In dieser Rubrik gehen wir auf einzelne fixe Transfers zumeist größerer Vereine ein und beleuchten Hintergründe und Motive. Wieso holt eine Mannschaft diesen Spieler?... Transfers erklärt: Darum wechselt Marc-Andre ter Stegen zum FC Barcelona

FC BarcelonaIn dieser Rubrik gehen wir auf einzelne fixe Transfers zumeist größerer Vereine ein und beleuchten Hintergründe und Motive. Wieso holt eine Mannschaft diesen Spieler? Wer ist dieser Spieler überhaupt? Was erwartet sich sein neuer Verein von ihm? Kann er die Erwartungen in seinem neuen Verein erfüllen? Diese Fragen sollen beantwortet werden. In dieser Ausgabe blicken wir auf den ersten Wechsel des FC Barcelona für die neue Saison.

Zwei Tage nachdem der FC Barcelona im direkten Duell gegen Atletico Madrid die letzte Chance auf die Meisterschaft verspielt hat gaben die Katalanen die ersten Änderungen für die neue Saison bekannt. So kehren die zuletzt verliehenen Gerard Deulofeu und Rafinha Alcantara wieder zurück und übernimmt Luis Enrique das Traineramt. Während diese drei allesamt eine FCB-Vergangenheit haben betritt Marc-Andre ter Stegen Neuland.

Gladbacher Urgestein trotz 22 Jahren

Für den 22-Jährigen ist es überhaupt erst der zweite Verein, für den er auflaufen wird, denn er spielte 18 Jahre lang nur für Borussia Mönchengladbach, weshalb er trotz seiner Jugend bereits als Urgestein und Identifikationsfigur gilt. Sein Einstieg bei den Profis steht stellvertretend für das gesamte Auftreten des selbstbewussten Schlussmanns. Als 18-Jähriger debütierte er in der Saison 2010/2011. Die Situation bei den Fohlen war dabei längst nicht mit der aktuellen zu vergleichen, denn zum damaligen Zeitpunkt steckten sie mitten im Abstiegskampf, waren Tabellenletzter.

Gladbachs Trainer Lucien Favre vertraute aber trotzdem dem ehemaligen U17-Europameister und dieser war auf Anhieb ein extrem sicherer Rückhalt für sein Team. Mit nur vier Gegentreffern in den verbleibenden acht Saisonspielen hielten die Borussen die Klasse und etablierten sich in den folgenden Jahren im Spitzenfeld der deutschen Bundesliga. ter Stegen stieg zum Nationalspieler auf und betritt nun die ganz große Fußballbühne, von der 250.000-Einwohnerstadt am Niederrhein in die 1,6-Millionen-Metropole am Mittelmeer.

Victor Valdes – ein unterschätzter Weltklassekeeper?

Doch nicht auf dieser Ebene wird es ein Umstieg, auch aus sportlicher und vielmehr taktischer Sicht steht ter Stegen vor einem Entwicklungsschritt, will er bei den Katalanen die Nachfolge von Victor Valdes erfolgreich antreten. Der 32-jährige Spanier, der die Saison aufgrund eines Kreuzbandrisses frühzeitig beenden musste, stand international stets im Schatten von Iker Casillas, war für das Spiel des FC Barcelona aber ein extrem wichtiger Baustein.

Es sind nicht nur die im obenstehenden Video erkennbaren Qualitäten mit dem Ball am Fuß, die Valdes in seiner zwölfjährigen Profi-Laufbahn bei Barca auszeichneten. Barca spielt mit einer extrem hohen Abwehrlinie, die in aller Regel ihren Schwerpunkt nahe der Mittellinie hat. Deshalb bedarf es eines Torhüters, der den großen Raum hinter ihr schließt, damit der Gegner nicht mit simplen langen Bällen zu einfachen Konterchancen kommt. Damit holte der scheidende Keeper oft Bälle weg, bevor diese überhaupt zu Torchancen wurden.

Valdes‘ starkes Antizipationsspiel war in dieser Hinsicht die perfekte Ergänzung zur riskanten Spielweise des Teams. Zudem war er, auch aufgrund seines guten Timings beim Herauslaufen, in eins-gegen-eins-Situationen ein höchstverlässlicher Mann, wenn es dennoch zu Kontersituationen kam. Von den 21 Gegentoren, die Valdes in der abgelaufenen Saison bekam, fielen zehn aus dem laufenden Spiel (47,6%). Zum Vergleich: bei der ter Stegen waren es 60,5%, Diego Lopez 61,1% und Manuel Neuer 50%. Es ist dies alleine sicherlich kein hundertprozentiger Beweis für Valdes‘ Qualitäten, dennoch durchaus brauchbar um ein Gefühl zu bekommen.

Selbstbewusstsein trifft technische Klasse

Die Stärken von ter Stergen liegen in ähnlichen Bereichen, dennoch findet man den einen oder anderen wesentlichen Unterschied. In eins-gegen-eins-Duellen ist er verglichen mit Valdes, der sehr explosiv in diese geht, eher ruhiger und führt sie sehr überlegt, dennoch gefühlsmäßig weniger erfolgreich – wie auch die erwähnte Statistik zeigt. Besonders hervorstechend im Spiel von ter Stegen sind seine teils unglaublichen Paraden auf der Linie. Die nachstehende Grafik zeigt alle gehaltene Schüsse der letzten beiden Saisonen.

Was ter Stegen aber in erster Linie für den FC Barcelona qualifiziert ist die Kombination seines großen Selbstvertrauens mit seinen großen technischen Qualitäten am Ball. Er stoppt sich die Rückpässe in aller Regel auch in durchaus brenzligen Situationen und geht nicht selten mit einem Haken oder einer Körpertäuschung am Gegenspieler vorbei. Zwar sorgte er damit bisher zweimal für viele Lacher, im Großen und Ganzen wirkt er bei diesen Aktionen aber außerordentlich stabil und wird trotz dieser Vorfälle noch regelmäßig von seinen Vorderleuten in engen Situationen angespielt.

Die obige Grafik zeigt ter Stegens Passschema gegen den FC Bayern – einerseits die empfangenen (links), andererseits die gespielten Pässe (rechts). Als Vergleich dazu wollen wir dieselben Aktionen von Valdes heranziehen, hier aus dem Spiel gegen Real Madrid.

Augenscheinlich ist, dass der Deutsche viel mehr Aktionen hatte als sein spanisches Pendant und das obwohl dessen Standing teamintern wie erwähnt hoch ist. Selbstverständlich neigen Gladbachs Abwehrspieler eher dazu den Ball zu einem weniger risikofreudigeren Spiel und dementsprechend mehr Rückpässen als die technisch stärkeren Barca-Kicker. Gemeinsam mit den gespielten Pässen lassen sich daraus aber auch die erwähnte Pluspunkte in ter Stegens Spiel ausmachen. Er hat nicht nur eine höhere Passerfolgsquote als Valdes (73% zu 62%), sondern ist auch in brenzligen Situationen darauf bedacht, den Ball nicht wegzuschlagen.

Dies belegt auch die Statistik: während bei Valdes der Anteil an langen Bällen 52% ist (Erfolgsquote: 35%), ist dieser bei ter Stegen 48% (Erfolgsquote: 48%). In Summe ist dieser Transfer, über den bereits seit Jahren gemunkelt wird, also genauso unlogisch wie überraschend – nämlich gar nicht.

Alexander Semeliker, abseits.at

Alexander Semeliker

@axlsem

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