Immer mehr Trainer auf höchstem Niveau hatten keine erfolgreiche oder gar keine professionelle Fußballerkarriere. Dieses Jahr stehen allerdings im Champions-League-Finale zwei Trainer, welche beide... Die 80er-Version von Luka Modric: Carlo Ancelotti als aktiver Spieler

AC MilanImmer mehr Trainer auf höchstem Niveau hatten keine erfolgreiche oder gar keine professionelle Fußballerkarriere. Dieses Jahr stehen allerdings im Champions-League-Finale zwei Trainer, welche beide als das „Herz“ ihrer Mannschaft galten und international eine große Rolle spielten – Diego Simeone bei Atlético Madrid und Carlo Ancelotti, welcher bei AC Mailand als Spieler für Furore sorgte. Doch insbesondere Ancelottis Leistungen als Spieler sind heutzutage fast vergessen. Dabei finden sich in seiner Spielweise und seiner Karriere einige Hinweise auf die Spielweise seiner Mannschaft.

Sechser in einem revolutionären System

Ancelotti spielte in der großen Mailänder Mannschaft der späten 80er unter Arrigo Sacchi, welche als letzte Mannschaft den Meisterpokaltitel (jetzt Champions League) verteidigen konnte (1989) und auch später eine gesamte Ligasaison in der hochqualitativen Serie A in der Saison 1991/92 ohne Niederlage blieb. Bis heute wird diese Zeit des AC Mailand unter Arrigo Sacchi immer wieder als eine der besten Mannschaften aller Zeiten bezeichnet. Dies liegt nicht nur an ihren Erfolgen, sondern auch an ihrer Spielweise.

In den 80ern lag der Fußball taktisch in gewisser Weise am Boden; die Manndeckung und der Libero hatten sich flächendeckend durchgesetzt, in vielen Ligen kam noch ein enormer Defensivfokus hinzu. Arrigo Sacchi hingegen verband „alte“ Aspekte wie die Viererkette, die Raumdeckung und das Pressing mit der Athletik des modernen Fußballs und einer starken Ballorientierung im Verschieben, was im Gesamtpaket oftmals als „Raumverknappung“ bezeichnet wird. Diese hohe Intensität und Kompaktheit, die daraus entstand, machte den AC Mailand zur spielerisch und taktisch stärksten Mannschaft Europas zu jener Zeit und zu einer Blaupause für den modernen Fußball.

In diesem System spielte Ancelotti lange Zeit eine Schlüsselrolle. Mit Frank Rijkaard, aber auch anderen Partnern auf der Doppelsechs im 4-4-1-1, kümmerte er sich defensiv um die Balleroberung und das Absichern des Pressings vorne und offensiv um das Einleiten von Angriffen und die Ballzirkulation. Häufig wird nämlich bei der Spielweise des AC Mailand und dem Fokus auf ihre defensiven Errungenschaften ihr hervorragendes Ballbesitzspiel vergessen, an welchem Ancelotti maßgeblich beteiligt war.

Allrounder und Mittelfeldstratege

Ebenso wie Rijkaard war Ancelotti die ideale Besetzung einer überaus komplexen Position. Beide waren offensiv und defensiv sehr gut, konnten sich im direkten Zweikampf die Bälle holen, versperrten Passwege gut, hatten eine tolle Technik und waren sehr aktiv im Vorwärtsgang, wo sie mit viel Laufarbeit und intelligentem Freilaufen die Mitte besetzen konnten. Rijkaard war hierbei der körperlich (noch) stärkere Akteur, der über seine Physis extrem viel abräumen konnte. Ancelotti hingegen war eher der Spielbestimmer der beiden und der primäre Ballverteiler im Aufbauspiel.

Ursache dafür war nicht unbedingt eine mögliche Überlegenheit gegenüber Rijkaard, sondern schlicht die leicht unterschiedliche Verteilung ihrer Stärken. Ancelotti war herausragend im Anvisieren der richtigen Räume in seinem Passspiel, konnte sehr empathische und intelligente lange Bälle spielen, welche auch die Dynamik der gegnerischen Bewegung und seiner Mitspieler berücksichtigten. Dies ermöglichte ihm seine sehr gute Ball- und Passtechnik; auch unter Druck konnte er den Ball behaupten, legte sich den Ball bei der Ballannahme sofort in den freien Raum weg vom Gegner und spielte dann den aus dieser Position bestmöglichen Pass.

Obwohl er nicht der dynamischste war – wie z.B. Rijkaard –, konnte er sich durch seine intelligente Ballverarbeitung, seine Spielintelligenz, sein antizipatives Freilaufen und seine starken Fähigkeiten in der Drehung mit Ball am Fuß oftmals aus engen Drucksituationen befreien. Nach diesen Befreiungen war er im Stande strategisch geschickte Optionen zu wählen: Er wechselte stabilisierende Rückpässe auf die Innenverteidiger, Kurzpässe auf ballnahe Spieler, horizontale Seitenverlagerungen auf die Außenverteidiger mit Schnittstellenpässe ins letzte Drittel, langen Diagonalbällen auf die Flügelstürmer oder auch Distanzschüssen von ihm selbst ab. Dadurch konnte er zwischen Raumgewinn mit sicheren Pässen oder versuchten Angriffsabschlüssen durch tödliche Pässen variieren, was ihn als Sechser sowohl für eine Konter- als auch eine Ballbesitzmannschaft prädestiniert. Letzteres liegt ihm dank seiner intelligenten Suche nach offenen Räumen im Spielaufbau allerdings mehr. Dadurch und insgesamt mit seinem Fähigkeitenprofil ähnelt er sogar in gewisser Weise einem Spieler, welcher unter ihm aktuell zum Schlüsselspieler bei Real Madrid geworden ist.

Der Modric der 80er

Noch in der vergangenen Saison galt der kroatische Spielmacher Luka Modric als Flop und Fehleinkauf. Unter Carlo Ancelotti nimmt er nunmehr eine Schlüsselrolle ein und ist für viele der beste zentrale Mittelfeldspieler der Welt in dieser Spielzeit. Interessant ist hierbei, dass sich Modric und Ancelotti in vielen Aspekten ähneln. Dies betrifft einerseits ihre strategische Entscheidungsfindung, wo sie häufig gleiche Lösungswege in schwierigen Situationen finden. Viel stärker zeigt es sich aber in ihren Aktionsradien.

Im ersten Drittel ließ sich Ancelotti beispielsweise gerne nahe zwischen die beiden Innenverteidiger zurückfallen, drehte dabei sein Gesicht und somit sein Sichtfeld dem größeren Teil des Feldes horizontal zu und konnte dadurch Bälle direkt in der Drehung verarbeiten und auch die heranrauschenden Gegner beobachten. Ballverluste – selten. Auch kommen beide tief und holen sich die Bälle vor den Innenverteidigern ab, aber kippen selten zwischen diese und spielen eigentlich nie als situativer Libero, wie es z.B. Bastian Schweinsteiger gerne macht.

Bei den Bewegungen im zweiten Spielfelddrittel ist es ähnlich. Ancelotti und Modric gehen beide gerne in den defensiven Halbraum und in eine intelligente, ambivalente Position. Sie können dann mit den Außenverteidigern kombinieren, diese bei aufrückenden Bewegungen absichern oder sich schnell in die Spielfeldmitte drehen, um gefährliche Vertikalpässe oder lange Verlagerungen zu spielen. Desweiteren entziehen sie sich auch hier dem Zugriff des gegnerischen Pressings und überladen lokal. Bei Ancelotti hatte dies unter Sacchi auch den Effekt, dass sich Gullit und Rijkaard zentral positionieren oder gar die Position tauschen konnten.

Teilweise ist die Ähnlichkeit sogar bei der Lauf- und Dribbeltechnik zu erkennen; Ancelotti nutzte gerne viel Effet im Passspiel und setzte sich im Dribbling oft mit einer Körpertäuschung nach innen und darauffolgendem Auswärtshaken durch. Beides kennt man von seinem Spieler Modric ebenso. Natürlich gibt es aber auch kleinere Unterschiede.

Im Defensivzweikampf und dem Attackieren des Gegners definierte sich Ancelotti eher durch seine Wucht und Kraft, als über die Dynamik und Geschicklichkeit wie Modric, wobei beide hier für spielmachende Sechser enorm stark und effektiv sind beziehungsweise waren. Der größte Unterschied ist jedoch im Dribbling zu finden. Zwar war Ancelotti ebenfalls sehr ruhig und überaus pressingresistent, dabei aber nicht so dynamisch, raumgreifend und im Stande mehr als einen oder zwei Spieler stehen zu lassen, wie es Modric vermag. Ein undynamischer Modric quasi, der heutzutage im modernen Gegenpressing des Gegners nach Balleroberungen nicht ganz so pressingresistent wie der Kroate wäre, aber fast schon perfekt als „80er-Version“ zu bezeichnen ist.

René Maric, www.abseits.at

Rene Maric

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