Frankreich stieg mit einer soliden und stabilen Leistung als erste Mannschaft der diesjährigen Weltmeisterschaft ins Halbfinale auf. Die defensivstarken Uruguayer konnten den Ausfall ihres... WM-Analyse: Frankreich im Turniermodus

Frankreich stieg mit einer soliden und stabilen Leistung als erste Mannschaft der diesjährigen Weltmeisterschaft ins Halbfinale auf. Die defensivstarken Uruguayer konnten den Ausfall ihres Topstars Edinson Cavani nicht kompensieren und waren im ansonsten so gefürchteten Konterspiel zu zahnlos, um die souveräne französische Defensivabteilung vor Probleme stellen zu können.  Neben einem günstigen Spielverlauf waren auch die Kontrolle des Mittelfeldes sowie ein griffiges Gegenpressing positive Punkte auf Seiten der Franzosen, trotzdem musste auch in diesem Spiel zunächst eine Standardsituation als Dosenöffner herhalten.

Neben der grundsätzlichen Spielstruktur analysieren wir den Matchplan der Uruguayer und erklären darüber hinaus auch, warum Frankreich so langsam in den häufig herbeigeredeten „Turniermodus“ kommen könnte.

Grundordnungen und Personal

 

Didier Deschamps schickte seine Mannschaft erneut in einer 4-4-2 Grundordnung auf den Rasen, welche bei eigenem Ballbesitz im Regelfall zu einem 4-3-3 mit einer sehr beweglichen Sturmlinie (vor allem Griezmann bewegte sich in der horizontalen Linie sehr fluide) umstrukturiert wurde.

Das eingespielte Duo aus Varane und Umtiti bildete die Innenverteidigung vor Torhüter Lloris, unterstützt wurden diese zwei von den beiden Außenverteidigern Pavard und Hernandez. Kante und Pogba besetzten wie gewohnt die zentralen Positionen im Mittelfeld vor der Abwehr. So wie Matuidi gegen Argentinien nahm auch sein Ersatzmann Tolisso eine facettenreiche Mischposition im französischen Mittelfeld ein. Bei gegnerischem Aufbau ließ er sich auf eine Höhe mit den beiden Sechsern fallen und stellte so zusammen mit Mbappe auf der rechten Seite ein flaches Vierer-Mittelfeldband her, bei eigenem Ballbesitz rückte er in den ballnahen linken Halbraum ein und besetzte mit Pogba die beiden Achterpositionen vor Sechser Kante, wodurch ein recht klares 4-3-3 hergestellt werden konnte.

In der Angriffslinie gab es im Vergleich zum Argentinien-Spiel ebenfalls keine personellen Veränderungen. Wie wir später in der Analyse aber noch sehen werden, nahm Deschamps Veränderungen bei den Positionen und Laufwegen dieser drei Akteure vor, in erster Linie als Anpassung auf das Defensivverhalten von Uruguay.

Ganz Uruguay hoffte natürlich auf den Einsatz ihres Topstars Cavani, leider vergeblich. Teamchef Oscar Tabarez ersetzte den PSG-Stürmer durch Stuani, der defensiv seine Aufgaben sauber erledigte, aber in offensiven Umschaltmomenten natürlich nicht die Power und Durchschlagskraft eines Cavani auf den Platz bringen konnte. Das sollte zum größten Problem der Uruguayer in diesem Viertelfinale werden.
Ansonsten baute Tabarez auf die zuletzt häufig verwendete 4-3-1-2 Grundordnung. Torreira besetzte in diesem Konstrukt die Sechserposition, auf den Achterpositionen neben Torreira kamen Vecino und Nandez zum Zug. Die Zehner-Position hinter den beiden Spitzen nahm wieder Bentancur ein, der aber sowohl bei eigenem als auch bei gegnerischem Ballbesitz wesentlicher näher am Mittelfeld agierte und deshalb öfters als Anspielpunkt für Ablagen der beiden Stürmer fehlte. Neben dem Ausfall von Cavani ein weiteres kleines Mosaiksteinchen für das maue Offensivspiel der Südamerikaner.

Warum erneut eine Standardsituation herhalten musste…

Dieser Tweet von 11 tegen 11 beschreibt das Spiel und die französische Herangehensweise eigentlich schon sehr gut. Auch gegen Uruguay setzten die Franzosen wie schon das gesamte Turnier über auf Spielkontrolle, defensive Stabilität, wenig Risiko und eine ausreichende Absicherung des eigenen Ballbesitzes bzw. der eigenen Angriffe. Logisch, dass durch eine solche Spielweise keine Offensivspektakel entstehen oder Torchancen im Minutentakt zu bewundern sind. Auch wenn man im Sturm Raketen wie Mbappe oder Griezmann in den eigenen Reihen hat. Stattdessen will Deschamps schlichtweg nicht in Rückstand geraten, um dann aus einer strukturellen Dominanz heraus mittels individuellen Aktionen der Offensivstars oder durch Standardsituationen in Führung zu gehen. Diese Führung wird dann noch destruktiver verteidigt und soll über Kontermöglichkeiten eventuell sogar noch ausgebaut werden. Ein äußerst pragmatischer Ansatz, den Deschamps taktisch sauber umsetzen lässt und bisher auch den notwendigen Erfolg bringt. Man könnte die Spielweise der Franzosen auch als ziemlich ergebnisorientierten Ansatz bezeichnen, der allerdings völlig legitim ist. Auch für einen potentiellen Turnierfavoriten.

Problematisch für den neutralen Zuseher wird es dann, wenn die gegnerische Mannschaft über einen ähnlichen Ansatz kommt und in puncto Kreativität und offensive Durchschlagskraft ebenfalls wenig bis gar nichts zu bieten hat. So wie wir es im gestrigen Viertelfinale zwischen diesen beiden Mannschaften gesehen haben. Am Ende der 90 Spielminuten hatte Uruguay trotz ihrer harmlosen Offensive einen etwas besseren Expected-Goals Wert (0,95) als die Franzosen, die lediglich auf einen enttäuschenden und der Spielstruktur entsprechenden Wert von 0,53 kamen.

Der Matchplan von Oscar Tabarez hielt wie erwartet keine Überraschungen parat. Im Spiel gegen den Ball formierten sich die Urus in einem kompakten und eng gestaffelten 4-3-1-2. Die Pressinghöhe variierte dabei ab und zu. Situativ gingen die Südamerikaner in ein aggressives Angriffspressing über, in dem die beiden Stürmer die jeweiligen französischen Innenverteidiger anliefen und sich eine Linie dahinter der Zehner Bentancur am französischen Sechser Kante orientierte. In der ersten Halbzeit war dies aber wie erwähnt nur sehr vereinzelt zu sehen. Im Normalfall zogen sie sich in ein tiefes Mittelfeldpressing zurück und versuchten so die Franzosen etwas herauszulocken und sie zu einer höheren Grundpositionierung zu zwingen, um anschließend durch Balleroberungen in lokal kompakt gehaltenen Räumen (im ballnahen Halbraum und dem Flügel) Kontersituationen über den Zehner und die beiden Stürmer starten zu können.
Taktisch wurde dieser strategische Plan zu Beginn sauber und in direkten Zweikampfduellen sehr aggressiv umgesetzt. Die beiden Achter Vecino (war durch den Rechtsfokus der Franzosen mehr gefordert als Nandez) und Nandez schoben auf den Flügel durch und stellten den ballführenden französischen Außenverteidiger. Zusammen mit dem nachschiebenden Sechser sowie dem eingerückten ballfernen Achter und dem zurückgezogenen Zehner produzierten sie so einen kompakten und dicht gestaffelten Block im Halbraum und am Flügel, der für viel Dichte und Zugriff sorgte.

Die Viererkette dahinter rund um die beiden Innenverteidiger Godin und Gimenez agierte ähnlich robust und balancierend. Häufig war zu beobachten, dass sich der linke Außenverteidiger Laxalt relativ früh aus der Kette löste und sich am breit positionierten Mbappe orientierte. Die Innenverteidiger schoben aber nicht zur Ballseite mit durch, sondern blieben im Zentrum und konzentrierten sich auf die Verteidigung des eigenen Sechzehners. Die beiden Innenverteidiger kennen das bereits von Atletico Madrid und Diego Simeone und es war auch in diesem Spiel passend. Dadurch konnten sie nämlich die vielen Flanken der Franzosen aus dem Halbfeld problemlos klären und in den torgefährlichen Zonen gegen Mittelstürmer Giroud eine Überzahlsituation herstellen, der deshalb zu praktisch keinem Abschluss kam.

Typische Szene aus der ersten Hälfte. Frankreich baut das Spiel über die rechte Seite auf, Uruguay verschob im kompakten 4-3-1 Block zur Seite durch und kappte so die Verbindungen zwischen den französischen Offensivspielern. Ebenfalls gut zu sehen ist der ballferne Halbraum und Flügel, den Frankreich aber zu selten durch Verlagerungen angespielt bekam, stattdessen wurden zu häufig aussichtlose Flanken auf den eng gedeckten Giroud geschlagen.

Defensiv war das Spiel von Uruguay gut durchdacht und über sehr weite Strecken auch gut umgesetzt, die offensiven Ideen waren aber sehr mau und äußerst simpel, eigentlich zu simpel auf einem solchen Niveau. Die Ideen nach Balleroberungen mit Verbindungsmann Bentancur und den tiefgehenden Stürmern haben wir bereits angesprochen. In solchen Situationen schmerzte der Ausfall von Cavani am meisten, wodurch auch sein Partner Suarez selten seine Wucht und Dynamik einbringen konnte.

Aus dem geordneten Ballbesitz heraus waren ein paar interessante Muster zu beobachten. So ließ sich der rechte Achter Nandez konsequent auf den rechten Flügel herausfallen, wodurch recht häufig ein asymmetrisches 4-3-3 entstanden ist. Bentancur kippte nämlich in den freigezogenen Raum ab und besetzte zusammen mit Vecino die beiden Achterpositionen vor dem tiefsten Mittelfeldakteur Torreira. Suarez kam so über den linken Halbraum während Stuani das Sturmzentrum besetzte. Die Umformungen an sich waren unterm Strich aber interessanter als der tatsächliche Nutzen daraus. In ihrem Passspiel fokussierten sich die Südamerikaner auf eine schnelle Überbrückung des Mittelfeldes durch vertikal gespielte Bälle auf die beiden Stürmer, die mit direkten Ablagen auf den nachrückenden Zehner bzw. die nachrückenden Achter die französischen Defensivleute aus den Positionen ziehen wollten, um so kurzzeitig geöffnete Räume bespielen zu können. Oft war aber die Passqualität nicht gut genug oder die Ablagen zu unsauber, weshalb kein konstanter Druck auf die französische Defensive ausgeübt werden konnte. Ein Kopfball nach einem Freistoß sollte die einzige nennenswerte Chance der Urus in diesem Spiel gewesen sein.

Didier Deschamps passte im Vergleich zum Achtelfinale gegen Argentinien seine Offensivstruktur etwas an. Betroffen war davon vor allem die Sturmlinie aus Giroud, Griezmann und Mbappe. Gegen Argentinien rückten Mbappe und Griezmann noch konstant in die Halbräume ein und besetzten den Zwischenlinienraum neben dem einzigen argentinischen Sechser Mascherano. Die Innenverteidiger (vor allem Varane) suchten dann den Passweg in diese Zonen auf den entgegenkommenden Giroud, der mittels Ablagen den Speed von Mbappe entscheidend in Szene bringen sollte. Ein Grund für derartige Abläufe dürfte gewesen sein, dass Argentinien im 4-1-4-1 nur mit einem Sechser agierte und generell immer sehr viel Platz im Zwischenlinienraum anbot (Pogba und Matuidi zogen zusätzlich die argentinischen Achter an sich). Bei Uruguay war dies definitiv nicht der Fall und es war (potentiell) mehr Raum auf den Flügeln vorhanden, worauf Deschamps dementsprechend reagierte. Mbappe positionierte sich konstant breit am rechten Flügel und versuchte mit seinen dynamischen Dribblings die gegnerische Kompaktheit zu sprengen. Griezmann war mit einer Art Freirolle ausgestattet und bewegte sich vornehmlich in den rechten Halbraum, wo er als Anspielpunkt für Mbappe fungieren wollte und mittels kleinräumigen Kombinationen hinter die letzte Linie durchrechen wollte. Häufig ging aber auch in der Kompaktheit Uruguays um den Ball herum einfach unter.

Das lahmende französische Offensivspiel lag neben dem Absicherungsfokus auch daran, dass sich einige Entscheidungsfehler bei den Spielern einstellten. Konkret suchten sie viel zu selten die flache Verlagerung in den ballfernen, offenen Halbraum. Dort wäre nämlich Tolisso häufig gut positioniert gewesen, der mit dem aufrückendem Hernandez für viel mehr Dynamik und Raumgewinn hätte sorgen können als dies auf der überladenen rechten Seite je möglich gewesen wäre. Die Überladung auf der rechten Seite des Spielfeldes war schon der richtige Ansatz, mittels Kombinationen aus dieser Überladung heraus hätten die Franzosen aber viel öfter zu flachen, diagonalen Verlagerungen in den offenen linken Halbraum greifen müssen. Stattdessen schlugen sie viele Flanken aus ungefährlichen Zonen, die für die Innenverteidiger Uruguays kein großes Problem darstellten.

Deshalb musste wie so oft bei dieser Weltmeisterschaft eine (erneut gut vorbereitete) Standardsituation als Dosenöffner herhalten. Dem Foul ist aber eine gute Gegenpressing-Aktion von Tolisso vorausgegangen, der die Situation frühzeitig erkannte und Bentancur so überraschte.

Frankreich im Turniermodus oder: Reichen solche Leistungen für den Titel?

Das ist die große Frage. Je öfter man Frankreich sieht, auch in der Gruppenphase, desto mehr kommt man darüber ins Grübeln. Reicht eine absicherungsorientierte Spielkontrolle wirklich aus, um Weltmeister zu werden? Klar, Frankreich hat sich im 4-4-2 Mittelfeldpressing defensiv im Laufe des Turniers stabilisiert und hat auch gegen Uruguay aus dem Spiel heraus praktisch nichts zugelassen. Klar ist auch, dass Frankreich in den offensiven Reihen über enorme individuelle Qualität verfügt, die jederzeit für ein Tor gut ist. Dennoch würde man sich als Fußballromantiker ein etwas spielfreudigeres Frankreich wünschen. Gegen Argentinien hat man in Ansätzen eindrucksvoll gesehen, was in dieser Mannschaft wirklich stecken würde. Der Spielzug vor dem vierten Treffer durch Mbappe war vielleicht der bislang schönste bei dieser WM.

Aber Deschamps lässt sie nicht von der Leine und dies wird sich auch im Halbfinale nicht ändern.
Mit Belgien wartet jetzt eine richtige Nummer, die Brasilen dank eines herausragenden Matchplans (Umstellung auf ein 4-3-3, Zocken von Lukuaku und Hazard, de Bruyne höher positioniert) unterm Strich verdient geschlagen hat. Und wie hat Roberto Martinez so schön nach dem Spiel gesagt: „Taktisch hat mich noch nie jemand geschlagen“. Das Halbfinale wird daher nicht nur auf’m Platz entschieden, sondern auch in den Tagen zuvor.

Sebastian Ungerank, abseits.at

Sebastian Ungerank

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