zu spielen, ist das mit Geduld und Zeit so eine Sache…

Sebastian Ungerank, abseits.at

Sebastian Ungerank