Eine kurze Zeit lang war er notentechnisch der beste Spieler der Ligue 1, obwohl er international ein unbeschriebenes und unbekanntes Blatt ist. Gregory Sertic... Gregory Sertic unter der Lupe (2) – Seine Dribblingstärke und Pressingresistenz

DribbelnEine kurze Zeit lang war er notentechnisch der beste Spieler der Ligue 1, obwohl er international ein unbeschriebenes und unbekanntes Blatt ist. Gregory Sertic rangierte bei WhoScored.com vor Akteuren wie Zlatan Ibrahimovic oder Falcao und zeigte zu Saisonbeginn und Mitte der Hinrunde einige tolle Leistungen. Aktuell ist es wieder etwas stiller um ihn geworden, obwohl er nach wie vor gute Leistungen bringt und zu den besten Spielern der bisherigen Saison in Frankreich gehört. Dabei könnte der Franzose mit kroatischen Wurzeln bei der Weltmeisterschaft sogar eine interessante Rolle spielen; seit Juni 2013 ist er für die kroatische Auswahl einsetzbar.

In diesem zweiteiligen Artikel werden seine Fähigkeiten kurz inklusive Videoanalysen und Spielerporträt präsentiert und eine mögliche Rolle in der kroatischen Nationalmannschaft aufgezeigt.

Wie schon am Ende des ersten Teils angekündigt besitzt Sertic auch einige starke Fähigkeiten in puncto Technik, Ballbehauptung und Dribbling, die in diesem Teil unter die Lupe genommen werden.

Dribblingstärke und Pressingresistenz

Ein Paradebeispiel für diese Fähigkeiten ist folgende Szene aus der Partie gegen Guingamp, wo sich Sertic technisch hochwertig unter Druck auf engem Raum durchsetzt – durchaus spektakulär.

Hier narrt Sertic seinen Gegenspieler zwei Mal mit einem guten Dribbling, dabei nutzt er beim zweiten den offenen Raum als Ausweichstation und kann sich befreien. Er hat nun Platz und Zeit, was für eine stabile Ballzirkulation bei Girondins sorgt. Ein potenzielles gegnerisches Pressing wurde damit sofort neutralisiert, der Gegner konnte keinen Druck erzeugen und Sertic hat eine zuvor unangenehme Situation entschärft.

Generell ist Sertic in solchen Situationen ziemlich pressingresistent, kann den Ball gut behaupten, abschirmen und visiert gut offene Räume in seiner Umgebung an, wodurch er sich ebenfalls Zweikämpfen oft entziehen kann. Im Verbund mit seinen schnellen und guten Pässen lässt er nur selten den Gegner an sich herankommen, wenn die Situation ihn nicht wirklich dazu zwingt. Durch diese Fähigkeiten ist er auch als offensiverer Sechser oder gar als Zehner einsetzbar, der in engen Räumen den Ball behauptet und verteilt.

Als Zehner kann er seinen Schuss ebenfalls besser einbringen.

Flanken und Schusskraft

Jetzt wird es nämlich spektakulär: Sertic versucht immer mal wieder einzelne Distanzschüsse, die ziemlich oft gefährlich werden und auch einige Male zum Tor führen. Kostprobe gefällig?

Ein wunderbarer Schuss aus der Distanz mit unglaublicher Wucht, der für den Torwart vermutlich trotz des Winkels, der Flugdauer und dem Einschlagspunkt praktisch unhaltbar sein dürfte. Sertic könnte als höher agierender Spieler oder mit mehr Freiheiten auf der Sechs bei passenden Anspielen in den Rückraum diese Schüsse noch öfter einsetzen. Ähnlich verhält es sich mit Flanken, die er ebenfalls immer wieder gut anbringt und schön platzieren kann.

Sogar hier zeigen sich seine Fähigkeiten als Flügelstürmer, die ihn nicht nur aus dem Spiel heraus, sondern auch bei Standards zu einer kleinen Waffe machen. In Anbetracht all dieser Eigenschaften, die auch zu einem guten Flügelstürmer gehören, ergibt sich natürlich eine Frage.

Wieso ist Sertic kein Flügelstürmer mehr?

Die Antwort ist eine einfache: Die Position kann er wegen der Eingrenzung der Outlinie, wegen mangelnder Schnelligkeit auf längeren Distanzen, einem mittelmäßigen Antritt und fehlender Wendigkeit und Tororientiertheit in seinen Bewegungen im letzten Drittel kaum optimal ausfüllen. Eine Ebene dahinter und in der Mitte kommen seine Fähigkeiten im Spiel mit und ohne Ball besser zum Tragen, auf den Seiten wäre seine Pressingresistenz und seine Übersicht auch anders und weniger effektiv eingebunden.

Zusätzlich ist er von seiner defensiven Spielweise her ebenfalls kein Akteur für den Flügel. Ein Flügelstürmer muss meistens weite Wege gehen, dynamisch seinen Mann verfolgen und lebt von seiner Schnelligkeit auf längeren Distanzen, insbesondere im offensiven Umschaltspiel bei Kontermannschaften. Sertic definiert sich defensiv anders.

Defensivstärke und Rustikalität

Im Spiel gegen den Ball ist Sertic nämlich etwas unsauber im Zweikampf, aber prinzipiell eigentlich sehr gut. Er ist zwar nur passabel im Verschließen von Räumen und in der Vermeidung von Löchern, doch kann dafür immer wieder mit guter Antizipation gegnerischer Angriffsbewegungen und dynamischen Zulaufen offener Räume und Gegenspielern glänzen. Besonders im höheren Pressing wirkt sich dies positiv aus, wo er intelligente Zwischenpositionen einnimmt, das Mittelfeldzentrum nicht verwaisen lässt, aber immer wieder versucht Zugriff nach vorne zu halten, um die Offensivspieler zu unterstützen.

Hier gibt es eine Szene zu seinem Verhalten in der Defensive aus dem Spiel gegen Nizza.

Man sieht, wie er intelligent seinen Gegenspieler in der Mitte verlässt und sich in den vom Gegner anvisierten Halbraum bewegt. Dort erzeugt er dynamisch Druck und kann – wenn auch etwas unsauber – den Ball erobern. Danach bekommt er den Ball in einer leicht unangenehmen Position wieder und spielt sofort einen intelligenten Pass auf den Mittelstürmer. Der Pass kommt dabei auch sehr gut in den offenen Raum Richtung Mitte, wodurch der Stürmer ihn vergleichsweise gut behaupten kann, leider gelingt ihm das nicht effektiv.

Auch dies ist ein Grund, wieso er als Sechser oder Achter besser aufgehoben ist, als beispielweise als Flügelstürmer. Er kann gut Angriffe im offensiven Umschaltmoment einleiten, wäre aber nicht dynamisch genug, um sie selbst nach Pässen durch schnelle Läufe nach vorne zu tragen.

Eine weitere Defensivaktion mit anschließend versuchtem Einleiten eines Angriffs kann man hier sehen.

Sertic verfolgt seinen Gegenspieler aggressiv, geht wieder mit viel Dynamik und etwas rustikal zu Werke, kann dadurch den Ball aber erobern. Er riskiert zwar einige Fouls, doch erzeugt viel Druck auf den Gegner in solchen Szenen. Nach der Balleroberung, wieder einmal ein bisschen unsauber, bekommt er den Ball vom Mitspieler zu gelupft und verhindert durch seinen schnellen intelligenten Pass eine unangenehme Drucksituation. Er kann wieder einen Angriff gut einleiten.

Sertic für Kroatien?

Diese Defensivstärke und die schon erklärten spielerischen Fähigkeiten würden ihn zu einer interessanten Option für die kroatische Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2014 machen. „Bordeaux´ Thiago Motta“, wie sein Trainer ihn bezeichnete, könnte Spieler wie Badelj, Rakitic, Modric und Kovacic in der Mittelfeldzentrale hervorragend ergänzen.

Eine Rautenformation mit Sertic vor der Abwehr, Rakitic und Modric auf den Halbpositionen und Kovacic auf der Zehn (oder im flexiblen Wechsel oder Rakitic auf der Zehn) wäre zum Beispiel eine Möglichkeit. Auch das oft genutzte 4-1-3-2 mit einrückenden Flügelstürmern oder ein 4-4-1-1 mit kreativen Außenspielern im Mittelfeld könnte eine Möglichkeit sein. Rakitic hat schon öfters in der Nationalmannschaft auf dem Flügel gespielt, Modric ebenfalls und Kovacic würde diese Rolle ebenfalls beherrschen; Sertic würde dann mit einem von diesen Dreien die Doppelsechs bilden, die beiden anderen könnten die Außen übernehmen.

Am wahrscheinlichsten dürfte aber eine Asymmetrie sein, wo die Doppelsechs von zwei spielstarken Akteuren besetzt wird, ein Flügelstürmer einrückend agiert und der zweite eher klassisch. Ob Sertic da seinen Platz findet, ist natürlich noch abzuwarten. Niko Kovac besitzt einige Spieler zur Auswahl und wenn er nicht ein revolutionäres 2-7-1 mit fünf Achtern ausprobiert, ist für Sertic womöglich kein akuter Bedarf vorhanden.

Zum Abschluss gibt es noch ein gesamtes Spiel von Gregory Sertic – gegen Stade Rennes.

René Maric, www.abseits.at

Rene Maric

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