Frankreich schlägt in einem mitreißenden Spiel Argentinien mit 4:3 und stieg damit als erste Mannschaft ins Viertelfinale auf, wo nun die defensivstarken Uruguayer mit... Ein 4:3, das täuscht

Frankreich schlägt in einem mitreißenden Spiel Argentinien mit 4:3 und stieg damit als erste Mannschaft ins Viertelfinale auf, wo nun die defensivstarken Uruguayer mit ihren beiden Superstars Suarez und Cavani warten.

Die Franzosen überzeugten neben einer passenden Team-Chemistry mit einer starken Defensivleistung gegen die Überladungen der Argentinier sowie mit einer guten Organisation und Raumaufteilung bei eigenem Ballbesitz und einigen dynamischen Umschaltmomenten, weshalb Frankreich als komplettere Mannschaft mit herausragenden individuellen Akteuren als verdienter Sieger dieses Duells hervorgegangen ist.

Wir schauen uns die Spielstruktur in den ersten 45 Minuten noch einmal etwas genauer an und analysieren dazu auch die guten französischen Strukturen bei eigenem Ballbesitz, die vor allem nach dem Führungstreffer der Argentinier gefragt waren.

Grundordnungen und Personal

Didier Deschamps formierte seine Mannschaft erneut in einer stabilen 4-2-3-1 Grundordnung, nachdem die Franzosen das Turnier ja ursprünglich in einer 4-3-3 Ordnung angegangen waren.

Die Viererkette vor Torhüter und Kapitän Lloris bildeten die beiden Stamm-Innenverteidiger Varane und Umtiti, flankiert wurden die zwei von den beiden stark spielenden Außenverteidigern Pavard und Hernandez. Das Sechserduo vor der Abwehr bestand aus Dauerläufer Kante sowie Paul Pogba, der sich bei gegnerischem Ballbesitz zwar auf eine Höhe mit Kante fallen ließ, bei eigenem Ballbesitz aber höher und weiträumiger agierte als Kante und so zusammen mit dem einrückendem Matuidi mehr als Achter spielte.
Das Pendant von Matuidi auf dem rechten Flügel war Shootingstar Mbappe, der mit seiner Dynamik und Schnelligkeit dem Spiel seiner Mannschaft die nötige Durchschlagskraft und Kreativität geben sollte.

Die vorderste Sturmlinie bildeten nominell erneut Griezmann und Giroud.

Der heftig in der Kritik stehende argentinische Coach Jorge Sampaoli vertraute wie zuletzt schon gegen Nigeria auf eine 4-3-3 Grundordnung mit zwei Achtern und breiten Flügelspielern, allerdings verzichtete er gegen Frankreich auf einen klassischen Mittelstürmer. Anstelle von Higuain übernahm Messi als falscher Neuner die Position im Sturmzentrum, für ihn spielte zu Beginn Pavon auf der rechten Flügelposition. Links am Flügel kam erneut Angel di Maria zum Zug, dahinter besetzten Perez und Banega die beiden Achterpositionen, wobei Perez häufig aus dem rechten Halbraum in die Spitze vorstieß, um so die zurückfallenden Bewegungen von Messi in diese Räume etwas besser balancieren und Gegenspieler binden zu können. Es sollte gegen die gut abgestimmte Defensivarbeit der Franzosen zu oft beim Versuch bleiben.

Der „kleine Chef“ Javier Mascherano besetzte die Sechserposition vor der Viererkette bestehend aus den beiden Innenverteidigern Otamendi und Rojo sowie den Außenverteidigern Mercado und Tagliafico.

Frankreich dank guter Umschaltsituationen die gefährlichere Mannschaft

Argentinien kontrollierte zu Spielbeginn den Ball und auch den Großteil des Spielfeldes, während Frankreich sich mit zwei Viererketten in einem tiefen Mittelfeldpressing positionierte und die argentinische Ballzirkulation in deren eigenen Hälfte weitestgehend zuließ. So wollten sie den Südamerikanern den Spielaufbau überlassen und sie aus den Positionen herauslocken, um dann mit den eigenen pfeilschnellen Stürmern in Kontersituationen kommen zu können. So die strategischen Herangehensweisen zu Spielbeginn, taktisch agierten beide Teams in den ersten 45 Minuten ebenfalls auf einem hohen Niveau.

Die Argentinier wussten natürlich um die Stärken der Franzosen in Umschaltmomenten Bescheid (vorrangig um die individuellen Qualitäten von Griezmann und Mbappe) und gingen daher vorweg kein allzu großes Risiko im eigenen Aufbauspiel ein. Dies wurde vor allem an den tiefen Positionen der beiden Außenverteidiger Mercado und Tagliafico ersichtlich. Sie hielten konstant ihre tiefen Positionen in der eigenen Hälfte und waren dadurch einige Male auch auf einer Höhe mit den beiden Innenverteidigern positioniert, was ganz klar absicherungstechnische Gründe hatte. Zusammen mit Sechser Mascherano befanden sich somit bei eigenem Spielaufbau immer bis zu fünf Spieler vor dem französischen Defensivblock und kontrollierten die bevorzugten französischen Umschalt-Bahnen, was beim 0:1 aber ebenfalls nicht reichen sollte.

Die eigenen Offensivaktionen starteten die Argentinier vorrangig über den eigenen rechten Flügel und Halbraum. Durch das Abkippen von Messi in diese Räume wollte man damit die nominelle Unterzahl innerhalb des französischen Defensivblocks ausgleichen und dank kleinräumiger Kombinationen und Dribblings über Messi vor die französische Viererkette kommen bzw. durch Verlagerungen über den breit positionierten Flügelspieler di Maria hinter die letzte gegnerische Kette kommen. Die Achterpositionen passte Sampaoli dafür ebenfalls dementsprechend an. Wie bereits erwähnt rückte der rechte Achter Perez häufig in die vorderste Sturmlinie vor und versuchte dort, die französischen Abwehrspieler zu binden, um die Räume für das Abkippen von Messi etwas vergrößern zu können. Der zweite Achter agierte wesentlich tiefer und aufbaufokussierter. Ab und an ließ er sich auch in den linken defensiven Halbraum neben Mascherano fallen und holte sich dort den Ball von den Innenverteidigern ab, aufgrund der tiefen Positionen der Außenverteidiger waren die vertikalen Passoptionen aber stark eingeschränkt und der Raumgewinn daher marginal. Zusätzlich erhöhte sich dadurch die Anzahl der argentinischen Spieler vor Frankreichs Defensivblock erneut. In Summe kamen die Mannen von Sampaoli mit dieser vorsichtigen Aufbaustruktur selten bis nie durch, was aber auch an der guten und kollektiven Defensivarbeit der Equipe tricolore lag.

Wie weiter oben bereits kurz skizziert, zogen die Franzosen mit zwei Viererkette ein engmaschiges Netz in der eigenen Hälfte auf. Die acht Spieler in den beiden Ketten agierten grundsätzlich ball- und positionsorientiert, wodurch die Linien sowohl horizontal wie auch vertikal immer kompakt blieben und keine aufgefüllten Fünfer- oder Sechserketten entstanden, so wie wir das bei diesem Turnier schon häufig gesehen haben. Das Kollektiv der Franzosen war gut, aber vor allem der linke Flügelspieler Matuidi spielte aufgrund der argentinischen Überladungen um ihn herum äußerst geschickt und umsichtig und nahm den argentinischen Überladungsversuchen damit jegliche Dynamik und Durchschlagskraft. Dadurch, dass er sich immer etwas eingerückt im Halbraum positionierte, provozierte er kurze Zuspiele auf den Flügel, wo er dann auf den ballführenden Spieler nicht zu aggressiv herausschob, dadurch aber dank cleverer Anlaufwinkel argentinische Spieler in seinen Deckungsschatten nehmen konnte. Das war der Schlüssel für die Balance. Matuidi ging nicht aggressiv auf Balleroberung und verwickelte sich dadurch auch nicht in direkte Zweikampfduelle, wo er gegen die argentinische Überzahl unterlegen gewesen wäre und den Defensivverbund der eigenen Mannschaft nur destabilisiert hätte. Stattdessen fokussierte er sich darauf, das argentinische Aufbauspiel auf die Flügel abzudrängen, um anschließend mit umsichtigen Positionierungen Gegenspieler in seinen Deckungsschatten zu nehmen und so die argentinische Überzahl verpuffen zu lassen. Kleinigkeiten, defensivtaktisch gegen die Vorhaben der Argentinier aber von wesentlicher Bedeutung. Hinzu kam, dass die zwei Ketten gut zur Seite nachschoben und so um Messi herum äußerst kompakt blieben, was ein weiterer Schlüssel war. Zu sehen in der folgenden Grafik:

Der französische Defensivblock, Argentinien im Spielaufbau

Mbappe agierte tendenziell etwas höher als Matuidi, aber ähnlich geschickt wie sein Mannschaftskollege und stellte auch defensivtaktisch sein gutes Gefühl für die gegnerische Spiel- und Passentwicklung unter Beweis. Thomas Tuchel darf sich freuen.
In diesem Zusammenhang auch erwähnenswert, dass Pogba vereinzelt mannorientiert auf das Abkippen von Banega reagierte und kurzzeitig damit immer wieder ein 4-3-3- herstellte. Dadurch konnte der nötige Zugriff hergestellt werden und aufgrund der fehlenden Offensivpräsenz der Argentinier war auch die Absicherung kein Problem, vor allem wenn man einen Kante als Nebenmann an seiner Seite hat.

Klarer Plan und saubere Struktur bei eigenem Ballbesitz

Ein kurzer Blick auf die französischen Strukturen bei eigenem Ballbesitz lohnen sich auf jeden Fall. Aus dem 4-4-2 Defensivsystem wurde nämlich im Ballbesitz ein 4-3-3 hergestellt. Dafür rückte Matuidi in den linken defensiven Halbraum ein und besetzte mit Pogba die zwei Achterpositionen, während Kante als Sechser vor der Abwehr den tiefsten Mittelfeldakteur gab. Mbappe ging gleichzeitig in die vorderste Sturmlinie vor und besetzte zusammen mit Griezmann (im linken Halbraum) und Giroud (im Zentrum) den Zwischenlinienraum, häufig entstand dadurch auch eine 4-3-2-1 Struktur. Gut zu sehen auch in der französischen Passmap:

In der ersten Halbzeit war das französische Ballbesitzspiel hauptsächlich auf Vertikalität ausgerichtet. Vor allem Varane operierte viel mit vertikalen, raumgreifenden Pässen in den Zwischenlinienraum auf den entgegenkommenden Giroud, der dann daran anschließend mit Ablagen die neben ihm positionierten Mbappe und Griezmann in Aktion bringen wollte. In den Anfangsminuten fehlte es noch an der nötigen Präzision, mit Fortdauer des Spiels wurde aber das Passspiel besser und die Aktionen noch klarer und durchschlagskräftiger. Ebenso fanden auch einige hohe Bälle direkt in den Rücken der Abwehr seine Abnehmer.

Die französische Aufbaustruktur mit Fokus auf tiefe, raumgreifende Pässe der Innenverteidiger in den Zwischenlinienraum auf die drei Offensivwaffen der Equipe tricolore.

Aber auch die Außenverteidiger wurden immer wieder gut eingebunden und waren nach dem 1:2 Rückstand auch gefordert, mehr Risiko für das eigene Offensivspiel zu nehmen. Die drei eingerückten Spieler im Zwischenlinienraum sowie die beiden Achter beschäftigten die gegen den Ball häufig unkoordinierten Argentinier ausreichend, sodass Räume auf den Flügeln für die vorstoßenden Außenverteidiger vorhanden waren. So zum Beispiel perfekt gesehen beim 2:2 Ausgleichstreffer durch Pavard nach Vorarbeit des anderen Außenverteidigers Hernandez. Aber auch der vierte Treffer durch Mbappe war vielleicht der bisher schönste Spielzug dieser Weltmeisterschaft. Die gute Raumaufteilung mit der passenden Einbindung der vorhandenen Spielerqualitäten hat sich in dieser Szene mal wieder bezahlt gemacht, dazu war der Abschluss von Mbappe technisch auf dem allerhöchsten Level.

Fazit

Wenn ein Fußballspiel 4:3 ausgeht, vermutete man oft schnell ein chaotisches Spiel mit schwachen und unorganisierten Defensivreihen. Das war aber nicht der Fall. Dass dieses Spiel besonders war und statistisch etwas aus der Reihe fällt, zeigen auch die Expected Goals Werte. Frankreich kommt dabei auf einen Wert von 1,89, Argentinien gerade einmal auf 0,64. Das heißt, dass diese Begegnung bei einem „normalen“ Spielverlauf mit den ausgewerteten Torabschlüssen 1:1 oder 2:1 für Frankreich ausgehen hätte können. Beide Mannschaften waren vor dem Tor sehr effizient, dazu kamen Traumtore aus großen Entfernungen, welche den Expected Goals Wert ebenfalls nicht in die Höhe treiben.

Man kann aber trotzdem bilanzieren, dass Frankreich verdient ins Viertelfinale aufgestiegen ist. Sie verfügen über ein starkes mannschaftstaktisches Kollektiv mit herausragenden individuellen Akteuren, aber auch mit unauffälligen Spielern, die den Individualisten die perfekte Struktur bereitstellen. In dieser Form ist Frankreich sicher ein Favorit auf den WM-Titel, zuvor muss im Viertelfinale aber das defensivstarke Uruguay aus der Balance gebracht werden.

Sebastian Ungerank, abseits.at

Sebastian Ungerank