Nachdem wir uns gestern der Vereinsgeschichte von Olympique Marseille widmeten, wollen wir uns nun das Spielsystem und den Kader der Franzosen genauer ansehen. Was... Die Offensive ist der Trumpf: Das ist Salzburg-Gegner Olympique Marseille

Nachdem wir uns gestern der Vereinsgeschichte von Olympique Marseille widmeten, wollen wir uns nun das Spielsystem und den Kader der Franzosen genauer ansehen. Was erwartet die Salzburger im heutigen Europa-League-Gruppenspiel?

Der Trainer

Mit Rudi Garcia holte sich Marseille einen interessanten Trainer, der besonders in Frankreich ein hohes Standing genießt. Seine erfolgreichste Zeit hatte der 1964 in Nemours geborene ehemalige Mittelfeldspieler als Trainer beim OSC Lille, mit dem er in der Saison 2010/11 das Double holte – für den Klub war dies der erste Meistertitel seit dem Jahr 1954. Garcia wurde nach diesem historischen Erfolg zum Trainer des Jahres gewählt, eine Auszeichnung, die ihm 2013 und 2014 zwei weitere Male zuteilwurde Seit Juni 2013 trainierte er die AS Roma, mit der er in den ersten beiden Saisonen jeweils Vizemeister wurde. Unvergessen war sein Start in die erste Saison, als die Römer die ersten zehn Serie-A-Spiele allesamt für sich entschieden und damit Juventus´ Rekord aus der Saison 2005/06 pulverisierten. Am Ende fehlten dann aber doch 17 Punkte auf die alte Dame.

Nachdem er auch 2014/15 Vizemeister wurde, erwischte er in der darauffolgenden Saison einen schlechten Lauf als er in zehn Pflichtspielen keinen einzigen Sieg einfahren konnte. Insgesamt kann sich seine Bilanz bei den Römern dennoch sehen lassen, denn er gewann 60 Spiele, 32 Mal gab es eine Punkteteilung und 22 Partien gingen verloren. Am 17. Oktober 2016 übernahm der neue Eigentümer Franck McCourt den Verein und verpflichtete nur drei Tage später Garcia als neuen Trainer. Seitdem gewann der Coach 25 Partien, spielte 12 Mal Unentschieden und ging 10 Mal als Verlierer vom Platz.

Aktuelle Situation

Marseille erwischte mit zwei Siegen und einem Unentschieden einen guten Start in die neue Saison, kam danach allerdings gegen die AS Monaco mit 1:6 unter die Räder und verlor auch das darauffolgende Meisterschaftsspiel gegen Rennes vor den eigenen Fans mit 1:3. Diese zeigten sich alles andere als erfreut und gaben ein Statement ab: Frank McCourts Traum Marseille wieder ganz nach oben zu führen erweise sich bisher als Alptraum. Der Eigentümer, der versprach in den nächsten vier Jahren über 200 Millionen Euro in den Verein zu investieren, blieb so wie Trainer Garcia relativ gelassen und die Antwort an die Fans folgte auf dem Platz. Nach einem Sieg gegen Konyaspor im ersten Spiel der EL-Gruppenphase folgten auch zwei Dreier in der Meisterschaft. Amiens und Toulouse wurden jeweils verdient mit 2:0 geschlagen.

Das System

Garcias Mannschaft kann mehrere Systeme spielen und der Trainer selbst sagt, dass die Grundformation auch nicht so eine große Bedeutung haben sollte, da es eher wichtig wäre, wie die jeweiligen Spieler das System umsetzen bzw. interpretieren würden. In der Vergangenheit ließ er meist ein 4-3-3 spielen, in den vergangenen drei Partien schickte er jedoch eine 4-2-3-1-Formation ins Rennen, auch damit Payet vom Flügel ins Zentrum auf die Zehnerposition rücken kann. Bei der bitteren 1:6-Niederlage gegen Monaco stellte er dem Gegner übrigens  ein 5-4-1 gegenüber, was jedoch komplett schief ging.

Kommendes Wochenende wartet mit dem OGC Nizza ein gefährlicher Gegner in der Ligue 1 auf Marseille, sodass es nicht verwunderlich wäre, wenn der Trainer an einigen Positionen rotieren wird. Garcia wird jedoch sicher nicht zu viel ausprobieren, da er die Europa League durchaus ernst nimmt. Die Stärken vom OM liegen in der Offensive, wo mit Payet, Thauvin, N´Jie, Germain und Ocampos sehr viel individuelle Qualität vorhanden ist. Zumindest an guten Tagen wird schnell und flüssig kombiniert und auch im Gegenpressing nach Ballverlusten situativ enorm viel Druck auf den Gegner ausgeübt. So wie Garcia es fordert finden in der Offensive viele Positionswechsel statt und die Gegenspieler sollen aus ihren Positionen gezogen werden, sodass sich Lücken öffnen.

Der Tormann

Im Tor duellieren sich Vereinsikone Steve Mandanda und der ebenfalls erfahrene Yohann Pelé um einen Stammplatz. Der in Zaire geborene Mandanda steht seit der Saison 2005/06 fast durchgängig im Tor von OM und absolvierte 340 Meisterschaftsspiele für den Verein. Nur in der vergangenen Saison schnupperte er Premier-League-Luft als er bei Crystal Palace anheuerte, wo er jedoch zum ersten Mal in seiner Karriere großes Verletzungspech hatte und nach einer Knie-OP fünf Monate aussetzen musste.

In seiner Abwesenheit wurde er vom 34-jährigen Yohann Pelé vertreten, der zuvor bei Sochaux unter Vertrag stand. Er verrichtete seine Aufgaben sehr gut und konnte in den Top-5-Ligen die meisten “clean sheets“ für sich verbuchen. Zu Beginn der Saison hatte Vereinslegende Mandanda die Nase vorn, doch in den vergangenen zwei Partien begann Pelé im Tor der Franzosen. Wir schätzen, dass der 1,96 Meter große Tormann auch in Salzburg den Vorzug erhalten könnte.

Das Abwehrzentrum

In der Innenverteidigung waren in dieser Saison Adil Rami und der Portugiese Rolando gesetzt. Adil Rami ist 31 Jahre alt und wird vielen Fußballfans ein Begriff sein, da er zuvor bei Sevilla, Milan und Valencia unter Vertrag stand. Rami ist ein harter Innenverteidiger, der in erster Linie von seiner Physis lebt, keinen Zweikampf scheut, aber auch mit dem Ball am Fuß durchaus etwas anfangen kann. Seine Spieleröffnung ist stark, er greift gerne auf präzise weite Bälle zurück. In die österreichischen Schlagzeilen kam er in den letzten Tagen aber eher aufgrund der Tatsache, dass er Ex-Baywatch-Star Pamela Anderson datet –  dass Rami 33 Partien für die französische Nationalmannschaft absolvierte, zuletzt am 15. 11. 2016 gegen die Elfenbeinküste, wird da schnell zur Nebensache.

Auch sein Nebenmann Rolando ist Nationalspieler, allerdings liegt sein letzter Auftritt für Portugal im Jahr 2014 zurück. Zwischen 2008 und 2015 spielte der Innenverteidiger für den FC Porto und bestritt in diesem Zeitraum 112 Meisterschaftsspiele. Es begann eine Odyssee als Leihspieler bei Napoli, Inter und Anderlecht ehe er in Marseille ankam und glücklich wurde. In der vergangenen Saison absolvierte er 30 Meisterschaftsspiele und überzeugte dabei auch mit viel Torgefahr, da er vier Treffer beisteuerte.

Sollte Garcia sich dazu entscheiden einem der beiden Stamminnenverteidiger eine Pause zu gönnen, dann hat er mit Aymen Abdennour einen 55-fachen tunesischen Nationalspieler bei der Hand. Abdennour spielte zuletzt bei der AS Monaco und beim FC Valencia, musste aber bei beiden Vereinen hart um einen Stammplatz kämpfen. Der 22-jährige Brasilianer Dória ist eine weitere Alternative. Der Innenverteidiger absolvierte vergangene Saison 23 Meisterschaftspartien für seinen Verein, hat aber seit Ramis Verpflichtung einen schweren Stand, was ebenso für den 35-jährigen Rod Fanni gilt.

Die Außenverteidigung

Auf der rechten Abwehrseite ist Hiroki Sakai gesetzt, der zwischen 2012 und 2016 bei Hannover 96 unter Vertrag stand. In Marseille machte er einen großen Sprung nach vorne und war in der vergangenen Saison einer der besten Rechtsverteidiger der Ligue 1. Er brachte die meisten erfolgreichen Flanken aller Außenverteidiger an und gewann zudem 60% seiner Zweikämpfe – ebenfalls ein Top-Wert. Besonders das Zusammenspiel mit Rechtsaußen Florian Thauvin funktioniert hervorragend, da die beiden sehr gut harmonieren. Sakai schaltet sich oft in die Offensive ein, ist aber auch sehr fleißig wenn wieder nach hinten umgeschaltet werden muss.

Auf der linken Abwehrseite verfügt OM mit Patrice Evra über eine geballte Ladung an Routine. Der ehemalige Manchester-United- und Juventus-Spieler ist mittlerweile 36 Jahre alt und absolvierte vergangenen November sein 81. Länderspiel für Frankreich. Evra wechselte sich in dieser Saison bislang mit dem 13 Jahre jüngeren Jordan Amavi ab, einem Franzosen der leihweise von Aston Villa kam. Amavi hatte auf der Insel großes Verletzungspech und war nach einem Kreuzbandriss acht Monate außer Gefecht. Wenn er aber spielte dann gab es meistens Spektakel zu bestaunen, da er über einen enormen Offensivdrang verfügt, der auch vom eigenen Trainer kaum zu bändigen ist, weshalb er bei Villa auch manchmal weiter vorne eigesetzt wurde. Amavi wäre die offensivere, aber auch riskantere Lösung.

Zentrales Mittelfeld

Mit Luiz Gustavo hat Marseille einen 41-fachen brasilianischen Nationalspieler in den eigenen Reihen, den die Fußballfans sicher aus seiner Zeit in der deutschen Bundesliga gut kennen werden. Der 30-Jährige, der seit Mai 2016 keinen Einsatz in der Seleção hatte, absolvierte 99 Meisterschaftsspiele für Hoffenheim, 64 für die Bayern und 109 für den VfL Wolfsburg. Bei Marseille stand der zweikampfstarke defensive Mittelfeldspieler bisher in jedem Pflichtspiel über die volle Distanz am Platz.

Neben Luiz Gustavo gibt es aktuell drei jüngere Spieler, die sich um einen Platz im zentralen Mittelfeld „streiten“. Der 19-jährige Maxime Lopez und der 21-jährige André-Frank Zambo Anguissa stammen aus der eigenen Akademie und durchliefen die Nachwuchsmannschaften ihrer Heimatländer Frankreich bzw. Kamerun. Anguissa absolvierte sogar bereits neun Spiele in der Nationalmannschaft und erzielte dabei einen Treffer im FIFA-Konföderationen-Pokal gegen Australien. Der Kameruner profitierte enorm von der Verpflichtung des Trainers Garcia, der seinen jungen Schützling sehr schätzt und von der zweiten Mannschaft zu den Profis holte. Maxime Lopez erweckte ebenfalls bereits Begehrlichkeiten von absoluten Spitzenklubs, nachdem er im Dezember 2016 zum Spieler des Monats in der Ligue 1 gewählt wurde. Er wäre im Vergleich zu Anguissa die offensivere Variante und ist ein enorm trickreicher Spieler.

Der dritte junge Spieler hat wie Lopez seine Stärken auch in der Offensive – Morgan Sanson wechselte inmitten der vergangenen Saison von Montpellier nach Marseille und erspielte sich rasch einen Stammplatz. Seine Ausbeute kann sich sehen lassen, denn vergangene Saison erzielte er nicht nur vier Tore, sondern legte 14 Treffer für seine Mitspieler auf – Höchstwert in der Ligue 1! Sanson kann das Spiel sehr gut lesen und verfügt auch über die Technik gefährliche Schlüsselpässe perfekt zu timen.

Eine weitere Alternative ist der 28-jährige Gregory Sertic, über den René Maric – der jetzige Co.-Trainer von RB Salzburg und ehemaliger abseits.at-Autor – im Jahr 2014 eine ausführliche Analyse für uns verfasste.

Eine weitere Alternative im zentralen defensiven Mittelfeld ist der erst 17-Jährige Boubacar Kamara, der im ersten Gruppenspiel gegen Konyaspor seinen ersten Profieinsatz überhaupt bestritt. Dem U19-Nationalspieler Marokkos wird viel Talent attestiert und er gilt als einer der aktuellen Vorzeigespieler der hauseigenen Akademie. Arsenal und Dortmund zeigten in der Vergangenheit bereits Interesse am jungen Spieler, der sich auch als Innenverteidiger wohl fühlt.

Im 4-3-3-System spielte Dimitri Payet meist auf dem linken Flügel, im 4-2-3-1 kommt er im offensiven Mittelfeld zum Zug, etwas das viele Medien und Fans in Marseille forderten. Sein Wechsel von West Ham United zu OM sorgte für große Diskussionen, da er sich weigerte weiterhin für den Premier-League-Klub zu spielen. Seine Frau und seine Kinder verließen das graue London bereits vor ihm und den Freistoßspezialisten plagte das große Heimweh. Schließlich akzeptierte West Ham ein Angebot über 25 Millionen Pfund. Payet absolvierte in der vergangenen Saison noch 14 Ligaspiele für seinen neuen Arbeitgeber, in denen er vier Treffer und drei Assists beisteuerte. Bei der vergangenen Europameisterschaft zeigte er so richtig groß auf und schoss sich in die Mannschaft des Turniers. Beim 2:1-Auftaktsieg gegen Rumänien bereitete er den ersten Treffer vor und schoss in der 89. Minute selbst den Siegtreffer. Er erzielte im Laufe des Turniers noch zwei weitere Treffer und wurde insgesamt zweimal zum Man oft he Match gewählt.

Die offensiven Flügelspieler

Rechtsaußen Florian Thauvin ist einer der großen Stars dieser Mannschaft! Der trickreiche Flügelspieler steuerte vergangenen Saison in der Ligue 1 15 Treffer und neun Assists bei und steht auch heuer nach elf Pflichtspielen bei neun Scorerpunkten. Thauvin, der theoretisch in einem 4-2-3-1 auch hinter der Solospitze spielen könnte, zieht immer wieder mit viel Tempo in die Mitte und verfügt über einen sehr starken linken Fuß, mit dem er oftmals auch aus großer Distanz den Abschluss sucht:

Wenn Payet im Zentrum spielt, dann wird der Platz auf dem linken Flügel für den Argentinier Lucas Ocampos frei! Der 23-Jährige, der zuvor bei River Plate, der AS Monaco und leihweise für den AC Milan spielte, ist allerdings nicht besonders positionstreu. Er zieht oftmals in Zentrum, tauscht mit Payet die Positionen und lässt sich auch mal weit zurückfallen, um seine Gegenspieler abzuschütteln. In dieser Saison erzielte er in vier Ligaeinsätzen bislang zwei Treffer und steuerte einen Assist bei. Dass er nicht an allen Meisterschaftsspielen teilnahm lag an seiner roten Karte, die er sich am dritten Spieltag gegen Angers einfing. Ocampos ist ein extrem dribbelstarker Techniker, der mit seinen Körpertäuschungen die gegnerischen Abwehrreihen öfters schlecht aussehen lässt. Er ist schnell, hat eine sehr gute Ballmitnahme und verliert nicht das Auge für besser postierte Mitspieler.

Das Sturmzentrum

Der Kameruner Clinton N´Jie ist momentan der gefährlichste Stürmer in der Reihen Marseilles. Der 24-Jährige wurde in Lyon ausgebildet und wechselte in der Saison 2015/16 zu den Spurs, wo er sich jedoch nicht durchsetzte. Er wurde an OM verliehen und in dieser Saison dann auch fix verpflichtet. Vergangene Spielzeit stand er elf Mal von Beginn an am Platz und wurde ebenso oft eingewechselt. Seine Ausbeute waren dabei vier Tore und ein Assist. Nach nur fünf Spieltagen hat er in dieser Spielzeit nun schon fünf Treffer zu Buche stehen, die Formkurve des 21-fachen Teamspielers (6 Tore) zeigt klar nach oben.

Allerdings schonte Trainer Garcia den blitzschnellen Stürmer im ersten Gruppenspiel gegen Konyaspor und schickte statt ihm Valère Germain ins Rennen! Der 27-jährige Franzose spielte in der vergangenen Saison für die AS Monaco und erzielte in 36 Meisterschaftsspielen immerhin zehn Treffer. In der Ligue 1 ist der Stürmer in dieser Saison allerdings noch ohne Torerfolg. Sollte er gegen Salzburg zum Zug kommen, dann wird er sicherlich voll motivierte sein, da er im Moment hart um seinen Stammplatz kämpfen muss.

Ein weiterer bekannter Akteur wird sicher nicht gegen die Salzburger zum Zug kommen, denn der griechische Nationalspieler Kostas Mitroglou ist seit dem 31. Juli aufgrund einer Muskelverletzung außer Gefecht.

Stefan Karger, abseits.at

Stefan Karger

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