Die letzte Begegnung des Achtelfinales bei der Weltmeisterschaft in Russland war den beiden Teams von England und Kolumbien vorbehalten. Das Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften... Analyse: England wirft Kolumbien im Elferschießen raus

Die letzte Begegnung des Achtelfinales bei der Weltmeisterschaft in Russland war den beiden Teams von England und Kolumbien vorbehalten. Das Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften wurde bisweilen herbeigesehnt, da beide nicht nur über viel Qualität in ihren Reihen verfügen und zu den besseren Teams bei dieser Weltmeisterschaft zählen, sondern auch strukturell interessante Ansätze verfolgen. Doch die Kolumbianer hatten im Vorfeld eine Hiobsbotschaft zu verkraften, denn mit Schlüsselspieler James Rodriguez musste eine wichtige Stütze passen, der für die Südamerikaner kaum zu ersetzen ist. Die „Young Three Lions“ hingegen werden von einer Euphorie im eigenen Land getragen, kamen mit einer breiten Brust und lassen mit ihrem erfrischenden Fußball ihre Fans vom ganz großen Coup träumen. 

Vorsichtiges Abtasten auf beiden Seiten

Die Engländer traten wie im bisherigen Turnierverlauf erneut in ihrem bevorzugten 5-3-2 System auf, welches gut strukturiert und recht flexibel ausgelegt ist. Die offensiven Flügelverteidiger geben dabei konstant Breite, während vor allem das Trio Sterling, Alli und Lingard recht variabel agiert und überall zu finden ist. Auch im Spiel gegen die Kolumbianer waren dabei die üblichen Muster zu sehen und man versuchte über einen behutsamen Spielaufbau nach vorne zu kommen, um in weiterer Folge Stürmerstar und Kapitän Kane in Szene zu setze. Eine überaus wichtige Rolle nimmt dabei auch Sechser Henderson ein, der quasi die Fäden von hinten zieht und als Ankerspieler vor der Abwehr für die Verbindungen nach vorne zuständig ist. In dieser Hinsicht zeigt sich auch die „Spanisierung“ der Briten, die mit Trainer Southgate einen Mann an der Seitenlinie haben, der von seiner Mannschaft selbst unter Druck eine gepflegte Spielkultur verlangt und die allseits bekannte englische „Brechstange“ in die Vitrine verbannt hat.

Doch die Engländer zeigen nicht nur im Ballbesitz gute Ansätze, sie zeichnet vor allem ihre Stabilität gegen den Ball aus. Gegen Kolumbien presste man zwar nicht ganz hoch und höchstens situativ, aber das tiefere Mittelfeldpressing beherrschen die Engländer recht gut, die Abläufe beim Verschieben der pendelnden Fünferkette wirken sauber und der Gegner tut sich allgemein schwer, offene Räume vorzufinden. Dabei wird sich zunächst auf das Verschließen des Zentrums konzentriert, wofür die drei zentralen Mittelfeldspieler zuständig sind, ehe man nach Pässen auf die Seite langsam nach außen verschiebt und dem Gegner die Passoptionen nimmt und ihn zustellt.

Bei den Engländern blieben die Überraschungen zwar aus, dafür gab es bei den Kolumbianern umso mehr davon, denen wir uns nun etwas genauer widmen wollen. Durch den Ausfall von Superstar James Rodriguez, war Trainer Pekerman nämlich gezwungen, sich etwas einfallen zu lassen. Dies kombinierte er dann mit einer Systemumstellung, weg von dem üblichen 4-3-3, hin zu einer 4-1-2-1-2/4-3-1-2 Grundformation und bot dabei drei zentrale Mittelfeldspieler vor der Abwehr auf. Hinter den beiden Stürmern kam Quintero zum Einsatz, während ganz vorne Falcao und Cuadrado die Speerspitzen bildeten, der nominell vom Flügel ins Sturmzentrum rückte, jedoch auch weiterhin immer wieder nach rechts tendierte. Die Intention dahinter war dabei relativ klar, man passte sich der gegnerischen Struktur an und versuchte das Ballbesitzspiel der Engländer in den Griff zu bekommen. Dafür legte man sich natürlich spezielle Schwerpunkte zurecht und richtete sich einen genauen Matchplan her. Das erste Ziel war es dabei, den Spielaufbau der Engländer zu leiten und zuzustellen. Um das zu bewerkstelligen, hatten vor allem Falcao, Cuadrado und Quintero spezielle Aufgaben mitbekommen.

Kapitän Falcao bekam den Auftrag, in der Umgebung von Halbverteidiger Walker zu bleiben, diesen zu blockieren und dessen Kreisen einzuengen, da die Engländer oft über ihn das Spiel aufbauen und Walker sehr gerne mit dem Ball nach vorne stößt. Cuadrado hingegen hatte die Aufgabe, sein Augenmerk auf den anderen Halbverteidiger Maguire zu legen, der als Rechtsfuß auf der halblinken Position zum Einsatz kommt. Dadurch hat er nicht ganz so einfache Passwinkel zu bespielen und seine Körperstellung ist meist ins Zentrum gerichtet. Dies wollten sich die Kolumbianer zunutze machen, indem Cuadrado angewiesen wurde, Maguire im Bogen anzulaufen, um ihn nach außen auf seinen schwächeren linken Fuß zu drängen, um dann den Fehlpass oder zumindest den langen Ball zu erzwingen. Quintero dahinter hatte mit die einfachste Aufgabe der drei Offensivleute. Dort wo Henderson hingeht, da musste er auch hingehen. Quintero sollte also Henderson in Manndeckung nehmen und ihn verfolgen, selbst wenn sein Weg zum WC führen sollte. Doch nicht nur Quintero bekam eine Prise Manndeckung verordnet, das ganze Defensivkonzept der Kolumbianer fußte quasi auf diesem Prinzip. Diesen Sachverhalt kann man auch beim ersten Bild gut erkennen:

England im Ballbesitz und Spielaufbau, die Formation ist ein klares 5-3-2. Das 4-1-2-1-2 System der Kolumbianer ist ebenfalls gut zu erkennen, in der bis auf die beiden Stürmer sich jeder an seinen direkten Gegenspieler in der Umgebung orientiert. Dadurch hat Kolumbien im Zentrum de facto eine 6 vs.5 Überzahlsituation und für England ist es schwer, freie Passoptionen zu kreieren.

Der spielstarke zentrale Abwehrmann Stones wurde dabei überraschenderweise in Ruhe gelassen, man versuchte stattdessen ihm die Passoptionen nach vorne zu nehmen. Als Pressingzone wählte man zumeist die eigene Hälfte und setzte auf ein Mittelfeldpressing, wobei die Kolumbianer situativ auch weiter vorne attackierten und speziell Maguire oft das Ziel dieser Attacken wurde, weshalb Rechtsverteidiger Arias weite Wege gehen musste, um Maguire die Passmöglichkeit auf den linken Flügelverteidiger Ashley Young zu nehmen. Zu Beginn versuchten die Südamerikaner allgemein höher zu attackieren, doch man nahm relativ bald davon Abstand, nachdem sich die Engländer direkt in der Anfangsphase mit einem schönen Spielzug vom Pressing befreien konnten und einen schönen Angriff fuhren. Da merkte man den Kolumbianern die Abstimmungsprobleme infolge der Systemumstellung noch an.

Der Kampf um den Sechserraum

Doch nach und nach wirkte das ganze zunehmend stabiler und man konnte das Offensivspiel der Engländer meist unter Kontrolle halten. Durch die vielen Mannorientierungen bekamen die Briten kaum Zeit am Ball, hatten meist einen Gegenspieler in unmittelbarer Nähe und mussten die Angriffe immer wieder abbrechen und von neuem aufbauen. Der größte Leidtragende der guten Defensivarbeit der Kolumbianer war zweifellos Sechser Henderson, der vom Spiel quasi vollkommen abgeschnitten wurde, da ihm Quintero auf Schritt und Tritt auf den Fersen war. Das sieht man auch gut im nächsten Bild:

England im Spielaufbau über Stones, Henderson wird von Quintero manngedeckt und verschwindet im Deckungsschatten, Falcao stellt Walker zu, weshalb die Passoptionen für Stones rar gesät sind.

Daher versuchte Henderson in weiterer Folge Quintero auch aus dem Zentrum wegzuziehen und Räume & Passwege für seine Mitspieler zu öffnen. Um die Probleme im Zentrum zu beheben bzw. die Manndeckung des Gegners auszuhebeln, ließ sich sogar Stürmer Kane immer wieder sehr tief fallen und bot sich als Anspielstation an. Dadurch, dass auch Walker gut zugestellt wurde, verlegte sich das gesamte Offensivspiel der Three Lions quasi auf die linke Seite, wo meist versucht wurde diese Zone zu überladen und kombinativ tätigt zu werden. Da überraschte auch Halbverteidiger Maguire, der trotz des Druckes von Cuadrado seine Zuspiele immer wieder anbrachte. Doch gegen die giftigen Kolumbianer gab es in weiterer Folge nur selten ein wirkliches durchkommen und die Engländer wurden durch die Mannorientierungen in ständige Zweikämpfe verwickelt, weshalb sich das Spielgeschehen zumeist im Mittelfeld/zwischen den Strafräumen abspielte.

Auch die Kolumbianer hatten so ihre Schwierigkeiten im Ballbesitz. Das lag vor allem daran, dass man zwar aus der Tiefe heraus viele Spieler und Präsenz hatte, doch in höheren Zonen zumeist nur die zwei Stürmer als Anspielstation, die gegen die Fünferkette der Engländer natürlich auf verlorenem Posten standen und in krasser Unterzahl waren. Die Kolumbianer zeigten im Aufbauspiel zwar verschiedene Varianten, mal baute man mit zwei Innenverteidigern auf und ließ sich ein Sechser zwischen ihnen fallen, dann sah man auch mal alle drei (!) zentralen Mittelfeldspieler vor den Innenverteidigern verteilt, was eine 2-3-3-2 artige Formation ergab, am öftesten sah man jedoch folgende Anordnung:

Kolumbien im Ballbesitz und einer 2-2-4-2 Anordnung. Zwei ZM´s kippten in die linken & rechten Halbräume heraus und versuchten das Spiel nach vorne zu tragen. England zieht sich mit ihrem 5-3-2 in die eigene Hälfte zurück und lässt die Kolumbianer in eine für sie ungefährliche Zone agieren.

Zwar hatte man dadurch wie gesagt reichlich Tiefenpräsenz und konnte in Ruhe den Ball in den eigenen Reihen zirkulieren lassen, jedoch in ungefährlichen Zonen und man hatte Probleme beim Übergang in höhere Zonen in der gegnerischen Hälfte und beim besetzen des Zwischenlinienraumes. Die Engländer ließen die tiefe Zirkulation des Gegners nämlich meist auch zu und konzentrierten sich vordergründig auf den wichtigen Bereich in der eigenen Hälfte, wo man Zugriff herstellen wollte. Dadurch war die kolumbianische Offensive ein laues Lüftchen und in der ersten Halbzeit konnte man sich keine ernstzunehmenden Chancen erarbeiten. Die Engländer waren zwar im Ansatz etwas gefährlicher, doch auch sie fanden nicht wirklich gute Chancen vor, weshalb es mit einem torlosen Remis in die Pause ging.

Ein Tor verändert die Charakteristik

Nach dem Wiederanpfiff gab es auf beiden Seiten recht wenig Veränderungen zu sehen. Beide Mannschaften gingen nicht viel Risiko ein und spielten recht konservativ, die Ballbesitzzeiten wechselten und waren recht ausgeglichen, mit leichten Vorteilen für die Engländer, die stärker versuchten spielerische Lösungen zu kreieren. Daher versuchten die „Three Lions“ auch das Problem mit der Manndeckung von Henderson zu lösen, indem sich Alli vermehrt zurückfallen lassen sollte, aber interessanterweise auch Stones seine Position situativ verließ und auf die Sechserposition ging. Diesen Mechanismus kennt man vor allem von Hoffenheim, die bei Problemen mit dem Dreieraufbau auch mal umstellen können. Doch egal welches Muster, so richtig stimmig und passend eingebunden wirkte das Ganze dennoch nicht, weshalb der Sechserraum weiterhin die Problemzone blieb. Glücklicherweise machten die Kolumbianer den Engländern ein Geschenk und verursachten einen unnötigen Elfmeter nach einem Eckball im Strafraum, wodurch Kapitän Kane seine Mannschaft in Führung bringen konnte.

Dadurch veränderte sich der Charakteristik des Spiels doch ziemlich. England war jetzt nicht mehr darauf bedacht, offensiv zu agieren und zog sich zunehmend zurück, weshalb Kolumbien nun mit mehr Ballbesitz konfrontiert wurde. Die Südamerikaner mussten naturgemäß nun reagieren und ihrerseits offensiver werden, da man bis dahin nichts zustande brachte und zu keiner richtigen Torchance kam. Trainer Pekerman brachte mit Bacca einen zusätzlichen Stürmer für einen Mittelfeldspieler und brachte damit mehr Präsenz ins letzte Drittel. Dadurch veränderte sich das System auch zu einem 3-1-4-2, indem Arias neben die Innenverteidigung rückte, Cuadardo und Mojica als Flügel agierten und Bacca mit Kapitän Falcao das Sturmzentrum besetzte. Zwar ging man jetzt mehr Risiko ein, doch gefährlich konnte man nach wie vor nicht werden. Die englische Defensive stand sattelfest und gewährte den Kolumbianern vor allem in strafraumnähe nahezu keine Räume, weshalb das Spiel so dahinplätscherte.

Die Engländer verließen sich jedoch nicht nur auf das tiefe Abwehrpressing und ihre Kompaktheit, sondern versuchten auch immer wieder herauszurücken und situativ auch mal weiter vorne zu attackieren, um den Rhythmus des Gegners zu brechen. Kolumbien fand dagegen bis zum Schluss überhaupt keine Lösung und es schien ganz so, als wäre der Käse gegessen. Doch dann packte Uribe aus dem Nichts einen Hammer aus und zwang mit einem Distanzschuss Torhüter Pickford zu einer sensationellen Parade. Die anschließende Ecke, übrigens die Erste der Kolumbianer im gesamten Spiel überhaupt, führte dann auch noch tatsächlich zum Ausgleich. Barcelona-Legionär Mina zeigte zum wiederholten Male seine Gefährlichkeit im gegnerischen Strafraum und rettete seine Mannschaft mit seinem dritten Kopfballtreffer in diesem Turnier in die Verlängerung.

In der ersten Hälfte der Verlängerung übernahm dann die Kolumbianer, angetrieben von der Moralspritze und voller Adrenalin, die Kontrolle über das Spiel und wirkten nun aktiver und gefährlicher. Die Engländer waren teilweise völlig von der Rolle, leisteten sich viele ungewohnte und einfache Fehler und wirkten noch geschockt vom späten Ausgleich der Kolumbianer. Die Südamerikaner kehrten auch zu ihrem „Stammsystem“ dem 4-3-3 zurück und wirkten in diesem deutlich stabiler und sicherer. Die beste Chance vergab noch Falcao, der einen Kopfball neben das Tor setzte. Die Engländer fingen sich im zweiten Teil der Verlängerung allerdings wieder und schüttelten den Schock ab, weshalb das Spiel wieder ausgeglichener wurde und beide Mannschaften mit Vorsicht und Bedacht agierten. Die beste Chance vergab Rose nach einem schönen Angriff, jedoch ging sein Abschluss knapp am Tor vorbei. So ging es letztlich ins Elfmeterschießen und es waren nun Nerven aus Stahl gefragt. England hatte letztendlich die besseren Nerven und gewann das Elfmeterschießen, womit man den Einzug ins Viertelfinale vollbrachte.

Fazit

In einem fußballerisch eher unterdurchschnittlichen Spiel setzten sich die Engländer schlussendlich doch durch und feierten den Aufstieg ins Viertelfinale. Letztlich kann man konstatieren, dass dieses Weiterkommen der „Three Lions“ auch verdient war, da man über weite Strecken der Partie die bessere und stabilere Mannschaft gewesen ist und durch die eigene defensive Kompaktheit eigentlich keine richtige Torchance des Gegners zuließ, bis eben zu der verhängnisvollen 93. Minute. Nachdem man den ersten Teil der Verlängerung noch in einer Schockstarre verbrachte, stabilisierte man sich im zweiten Teil wieder und konnte sich letztlich im Elfmeterschießen durchsetzen, das man im Training davor unaufhörlich übte. Dieser Erfolgserlebnis könnte der Mannschaft nochmal zusätzlichen Schub geben, denn mit der Euphorie in der Heimat und dem vergleichsweise „einfachen“ Weg in das Finale, scheint der Titelgewinn ganz klar im Bereich des Möglichen.

Die Kolumbianer hingegen müssen nun die Segel streichen und die Heimreise antreten. Dabei merkte man den Südamerikanern den Ausfall von James Rodriguez deutlich an, da man in der Offensive über die gesamte Spielzeit fast nichts zustande brachte und dahingehend völlig enttäuschte. Das Spiel gegen den Ball konnte zwar überzeugen und der Matchplan dahingehend ging auch auf, allerdings besteht der Sinn und Zweck eines Fußballspiels, auch in der Lage zu sein Tore zu erzielen und offensiv Akzente zu setzen. Dahingehend wirkten die Kolumbianer zu vorsichtig und gehemmt, waren viel mehr mit zahlreichen Unsportlichkeiten beschäftigt, weshalb man nur dank eines Lucky-Punch in letzter Sekunde überhaupt erst in die Verlängerung kam. Daher war das Ausscheiden auch nicht unverdient und mit dieser eher durchwachsenen Leistung verabschiedete man sich letztlich auch von der Weltmeisterschaft in Russland.

Dalibor Babic, abseits.at

Dalibor Babic