Am Samstag war in einem Interview mit der Österreichischen Rekordspielern Nina Aigner noch zu lesen, dass man Frauen- und Männer-Fußball nicht vergleichen könne, da... Deutschlands Damen besiegen Kanada mit 2:1 – ein Sommermärchen mit Happyend?

Am Samstag war in einem Interview mit der Österreichischen Rekordspielern Nina Aigner noch zu lesen, dass man Frauen- und Männer-Fußball nicht vergleichen könne, da es „zwei verschiedene Sportarten“ wären (OÖN 25.6.11). Führt man sich dann aber das zweite Spiel der Damen-WM 2011 in Deutschland vor Augen, so fällt es schwer, sich der Aussage der ehemaligen Bayern-Spielerin anzuschließen.

Denn was unsere allerliebsten NachbarINNEN im (vollkommen zu recht mit 73.680 Besuchern ausverkauften) Berliner Olympiastadion auf das Grün brachten, war all jenen, die letztes Jahr die WM in Südafrika verfolgten, bestens bekannt. Ein 4-2-3-1 mit überragendem Flügelspiel, viel Körper im Zentrum, blitzschnellem Umschalten und ständigen, Löcher reißenden Positionswechseln im Spielaufbau. Klingt vertraut? Ja, das sollte es auch. Denn wären da nicht die im Schnitt etwas längeren Frisuren und die etwas anderen Körperproportionen, man könnte den Eindruck gewinnen, gerade Jogi Löws Kickern um Schweinsteiger und Özil auf die Füße zu schauen. Und diese Kopie war in Ansätzen schon recht beeindruckend bei der Sache. Dennoch, für ‚einschüchternd‘ reicht es noch nicht ganz. Die Kanadierinnen versuchten, übrigens wie die Gastgeberinnen, über 90 Minuten mit einem auseinandergezogenen 4-3-3 (bzw. 4-1-2-3), in dem die offensiven Drei stets auf einer Linie agierten, dagegenzuhalten. Während die deutsche Maschinerie im Großen und Ganzen gut geschmiert aufspielte, sieht man von einer leichten Auftaktnervosität ab, präsentierte sich dagegen das Spiel der Ahornblätter stocksteif und wenig flexibel.

1.HALBZEIT: VERSUCHTE DOMINANZ, STARKE AUSSENBAHN

Deutschland ging, allseits als großer WM-Favorit anerkannt, mit spürbar viel Selbstsicherheit in die Begegnung und versuchte von Beginn weg, den Gegner zu kontrollieren. Vor allem die Außenbahnen waren schnell das Hoheitsgebiet der Veranstalter-Elf, viel Gegenwehr gab es dort auch nicht. Vor allem Rhian Wilkinson, rechts in der kanadischen 4er-Abwehr aufgeboten, war heillos mit ihrer unmittelbaren Gegenspielerin, Melanie Behringer, sowie mit der forsch über außen nachrückenden Linksverteidigerin der Deutschen, Babett Peter (beste Frau in Hälfte Eins), überfordert. Vereinzelte, zaghafte Vorstöße stellte Wilkinson früh ein, denn zu gefährlich war die dynamische linke Seite der Elf von Trainerin Silvia Neid. Auf der rechten Seite sah es nicht viel anders aus, wobei Marie-Eve Nault (schlechteste Spielerin an diesem Tag), vor allem durch die brutal präsente gegnerische Nr. 18, Kerstin Garefrekes, gebunden war. Die Offensive der Nordamerikanerinnen erfuhr also kaum Unterstützung aus der Abwehr heraus. Zu intensiv wurden sie von ihren Gegenspielerinnen angepresst, zu wenige Passmöglichkeiten taten sich auf und vor allem rochierten die DFB-Damen viel zu clever. Es war den Kanadierinnen kaum möglich, sich einmal auf eine Gegenspielerin einzustellen, schon war die eine futsch, die andere da. Die beiden deutschen Flügel, Garefrekes sowie Behringer, tauschten im 5-10 Minutentakt die Seiten (Siehe Skizze Nr. 19 und Nr. 7). Und zwar mit einer Selbstverständlichkeit, die nicht nur einen Didi Constantini staunend zurück ließe (Stichwort: Harnik-Arnautovic/Alaba-Switch). Und als ob diese Maßnahme noch nicht genug an Verwirrung wäre, ließ sich die nominell einzige deutsche Spitze, Celia Okoyino da Mbabi, immer wieder weit fallen, um Löcher für die nachstoßende Birgit Prinz (übrigens 212 Spiele, 128 Tore) zu reißen. So richtig sicher konnte man sich eigentlich nie sein, wer dann da jetzt eigentlich im Sturm und wer im Mittelfeld spielt. Zu oft und zu gut funktionierte dieser Positionswechsel.

VORSTOSS KANADA, TOR DEUTSCHLAND

Ein früher, ernst zu nehmender Vorstoß der Roten in der achten Minute (Laudehr wird von Schmidt unter Druck gesetzt, verliert den Ball, Sinclair sprintet in die schlampig stehende deutsche Abwehr, verzieht dann aber knapp) darf nicht darüber hinwegtäuschen, wie schlecht die Kanadierinnen ins Spiel kamen. Verunsichert und kopflos versuchten es die Spielerinnen der italienischen Trainerin Caroline Morace die erste halbe Stunde lang vor allem mit hohen Bällen auf die drei Stürmerinnen. Da die Doppelsechs der Deutschen diese 3er-Linie aber gut vom Rest abschneiden konnte, bestand hier kaum Bindung nach hinten, die Staffelung war zu weit auseinander und die zweiten Bälle somit ein gefundenes Fressen für die Deutschen (Stichwort: Schnelles Umschalten). In diese Phase fiel dann, wenig verwunderlich über die linke Seite, der Führungstreffer für unsere Nachbarinnen. Behringer zieht nach innen, irritiert die gegnerische Abwehr, Prinz chippt den Ball spontan innen an drei Verteidigerinnen vorbei, Peter sprintet über außen hinter die Abwehr und flankt auf Garefrekes, die das Kopfballduell gewinnt. Die kanadische Torfrau segelt, wahrhaft englisch, an der Flanke vorbei und kann daher beim Kopfball nicht mehr retten.

„OH NO“ – NAULTS SCHWARZE ZWEI MINUTEN

Nachdem sich die Kanadierinnen zunehmend besser auf das flügellastige Spiel der Gastgeberinnen einstellen konnten, indem sie dort zu dritt deckten, versuchten es die Deutschen Mitte der ersten Halbzeit primär mit blitzschnellem Umschalten nach Ballgewinn. Auch ansatzlos geschlagene Crosses aus dem Halbfeld auf die jeweils einrückende Flügelspielerin sorgten für reichlich Gefahr. Einige Male musste dabei die Torfrau retten, was sie mit Fortdauer des Spiels auch immer besser hinbekam. Und gerade in dieser Phase, als die Roten, dank forciertem flachen Dreiecksspiel in Richtung außen ein wenig aufzukommen schienen, passierte es dann. Deutschland legte nach, eh klar. In Minute 39 presste Prinz die ohnehin schon überforderte Nault an, die ohne große Not sich selber und vor allem den Ball verstolperte. Prinz zog davon und hielt drauf. Sie traf aber nicht, das war knapp. Zwei Minuten später, in Gedanken wohl noch ganz beim gerade erst verdauten Fauxpas, hob dann selbige Nault die Abseitsfalle um mehrere Meter auf. Die klar zu weit vorne stehende Okoyino da Mbabi, die überraschend in der Startelf stand und ein starkes Spiel machte, nahm das Geschenk dankend an und verwertete zum 2:0.

ZWEIMAL ZWEI WECHSEL, WENIG ÄNDERUNG IM SPIEL

Morace zeigte in der Halbzeit Erbarmen und nahm die sichtlich demoralisierte Nault vom Platz, für sie kam Gayle, die zwar weit weniger anbrennen ließ, nach vorne hin aber ebenfalls keine Akzente setzen konnte. Zusätzlich kam dann noch Parker für Kyle, was aber keine Auswirkungen auf das Spielgeschehen hatte. Neid ließ ihre Kickerinnen nun noch tiefer stehen und das Pressing setzte im Schnitt zehn Meter weiter hinten an. Kanada startete bemüht und aggressiv, aber wenig effektiv. Das Mittelfeld der Ahornblätter, gegen den Ball fast so etwas wie eine abräumende Dreifachsechs, attackierte zwischen Minute 45 und 75 oftmals viel zu forsch. Dadurch gab es ausreichend Raum, den die Deutschen mit flinkem Umschalten schnell zu überbrücken wussten. Gescheiterte Balleroberung Kanadas-Pass-Pass-Schuss, so in etwa kann man sich die Angriffe der Truppe um Birgit Prinz vorstellen. One-Touch-Fußball vom Feinsten in dieser Phase. Viele sehr gute Chancen waren die Folge, aber der Abschluss war alles andere als weltmeisterlich. Die vorgenommenen Wechsel Popp für Prinz und Bajramaj für Behringer (ja, das ist die eine schon vorab zum WM-Star gehypte Bajramaj) fügten sich gut ein. Beide brachten Schwung und erhöhten den Ballbesitz. Popps auffälligste Szene war ein im Ausrutschen geschossener Ball, der die Querlatte küsste. Bajramaj konnte dafür mit dem einen oder anderen Dribbling, nicht nur nach vorne hin, auf sich aufmerksam machen, blieb ansonsten aber unscheinbar. Kanada war aktiver, Deutschland abgeklärter und mit den besseren, vor allem zahlreicher vorhandenen Chancen. Etwa in der 76. Minute, viel freier Raum vor der 4er Kette der Kanadierinnen, die drei Spielerinnen vor der Abwehr wieder zu wenig Bindung nach hinten, also zieht eine Deutsche, die es sich dazwischen bequem gemacht hat, einfach mal ab. Bombenschuss in Richtung rechtes Kreuzeck, der Ball springt aber nur zurück ins Feld. Deutschland besser und cleverer, so das Fazit um die 80.Minute herum.

HEISSE SCHLUSSPHASE

Und wäre da nicht der Anschlusstreffer in der 82. Minute gewesen, man könnte wohl zu Recht von einem souveränen Sieg sprechen. Sinclair trifft da nämlich. Erstes Gegentor für die DFB-Elf seit Ewigkeiten, denn bei der WM07 war man ohne einen einzigen Gegentreffer Weltmeister geworden. Ein toll gedrehter Freistoß aus gut 20 Metern verhinderte eine neuerliche Torsperre dieses Ausmaßes. Angerer streckt sich vergeblich und ärgert sich dann auch vollkommen zu Recht, denn das vorausgegangene (Gelb-)Foul war alles andere als nötig. Das Tor insgesamt also vermeidbar und auch vollkommen gegen den Spielverlauf. So musste Deutschland (also die über 70.000 im Stadion sowie der Großteil des restlichen Landes) zehn Minuten lang um den Auftaktsieg bangen. Kanada mit dem Glauben an den Lucky Punch vor Augen, aber ohne wirklichen Plan, die gut stehende Defensive des Gegners zu brechen. Dies gelang nicht mehr. In der Tiefe gegen den Ball machte es sich Deutschland jetzt so richtig schön breit, da war kaum noch ein Durchkommen. Es gelang, den Gegner ins Zentrum zu drängen, wo sie die Kanadierinnen dann fast schon gegenseitig auf die Füße stiegen. Das nötige ballsichere Kurzpassspiel, das es braucht, um sich aus solch beengten Situationen zu befreien, war nicht im Repertoire der Spieler um Kapitänin Sinclair zu finden. Zu gut und abgeklärt funktionierte die Neid-Elf, zu viele leere Kilometer hatten die Damen aus Kanada zu diesem Zeitpunkt bereits abgespult.

UNTERM STRICH

Deutschland wurde seiner Favoritenrolle gerecht, aber (noch) nicht in dem Ausmaß, wie man es erwartet hatte. Das überragende Spiel auf den Außenbahnen hat die Partie entschieden, aber selbst da wurde erst in Hälfte Zwei so richtig flüssig kombiniert. Beide Treffer unserer Nachbarn wurden über die Seiten vorbereitet bzw. vorgetragen, beide Male sahen die kanadischen Außenverteidigerinnen alles andere als gut dabei aus. Die Sicherheit in Ballbesitz auf der einen Seite sowie die Hektik auf der anderen führten dazu, dass die ohnehin schon starken Mittelfeld-Flügel Behringer und Garefrekes von hinten entscheidenden Nachdruck bekamen, deren Pendant auf gegnerischer Seite aber nicht. Laufstark, schnell und spielmitgestaltend – solche Außenverteidigerinnen hätte wohl jede Trainerin gerne im Kader. Offensiv war das von den Deutschen schon sehr ansehnlich, defensiv allerdings weniger, weil teilweise zu unkonzentriert. Sollte sich dieses grundsätzlich gute, aber phasenweise doch schludrige Verhalten gegen den Ball in den nächsten Partien nicht ändern, wird Nadine Angerer mit Fortdauer des Turniers wohl mehr als nur den einen Ball aus dem Netz holen müssen. Kanada sowieso.
Nina Aigner meinte, man könne Damen- und Herrenfußball nicht vergleichen. Das kann durchaus so stimmen. Wer sich aber vor Augen führt, wie ähnlich Neids Mädels und Löws Burschen auftraten, dem bleibt ein kleines Aha-Erlebnis nicht erspart. Die DFB-Schule macht anscheinend keinen Halt vor den Geschlechtern.
Dürfen die Deutschen also doch endlich ihr Sommermärchen mit Happyend erleben? Gut möglich, und wenn, dann über die Seiten. Wetten würde ich allerdings (noch) nicht darauf.

Deutschland: Angerer (1) – Peter (4), Bartusiak (3), Krahn (5), Bresonik (10) – Laudehr (6), Kulig (14) – Behringer (7), Prinz (C; 9), Garefrekes (18) – Okoyino da Mbabi (13)
Kanada: McLeod (1) – Nault (20), Zurrer (2), Chapman (9), Wilkinson (7) – Schmidt (13), Matheson (8), Kyle (6) – Tancredi (14), Sinclair (C; 12), Filigno (16)

Arnold Pühringer, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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