Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 sorgte Ilunga Mwepu für einen der bizarrsten Momente in der Geschichte des Fußballs. Kennt man allerdings die Beweggründe für seine... Spiel um dein Leben – Zaire bei der Weltmeisterschaft 1974

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 sorgte Ilunga Mwepu für einen der bizarrsten Momente in der Geschichte des Fußballs. Kennt man allerdings die Beweggründe für seine Handlung, dann bleibt einem das Lachen im Halse stecken.

Am 22.Juni 1974 traf Brasilien im letzten Gruppenspiel der Weltmeisterschaft auf den krassen Außenseiter Zaire. Der Weltmeister aus Brasilien stand unter großem Druck, da die ersten beiden Gruppenspiele gegen Jugoslawien und Schottland torlos endeten und somit gegen die Afrikaner ein hoher Sieg benötigt wurde. Zaire hatte hingegen keine Aufstiegschancen mehr, da sie nach zwei Niederlagen gegen Schottland (0:2) und Jugoslawien (0:9) abgeschlagen am Ende der Tabelle lagen. Dennoch war der Druck für die Afrikaner ungleich höher, denn die Spieler Zaires mussten buchstäblich um ihr Leben spielen.

EIN (SPORT)VERRÜCKTER DIKTATOR

Mobutu Sese Seko richtete in seiner Amtszeit als Präsident von Zaire (heute DR Kongo) eines der potentiell reichsten Länder Afrikas zu Grunde, während er ohne Skrupel sein privates Vermögen auf ausländischen Konten vermehrte. Der Diktator zweigte im Laufe seiner Herrschaft mehr als fünf Milliarden Dollar in seine eigenen Taschen ab und flog schon mal mit seiner privaten Concorde zu seinem Zahnarzt nach Nizza. Nur wenige Monate nach der Weltmeisterschaft holte er den historischen Boxkampf zwischen Muhammad Ali und George Foreman nach Zaire, da er durch sportliche Wettbewerbe die Anerkennung seines Landes steigern wollte. Aus diesem Grund war ihm auch die Qualifikation für eine Fußball-Weltmeisterschaft enorm wichtig und er versprach den Spielern, im Falle eines respektablen Abschneidens, hohe Bonuszahlungen, Grundstücke und Autos. Nach der 0:2-Auftaktniederlage gegen Schottland informierte der Diktator die Mannschaft, dass sämtliche Zahlungen gestrichen wären.

DEBAKEL GEGEN JUGOSLAWIEN

Das 0:9-Debakel gegen Jugoslawien im nächsten Gruppenspiel hatte mehrere Gründe. Zum einen war die Motivation der Spieler auf einem Tiefpunkt angelangt, da ihnen klar wurde, dass sie nicht als reiche Männer zu ihren Familien heimkehren würden. Dazu ranken sich Verschwörungstheorien um den jugoslawischen Trainer Blagoje Vidinic, der 1971 den schwierigen Job als Nationaltrainer in Zaire annahm. Ausgerechnet gegen seine Landsleute, die noch dazu nach dem Unentschieden gegen Brasilien eine hohe Tordifferenz benötigten, stellte er seine Mannschaft um und nahm beispielsweise seinen besten Tormann während der Partie vom Platz, obwohl dieser zu den stärksten Akteuren seines Teams zählte. Mobutu schickte ranghohe Soldaten seiner Präsidentenwache zu den Spielern, die ihnen drohten, dass sie ihre Familien nie mehr sehen würden, wenn sie gegen die brasilianische Nationalmannschaft mit mehr als drei Toren Differenz verlieren würden.

EINE VERZWEIFLUNGSTAT

Abwehrspieler Mwepu Ilunga handelte in purer Verzweiflung, als er in der 85. Minute beim Stand von 0:3 aus der Mauer lief und den Ball wegschoss, ehe der Brasilianer Rivelinho einen Schuss aufs gegnerische Tor abgeben konnte. Über diese Szene lachen heute noch die meisten Fußballfans aus aller Welt, da sie die Hintergründe nicht kennen und denken, dass die Exoten aus Zaire die Regeln nicht kannten. Wer Ilungas Beweggründe versteht, der wird ihm jedoch Respekt zollen müssen, denn mit dieser Verzweiflungstat verschaffte er sich und seinen Mannschaftskollegen wichtige Sekunden, die ihnen vielleicht das Leben retteten.

Nach der Weltmeisterschaft machte Mobutu seine Drohungen war und strich alle versprochenen Zahlungen und Geschenke. Der Fußballverband bekam keine finanzielle Unterstützung mehr und die Spieler durften nicht ins Ausland reisen, um bei anderen Vereinen anzuheuern. Dennoch hat die Geschichte ein versöhnliches Ende, denn Mobutu starb 1998 im marokkanischen Exil, während Mwepu Ilunga mit seiner Frau Jeanne Ilunga in der demokratischen Republik Kongo ein glückliches Leben führt.

Stefan Karger, abseits.at

Stefan Karger