Die Liga umfasst zwölf Klubs, die in 33 Runden und einem Playoff den Meister und die beiden Absteiger ausspielen, die Klubs tragen Namen wie... Gute Voraussetzungen, Probleme in der Planung, soziale Barrikaden: Der verkannte Fußball-Rohdiamant Jamaika

Die Liga umfasst zwölf Klubs, die in 33 Runden und einem Playoff den Meister und die beiden Absteiger ausspielen, die Klubs tragen Namen wie Humble Lions, Tivoli Gardens oder Boys Town. Mit Levaughn Williams und Dino Williams führen zwei junge Stürmer die Torschützenliste an. Klingt alles sehr unspektakulär – interessant ist jedoch, dass in der gesamten jamaikanischen Liga nur zwei Legionäre unter Vertrag stehen.

Über den karibischen Fußball und seine „großen“ Turniere ist in unseren Gefilden sehr wenig bekannt. Die zwei besten Teams der jamaikanischen Fußballliga qualifizieren sich für die CFU Club Championship, eine Art Champions League für Karibikklubs. Die größten Gegner Jamaikas kommen dabei aus Trinidad & Tobago, Surinam, Kuba, Haiti, Puerto Rico oder Guyana. Allesamt keine großen Fußballnationen. Trotzdem wurde das Turnier erst dreimal von jamaikanischen Teams gewonnen – zweimal holte Harbour View den Titel, einmal war es der aktuelle Tabellenführer der nationalen Liga, Portmore United.

Starke Legionäre in England

Dabei ist die Rede von einem Fußballland, das durchaus seine Lichtblicke hat: 1998 nahm Jamaika an der WM-Endrunde in Frankreich teil, gewann dabei sein drittes Gruppenspiel gegen Japan. Die letzten beiden Karibikmeisterschaften gewannen die „Reggae Boyz“ und auch die Liste bekannter, ehemaliger und aktueller Spieler liest sich gut: Stürmer Ricardo Fuller stürmt seit fünf Jahren für Stoke City, Ricardo Gardner steht seit 1998 bei den Bolton Wanderers unter Vertrag und absolvierte bis zum heutigen Tag 342 Premier-League-Spiele und Jason Euell spielte für Wimbledon, Charlton, Middlesbrough und Blackpool in Englands höchster Spielklasse. Frank Sinclair (Chelsea, Leicester), Damani Ralph (Chicago Fire, Rubin Kasan), Craig Ziadie (NY Metrostars, D.C. United) und Deon Burton (Portsmouth, Derby, Sheffield Wednesday) sind weitere Beispiele für ehemalige Top-Legionäre Jamaikas.

Auslandstransfers rar

In der jamaikanischen Liga spielen aktuell nur zwei Legionäre: Lesly St.Fleur von den Bahamas spielt für Sporting Central und der Honduraner Carlos Quezeda ist Ersatztorhüter bei Village United. Bis auf diese Ausnahmen spielen nur Jamaikaner in der Liga. Die von den Einheimischen mit Spannung erwarteten Fußballexporte in andere Ligen sind rar: Portmore United verkaufte letztes Jahr einen Spieler in die zweite norwegische Liga zu Strömmen und einen Kicker in die finnische Liga zu VPS. Die spektakulärsten Transfers der letzten 1 ½ Jahre waren etwa der von Innenverteidiger Dicoy Williams von Harbour View zum Toronto FC in die amerikanische Major League und der von Stürmer Keammar Daley von Tivoli Gardens zu Englands Drittligaklub Preston North End, wo er aktuell über einen Platz auf der Reservebank zufrieden wäre.

Gute körperliche Voraussetzungen, aber niemand denkt weiter…

Angesichts der niedrigen Einwohnerzahl Jamaikas (2,8 Millionen) sind die fußballerischen Errungenschaften und auch die Begeisterung der Bevölkerung, wobei Fußball dennoch stets im Schatten der Leichtathletikbewerbe und Cricket steht, recht groß. Zudem kann man Spiele der deutschen Bundesliga und der englischen Premier League im TV sehen. Obwohl es keine Akademien gibt, ist die Jugendarbeit mancher Klubs sehr gut. So zum Beispiel legt Hauptstadtklub Harbour View großen Wert auf eine gute Nachwuchsarbeit und bringt auch immer wieder vielversprechende junge Talente hervor. Traditionsgemäß legt man in Jamaika bei der Nachwuchsschulung allerdings das Hauptaugenmerk auf Athletik, sodass die Kicker für den schnellen, körperbetonten Fußball in Europa eigentlich wie geschaffen wären. Am taktischen und technischen Feinschliff mangelt es jedoch und es gibt kaum europäische Trainer, die sich dieser Probleme annehmen.

Soziale Probleme, hohe Kriminalität

Kaum Legionäre, familiäre Arbeitsbedingungen, offensichtliches Potential – Jamaika wäre ein interessantes Land für Fußballentwicklungshelfer. Doch es gibt natürlich auch massive Probleme, hauptsächlich sozialer Natur. Die Hauptstadt Kingston zählt zu den gefährlichsten Städten der Welt (Ex-Teamspieler Orane Simpson wurde vor zwei Jahren in den Slums von Kingston erstochen) – die Slums werden größer, die Banden zahlreicher und vor allem junge Menschen schließen sich ebendiesen an, um schnell an Geld zu kommen. Aus Mangel an Alternativen und Perspektiven. Noch schaffte es kein Fußballverein sein Angebot für den Nachwuchs so auszubauen, dass es eine ernstzunehmende Anlaufstelle für die vielen begeisterungsfähigen Jugendlichen in Jamaika ist. Die physischen Grundvoraussetzungen sind in kaum einem anderen Land so markant gegeben wie in Jamaika, aber sobald die Spieler in der ersten Elf ihres Stammklubs stehen, ist es mit der unterstützten Entwicklung auch schon wieder vorbei. Das Gros der erfolgreichen jamaikanischen Legionäre wechselt noch im Teenageralter ins Ausland, was eine andere Ausbildungsqualität zur Folge hat.

Jamaika ist ein ungeschliffener Fußballdiamant, dem sich Experten aus Übersee annehmen müssen. In keinem anderen Land der Welt weist die oberste Spielklasse eine derart hohe Inländerdichte auf, was eine gute Voraussetzung für effektive Nachwuchsarbeit wäre – nur muss jemand einen ersten Anstoß geben, der Ahnung von der Materie hat. Schließlich spielt sich der Fußball mittlerweile mehr im Kopf als in den Beinen ab…

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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