Wie ein polnischer Präsident versuchte, aus seinem Verein Pogon Szczecin eine brasilianische Kolonie zu machen. Etwas Wahres ist an Klischees zumeist dran, doch überzeichnen... Samba de Polska

_Fußball in Brasilien ZuckerhutWie ein polnischer Präsident versuchte, aus seinem Verein Pogon Szczecin eine brasilianische Kolonie zu machen.

Etwas Wahres ist an Klischees zumeist dran, doch überzeichnen sie oft die Wirklichkeit. So stimmt es zwar, dass der Rekordweltmeister Brasilien heißt, und viele großartige Fußballer aus dem südamerikanischen Riesenstaat kamen und kommen. Dennoch: nicht jeder brasilianische Kicker ist auch ein potenzieller Superstar. Dies musste auch der Antoni Ptak leidvoll erfahren. Mitte der 00er Jahre tummelten sich bis zu 19 (!) Brasilianer im Kader seines polnischen Klubs Pogon Szczecin. Wirklich erfolgreich war er mit dieser – nun ja – eigenwilligen Strategie nicht. Aber erzählen wir die Geschichte von Beginn an.

Der Anfang

Im Jahre 2003 stand der Verein am Abgrund: sportlich war man aus der polnischen ersten Liga abgestiegen; aufgrund von finanzieller Problemen bekam Pogon zudem keine Lizenz für die zweite Liga. Doch tat sich eine Lösung für dieses Problem auf: Pogon fusionierte mit dem Zweitligisten Piotrkovia, dem Verein von Präsident Antoni Ptak. Somit durfte man in der zweiten Liga starten, der Aufstieg in die Ekstraklasa gelang anschließend souverän. Soweit, so unspektakulär…

Richtig kurios wurde es dann mit dem Beitritt Polens zur Europäischen Union. Dadurch änderten sich auch gewisse Regeln im Fußball, so durften nun ab sofort unbegrenzt ausländische Spieler in den polnischen Klubs eingesetzt werden. Der Weg war somit frei für Ptak, seinen Traum zu erfüllen: ein Team aus lauter Brasilianer; denn die, so wahr er sich sicher, bringen automatisch sportlichen Erfolg. Vor allem, weil sie eben Brasilianer sind.

Jogo Bonito in Polen

Zu Beginn der Saison 2004/05 sah der Kader von Pogon noch recht gewöhnlich aus: viele Polen, drei Brasilianer, ein paar Tschechen und Slowaken. Das sollte sich mit dem Einsetzen der neuen Ausländerbestimmungen aber schnell ändern. In der Winterpause ein Jahr später machte Ptak dann Nägel mit Köpfen: er verpflichtete so viele Brasilianer, wie er nur habhaft werden konnte. Nach der Transferoffensive standen nun plötzlich 19 Brasilianer im Kader. Der erhoffte Angriff auf die Meisterschaft blieb aber widererwartend aus – mit Platz zehn reichte es nur zum Erhalt der Klasse.

Ptak zog daraus die Konsequenzen und tauschte die Hälfte des Teams aus: sieben neue Brasilianer fanden so dem Weg nach Pogon. Besser wurde es dadurch sportlich nicht. Ganz im Gegenteil: in der Hinserie der neuen Saison reichte es nur noch zu Platz 13. Doch sein Experiment an dieser Stelle abzubrechen, daran dachte Ptak erst gar nicht. „Mein Pogon wird brasilianisch oder es hört auf zu existieren“, soll er gesagt haben.

Der endgültige Absturz

Ptak ließ den Worten dann auch erneut Taten folgen und verpflichtete in der Winterpause gleich elf neue Brasilianer. Das Ergebnis: in den 15 Spielen der Rückrunde holte Pogon noch ganze zwei (!) Punkte – und stieg somit ab.

Ein Grund, warum die Strategie von Ptak zum Scheitern verurteilt war: das Scouting, für das sich sein Sohn Dawid verantwortlich zeigte, war miserabel. Es entstand der Eindruck, jeder männliche Brasilianer im Alter zwischen 20 und 35 Jahren, der einwilligte nach Polen zu wechseln, wurde auch verpflichtet.

Antoni Ptak trat nach dem Abstieg zurück. In den zwei wilden Jahren, über die berichtet wurde, trugen circa 40 Brasilianer das Trikot von Pogon. Manche davon wechselten anschließend nach Südamerika, in die USA. Australien oder Tschechien. Andere blieben in Polen. So kehrte zum Beispiel Edi Andradina nach vier Jahren wieder zu Pogon zurück und wurde dort Manager der zweiten Mannschaft.

Die Rückkehr in die Ekstraklasa gelang Pogon im Jahr 2012. In der vergangenen Saison landete der Verein auf dem siebten Platz. Einen Brasilianer sucht man heutzutage aber vergeblich im Kader des polnischen Klubs.

Ral, abseits.at

Keine Kommentare bisher.

Sei der/die Erste mit einem Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.