Die Alt-Legenden, sie haben es schwer. Selbst Herbert Prohaska betont, dass er „nur“ zum Jahrhundertspieler seiner Veilchen gewählt wurde; Spieler aus der Fußball-Steinzeit, wie... G’schichterln ums runde Leder (13) – Vergessene Legenden: Von Torfabriken, mehrfachen Meistern und Weltreisenden

Die Alt-Legenden, sie haben es schwer. Selbst Herbert Prohaska betont, dass er „nur“ zum Jahrhundertspieler seiner Veilchen gewählt wurde; Spieler aus der Fußball-Steinzeit, wie Camillo Jerusalem, Ludwig Hussak oder selbst der größte österreichische Mittelstürmer aller Zeiten Matthias Sindelar, hätten es bei der Wahl anlässlich des 100. Geburtstags der Wiener Austria schwer gehabt: Man kann sich keine YouTube-Clips von ihnen anschauen und selbst die Großväter aktiver Fans wissen nur mehr sehr vereinzelt von den Genannten zu berichten. Vielen ist heute gar nicht mehr bekannt, dass die Protagonisten der Donau-Fußballschule einst zu den besten Europas gehörten. Der Weg, den der österreichische Fußball genommen hat, ist – so betrachtet – einfach tragisch. Um wieder mit Prohaska zu enden: Jahre ist es her, dass ihn ein Hosenmatz im Inter-Trikot verwundert ansah, als „Schneckerl“ erzählte, er habe früher für die Blau-Schwarzen in der Serie A gekickt. „Da warst du aber nur Ersatz, gelt?!“, antwortet der Bub, der heute vermutlich erwachsen ist und es besser weiß.

Rekordbomber mit Paprika

Rund 40 Jahre vor Ferenc Puskás erblickte eine andere ungarische Fußballlegende das Licht der Welt in Budapest. Die Rede ist von Imre Schlosser, Meistertorschütze der hiesigen Liga. Der 1889 geborene Schlosser, der „Slozi“ gerufen wurde, begann bei Remeny FC mit dem Kicken. Ab seinem 15. Lebensjahr stürmte der Supertechniker für Ferencváros. Drei Jahre später wurde er mit den Weiß-Grünen erstmals Meister. Es sollten noch fünf Titel und ein Pokalsieg folgen, an denen Schlosser mit seinen Toren maßgeblichen Anteil hatte. Der Ausnahmetechniker wurde sechs Mal – davon vier Mal in Folge – Torschützenkönig der ungarischen Liga. Bei Ferencváros Rivale MTK holte Schlosser später ebenfalls sechs nationale Meistertitel.

Er zerbombte die Liga. Seine atemberaubende Statistik kann heute niemand mehr egalisieren: 1917/18 erzielte er 41 Tore in 22 Spielen, kurioserweise wurde er aber von seinem Kollegen Alfréd Schaffer mit 42 Toren sogar noch übertroffen. Am Ende von „Slozis“ Karriere standen dreizehn ungarische Meistertitel, zwei Pokalsiege, sieben Torschützenkanonen zu Buche. In 301 Ligaspielen erzielte er 411 (in Worten: Vierhundertelf!) Treffer. Auf nationaler Ebene schoss er in 68 Länderpflichtspielen 59 Tore. Schlosser war der erste Spieler, der 30 Länderspieltore auf dem Konto hatte. Sein Weltrekord von 59 Länderspieltoren wurde erst am 25. November 1953 von Puskás überboten.

Schlosser war schon ab der Saison 1922/23 Spielertrainer. Er arbeitete in seiner Heimat, in Schweden, Polen und zuletzt Österreich. Am 19. Juli 1959 starb der Ex-Angreifer in seiner Heimatstadt. Er wurde auf dem Farkasréti-Friedhof beerdigt. Sein Grab schmückt ein steinerner Fußball.

Jimmy spielt auf 

Heute kennt man auf der ganzen Welt einen James, der 1975 in Essex geboren wurde: Jamie Oliver ist von Peking bis Paris berühmt für seine lockere Art den Kochlöffel zu schwingen. Er verdient sein Geld mit Restaurants, Büchern, Küchenzubehör, TV-Serien und zahlreichen Kampagnen. 35 Jahre vor ihm wurde ein anderer James in der nordöstlich von London gelegenen Grafschaft geboren, der ebenfalls eine Koryphäe in seinem Metier war, doch heute kaum mehr in der öffentlichen Wahrnehmung des Königreiches vorkommt: Jimmy Greaves.

1940 wurde der spätere Kicker als James Peter Greaves in Manor Park geboren. Jimmy zerriss seine ersten Fußballschuhe bei Chelsea, für deren Jugendmannschaft er als Schüler gescoutet wurde. Schon damals machte er mit Toren am Fließband von sich reden, sodass er mit 17 Jahren in die Kampfmannschaft hinaufgezogen wurde. Greaves war noch vor seinem 21. Geburtstag, der erste Spieler Englands, der 100 Tore erzielte.

Irgendwie schienen ihm seine Tore jedoch kein Glück zu bringen: Die Blues brauchten Geld und verscherbelten ihren jungen Superstar einfach an den AC Milan. Greaves schoss neun Tore in zwölf Spielen für die Mailänder, kam aber nicht mit Trainer Nereo Rocco zurecht und verließ den Klub trotz Meisterschaftsgewinn nach nur einer Spielzeit.

Im Nationalteam feierte Greaves als 19-jähriger sein Debüt und stand in 57 Matches auf dem Platz, wobei er 44 Tore erzielte. Doch in dieser Statistik ist leider nicht zu lesen, dass Greaves auch auf nationaler Ebene um seinen großen Moment vom Schicksal betrogen wurde. Bei der Weltmeisterschaft ’66 stand der Stürmer in allen drei Gruppenspielen auf dem Feld. Doch im Spiel gegen Frankreich verletzte ihn ein Gegenspieler und sein Ersatzmann Geoff Hurst erspielte sich mit dem Siegestreffer im Viertelfinale einen Stammplatz und avancierte mit drei Treffern im Endspiel zum Man of the Match„Ich habe das Spiel meines Lebens verpasst und das tat sehr weh!“, musste der Offensivspieler später zugeben. Der viertbeste Torschütze der „Three Lions“ lief danach nur mehr in drei Spielen für die Nationalmannschaft auf. Bezeichnend, dass man mit der Tormaschine heute meist jene Szene verbindet, als ein Hund während der Endrunde in Chile aufs Spiel lief und Tierfreund Greaves aufs Trikot pinkelte.

Seine glücklichste Zeit verlebte der Topscorer wohl in seinen neun Jahren bei Tottenham. Mit den Spurs holte er zweimal den FA-Cup sowie den UEFA-Europapokal. Er schoss in 321 Spielen 220 Toren und ist Rekordtorschütze der Londoner. Die Fans vergötterten ihn, doch Jimmy kämpfte gegen einen Dämon: Er trank zu viel, wurde alkoholsüchtig. Als er zu West Ham United wechselte, konnte er nicht mehr an frühere Leistungen anknüpfen. 1980 beendete er schließlich bei Woodford Town seine Laufbahn. Seit seinem 38. Lebensjahr ist der Ex-Profi trockener Alkoholiker und hat eine TV-Karriere begonnen. Vor drei Jahren erlitt der sechsfache Torschützenkönig der First Division einen Schlaganfall und sitzt seither im Rollstuhl.

Das Phänomen aus Paraguay

Das Estadio Arsenio Erico liegt in Paraguays Hauptstadt Asuncion und fasst 10.000 Zuschauer. Benannt ist es nach Arsenio Erico, der 1915 in Asuncion geboren wurde. Für Real-Legende Alfrédo di Stefano oder Brasiliens Superstar Leonidas da Silva ist Erico einer der besten Spieler der Welt gewesen, in Europa kennt ihn jedoch kaum jemand.

1933 begab sich der Stürmer wegen des Chacokrieges auf eine Reise nach Argentinien. Der Streit zwischen einer bolivianischen und paraguayischen Ölfirma entzündete einen Krieg zwischen den beiden Länder und das bedeutete für Erico seine Heimat und seinen Verein Club Nacional hinter sich zu lassen. Er machte auf einer vom Roten Kreuz organisierten Tournee in 26 inoffiziellen Länderspielen 56 Tore. Mit seinem Engagement beim argentinischen Klub CA Independiente war seine Karriere in der paraguayischen Nationalmannschaft, die offiziell nie begonnen hat, beendet. Ein Angebot der Albiceleste lehnte der Angreifer mit Hinweis auf seine Herkunft ab, stattdessen machte er bei seinem Klub Tore wie am Fließband. Der damals erst 18-jährige sollte in dreizehn Saisonen 293 Tore in 325 Pflichtspielen machen. Gemeinsam mit dem Argentinier Ángel Labruna ist Erico heute der Spieler mit den meisten Toren in der Primera División. Ericos Quote – er traf in 88% seiner Ligaspiele – bleibt allerdings unerreicht.

Aufgrund seiner grazilen Ballführung wurde der Stürmer „El Saltarín Rojo“ (Der rote Tänzer) genannt und inspirierte sogar Romanschriftsteller: „Er war ein Zauberer, konnte ohne Anstrengung in die Luft springen und sein Kopf war immer höher als die Hände des Tormanns.“ Schon als Bub zog Erico die Aufmerksamkeit der Nachbarskinder auf sich, als er mit Orangen gaberlte. Fußball lag ihm einfach im Blut, denn schon sein Vater hatte für Nacional gekickt.

Der Offensivspieler ließ seine Laufbahn zunächst ab 1946 bei CA Huracán in Buenos Aires und spätere in seiner Heimat bei seinem alten Club Nacional ausklingen. Er arbeitete kurzfristig als Spielertrainer, war aber nicht sehr erfolgreich. 1960 heiratete Erico und zog sich ins Privatleben zurück. Seine abgenutzten Menisken bereiteten ihm Probleme, ein Arzt empfahl ihm schließlich, das linke Bein amputieren zu lassen. Der Spieler ging auf diesen Vorschlag ein und verstarb Jahre später am 23. Juli 1977 an den Komplikationen dieser Operation.

Am Ende stehen drei argentinische Meistertitel für einen Spieler, der „fenómeno“ genannt wurde. Di Stéfano sagte: „Erico war anders als jeder, als jeden, den ich je sah.“

Aus Koblenz für die Welt

Rudi Gutendorfs Reise begann 1926 in Koblenz. Ab seinem 18. Lebensjahr spielte er als Rechtsaußen zehn Jahre lang für den TuS Neuendorf, dem heutigen TuS Koblenz. 1954 begann er mit dem Erwerb der Trainerlizenz Nr. 330 seine Laufbahn als Fußballlehrer. Ein Jahr später coachte er FC Blue Stars Zürich, es folgte Luzern ehe Gutendorf seine Zelte in Tunesien aufschlug.

Seine Halbwertszeit als Coach dauerte zwischen wenigen Wochen bis zu zwei Saisonen. Doch das war ihm meist ganz recht: Ich bin ja selten länger als zwei Jahre irgendwo geblieben, wollte immer etwas Neues machen.“. „Rudi Rastlos“ ist als Trainer mit den meisten Auslandsengagements Rekordhalter und verfügt über einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde: 55 Stationen in 30 Ländern hat er beehrt. Gutendorf war unter anderem Nationaltrainer von Australien, Fidschi, Nepal, China und Ruanda. In der deutschen Bundesliga arbeitete er sowohl bei renommierten Vereine wie dem HSV, Hertha BSC und Schalke 04 als auch bei Kultklubs wie TB Berlin oder Fortuna Köln. 1987 erschien Gutendorfs erstes Buch „Ich bin ein bunter Hund“, zwei weitere über seine Wanderarbeit rund um den Globus sollten folgen.

Der heute 92-jährige wurde mit dem MSV Duisburg Vizemeister und qualifizierte sich mit der chilenischen Auswahl für das Play-off-Spiel der WM 1974 gegen die UdSSR. Diese KO-Matches sollte er jedoch nicht mehr als Nationaltrainer erleben: „Mir kam quasi der Militärputsch dazwischen und da ich ein Freund von Ministerpräsident Allende war, musste ich um mein Leben fürchten. Die Militärs haben damals keine Mätzchen gemacht und Sympathisanten von Allende rasch weggefangen. Der deutsche Botschafter in Santiago hat mich aber rechtzeitig gewarnt, und wir sind beide mit der letzten Lufthansa-Maschine aus Chile geflohen.“, erinnert sich der Weltenbummler.

Die Bundesrepublik Deutschland ehrte ihren Fußballbotschafter mehrfach. Gutendorf, der erst mit 62 Jahren Vater wurde, lebt heute mit seiner Familie in Rheinland-Pfalz und coacht immer noch eine Promimannschaft. 2016 erklärte er, er sei immer noch bereit im Fußballgeschäft mitzumischen: „Mein großer Wunsch ist es, als Mentor, als Berater mit Kompetenzen noch einmal einzusteigen.“ 

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag