Am Sonntag hat er es schon wieder getan. Diesmal zwar „nur“ mit einem Tor, dennoch war er der Hauptdarsteller beim 2:1-Heimsieg von Udinese Calcio... Antonio Di Natale – die friulische Lebensversicherung

Am Sonntag hat er es schon wieder getan. Diesmal zwar „nur“ mit einem Tor, dennoch war er der Hauptdarsteller beim 2:1-Heimsieg von Udinese Calcio über Chievo Verona.

Antonio Di Natale heißt jener Mann, der Udinese seit Jahren nicht nur in der Serie A gut mithalten sondern sogar von Glanzauftritten auf europäischem Parkett träumen lässt. Der gebürtige Neapolitaner ist hauptverantwortlich dafür, dass die Norditaliener für eine kurze Zeit an der Tabellenspitze standen. Juventus Turin erreichte allerdinsg am gestrigen Abend eine 1:1-Unentschieden gegen AS Roma und übernahm aufgrund der besseren Tordiffernz wieder den ersten Platz.

Der Begriff Tormaschine mag im Fußball etwas überstrapaziert sein, auf Antonio Di Natale passt er wie die Faust aufs Auge. „Totó“, wie die Tifosi ihren Vereinshelden liebevoll rufen, absolvierte bislang alle 13-Serie A-Spiele für Udinese, in denen er zehn Mal traf. Gelingt seiner Mannschaft ein Treffer, hat Di Natale seine Beine praktisch immer im Spiel. Wenn nicht als Vollstrecker, dann als Vorbereiter. Denn Di Natales größte Stärke ist seine Vielseitigkeit.

Lehrreiche Jahre in der Serie C

Alles begann für den 1,70m großen, wendigen und technisch beschlagenen Angreifer bei Empoli. 1996 gab er 19-jährig sein Debüt für die Toskaner. Nach Anlaufschwierigkeiten wurde Di Natale von 1997-1999 zu unterklassigen Vereinen verliehen. Seine Stationen hießen Iperzola, Varese und Viareggio. Beim zuletzt genannten Klub konnte sich Di Natale das erste Mal ein bisschen ins Rampenlicht spielen, erzielte 12 Treffer in 25 Spielen. Die Aufmerksamkeit, die ihm zu Teil wurde, war groß genug, um Empoli davon zu überzeugen, ihn zurückzuholen.

Eine Entscheidung, die der Verein nicht bereuen sollte. In 158 Spielen durfte Totó 49 Mal über einen Treffer jubeln und war somit maßgeblich daran beteiligt, dass sich Empoli über Jahre hinweg in der Serie A etablierte und sogar einmal im UEFA-Cup mitmischen durfte. Der Angreifer traf so zielsicher, dass Giovanni Trapattoni 2002 nicht umher konnte, ihn in die Squadra Azzurra einzuberufen. Sein erstes Tor erzielte Di Natale 2004 im Freundschaftsspiel gegen Tschechien. Als Empoli im selben Jahr wieder den Gang in die zweithöchste Spielklasse antreten musste, schlug Di Natale aus seinem guten Ruf Kapital und wechselte in den Friaul zu Udinese Calcio.

Dort bildete er gleich im ersten Jahr ein gefährliches Sturm-Trio mit Vincenzo Iaquinta (heute bei Juventus Turin) und David Di Michele (derzeit US Lecce). So gefährlich, dass Udinese in der heimischen Liga den vierten Platz erreichte und somit international vertreten war. In der Saison 2005/2006 traf er  sowohl in der Liga, in der Coppa Italia, im UEFA-Cup als auch in der Champions-League – ein Kunststück, das er als einziger italienischer Spieler vollbrachte. In den beiden darauffolgenden Spielzeiten durfte Totó insgesamt 28 Mal über ein Tor jubeln.

Auf dem Weg zur Legende

In der darauffolgenden Saison spielte „Il Capitano“ eine für seine Verhältnisse mäßige Saison, in der ihm „nur“ 12 Treffer gelangen. Umso zielsicherer traf Di Natale in den beiden folgenden Spielzeiten. 2009/2010 hielt er seinen Verein praktisch im Alleingang am Leben, seine unglaubliche Ausbeute von 29 Toren rettete Udinese vor dem Abstieg. Es war die erste Saison, in der sich seine enorme Bedeutung für die Schwarz-Weißen in Zahlen so stark manifestierte. Drei Mal schlug Totó gleich doppelt zu, zwei Mal sogar dreifach. Die Torjägerkrone war die logische Konsequenz.

In der letztjährigen Saison führte der Kapitän sein Team auf den vierten Platz, die Champions League-Qualifikation (in der Udinese knapp an Arsenal scheiterte) war der gerechte Lohn. Di Natales Arbeitsnachweis: 28 Volltreffer, davon vier Doppelpacks, drei Hattricks. Der zweifache Familienvater traf nach Belieben und erhielt am Ende wenig überraschend wieder die Auszeichnung zum „Capocannoniere“, zum Torschützenkönig.

Mit 124 Toren ist Di Natale Rekordtorschütze seines Vereins. Doch wer den Stürmer kennt, der weiß, dass er immer bereit wäre, auf ein paar Tore zu verzichten, stattdessen viel lieber mehr Punkte auf der Habenseite seines Vereins sehen würde.

Karriere-Ende in Schwarz-Weiß

Trotz der hervorragenden Entwicklung des Vereins, der jedes Jahr viele junge, hochtalentierte Spieler herausbringt und teuer verkauft (zuletzt Alexis Sanchez zum FC Barcelona), wird Di Natale mit Udinese wohl nie einen Titel gewinnen können. Neben Geld, das es woanders in größerem Ausmaß geben würde, ein guter Grund, um zu einem größeren Verein zu wechseln. Im Sommer dieses Jahres setzte Juventus alles daran, den Torjäger zu verpflichten – ohne Erfolg. „Ich habe dem Präsidenten geschworen, meine Karriere bei Udinese zu beenden. Und mein Wort ist mehr wert als jede Unterschrift auf einem Vertrag.“ Beruhigende Worte für die Tifosi.

Udinese Calcio setzt seit einigen Jahren ganz besonders auf junge Talente. Im aktuellen Kader befinden sich schon die nächsten aussichtsreichen Kandidaten auf einen Transfer zu einem größeren Klub, allen voran mit Kwadwo Asamoah und Mauricio Isla.  Auch was die Entwicklung der Nachwuchsspieler betrifft, ist Di Natale – auf und neben dem Platz –  ein entscheidender Faktor geworden.

Arbeiter und Filigrantechniker in Personalunion

Doch was macht den mittlerweile 34-Jährigen so unverzichtbar – und zum Schrecken aller Torhüter? Zum einen ist es die Erfahrung, die der Angreifer über Jahre hinweg gesammelt hat. Di Natale spielt heuer seine achte Saison für Udinese, er kennt die Liga und weiß über die Stärken und Schwächen seiner Gegner Bescheid. Er ist ein Stürmertyp, der sich auf dem Feld für nichts zu schade ist, die Bälle oft weit aus dem Mittelfeld holt. In Italien nennt sich seine Positionsbeschreibung „seconda punta“, hierzulande „hängende Spitze“. Beim Ausfüllen dieser Rolle kommt ihm seine technische Raffinesse zugute, durch die er durchaus ein, zwei Gegenspieler stehen lassen kann. Hinzu kommt eine große Ballsicherheit, die ihm zum Ruhepol im Spiel von Udinese werden lässt. Ebenso aus Freistößen und mit Fernschüssen ist er brandgefährlich.

In der Nationalelf erarbeitete sich Di Natale in den letzten Jahren als universell einsetzbarer Spieler ein gewisses Standing. Unter Marcello Lippi zählt er stets zum Stammpersonal, durfte die Squadra Azzurra auch schon als Kapitän aufs Feld führen. Bei der Euro 2008 und der WM 2010 war Totó mit dabei. Da nun unter Nationaltrainer Cesare Prandelli nun langsam der Generationenwechsel vollzogen wird, dürfte Di Natale für die Überlegungen zur Euro 2012 nur noch eine untergeordnete Rolle spielen. Nachdem Giuseppe Rossi und Antonio Cassano aber lange ausfallen, gibt es nicht wenige, die den sympathischen Angreifer zurück in den Kader der Nationalmannschaft fordern.

Tabellenführung unterm Christbaum?

Am 21. Dezember empfängt Udinese im Nachholspiel der ersten Runde Juventus, aller Voraussicht nach zum Kampf die „Winterkrone“. Und auch wenn niemand so recht an einen Meister aus Udine glaubt, wäre es nicht verwunderlich, würden zu Weihnachten Totó & Co. von der Tabellenspitze lachen, nicht nur, weil „Natale“ im Italienischen Weihnachten bedeutet.

„Ohne Titel biste nichts“ sagte einst Leverkusens ehemaliger Geschäftsführer Rainer Calmund. Für Udinese Calcio ist Antonio Di Natale fast alles – ganz gleich, ob mit oder ohne Titel.

bsc, abseits.at