Ricardo Teixeira, mächtiger Verbandschef des brasilianischen Fußballverbandes und für die Weltmeisterschaft 2014 verantwortlich, steht offenbar kurz vor dem Rücktritt. Seit Jahren begleiten den Funktionär... Brasilien bald ohne OK-Chef? Ricardo Teixeira vor Rücktritt

Ricardo Teixeira, mächtiger Verbandschef des brasilianischen Fußballverbandes und für die Weltmeisterschaft 2014 verantwortlich, steht offenbar kurz vor dem Rücktritt. Seit Jahren begleiten den Funktionär Korruptionsvorwürfe.

Ein Artikel über Korruption mit einer .at-Internetadresse ist eventuell etwas überheblich. Zwar lag unser Heimatland im Jahr 2011 im Jahresbericht zur Korruptionsbekämpfung auf Platz 16, aber im Land, der Zujungen, Zuschönen und Zureichen sollte nicht zu laut geschrien werden. Brasilien ist 74., Tendenz fallend. Mitte Februar häuften sich in den brasilianischen Medien Berichte über einen Rücktritt von Ricardo Teixeira, den Chef des Fußballverbandes. Die Zeitung „O Globo“ glaubt schon an einen Rücktritt. „Folha de Sao Paolo“ sieht den aktuellen Grund in einem Freundschaftspiel zwischen Brasilien und Portugal. Dieses fand 2008 statt und der Lokalregierung wurden deutlich überzogene Rechnungen für die Unterbringung der Stars Kaka, Cristiano Ronaldo und Robinho ausgestellt. Die Firma Ailanto Marketing, die für die Unterbringung zuständig war, steht in Verbindung zu VHV Agropecuaria Emprendimientos Ltda, einem Unternehmen, das auf einer Farm in Besitz von Teixeira ihren Firmensitz hat. Der Funktionär bestritt allerdings jegliche Verbindung.

Lange Geschichte

Der ehemalige Schwiegersohn des ehemaligen FIFA-Präsidenten Joao Havelange wird allerdings schon sehr lange von Korruptions-, Vetternwirtschafts-, Spesenreiterei und ähnlichen Vorwürfen verfolgt. Seit seinem Amtsantritt 1989 überstand er auch schon einige parlamentarische Untersuchungsausschüsse. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Schwiegervater stand er 2001 auch unter Verdacht, von der in diesem Jahr insolventen Sportvermarktungsagentur ISL Zahlungen in Millionenhöhe erhalten zu haben. Von der BBC aufgedeckt, wiesen aber beide alle Vorwürfe stets zurück. Dennoch wurde es ihm dann zu heiß in Brasilien. Laut „Huffington Post“ wurde Teixeira in den vergangenen Tagen in Florida gesichtet, nachdem Präsidentin Dilma Rousseff einen erneuten parlamentarischen Untersuchungsausschuss eingerichtet hatte.

Warum jetzt das Ganze?

Eine lange Zeit lang galt der Brasilianer als möglicher Nachfolger Sepp Blatters, wurde aber von ihm fallengelassen. Der FIFA-Präsident, neuerdings ein guter Freund des OK-Chefs für Russlands Bewerbung 2018, brachte ebendiese belastenden Dokumente betreffend des ISL-Skandals in Umlauf. Der russische Politiker habe allerdings bereits durchblicken lassen, dass sein Heimatland als „Plan B“ bereitstehen würde, wenn Brasilien es nicht schafft, die WM durchzuführen. Dass es vor allem um viel Geld gehe, sei klar und da könnte Russland der bessere Partner sein. Jerome Valcke, Generalsekretär der FIFA, rechnete neulich vor, dass die WM in Südafrika gut 470 Millionen Euro in die Kassen des Fußballweltverbandes gespült habe. Für die Weltmeisterschaft 2014 erwarte man mehr als das doppelte, ungefähr 1,2 Milliarden Euro. Es scheint so, als fürchte der Weltverband nicht, dass die Korruptionsvorwürfe wahr sein könnten, sondern, dass weniger Geld eingenommen werden könnte. Und Brasilien muss jetzt schon Steuergelder dazu verwenden, alle Spielstätten WM-tauglich zu machen.

Einschätzung der Lage schwierig

Ob das Freigeben der korrumpierenden Dokumente vonseiten Blatters auf ein Anraten von Putin passierten, ist fraglich. Darüber hinaus gestaltet sich die Situation nicht nur durch die zu verwendenden Gelder als schwierig. Während der Vorgänger des derzeitigen Staatsoberhauptes Lula da Silva ein glühender Fußballfan war, ist die derzeitige Präsidentin dies nicht. 2014 ist ein Wahljahr. Zwar ist die staatliche Finanzierung bereits abgesegnet, es entsteht aber ein Dilemma. Will Dilma Rousseff wiedergewählt werden, muss anscheinend ein Bauernopfer her – der streitbare Verbandschef. Den OK-Boss zwei Jahre vor der WM zu tauschen, passt der FIFA aber wiederum auch nicht.

Teixeira überstand so manches

Auf der Habenseite stehen für Teixeira zwei WM-Titel 1994 und 2002 sowie die erste Weltmeisterschaft seit 1950 im selbsternannten Heimatland des Fußballs. Aber neben der erwähnten Affäre um das Jahr 2001 kam es bereits 1994 nach dem Titel in den USA zu einem Disput mit der brasilianischen Finanzaufsicht. Spieler und Betreuer wollten Geschenke und weitere Importe nicht verzollen. Während der Vergabe der WM 2018 beschuldigte FA-Vorsitzender David Triesmann unter anderem ihn wegen ungebührlichen Verhaltens.

Die Anzeichen verdichten sich, dass Teixeira diesmal stolpert und zurücktreten muss. Rein hypothetisch könnten sich Brasilien und Russland auch gemeinsam mit der FIFA auf eine Verlegung der WM nach Russland einigen. Das würde – rein politisch – sowohl Putin als auch Dilma helfen.

Georg Sander, abseits.at

Georg Sander

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