Manchester United, der FC Barcelona oder Bayern München sind auch deshalb so erfolgreiche Vereine, weil sie zahlreiche Fans außerhalb ihrer lokalen Standorte gewinnen konnten.... Fußball in den USA (3):  Identität, Lebensrealität & Zukunft

_Spielszene mit StadionblickManchester United, der FC Barcelona oder Bayern München sind auch deshalb so erfolgreiche Vereine, weil sie zahlreiche Fans außerhalb ihrer lokalen Standorte gewinnen konnten. In den USA akquirieren bzw. akquirierten Mannschaften wie die Chicago Bulls, die New York Yankees oder die Dallas Cowboys weltweit Zuneigung. Sollten Profiteams an die Spitze gelangen, brauchen sie mehr als nur lokalpatriotische Unterstützung.

Kurioserweise spielen gerade bei der Gründung sogenannter Traditionsklubs ethnische Gefühle eine maßgebliche Rolle. In den USA gründeten Immigranten Großbritanniens oder Spaniens bzw. Mexikos die ersten Fußballvereine. Sie nannte sich Brooklyn Celtics, Clan McKenzie F.C., Anglo-Saxons F.C. oder Spanish-American F.C. Schichtzugehörigkeit spielte eine untergeordnete Rolle, trotz des Spezifikums, dass soccer in Amerika über die Mittelschicht – im Gegensatz zur Arbeiterbewegung – Verteilung fand.  Während die Herkunft der Spieler anfangs noch von Bedeutung war, ist es heute relativ egal, dass ein Großteil der N.Y. Yankees aus der Karibik kommt, so wie es lange keine Rolle spielte, dass bei Arsenal oder Chelsea kaum Engländer in der Kampfmannschaft standen. Während diese Sportvereine allerdings schon etabliert sind, haben die MLS-Klubs bis heute ihre Identität nicht wirklich gefunden. Ausländer in den Mannschaften – und seien sie auch noch lebende Legenden, wie Weltmeister Bastian Schweinsteiger – könnten sich nachteilig auf die Akzeptanz des Fußballs in den Vereinigten Staaten von Amerika auswirken. Soccer wirkt dadurch elitär, eine Sportart von Fremden für Fremde.

In Los Angeles versammeln sich an die 40.000 Zuschauer, wenn die mexikanische Nationalmannschaft oder Klubs aus Südamerika dort spielen. Fußball wird von den Angelenos als nationale Verbindungsader zu ihren Heimatländern genutzt. Clevere Klubfunktionäre machten sich dieses Momentum bisweilen auch zunutze. „Es kommen deutlich mehr Latinos, wenn wir einen Spieler aus El Salvador haben.“, erläuterte der damalige Vizepräsident der L.A. Galaxy Michael Arya. Der Verein verpflichtete 1996 den mexikanischen Torwart Jorge Campos. Campos, der ein großartiger Tormann mit exzellenter Strafraumbeherrschung war, lockte die Massen ins Rose Bowl. Und das nicht nur weil er ein Spieler von Weltklasseformat war, der in grellen Trikots auftrat und in den letzten Minuten gerne vorne mitmischte (so wurde er mehrmals bei Not am Mann als Angreifer aufgestellt!), sondern auch weil er für die vielen in L.A. County lebenden Mexikaner als einer von ihnen galt. Diese Marketingstrategie hat sich in der Geschichte des Fußballs in Amerika bereits als äußert nachteilig erwiesen und ist mitunter ein Grund dafür, warum der Ballsport bis heute ein Schattendasein fristet.

Bettelstudenten

Es ist beinahe grotesk: Der Fußball war in den USA schon früh institutionell vertreten und ist trotzdem kein Breitensport geworden. Es gab eine Fußballparallelwelt an (Hoch)schulen, die sich deutlich vom Leistungssport in den USA und vom traditionellen Fußball in Europa unterschied. Gerade diese Institutionalisierung hinderte das Vorankommen des Sportes als Freizeitsport an sich. Seinen Siegeszug trat der Fußball Anfang des 20. Jahrhunderts an den Universitäten an. Die großen vier Lieblingssportarten der Amis wurden aufgrund der Verletzungsgefahr ungern von Studenten praktiziert. Im Raum Philadelphia stellten damals die ersten Privatschulen von Football auf soccer um. Fußball erhielt auch daher einen elitären Touch: Wer zu bequem, zerbrechlich war, den Männersport Football zu betreiben, der musste normales Fußball spielen. Fußball, das Elitenspiel. 1906 gehörten der Intercollegiate Soccer League Columbia, Cornell, Harvard, Haverford und die University of Pennsylvania an. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs kickten die Studenten im Frühjahr, danach im Herbst, was bis heute so geblieben ist. 1910 kam das Spiel über den Mittleren Westen an die Westküste, wo ausländische Studenten den Ton beim Wettkampf angaben. Fünfzehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gab es an die zehn Collegeverbände für Fußball, heute kicken an die 1200 Hochschulen. Trotzdem gibt es weder viele Spieler noch viele Zuschauer. Wer für Football oder Basketball – beinhart gesagt – zu schlecht ist, bleibt oft beim Fußball hängen.

Natürlich gibt es Ausnahmen: Spieler, die es in den bezahlten Profisport oder sogar nach Europa gebracht haben – wie Brad Friedel, Landon Donovan oder Claudio Reyna. Die Studentenliga kann jedoch nicht als Lieferant für zukünftige Profis betrachtet werden. Allein die kurze Saison – 25 Spiele in drei Monaten – ist für eine dauerhafte Weiterentwicklung der Kicker nicht gerade förderlich. Zudem spielt man mit unbegrenztem Auswechseln pro Spiel. Die Matches sind daher von physischer Stärke, Ausdauer und Schnelligkeit geprägt. Eine gewisse Leichtigkeit, ein Spielfluss wird vernachlässigt. Die Trainer sind meist keine Ex-Spieler, sondern trainieren nach Lehrbuch. Bis auf den Frauenfußball – für den die Präsenz des Fußballs an den Hochschulen – eine hervorragende Antriebsschraube war und ist, ist das Spiel am College für die Entwicklung des amerikanischen Fußballes bisher von Nachteil gewesen. Talentierte High-School-Athleten entscheiden sich meist für eine Ausbildung am College und lauem Freizeitkick ohne gleich als Profis Geld zu verdienen. In dieser wichtigen Etappen – von 18 bis 22 Jahren – gehen so viele Juwele verloren.

Zurück in die Zukunft

Wie es weitergehen soll, darüber streiten sich die Experten. So mancher wittert jetzt neue Chancen für den Fußball, immerhin sind die Zahlen jener Jugendlichen, die American Football spielen, rückläufig. High-School- und Universitäts-Mannschaften bemühen sich diese Kids für den Fußball zu gewinnen. Man findet auch andere hoffnungsvolle Statistiken: Laut dem Magazin Forbes sind 55 Prozent der MLS-Zuschauer zwischen 18 und 49 Jahre alt. Die Liga verfügt derzeit über einen besseren Publikumsschnitt als die traditionsreiche Serie A in Italien. Trotzdem wird man in den USA immer noch mit alten Klischees konfrontiert: Fußball sei langweilig, anspruchslos und zu wenig körperbetont. Wenn es um Weltmeisterschaften geht, schafft der amerikanische Nationalstolz die Emotionsleere, die sonst bei soccer herrscht, zu überbrücken. Bald nach dem Ausscheiden des US-Herren-Teams sinkt das Interesse am Ballsport wieder rapide ab. Die Amis haben einfach nur eine Leidenschaft für internationale Wettkämpfe gleich welcher Art. Trotzdem prognostiziert Andrei S. Markovits, Professor für Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität von Michigan: „Wenn es dem männlichen Nationalteam gelingen würde in ein Viertelfinale oder Halbfinale vorzustoßen. Würde dies einen unglaublichen Auftrieb geben.“

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag