Frankreich kürte sich mit einem 4:2-Finalsieg über Kroatien zum zweiten Mal nach 1998 zum Fußball-Weltmeister. Wie schon das gesamte Turnier über, diktierten sie den... Frankreich ist Weltmeister: Die große WM 2018 Finalanalyse!

Frankreich kürte sich mit einem 4:2-Finalsieg über Kroatien zum zweiten Mal nach 1998 zum Fußball-Weltmeister. Wie schon das gesamte Turnier über, diktierten sie den Spielrhythmus über ihre defensive Stabilität und Organisation und konnten in der Offensive dank einer guten und pragmatischen Einbindung der überragenden individuellen Qualität für Durchschlagskraft und Torgefahr sorgen. Exemplarisch für diese Weltmeisterschaft 2018, dass auch im Finale drei von sechs Tore nach Standardsituationen fielen.

Das Überraschungsteam aus Kroatien kann aber trotz dieser Niederlage erhobenen Hauptes die Heimreise antreten. Sie dominierten über weite Strecken das Spiel und zeigten sich bei eigenem Ballbesitz und in der Spielentwicklung noch einmal deutlich verbessert als dies in den bisherigen K.O.-Spielen der Fall war. Im Zusammenhang mit einem passenden und mutigen Konzept im Spiel gegen den Ball war es vielleicht die beste Turnierleistung der Kroaten, die auch aufgrund eines unglücklichen Spielverlaufs schlussendlich nicht belohnt wurde.

Grundordnung Kroatien

Zlatko Dalic konnte trotz mehrerer kleiner Fragezeichen auf die komplette Elf aus dem siegreichen Halbfinale gegen England zurückgreifen. Auch an der Grundordnung änderte Dalic wie erwartet nichts. Die 4-1-4-1-Struktur blieb auch gegen Frankreich bestehen, weil dadurch vor allem eine bessere Raumaufteilung und die erforderlichen Verbindungen zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen besser hergestellt werden kann als im 4-2-3-1, welches noch im Viertelfinale gegen Russland zum Einsatz kam. Auch die Raumbesetzung im 4-1-4-1 passte besser zur passiv ausgerichteten französischen Defensivordnung.

Vor Torhüter Subasic bildeten daher wieder Vida und Lovren die Innenverteidigung. Ebenfalls wie erwartet komplettierten die beiden Außenverteidiger Strinic und Vrsaljko die Viererkette im kroatischen Mannschaftsverbund.

Eine Linie davor gab Brozovic den Sechser, um ihn herum agierten in den jeweiligen Halbräumen die Achter Modric und Rakitic. Rebic und Perisic besetzten wieder die Positionen auf den Flügeln, welche sie im Finale wieder etwas inverser interpretierten als noch gegen das englische 5-3-2. Gemeinsam mit ein paar anderen Aspekten war dies ein wesentlicher Grund, warum das kroatische Ballbesitzspiel flüssiger und zielgerichteter wirkte.

Und Mario Mandzukic, Goldtorschütze im Halbfinale, wurde von Dalic natürlich wieder im Sturmzentrum aufgeboten.

Kroatien im Ballbesitz: Gute Raumaufteilung und druckvolles Passspiel

In der Anfangsphase entwickelte sich das Spiel in puncto Rhythmus und Rollenverteilung so, wie man es im Vorfeld erwarten konnte. Frankreich zog sich im 4-4-2 in die eigene Hälfte zurück und überließ den Kroaten den ruhigen Spielaufbau, um aus daraus resultierenden Fehlern zu aussichtsreichen Umschaltsituationen kommen zu können. Diesen Gefallen machten ihnen die Kroaten zu Beginn aber nicht, dafür war die Raumaufteilung zu gut, das Passspiel zu sauber und die Restverteidigung zu aufmerksam. Nach den 90 Spielminuten sollten die Kroaten so auf 66 % Ballbesitz kommen. Dabei spielten sie fast doppelt so viele Pässe (529 zu 285) wie die Franzosen, von denen 83 % an den Mann kamen (im Vergleich zu 68 % bei Frankreich). Allein diese Zahlen vermitteln einen Eindruck, wie die Spielstruktur beschaffen war, auch wenn daraus natürlich keine Rückschlüsse über die Torgefahr gezogen werden kann (die Expected Goals sprachen am Ende für Frankreich).

Aber wie kam es zu diesen Werten und in welcher Struktur bespielte Kroatien welche Räume? Der hohe Ballbesitzanteil kam wie bereits erwähnt durch die strategische Marschroute der Franzosen zustande. Die Kroaten hatten so in der eigenen Hälfte viel Zeit für den Spielaufbau und für das Einnehmen der richtigen Positionen in der gegnerischen Hälfte, was sich positiv auf die Verbindungen zwischen den Spielern und damit dem Pass- und Kombinationsspiel auswirkte. Das 4-3-3 konnte dadurch schön aufgezogen werden. Die beiden Außenverteidiger positionierten sich im Spielaufbau konsequent breit knapp im Rücken der französischen Flügelspieler, wodurch diese einerseits gebunden werden konnten, andererseits die beiden Außenverteidiger für Zuspiele der Innenverteidiger oder des Achters anspielbar waren. Eine kluge und effiziente Positionierung, wo viele andere Mannschaften bei diesem Turnier große und oft fragwürdige Schwächen offenbarten. Rakitic und Modric positionierten sich meist in den defensiven Halbräumen neben Sechser Brozovic, wodurch eine stabile 2-3-Aufbaustruktur hergestellt werden konnte und mit deren Hilfe sowohl eine solide Ballzirkulation als auch eine ausreichende Restverteidigung sichergestellt werden konnte. Die Raumaufteilung der Kroaten erkennt man auch in dieser Passmap sehr schön:

Neben der grundsätzlichen Struktur und Raumaufteilung und dem sauberen Passspiel waren zwei taktische Mittel von Dalic bei eigenem Ballbesitz offensichtlich. Zum einen wäre da der ausgeprägte Rechtsfokus, der auch in der Passmap ersichtlich ist. Ähnlich wie gegen Russland war der halbrechte Innenverteidiger Lovren im Spielaufbau wesentlich aktiver und mutiger als sein Nebenmann Vida. Lovren stieß so einige Male ins Mittelfeld vor und besetzte den freien Raum neben der ersten französischen Verteidigungslinie, während Brozovic und Vida seine Aufrückbewegungen dementsprechend absicherten.

Passend in diesem Kontext war auch, dass sich Modric in solchen Situationen nach vorne orientierte und sich zwischen den französischen Linien (bzw. situativ auch ganz in der vordersten Linie) positionierte, was zusätzliche Tiefe im Spiel der Kroaten bedeutete und die französischen Mittelfeldspieler band, wodurch diese nicht auf Lovren herausrücken konnten. Die tiefe Position von Modric vor dem englischen Block war im Halbfinale noch ein größeres Problem, was sich negativ auf die Durchschlagskraft und Torgefahr auswirkte. Gegen die defensiven Franzosen fokussierte er die vertikalen Läufe in die Tiefe mehr und konnte in diesen Zonen seine Pressingresistenz etwas besser einbringen.

Mit dem nach rechts driftendem Mandzukic wurde diese Seite konsequent überladen und bespielt. Dalic strukturierte aber auch diese Bewegungen gut, womit wir beim zweiten Punkt angekommen wären.

Innerhalb der 4-3-3-Struktur gab es viele Dreiecks- und Rautenbildungen, die vor allem in den Halbräumen und den Flügel gut aufgezogen wurden. Auf beiden Seiten waren die Achter Modric und Rakitic die Ausgangspunkte für die folgenden Angriffsvorträge. Sie bildeten durch ihre Positionen in den defensiven Halbräumen die tiefe Spitze des Dreiecks bzw. der Raute und leiteten mit ihrem strategischen Geschick die Angriffe ein. Sie hatten in weiterer Folge drei bis vier stabile Anspieloptionen in allen Spielfeldrichtungen. Durch die aufgerückten Außenverteidiger konnten sie das Spiel diagonal auf den Flügel verlagern oder auf die eingerückten Außenspieler sofort das Spiel in die Tiefe suchen. Mario Mandzukic bot sich ebenfalls meist etwas diagonal versetzt an und bildeten einen weiteren Anspielpunkt in der Tiefe. Durch seine körperliche Präsenz war er auch Abnehmer einiger Chip-Pässe, der er mit dem Rücken zum Tor sauber annahm und anschließend klatschen ließ oder selber mit einer kurzen Aufdrehbewegung die Spielverlagerung suchte.

In der folgenden Grafikszene sieht man exemplarisch eine solche Rautenformation auf der rechten Seite mit der Möglichkeit zur flachen Verlagerung auf Rakitic in den linken Halbraum, der dort ähnliche Strukturen vorfand.

Zu sehen die kroatische Aufbaustruktur sowie die Rautenbildungen auf den Flügeln mit der Verlagerungsmöglichkeit auf Rakitic. Dadurch war eine stabile Ballzirkulation möglich und alle Spielfeldzonen konnten ausbalanciert besetzt werden. So dominierten die Kroaten das erste und zweite Drittel, im eng verteidigten Angriffsdrittel fehlten ihnen dann aber oft die notwendigen Lösungsmöglichkeiten und Automatismen für den finalen Durchbruch und Torabschluss.

In Summe war das Ballbesitzspiel der Kroaten gut und flüssig. Zlatko Dalic nahm noch einmal kleine Anpassungen vor und konnte so die potentiell offenen Räume innerhalb des französischen Defensivblocks (Halbräume neben den Stürmern, Zwischenlinienraum, Raum im Rücken von Mbappe) stabil mit der eigenen Struktur bespielen. Die Verbindungen zwischen den einzelnen Positionen waren über 90 Minuten gut, dadurch wussten die Kroaten auch im Gegenpressing zu überzeugen und konnten so unmittelbar nach der Halbzeit durch frühe Ballrückeroberungen den Druck auf die französische Defensive massiv erhöhen.

Kroatien gegen den Ball: Interessantes Konzept, aber selten in Verwendung

Das Spiel gegen den Ball von Kroatien war aufgrund des Spielverlaufs und der Spielcharakteristik eher von untergeordneter Bedeutung und selten zu sehen, dennoch lohnt sich ein kurzer Blick darauf. Dalic hat mit seinem Team hat auch hier die Hausaufgaben gemacht und die französische Aufbaustruktur gut analysiert und darauf dann die eigene Ordnung und Mechanismen angepasst. Die gewohnte 4-1-4-1-Ordnung mit aufrückenden Achtern wurde beibehalten, allerdings kleine Details innerhalb der Formation justiert. Etwas, was Dalic schon das gesamte Turnier über hervorragend machte.

Ähnlich wie gegen England strahlten sie auch im Finale viel Aktivität und Bereitschaft für die Verteidigungsarbeit aus. Mandzukic machte wieder viele Meter und lief eigentlich permanent die französischen Innenverteidiger bei deren kurzen Aufbaumomente an und kappte die horizontalen und diagonalen Passverbindungen in die Mitte. Unterstützt wurde er dabei meist von einem der beiden Achter, die situativ in die erste Pressinglinie vorrückten und dadurch phasenweise ein 4-4-2 herstellten.

Aktiv unter Druck gesetzt wurden auch die französischen Außenverteidiger. Rebic und Perisic positionierten sich dafür etwas eingerückt, bei einem Pass auf die Außenverteidiger pressten sie aber sofort drauf und zwangen sie so zu einer schnellen Reaktion unter Zeit- und Raumdruck. Die kroatischen Außenverteidiger schoben dementsprechend nach, war vor allem auf der linken Seite mit Mbappe von entscheidender Bedeutung war.

Aber was tun mit Matuidi? Der verteidigt im 4-4-2 auf der linken Seite, rückt bei eigenem Ballbesitz aber konstant auf die halblinke Achterposition ein und stellt so zusammen mit Kante und Pogba ein klares 4-3-3 her. Die Kroaten hätten einfach die Formation spiegeln können und Modric tiefer bei Matuidi lassen können. Dalic wollte diesen Verlust an Aktivität aber nicht hinnehmen und konstruierte einen anderen Ansatz. Modric positionierte sich weiter höher, der rechte Außenverteidiger Vrsaljko rückte dafür sehr stark auf Matuidi ein. Dies war durchaus mit Risiko verbunden, wäre dadurch doch auf dem rechten Flügel für die Franzosen sehr viel Raum frei gewesen. Rebic ging zwar mit dem aufgerückten Hernandez mit, hätte aber vermutlich große Probleme gehabt, den großen Raum zu verteidigen.

In der ersten Halbzeit gab es zwei Momente, wo dies hätte besonders problematisch werden können. Durch die vorsichtigen Offensivbemühungen der Franzosen fiel dieser wunde Punkt nicht allzu sehr ins Gewicht. Auch wenn vier Gegentreffer nicht für Stabilität sprechen, muss an dieser Stelle etwas feiner differenziert werden. Die ersten beiden Treffer fielen nach Standardsituationen, die aus kroatischer Sicht äußerst unglücklich in der Entstehung waren. Die beiden anderen Treffer waren Unterzahlangriffe der Franzosen (beim dritten Treffer hat Pogba mit einem super Pass auf Mbappe den richtigen Umschaltimpuls gegeben), die mit Weitschüssen vollendet wurden. Auch die Expected Goals weißen daher bei der Mannschaft von Didier Deschamps „nur“ einen Wert von 1.07 aus. Man kann also definitiv nicht sagen, dass die Kroaten schlecht verteidigt hätten. Aufgrund des deutlichen Plus an Ballbesitz bestand die defensive Arbeit sowieso hauptsächlich daraus, die Restverteidigung und Konterabsicherung aufrecht zu erhalten und nicht das geordnete Pressing aus der Formation heraus. Dass nicht alle Umschaltmomente gegen diese individuelle Klasse verhindert werden können, liegt auch auf der Hand.

Typische kroatische Defensivformation

Kroatien in der Schlussphase: Umstellung auf ein 3-3-4

Mit der Einwechslung von Pjaca in der 80. Minute stellte Dalic das System noch einmal um. Fortan agierten die Kroaten mit einer Dreierkette (Vida, Lovren und Vrsaljko), den drei gewohnten Akteuren im Mittelfeld sowie vier Spielern in der vordersten Linie. Der eingewechselte Pjaca gab auf der rechten Seite die Breite und sollte für Eins-gegen-Eins-Situationen und Flanken sorgen, selbiges galt für Perisic auf der linken Seite. Das Sturmzentrum besetzte nun nicht mehr Mandzukic allein, er wurde von Kramaric unterstützt.

Die Umstellung von Dalic war an und für sich keine schlechte Idee, allerdings war zu diesem Zeitpunkt die Partie de facto schon entschieden. Paul Pogba hätte stattdessen sogar das Ergebnis noch weiter in die Höhe schrauben können, was dann aber nicht mehr wirklich den Kräfteverhältnissen entsprochen hätte.

Fazit Kroatien

Wie bereits erwähnt, können die Kroaten stolz auf ihre Turnierleistung sein und auch auf das gespielte Finale, trotz einer empfindlichen 2:4-Niederlage. Die Leistung war sowohl bei eigenem als auch bei gegnerischem Ballbesitz erneut gut und in ein taktisch passendes Korsett eingebettet. Dalic schaffte es bei diesem Turnier immer wieder, mit kleinen Anpassungen die gewünschten Effekte zu erzielen und so seine Mannschaft immer mit einem griffigen und klaren Matchplan auf das Feld zu schicken. Neben dieser tollen Spielergeneration um Modric, Rakitic, Perisic und Co. ist das mit ein Grund, warum ein Land mit gerade einmal vier Millionen Einwohnern und einer katastrophalen Infrastruktur in ein WM-Finale einziehen kann. Das ist eigentlich die schönste Erkenntnis aus den vergangenen fünf Wochen.

Frankreich ohne Überraschungen und noch pragmatischer als sonst

Dass die Franzosen in diesem Turnier nicht zu den spektakulären Teams zählten, ist mittlerweile weitestgehend bekannt und wurde von uns in den Analysen auch mehrmals kritisch, aber auch mit einem frustrierten Unterton moniert.

Nichtsdestotrotz hat dieser „Pragmatismus“ von Trainer Deschamps die Mannschaft ins Finale gebracht, da man diese auf Sicherheit und defensive Kontrolle bedachte Spielweise aufgrund des herausragenden Spielermaterials sehr gut umsetzen konnte und es dadurch sehr schwer war, die Franzosen zu bezwingen. Auch gegen die Kroaten sollte sich daran nichts ändern und sowohl personell als auch strukturell gab es dahingehend keine großartigen Überraschungen. Frankreich trat in einem 4-4-2/4-4-1-1-System auf, mit Matuidi auf dem linken Flügel und einem großen Fokus auf Griezmann und Mbappe im Spiel nach vorne. Doch einige gegnerspezifische Anpassungen gab es dann doch zu sehen.

Die Franzosen spielten im Turnier ihr 4-4-2 bislang mit einer leichten Asymmetrie, in der Matuidi wesentlich tiefer und defensiver, während Mbappe oft auf einer Höhe mit den beiden Spitzen Giroud und Griezmann agierte und so von Defensivaufgaben zum Teil entlastet wurde. Dadurch sollten die Stärken in der Defensive von Matuidi und jene von Mbappe im Offensivspiel, Stichwort Umschaltspiel, optimal in die eigene Struktur eingebunden werden.

Gegen die Kroaten mit ihrem hohen Flügelfokus wurde davon dahingehend allerdings Abstand genommen, was auch als Zeichen des Respekts auf französischer Seite gewertet werden kann. Man griff nämlich zu einer noch konservativeren Ausrichtung, als man es sowieso bislang praktizierte. So agierte selbst Jungstar Mbappe wesentlich tiefer als gewohnt und sollte mit seinem Kollegen Pavard die Kroaten auf der Seite doppeln und ihr Flankenspiel dadurch unterbinden. Das war zunächst einmal die erste Anpassung an das Spiel des Gegners.

Es gab eine weitere interessante Adaption, die auch mit der vor dem Finale aufgeworfenen Frage korrelierte, wie man denn gedachte, das starke kroatische Zentrum mit Rakitic und Modric in Schach zu halten und nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Um dies zu bewerkstelligen, wies man die beiden eigenen Sechser Kante und Pogba an, die Ausweichbewegungen von Rakitic und Modric im Spielaufbau der Kroaten zu verfolgen und sie sobald sie an den Ball kamen, zu stellen. Diese zwei eben erklärten Sachverhalte kann man auch beim ersten Bild gut erkennen:

Kroatien im Spielaufbau, Rakitic kippt in den linken Halbraum ab (gelber Kreis), weshalb Pogba (schwarzer Kreis) seine Position im Zentrum verlässt, um ihn zu stellen. Hier sieht man auch die tiefere Rolle von Mbappe und die Abkehr der Asymmetrie im System, wodurch Mbappe auf einer Linie mit dem restlichen Mittelfeld steht und nicht selber auf Rakitic herausrückt.

Durch diese Maßnahme erhoffte man sich Zugriff auf die starken Mittelfeldspieler der Kroaten und wollte ihnen nicht die Zeit geben, das Spiel in höhere Zonen zu tragen. Dieses Anlaufen war allerdings nicht aggressiv und auch die eigene Pressinglinie verlegte man meist in die eigene Hälfte und setze auf ein Mittelfeldpressing, wobei die Franzosen in der ersten Halbzeit auch gelegentlich etwas höher attackierten und versuchten den Rhythmus zu verändern bzw. nicht zu passiv zu agieren.

Das Spiel begann man jedoch mit längeren Ballbesitzphasen, wo man durchaus versuchte, sich mittels eines behutsamen Spielaufbaus den Gegner zurechtzulegen. Dabei gab es bei den Franzosen allerdings nicht ganz die gewohnte Struktur zu sehen und Trainer Deschamps passte diese etwas an. Normalerweise agiert man aus einer 2-1-4-3-artigen Anordnung heraus im Ballbesitz, in der Kante als alleiniger Sechser quasi als Ankerspieler fungiert, während der von links eingerückte Matuidi und Pogba sich davor in den Halbräumen postieren. Gegen Kroatien sah man zwar nach wie vor die Einrückbewegungen von Matuidi, allerdings wurden die Rollen der beiden zentralen Mittelfeldspieler Kante und Pogba adaptiert. So positionierte sich Kante meist im linken Halbraum, quasi direkt vor Umtiti, während Pogba zentraler agierte und hin und wieder auch zwischen den beiden Innenverteidigern rückte.

Dadurch wollte man wohl einem Zustellen von Kante zuvorkommen und dahingehend einen alternativen Plan entwickeln, um die Ballzirkulation dennoch ins Laufen zu bringen. Ansonsten sah man weiter vorne den üblichen Mechanismus, indem Linksverteidiger Hernandez wesentlich höher als sein Pendant Pavard stand und somit Breite gab, damit Matuidi und Griezmann mehr ins Zentrum einrücken konnten. Die Struktur der Franzosen im Ballbesitz kann man im nächsten Bild auch gut erahnen:

Frankreich im Ballbesitz und im Spielaufbau mit einer angepassten 2-2-4-2-artigen Struktur, mit neuen Rollen für die beiden zentralen Mittelfeldspieler Pogba und Kante, ansonsten allerdings mit der gewohnten Rollenverteilung im Spiel.

Doch diese Anpassungen verpufften regelrecht und wirten sich nicht gerade positiv auf das Ballbesitzspiel der Franzosen aus. Die Kroaten liefen etwas aggressiver den ballführenden Spieler an und setzen die „Les Bleus“ unter Druck, wodurch Verbindungsprobleme bei den Mannen von Deschamps entblößt wurden. Die Doppelsechs positionierte sich meist nicht optimal bzw. stand man als Team zu weit auseinander, wodurch für die Innenverteidiger keine Anspielstation geschaffen wurde, da das Positionsspiel nicht optimal war. So reichte den Kroaten ein Anlaufen mit lediglich  drei bis maximal fünf Spielern, um den Spielaufbau zu unterbinden und den langen Ball der Franzosen zu erzwingen. Dennoch gingen die „Les Bleus“ in Führung und wie gegen die Belgier und Uruguay war eine Standardsituation dafür verantwortlich. Danach konnte man wieder in den defensiven Modus schalten und die Kroaten kommen lassen.

Gegen den Ball stand man die meiste Zeit zwar recht stabil und konzentrierte sich dabei vor allem auf das Zustellen der Seite, damit man den Gegner nicht durchkommen und flanken lässt. Um dies zu bewerkstelligen, arbeitete einerseits wie bereits erwähnt Mbappe stärker mit zurück, aber andererseits legte man das Hauptaugenmerk auf die eigene linke Seite, wo man quasi eine Raute schuf und die Kroaten festzusetzen versuchte.

Dennoch hatten die Franzosen  immer wieder Probleme, die Flanken der Kroaten zu unterbinden. Das hing einerseits an den gezielten Überladungsversuchen der Kroaten auf der linken Seite, die u.a. mit Modric einen pressingresistenten Spieler in ihren Reihen hatten, der enge Situationen gekonnt auflösen konnte, aber auch am fluiden Perisic, der in diesem Spiel sehr beweglich agierte und quasi überall auftauchte. Dadurch fehlte es hin und wieder am Zugriff und die Kroaten konnten immer wieder bis ins letzte Drittel vorstoßen und ihre Flanken schlagen.

Anpassung bringt Mbappe zurück ins Spiel

Nach dem Wiederanpfiff zur zweiten Halbzeit veränderte man daher die Defensivstrategie etwas und versuchte die Kroaten damit besser unter Kontrolle zu bringen. Zunächst stellte man das Herausrücken der Sechser auf Rakitic und Modric vollständig ein, da dieser Mechanismus immer wieder Löcher im Zentrum öffnete und nicht wirklich reibungslos funktionierte. Stattdessen sollten nun die beiden Stürmer sich an den Ausweichbewegungen von Rakitic und Modric orientieren und diese gegebenenfalls verfolgen, statt nur zu versuchen den Sechserraum abzudecken bzw. zu kontrollieren.

Eine weitere Anpassung hing mit der Rolle von Mbappe zusammen, der in der ersten Halbzeit wie erwähnt sehr tief agierte und mit viel Defensivarbeit konfrontiert wurde. Das wirkte sich sichtlich auf das Umschaltspiel der Franzosen aus, da die Wege nach vorne für den Jungstar sehr weit waren und er dadurch nicht so zur Entfaltung kam, wie es im bisherigen Turnier der Fall war. So sollte er sich nun nicht mehr so tief fallen lassen und öfter auch mal „zocken“, also etwas höher stehen, um dann nach Ballgewinn als Anspielstation für den Konter bereitzustehen. Stattdessen gab es von Matuidi wie öfter gesehen eine tiefere Rolle und er fiel immer wieder in die Abwehr zurück, wodurch kurzzeitig eine Fünferkette entstand. Dies kann man am nächsten Bild auch gut erkennen:

Kroatien in Ballbesitz, Frankreich ist zu seiner gewohnten Defensivstrategie zurückgekehrt, in der Mbappe höher steht, während sein Pendant auf links Matuidi teilweise in die Abwehr zurückfällt und eine Fünferkette entstehen lässt – dadurch also die 4-4-2-Formation eine Asymmetrie bekommt und kurzzeitig zum 5-3-2 wird.

Diese gewählte Anpassung von Trainer Deschamps sollte sich als goldrichtig erweisen, denn durch die höhere Rolle bekam Mbappe sofort mehr Zugriff auf das Spiel und hatte bereits wenige Minuten nach Wiederanpfiff eine große Chance, als er nach einem Konter auf rechts durchbrechen konnte und nur am Torhüter scheiterte. Das gleiche Muster zeigte sich ebenso wenig später, als der Jungstar erneut nach einem Traumpass von Pogba auf rechts durchbrechen konnte und nachfolgend Pogba erneut an den Ball kam und das 3:1 markierte. Doch nicht nur offensiv hatte die höhere Rolle von Mbappe positive Auswirkungen, denn nun konnte sich der Linksverteidiger Strinic nicht mehr bedenkenlos mit nach vorne einschalten und orientierte sich aus Angst vor Kontern an Mbappe, blieb also wesentlich tiefer, wodurch der kroatische Flügelspieler davor keine Unterstützung mehr beim Flankenspiel bekam.

Mbappe machte dann auch noch beim nächsten Treffer den Unterschied aus, als er nach einem schönen Solo von Hernandez diagonal einrückte und per Flachschuss zum 4:1 traf. Dies war quasi die Vorentscheidung und nun konnten sich die Franzosen vollkommen auf ihre Paradedisziplin konzentrieren, nämlich die Strafraumverteidigung. Zwar lud Kapitän Lloris die Kroaten mit einem schweren Patzer nochmal zum Tore schießen ein, doch nach dem 2:4 ließ die französische Defensive quasi nichts mehr zu und brachte das Ergebnis letztlich über die Zeit, wodurch man sich zum Weltmeister krönte.

Fazit

Die Franzosen holten sich also mit diesem 4:2-Sieg den Weltmeistertitel und konnten den goldenen Pokal im strömenden Regen von Moskau in die Höhe stemmen. Dabei zeigten die „Les Bleus“ auch in diesem Spiel jene Qualitäten, die man von ihnen bislang im Turnier zu sehen bekam und die sie auszeichnete. Dank der stabilen Defensive rund um den bärenstarken Varane und der individuellen Klasse eines Mbappe oder Griezmann, fand man eine gute Mischung zwischen Defensive und Offensive, wodurch man in vielen Phasen des Turniers sehr stabil wirkte und für die Gegner stets unangenehm zu bespielen blieb.

Dieser hohe Stabilitätsfokus und pragmatische Ansatz war zwar nicht immer schön anzusehen und auch gegen Kroatien hatte man eine Expected-Goal-Ratio von nur 0,3 (!), allerdings führte dies letztlich zum zweiten Weltmeistertitel nach 1998 und kann daher nicht so falsch gewesen sein. Alles in allem wurden die Franzosen vor allem aufgrund der individuell herausragenden Qualität ihrer Favoritenrolle gerecht und sie können sich dadurch nun die kommenden vier Jahre Weltmeister nennen.

Sebastian Ungerank und Dalibor Babic, abseits.at

abseits.at Redaktion