2010 war DAS Jahr des Turgay Bahadir. Mit Bursaspor konnte seit dem Titel Trabzonspors 1984 zum ersten Mal ein Verein, der nicht Besiktas, Galatasaray... Eine Karriere am Scheideweg – Turgay Bahadir

2010 war DAS Jahr des Turgay Bahadir. Mit Bursaspor konnte seit dem Titel Trabzonspors 1984 zum ersten Mal ein Verein, der nicht Besiktas, Galatasaray oder Fenerbahce heißt, in diesem Jahr Meister werden. Am 22. Mai debütierte der Wiener für die Nationalmannschaft der Türkei. Nun steht seine Karriere am Scheideweg.

Anfänge in Österreich

2000 verpflichtete der damalige Rapid-Nachwuchscoach Andreas Heraf einen jungen, türkisch-stämmigen Nachwuchskicker der Vienna. 2003 spielte er beim 0:2 gegen Tschechien an 25 Minuten für das österreichische U21-Nationalteam unter Willi Ruttensteiner, gemeinsam mit György Garics, Andi Ibertsberger oder Thomas Prager. Der damals 19-jährige Offensivspezialist und Heraf gingen fortan ein Stück ihres Weges gemeinsam. Als Heraf zur Saison 2003/04 zum SC Austria Lustenau wechselte, nahm er den Wiener mit. Als Wechselspieler wurde Bahadir im August 2003 zum Youngstar des Monats der Ersten Liga gewählt. Der 84er-Jahrgang spielte im Ländle anspruchsvoll und wechselte zur Spielzeit 2006/07 mit seinem Förderer zum SC Schwanenstadt. So richtig zum Stammspieler reichte es nicht, vier Tore und zwei Vorlagen gelangen in 16 Spielen.

Der Transfer in die Türkei

Türkisch-stämmige Spieler sind in der Türkei einheimischen Kickern gleichgestellt, von 18 Kaderspielern mussten zehn Vorfahren aus dem Land am Bosporus haben. Kayserispor, ein Verein in der Zentraltürkei, also Kappadokien, schlug zu und sicherte sich die Dienste des Offensivspielers. In Kayseri absolvierte er in der ersten Saison 2007/08 insgesamt 20 Einsätze, zumeist als Wechselspieler. Teamtrainer Fatih Terim wollte ihn 2008 in die Nationalmannschaft einberufen, die damals gültige FIFA-Regelung verhinderte dies aber, da er ja bereits für das U21-Nationalteam Österreichs gespielt hatte. Selbige Regelung verhinderte auch Steffen Hofmanns Einberufung ins heimische Nationalteam, hätte er damals die Staatsbürgerschaft erhalten. 2008/09 spielte er sich weiter in den Fokus, erzielte wieder als Wechselspieler (14 Mal ein-, elf Mal ausgewechselt) in 27 Spielen vier Treffer. Bursaspor griff im darauffolgenden Sommer zu.

Die Nationalteam-„Karriere“

2008 versuchte der türkische Verband schon einmal, Bahadir für sich auflaufen zu lassen, er verbrachte sogar zwei Tage im Teamcamp. Es galt aber die Regelung, dass sich ein Spieler bis zum 21. Lebensjahr entscheiden musste, für welche Nation er spielen wolle. Nun zählen nur noch A-Team-Bewerbsspiele. Moritz Leitner zum Beispiel könnte noch für den ÖFB interessant sein, auch wenn er noch so viele U21-Spiele für Deutschland bestreitet. Kurioserweise stand er für das Spiel Österreich gegen die Türkei im November 2008 auf der Abrufliste des heimischen Nationalteams, wie Kayserispor damals per Fax mitgeteilt worden war. 2009/10 trug Bahadir mit sieben Treffern und sechs Assists maßgeblich zum Meistertitel Bursaspors bei. Nationaltrainer Guus Hiddink berief Bahadir ins türkische Team ein. Durch die 2009 geänderten FIFA-Bestimmungen war dies möglich. Am 22. Mai 2010 gab Bahadir in einem Freundschaftsspiel gegen Tschechien sein Debüt für die türkische Nationalmannschaft, stand in zwei weiteren Partien im selben Jahr gegen Nordirland und die USA im Kader. In der Saison nach dem Meistertitel ging es weiter steil bergauf. Der Wiener war Stammspieler, absolvierte sechs Spiele in der Champions League und erreichte zehn Scorerpunkte und Platz drei. Aufgrund der mangelnden Wertschätzung entschied er im Mai 2010, nie mehr für Österreich spielen zu wollen, da der ÖFB sich um ihn – türkischer Meister, Stammspieler, Champions-League-Teilnehmer – nie richtig bemüht hatte.

Neuanfang in Istanbul

Gegen Ende seines Engagements in Bursa verlor Bahadir seinen Stammplatz und entschied sich im Sommer 2012 für einen Wechsel zu Istanbul BB. Er unterschrieb einen Vertrag bis 2016 und kam zu Beginn der Saison nur von der Bank. Immerhin wollte Trainer Carlos Carvalhal ihn unbedingt verpflichten. Wie den verschiedenen Medien zu entnehmen ist, möchte sich der talentierte Wiener nun, im Alter von 28 Jahren, noch einmal in den Fokus der türkischen Nationalmannschaft spielen. Der Zug „ÖFB-Team“ ist abgefahren und es wird wohl auch noch einige Zeit dauern, ehe Bahadir wieder in der Verfassung ist, dem türkischen Nationalteam zu helfen.

Was ist mit dem neuen Verein möglich?

Der 1990 vom damaligen Bürgermeister Istanbuls, Nurettin Sözen, gegründete Verein verbrachte 2007/08 die erste Saison in der obersten Spielklasse, 2010/11 stand man im türkischen Pokalfinale, welches mit 3:4 im Elfmeterschießen nach einem 2:2 in der regulären Spielzeit gegen Besiktas verloren wurde. Die abgelaufene Spielzeit wurde auf dem sechsten Rang beendet. Ein weiterer Erfolg für den Verein fand im November 2007 statt. Abdullah Avcı, übernahm das Traineramt des Nationalteams. Bevor er 2006 Istanbul BB übernommen hatte, war er 2005 mit der türkischen U17 Europameister geworden. Seine Erfolge im Erwachsenenbereich im Schatten der drei großen Istanbuler Vereine hatten ihn dorthin gebracht. Istanbul BB ist somit ein Verein mit großen Ambitionen.

Möglicher weiterer Karriereverlauf

Der neue Verein ist auf dem Weg nach oben, dass man es schafft, die Dominanz Galatasarays, Fernerbahces und Besiktas’ zu brechen ist aber dennoch unwahrscheinlich. Auch ein Wechsel zu einem dieser Vereine ist nicht unbedingt wahrscheinlich, seit dem Aufstieg 2007 hat das noch kein Spieler geschafft. Auch ansonsten brachte der Verein kaum einen Spieler wirklich weiter, wenn der Fokus auf die Klubs gelegt wird, wo Spieler hinwechselten. Noch dazu zählt Istanbul BB zu einem der Vereine mit dem höchsten Altersschnitt, satte 27,2 Jahr beträgt dieser – ligaweit liegt der Schnitt bei 26,1, in der österreichischen Bundesliga beträgt dieser 24,5 Jahre. Ob der Transfer sich langfristig positiv auswirken wird, wird sich erst weisen.

Georg Sander, abseits.at

Georg Sander