In dieser Serie gehen wir auf einzelne Weltklassetalente ein, die auf dem Sprung standen – und ihn nicht schafften. Zumeist waren es persönliche Tragödien,...

rumaenienIn dieser Serie gehen wir auf einzelne Weltklassetalente ein, die auf dem Sprung standen – und ihn nicht schafften. Zumeist waren es persönliche Tragödien, Verletzungen oder einfach die Umstände ihrer Karriere: Die Aussage „Zur falschen Zeit am falschen Ort“ kann manchmal schmerzhaft wahr sein.

Wir lassen die Karrieren diverser Akteure Revue passieren, spekulieren über die mögliche Auswirkung ihres fehlenden Durchbruchs in der Geschichte des Fußballs und ein kleines „was wäre, wenn…?“ darf natürlich auch nicht fehlen. Immerhin besitzt nahezu jeder Fußballfan noch eine schöne Erinnerung an solche Spieler und jene fragende Wehmut, welche Erinnerungen man nicht verpasst hat.

In diesem Teil widmen wir uns …

Nicolae Dobrin

Viele Fußballer aus Ost- und Südosteuropa sind hierzulande unbekannt. Viele durften ihr Talent aus politischen Gründen nicht zur Schau stellen, wie zum Beispiel Vassilis Hatzipanagis. Die einzigen Möglichkeiten, um sich auf europäischer Bühne zu beweisen, waren die wenigen Meisterpokal- und Nationalmannschaftsspiele jener Zeit. Die einzige Alternative für solche Spieler waren internationale Freundschaftsspiele.

Ein solcher Spieler war Nicolae Dobrin und ein solches Spiel war das gegen Weltmeister Brasilien mit Pelé. Die meisten Zuschauer, auch die Fans der gastgebenden Rumänen, erwarteten sich eine Machtdemonstration und Show der Brasilianer. Letztlich sollte es eine Partie für die Ewigkeit werden, in welcher ein Lokalheld seine Klasse bewies. Nicolae Dobrin war der beste Mann auf dem Platz, am nächsten Tag sollte ein Bild in der Zeitung sein, welches ihn neben mehreren auf dem Boden liegenden Brasilianern zeigte. Die Überschrift lautete: „Dobrin versteckt den Ball“. Pelé sagte nach dem Spiel, dass Dobrin technisch mindestens auf einer Stufe mit ihm sei.

Für die Fans des FC Arges Pitesti war er allerdings davor schon ein Held. Einige Berichte sprechen sogar davon, dass er mit nur 12 Jahren debütierte. Die Wahrheit dürfte aber ein erster Einsatz mit 14 Jahren in einem Freundschaftsspiel sein. Der 1947 geborene Dobrin spielte bis 1980 für seinen Heimatverein, nur zwei seiner drei letzten Karrierejahre verbrachte er bei einem anderen Verein, dem CS Targoviste. 1983 kehrte er für eine letzte Saison zu Arges zurück.

In der Liga war er eine Mischung aus Überspieler und schlampigem Genie. Sein Heimatverein war klein und hatte kaum die Chance auf große Titel; trotz Dobrins Klasse waren es letztlich nur zwei Meisterschaften, die er mit seiner Mannschaft erobern konnte. In der Nationalmannschaft wurde ihm die größte Chance verwehrt – nachdem er die Rumänen zur WM 1970 geschossen hatte, durfte er dort nicht spielen. Nach einem Streit mit dem Trainer blieb er die gesamte Weltmeisterschaft nur auf der Bank.

In großen Partien zeigte er aber, auch dank der erhöhten Motivation, seine Klasse. Pelé und Eusebio sollen ihn sogar als besten Dribbler der Welt bezeichnet haben. Ein Beispiel für seine Qualität: Als er im Meisterpokal mit seiner natürlich hoffnungslos unterlegenen Mannschaft auf Real Madrid traf, strahlte er dennoch seine große Klasse aus und erzielte gar einen Treffer und eine Vorlage zu einem überraschenden 2:1-Erfolg, weswegen die Königlichen ihn auch verpflichten wollten.

Wechselverbot zerstört eine Weltkarriere

Santiago Bernabeu persönlich soll ihn ab 1972 gewollt haben. Nicolae Dobrin verkörperte alles, was Real Madrid in den 70er-Jahren brauchte und suchte – er konnte alle Positionen im Mittelfeld spielen, war aber auf jeder einzelnen ein Spielmacher. Sein Dribbling war enorm präzise, seine Pässe konnten lang oder kurz kommen und generell galt er eher als Vorbereiter und klassische Nummer Zehn, denn als Vollstrecker. Dennoch erzielte er in etwas mehr als 400 Spielen über 100 Tore; eine beachtliche Quote, wenn man die Stärke seiner Mannschaft und seine Spielweise bedenkt.

Doch der Transfer zu Real sollte nie zustande kommen. Santiago Bernabeu verhandelte zuerst mit dem Präsident von Arges Pitesti, wurde aber an eine höhere Instanz verwiesen. Bei Nicolae Dobrin entschied der Staat, ob er wechseln durfte. Präsident Bernabeu musste sich deswegen mit Diktator Nicolae Ceausescu an einen Tisch setzen; also mit jenem „Conducator“ („Führer“), der über 140.000 Kinder in Kinderheimen wie Cighid qualvoll sterben ließ.

Der Diktator lehnte ab. Der Superstar Dobrin gehörte zur sportlichen Propaganda des Regimes, desweiteren sollen bei einem Verkauf ins Ausland Aufstände befürchtet worden sein. Offizielle Darstellung: Dobrin war Staatsgut und dürfte nicht in den Westen verkauft werden. Doch das Interesse Dobrins, der seinen nicht stattgefundenen Wechsel bis ins hohe Alter bereute, und jenes von Real Madrid klangen nicht ab.

Vom potenziellen Weltrekordtransfer zum Fußballlehrer

Seinen Traum konnte sich Dobrin aber nur in einer Partie erfüllen. Beim Abschiedsspiel des legendären Linksaußen Francisco „Paco“ Gento spielte er in Madrid für die Blancos. Nach dem Spiel soll Bernabeu Dobrin zum Bleiben angefleht haben. So waren bereits die ungarischen Superstars der 50er nach Spanien geflüchtet, doch letztlich entschied sich Dobrin zur Rückkehr in seine Heimat.

Wer weiß, womöglich wäre er das Madrider Gegenstück zum neuen Superstar des FC Barcelona, Johan Cruijff, geworden? Immerhin soll Bernabeu 1972 schon 2 Millionen Dollar geboten haben; ein Jahr später wechselte Cruijff für exakt diese Summe von Ajax zu Barcelona – es war der Weltrekordtransfer.

Später zog sich Dobrin nur teilweise aus dem Fußballgeschehen zurück. Er eröffnete eine Fußballschule, aus der unter anderem der aktuelle Shakhtar-Linksverteidiger Razvan Rat hervorging. Im Jahre 2006 starb der starke Raucher Dobrin an Lungenkrebs. Der „Gänserich“ bzw. „Prinz aus Trivale“ ist bis heute eine Legende und für viele sogar besser als der rumänische Superstar der 90er, Gheorghe Hagi.

Rene Maric, abseits.at

Rene Maric

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