Nicht nur in Paris, sondern auch in Bratislava werden sich die Verantwortlichen gegen 19:41 gefragt haben, wie um alles in der Welt sie gegen...

Nicht nur in Paris, sondern auch in Bratislava werden sich die Verantwortlichen gegen 19:41 gefragt haben, wie um alles in der Welt sie gegen diese Salzburger ausscheiden konnten. Red Bull Salzburg ließ so ungefähr alles vermissen, was eine Mannschaft, die international erfolgreich sein will, auszeichnet.

Schon die Voraussetzungen vor dem Start waren mäßig. Geblendet vom wenig imposanten Namen stellte Ricardo Moniz ein Team auf, welches im Grunde genommen nur drei defensive Spieler umfasste. Neben der nominell besten, jedoch nicht wirklich eingespielten, Innenverteidigung mit Martin Hinteregger und Douglas da Silva spielten die gelernten offensiven Mittelfeldspieler Dusan Svento und Stefan Hierländer auf den Außenbahnen. Davor agierten auf einer Linie Simon Cziommer, Leonardo und Mendes da Silva. Jakob Jantscher und Gonzalo Zarate sollten um Neuzugang Jonathan Soriano herum spielen. Kein pfeilschneller Georg Teigl, kein echter Absicherer vor der Abwehr. Metalist-Trainer Myron Markevich entschied sich für ein 4-2-3-1, durfte sein Taktikheftchen allerdings bereits nach 20 Sekunden wegwerfen.

Worst-Case-Szenario

Eine schlechte Ballannahme von Douglas gleich nach dem Ankick nutze der 6-Millionen-Mann Taison zur frühen 1:0-Führung für das Oligarchen-Team. Die Bullen suchten die schnelle Antwort: Jantscher hob einen Freistoß aus aussichtsreicher Position über das Tor. Kurz darauf dribbelte sich Captain Leo in den Strafraum, wollte einen Elfer erzwingen. Das Schiedsrichterteam rund um Marijo Strahina entschied anders. Edmar hatte ihn zwar gerempelt, aber Millisekunden zuvor den Ball gespielt. Der Strafstoß wäre zwar vertretbar gewesen, die Pfeife blieb jedoch stumm. Ein schneller Ausgleich blieb den Hausherren verwehrt, so musste das Spiel neu geordnet werden.

Gutes Beobachten als Voraussetzung

Der Abwehrverbund der Ukrainer galt vor dem Spiel zwar als etwas wacklig, die frühe Führung spielte Kharkiv allerdings in die Karten. Soriano wurde gedoppelt, die Zentrale zugestellt. Noch dazu ließ Mendes alle Eigenschaften eines modernen Sechsers vermissen. Cziommer und Leonardo mussten sich weit zurückfallen lassen. Dabei zeigten die Bullen in der Anfangsphase sogar, wie es hätte gehen können: Douglas erkämpfte den Ball, Kollege Mendes nahm sich den Ball schnell mit und Soriano setzte Zarate auf der linken Außenbahn gut ein. Sein Ball aus dem Halbfeld auf Leonardo war allerdings nicht hoch genug. Das war aber eine von wenigen wirklich schnellen Aktionen. Die Gäste zwangen Salzburg durch aggressives Pressing zu vielen Fehlpässen und setzten immer wieder Nadelstiche. Die Zentrale um die erfahrenen Spieler Cziommer und Leonardo kam gar nicht zur Geltung. Dann folgte der Kapitalschnitzer von der Trainerbank.

Maierhofer kam viel zu früh

Nach 25 Minuten zerstörte Ricardo Moniz die Mannschaft, die endlich halbwegs Ordnung fand. Weil Soriano oft auf die Flanken auswich, kam Stefan Maierhofer für Douglas. Der Brasilianer war aber gerade dabei, Sicherheit zu finden. Warum er das tat, war unklar. Beim Stand von 0:1 nach nicht einmal einer halben Stunde die Brechstange auszupacken, wäre wohl nicht einmal Dietmar Constantini in seinen „besten“ Zeiten eingefallen. Zwar konnte die Aktion so gedeutet werden, dass Moniz auf das ukrainische Übergewicht in der Mitte reagierte, aber schwer zu verteidigen war das nicht. Die Anzahl der Defensivspieler reduzierte sich auf zwei (!). Die Bullen fingen sich aber in Folge weiter, zeigten ein paar gute Aktionen, die aber zu wenig „konkret“ waren. In der Offensive zeigte das 3-5-2 eine zarte Wirkung. Die Unzulänglichkeiten zeigten sich aber immer wieder bei schnellen Kontern. Nachdem Maierhofer sich in Minute 36 eine dumme gelbe Karte nach Weiterspielen trotz Abseitspfiff abgeholt hatte, kam es Schlag auf Schlag. Hierländer verlor Linksverteidiger Fininho aus den Augen, Jantscher unterstützte ihn nicht. Cristaldo konnte leicht bedrängt die scharfe, flache Hereingabe zum 0:2 verwerten. Als die Bullen noch diesen Treffer verarbeiteten, klingelte es schon wieder. Cristaldo und Taison „doppelpassten“ sich in den Strafraum und Walke musste in Minute 40 zum dritten Mal hinter sich greifen. Die Aktion startete an der Mittellinie, Cziommer und Mendes waren aber viel zu passiv.

Halbzeitfazit

Als Gedanken zur Halbzeit sollen die kurz nach dem Pausenpfiff notierten Sätze herhalten: „Totale Verunsicherung nach blödem, frühen Gegentor. Dann nur in der Mitte des ersten Durchgangs in der Lage, halbwegs was zusammen zu bringen. Aber wer sich drei Tore einfängt, macht einiges falsch. Metalist war näher am Mann, das war nach der frühen Führung aber auch einfach. In der Defensive aber konkreter. Die Salzburger mit wenigen Ideen, abhängig von Einzelaktionen. Da spielte kein Team, nicht mal Teamteile. Zentrale mit Mendes/Cziommer bzw. Cziommer/Leonardo noch mieser.“

Live-Innenverteidiger-Casting

Der einzige Fels in der Brandung, Youngster Martin Hinteregger bekam zu Beginn der zweiten Halbzeit einen neuen Partner. Der Finne Petri Pasanen kam für den angeschlagenen Mendes. Moniz castete live vor offiziell 8.100 Zuschauern ein Innenverteidigerpaar. Ab der 46. Minute befand sich das dritte Pärchen am Feld – nach zwei Versuchen ging der Trainer also zu seinem Stammpärchen aus dem Herbst zurück. Kurz nach Wiederanpfiff zeigten die Bullen auch offensiv ein paar gute Aktionen. Generell blieb das Spiel aber zu statisch und Metalist schob sich den Ball gegenseitig zu. Zumindest der Wunsch nach Schadensbegrenzung schien aufzugehen, wenn bei 0:3 überhaupt davon gesprochen werden konnte. Ab der 70. Minute waren die Salzburger endgültig gebrochen, zeigten lediglich Einzelaktionen. Defensivmann Lindgren hatte Zarate in Minute 63 ersetzt…

Wo bin ich hier gelandet?

Jonathan Soriano hatte das ganze Spiel immer wieder seine Klasse aufblitzen lassen. Mitte der zweiten Halbzeit ertanzte er sich gekonnt den Ball im Mittelkreis, wollte Maierhofer einsetzen, der zugegebenermaßen gerade am Weg irgendwohin war, aber nicht Richtung Tor. Der Spanier blieb fluchend stehen. Kurz später, nachdem Devic für Taison gekommen war, hatten die Bullen dank Soriano noch eine gute Freistoßmöglichkeit. Nach einem Flamenco am Sechzehner durfte Cziommer einen Freistoß über das Tor jagen. Vier Minuten später wollten Leonardo und der Neuzugang dann doch noch ein Tor erzielen, spielten sich technisch fein in den Strafraum. Die gute, flache Hereingabe fand aber keinen Abnehmer. In der 90. Minute fingen sich die Salzburger noch das vierte Gegentor ein. Diesmal griff Walke nach einem Konter, der von Devic abgeschlossen wurde, neben das Spielgerät.

Fazit

An dieser Niederlage ist der Trainer schuld. Die falsch eingeschätzte eigene Stärke, eine komplett verkorkste Aufstellung, skurrile Wechsel, ein Außenstürmer auf der Sechs, ein Zehner daneben, defensiv stark überforderte Außenverteidiger. Querverweise zu Dietmar Constantini sind zuzulassen. Aus den indiskutabel guten Einzelspielern hat es Moniz auch nach einem Jahr nicht geschafft, eine Mannschaft mit einem sinnvollen taktischen Konzept aufzustellen. Schon die nackten Zahlen zeigen, wie schlecht die Bullen waren: Daheim 43 Prozent Ballbesitz, zwei Schüsse auf das Tor, neun Abschlüsse insgesamt. Metalist, die nur kontern mussten, standen nicht einmal im Abseits!

Georg Sander, abseits.at

Georg Sander

  • pat

    17.Februar.2012 #1 Author

    „Schon die nackten Zahlen zeigen, wie schlecht die Bullen waren: Daheim
    43 Prozent Ballbesitz, zwei Schüsse auf das Tor, neun Abschlüsse
    insgesamt. Metalist, die nur kontern mussten, standen nicht einmal im
    Abseits!“

    oder sie belegen, was bereits nach den spielen der ukrainer gegen die austria zu sehen war: metalist spielt in einer anderen liga als österreichs ec fighter, aggressives pressing, ballsicherheit im aufbau etc.
    dass salzburg ihnen so entgegenkommt ist allerdings auch richtig

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  • Peda

    18.Februar.2012 #2 Author

    Alles richtig, nur dass Metalist auch hier noch unterschätzt wird.
    Die sind leider kein klingender Name, aber spielen ein Pressing, an dem nicht mehr viel verbessert werden kann. Und genau auf solches hat Salzburg keine passende Antwort, weil es das im Jahr höchstens dreimal sieht: eventuell zweimal in der EL Zwischenrunde und wenn man sich in der Vorbereitung einen ernstzunehmenden Gegner sucht.

    Salzburg (oder besser Moniz) war am Donnerstag zu naiv, aber das haben sie sich nicht verdient: als einzige Mannschaft international überwintert wurden sie von den Medien ignoriert, dann der Gegner kleingeredet und anschließend nach der Niederlage abgewatscht.

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  • sebold

    18.Februar.2012 #3 Author

    danke für die nahezu perfekte analyse, hervorzuheben ist, dass ihr die einzigen seid, die sorianos klasse und dessen einsatz richtig bewertet haben. bälle aus der eigenen hälfte geholt, versucht angriffe einzuleiten, leider hatte er eben nicht die passenden mitspieler. wenn ich an die bewertung in den sn denke, dann kommt mir jetzt noch das grausen, maierhofer schwach, soriano sehr schwach, unfassbar, welch unterschiedliche maßstäbe angelegt werden.

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