Rapid trifft beim ersten Europacup-Auftritt der neuen Saison auf Slovan Bratislava. Die Slowaken stellen eine gut ausgeglichene Truppe mit einigen nicht zu verachtenden Vorzügen,... Hohe Intensität, aber einige Schwächen: Das ist Rapid-Gegner Slovan Bratislava!

Rapid trifft beim ersten Europacup-Auftritt der neuen Saison auf Slovan Bratislava. Die Slowaken stellen eine gut ausgeglichene Truppe mit einigen nicht zu verachtenden Vorzügen, haben allerdings auch einige Probleme, die konkret bespielbar sind. Wir analysieren den slowakischen Vizemeister.

Trainer der Hellblauen ist der 42-jährige Martin Sevela, dem Rapid bereits ein Begriff ist. Er war Trencin-Coach, als Rapid vor zwei Jahren mit einem beeindruckenden 4:0-Auswärtssieg im Europa-League-Playoff über das damalige Spitzenteam der Slowakei drüberfuhr. Später gelang Sevelas Trencin ein Sieg in Wien, wobei die Gegenwehr der Hütteldorfer damals überschaubar war.

Direkt spielendes Team mit flexiblem Mittelfeld

Die Mannschaft, die Sevela heuer zur Verfügung steht, ist insgesamt wohl auf ähnlichem Niveau, wie damals Trencin. Selbst die Spielertypen sind an einigen Posten ziemlich ähnlich. Sevela ist seit vergangenem Oktober Slovan-Trainer und etablierte ein relativ einfaches 4-2-3-1-System, in dem speziell das sehr fluide, zielgerichtete zentrale Mittelfeld auffällt. Die Probleme des Teams liegen primär im individuellen und gruppentaktischen Bereich. Rapid darf sich auf einen sehr direkt spielenden Gegner einstellen, allerdings auch auf viele kleine Fehler der Slowaken.

Starker Keeper mit kleinen Schwächen

Der Torhüter von Slovan ist der 27-jährige Michal Sulla, den man eher zu einem ungünstigen Zeitpunkt erwischt. Der einstige Senica-Keeper hat einen großen Schritt nach vorne gemacht und ist nicht umsonst ständiger Kaderspieler der Nationalmannschaft. Er zeichnet sich durch eine solide Strafraumbeherrschung und sensationelle Reflexe aus, hat jedoch manchmal Probleme mit zu ungestümem Herauslaufen.

Innenverteidiger mit Fehlern im Aufbauspiel

Für die Innenverteidigung gibt es drei Kandidaten, aber es ist zu erwarten, dass das Innenverteidigerduo gegen Rapid Bajric-Saláta heißen wird. Der Slowene Kenan Bajric ist ein klassischer Defensivsoldat. Als Rechtsfuß spielt er auf der Position des linken Innenverteidigers und zeigte in der laufenden Saison schon mehrfach Schwächen im Aufbau. Neben dem 188cm großen Slowenen wird mit Kornel Saláta ein 190cm großer Routinier und Ex-Russland-Legionär spielen, dessen beste Zeiten aber auch schon vorüber sind. Bajric ist im Aufbauspiel trotz seiner Ungenauigkeit mutiger und Saláta nimmt nur wenig Risiko. Zudem hat Saláta bereits Mängel im Laufspiel, die man bespielen sollte.

Enorm kräftiger, aber aufbauschwacher Rechtsverteidiger

Noch wichtiger ist aber, dass Rapid das Spiel bei gegnerischem Aufbau auf die rechte Abwehrseite der Slowaken lenkt. Dort spielt der 28-jährige Niederländer Mitch Apau, der erst im Sommer von Olimpija Ljubljana kam. Der ghanaisch-stämmige Verteidiger ist überhaupt kein feiner Fußballer oder Flankenläufer moderner Prägung, sondern schlichtweg physisch sehr stark und kräftig gebaut. Er ist ein Spieler, den man schon mal zwei-, dreimal hintereinander überspielen muss, der allerdings schwere Probleme im Spielaufbau hat und viele weite Bälle spielt. Wenn man es schafft das Aufbauspiel der Slowaken auf Apau zu lenken und diesen dann unter Druck zu setzen, wird man einige Bälle erobern.

Starker Kapitän als Linksverteidiger

Auf der linken Seite spielt der derzeit beste Slovan-Verteidiger. Allerdings ist der 30-jährige Kapitän Vasil Bozhikov eigentlich auch Innenverteidiger. Gegen Rapid ist er aber auf der linken Seite zu erwarten, weil er defensiv stärker und organisierter ist, als der Ukrainer Artem Sukhotsky. Der 192cm große Bulgare Bozhikov ist aktueller Teamspieler seines Landes, ist die ballsicherste Aufbauinstanz in der Viererkette von Slovan und zudem bei Offensivstandards eine gefährliche Waffe. Seine Aufstellung als Linksverteidiger bringt Slovan in die Situation, mit pendelnder Viererkette spielen zu können. Die Qualität der Kette ist aber von links nach rechts immer weiter abnehmend, weshalb die aktivere Angriffsseite Rapids fast vordefiniert sein müsste.

Alternativen: Der Rumpel-Innenverteidiger Milan Rundic ist verletzt, der 21-jährige Adam Láczko spielte in der Liga noch nie von Beginn an, obwohl er seit vier Jahren zum Kader gehört und dennoch ist er erster Einwechsler für die Innenverteidigung. Der bereits erwähnte Sukhotsky ist die Alternative für links und Rechtsverteidiger Medvedev ist noch bis Oktober wegen eines Armbruchs out.

Möglicherweise Komplettausfall in der Mittelfeldzentrale

Das zentrale Dreiermittelfeld der Slowaken ist mit einigen hochinteressanten Spielern gespickt – allerdings hat Trainer Sevela derzeit Verletzungssorgen und noch ist unklar, wer aller gegen Rapid fit wird. Eine gesamte potentielle Einserbesetzung könnte ausfallen: Der hauptsächlich nach hinten absichernde und teilweise auch abkippende Spanier Nono war im letzten Ligaspiel gegen Michalovce nicht im Kader, nachdem er zuvor immer spielte. Bereits seit Ende Juli nicht dabei ist der Ein-Millionen-Euro-Einkauf   Ibrahim Rabiu. Der Nigerianer spielte schon bei Trencin als Achter/Zehner-Hybrid unter Sevela, ist laufstark und lästig, aber nicht zielgerichtet und oft zu kompliziert.

Schlüsselspieler Holman ebenfalls fraglich

Schwerwiegend für Slovan wäre der Ausfall des Ungarn David Holman, der als Zehner ein richtiger Spielgestalter ist, sich aber auch gerne auf die Acht zurückfallen lässt. Er machte seine letzte Partie vor zwei Wochen, stand in den letzten beiden Pflichtspielen – also auch dem 3:1 im Rückspiel gegen den maltesischen Vertreter Balzan – nicht im Kader seines Teams. Alleine die drei genannten Spieler wären eine gut gestaffelte Sechs-Acht-Zehn-Besetzung. Durch die jüngsten Ausfälle (oder womöglich sogar Rotationen) musste im letzten Ligaspiel Innenverteidiger Bajric als Sechser auflaufen.

Zwei Niederländer als defensive Optionen

Der eigentliche Ersatzmann für die Sechs und auch ein potentieller Starter gegen Rapid ist der 26-jährige Niederländer Joeri de Kamps. Ein braver Abräumer vor der Abwehr ohne nennenswerte technische Vorzüge. Aber auch der etwas offensivere Ricky van Haaren, ebenfalls Niederländer, ist eine Option für das in seinen Positionen oft stark verschwimmende zentrale Mittelfeld Slovans. De Kamps wäre die Sicherheitsvariante, Van Haaren die riskantere – vor beiden braucht man sich nicht zu fürchten.

Montenegriner Savicevic gesetzt

Auf der Acht spielt mit dem Montenegriner Vukan Savicevic – nicht verwandt oder verschwägert mit „Il Genio“ – der sicherste Starter in der aktuellen Personallage. Er ist ein technisch guter Achter, der auch auf der Zehn spielen kann und ein gutes Auge für seine Mitspieler hat. Gleichzeitig ist er häufig zu lässig und spielt da und dort sogar aufreizend. Zudem sollte man ihn nicht schießen lassen.

Ex-Spanien-Legionär Drazic wird stärker

Zuletzt drängte mit dem 22-jährigen Dejan Drazic ein weiterer interessanter Akteur auf einen Platz im Zentrum. Eigentlich ist der Serbe, der zuletzt bei Celta Vigo spielte, dort aber hauptsächlich in der zweiten Mannschaft zum Einsatz kam, ein Linksaußen. Aber beim 3:1 gegen Balzan spielte er eine starke Partie auf der Zehn und bediente vor allem die Offensivreihe immer wieder mit intelligenten Pässen. Beide Treffer von Andraz Sporar bereitete er vor. Wenn sich die Ausfälle bewahrheiten – vor allem die von Holman und Rabiu – ist Drazic der logische Starter auf der Zehn.

Die Mittelfeldzentrale als große Unbekannte

Noch ist also recht unklar, wie das Zentrum von Slovan aussehen könnte. Es ist durchaus zu erwarten, dass einer der Fehlenden gegen Rapid wieder zurückkommt. Am ehesten Nono, aber auch eine Rückkehr von Holman ist nicht ausgeschlossen.

Sehr interessante, unangenehme Flügelbesetzung

Die Flügelbesetzungen sind hingegen klar und deutlich: Als Linksaußen ist der 24-jährige Marokkaner Moha gesetzt. Der 180cm große Rechtsfuß ist ein inverser Dribbler und erinnert in seiner Spielanlage bzw. seinem Laufspiel ein wenig an Philipp Schobesberger. Zugleich ist Moha aber auch viel zu ineffizient, verzettelt sich häufig, schließt nicht präzise genug ab oder dribbelt zu lange. Ihn dribbeln zu lassen, sollte dennoch verhindert werden. Gefährlicher ist aber der Rechtsaußen Aleksandar Cavric. Der 24-jährige Serbe kam 2016 von Racing Genk und spielte zuletzt eine richtig gute Saison für Slovan. Er ist teilweise etwas schlampig, zu lässig und wirkt in seinem Spiel auch mal arrogant, aber Cavric ist in erster Linie sehr schnell, sucht Schnittstellen und ist auch auf hohem Tempo recht passsicher und ausbalanciert. Er erinnert in seinem Stil ein wenig an den jungen Guido Burgstaller.

Die Alternativen: Eine nicht zu verachtende Option für die rechte Angriffsseite ist der mittlerweile 34-jährige Filip Holosko, der viele Jahre für Besiktas spielte und dort auch auf Rapid traf. Der 65-fache Teamspieler ist immer ein potentieller Einwechsler, wenn Slovan einen Treffer braucht.

Mittelstürmer Sporar beginnt zu treffen

Im Angriff spielt der 24-jährige Slowene Andraz Sporar, der in der Vergangenheit auch bei Rapid auf dem Einkaufszettel stand. Allerdings wechselte der Mittelstürmer 2016 nach Basel, wo er aber nie Fuß fassen konnte. Auch seine erste Halbsaison bei Slovan war eher durchwachsen, aber in der neuen Spielzeit scheint er in Fahrt zu kommen. Zwar vergibt Sporar zu viele Torchancen, aber die Tatsache, dass er überhaupt zu so vielen Chancen kommt, spricht absolut für ihn. Er hat schlichtweg sein Selbstvertrauen wiedergefunden, geht gute Wege und wird durch das sehr direkte Spiel Slovans unter Sevela immer wieder gut freigespielt. In der laufenden Saison erzielte er acht Tore in sechs Pflichtspielen. Da in der neuen Rapid-Abwehr das Spielen auf Abseits wohl noch nicht ideal funktionieren wird, ist eine Spezialbewachung des Angreifers anzuraten. In diesem Fall darf man gegen den torgefährlichsten Spieler der Slowaken also ruhig mal „auf Mann“ spielen.

Alternativen: Das einstige Top-Talent Boris Cmiljanic könnte mit seinen 192cm in brenzligen Phasen als Brecher gebracht werden. Der erst 17-jährige David Strelec ist wohl nur für den äußersten Notfall angedacht.

Neun Legionäre in der Startelf

Trainer Martin Sevela wird also eine Mannschaft aufs Feld schicken, die aller Voraussicht nach neun Legionäre beinhaltet. Die möglichen Ausfälle auf der Zentralachse sind bitter für Slovan und es ist nicht unbedingt zu erwarten, dass Sevela hier taktierte, um Rapid keinen Raum für Voranalysen zu lassen. Hundertprozentig nach seinem Wunsch wird der junge Trainer also nicht aufstellen können.

Die Übergangsproblematik

Im Zuge der jüngsten Transferpolitik vergaß man ein wenig auf den Spielaufbau und der Übergang vom erste ins zweite Drittel ist sicher eine der Schwächen des Teams, während man aber vom zweiten ins letzte Drittel sehr rasch kommt und sich so sehr viele Torchancen erarbeitet. Man könnte Slovan also – wie schon einst Trencin – im Spielaufbau so massiv unter Druck setzen, dass sie das Spiel nicht ordnen können. Das ist durchaus im Bereich des Möglichen, aber nur wenn man physisch stark und sehr intensiv an die Sache herangeht. Die Slovan-Mannschaft hat nämlich definitiv kein Mentalitätsproblem und kämpft äußerst hart um zweite Bälle. Auch simple, im Mittelfeld verlängerte Bälle sind bei Slovan häufig Quelle von Gefahr für den Gegner. Das hat aber nicht unbedingt etwas mit Glück zu tun, sondern eher damit, dass man sich in diese Situationen hineinkämpft.

Slovan muss „ermüden“

Probleme hat Slovan eher bei längerem, eigenem Ballbesitz. Wenn man im Gegenpressing oder gegen den Ball arbeiten muss, zeigt die Mannschaft starke, hochintensive Leistungen. Allerdings werden mehrere Spieler leichtsinnig und zu locker, wenn der Ball dauerhaft in den eigenen Reihen laufen soll. Wenn Rapid also gut zumacht und Slovan zum Verschieben und Verlagern gezwungen wird, werden den Slowaken Fehler unterlaufen. Was man keineswegs zulassen darf, sind schnelle, direkte, vertikal vorgetragene Angriffe, denn diese sind sicher die große Stärke Slovans. Wenn man aber geduldig angreifen muss, lässt man sich immer wieder zu einfach zu verteidigenden Halbfeldflanken hinreißen oder macht individuelle Fehler. Gerade im Auswärtsspiel sollte es also – auch in Anbetracht der Hitze – das Ziel sein, Slovan ein wenig einzulullen.

Rapid qualitativ besser – aber hohe Konzentration gefragt

Eine hohe Pressingintensität, volle Konzentration auf die zweiten Bälle in der Mittelfeldzentrale und das Leiten des Slovan-Aufbaus nach rechts. Das sind für Rapid die Schlüssel zum Erfolg gegen den aktuellen slowakischen Tabellenführer, der zwar über gute Spieler verfügt und das kämpferischere Team als Rapid stellt, qualitativ aber dennoch unter Rapid anzusiedeln ist. Wir beziffern die Chancen auf einen Aufstieg mit 70% pro Rapid.

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen