Nigeria gewinnt mit einer durchschnittlichen Leistung gegen Island 2:0 und hält damit den Ausgang der Gruppe D weiter offen. Das Spiel war vor allem... WM-Analyse: Island und die Macht des Zufalls

Nigeria gewinnt mit einer durchschnittlichen Leistung gegen Island 2:0 und hält damit den Ausgang der Gruppe D weiter offen. Das Spiel war vor allem in der ersten Halbzeit geprägt von zwei Mannschaften, welche die eigene defensive Stabilität in den Vordergrund stellten und dem Gegner keine Umschaltmöglichkeiten geben wollten. Wenn beide Teams mit einem derartigen Fokus in die Partie gehen, sind Kreativität und Torraumszenen nur allzu oft Wunschvorstellungen. Ironie des Schicksals, dass DIE isländische Offensivwaffe den nigerianischen Führungstreffer einleitete und die Afrikaner damit auf die Siegerstraße brachte. Wir schauen uns kurz die Grunddynamik dieses Spiels, das isländische Pressing und das nigerianische 3-5-2 etwas genauer an.

Grundordnungen und Personal

Die Isländer setzten natürlich auch in dieser Partie auf ihre bewährte 4-4-2 Grundordnung, schließlich kann man diese Ordnung auch als Basis für ihren sensationellen Aufstieg in den letzten Jahren heranziehen.
Auch personell überraschte Trainer Heimir Hallgrimsson nicht wirklich. Vor Torhüter Halldorsson setzte sich die Viererkette wieder aus den beiden Innenverteidigern Sigurdsson und Arnason zusammen sowie den beiden Außenverteidigern Magnusson und Saevarsson. Auf der Doppelsechs gab es im Vergleich zur Auftaktpartie gegen Argentinien eine Änderung. Nicht Hallfreosson agierte neben Kapitän Gunnarsson, sondern Everton-Legionär Gylfi Sigurdsson. Er ist natürlich der kreativere und spielstärkere Akteur und sollte vermutlich für sauberere Übergänge im Umschaltspiel sorgen, was in den ersten 45 Minuten auch einige Male ganz gut gelang. Ebenfalls neu in die Anfangsformation kam der rechte Flügelspieler Gislason, sein Pendant auf der linken Seite war wie gewohnt Birkir Bjarnason von Aston Villa. Die Sturmlinie besetzten Finnbogason und Bödvarsson.

Nigeria-Coach Gernot Rohr schickte seine Mannschaft in einer 3-5-2 / 5-3-2 Grundordnung auf den Rasen. Personell ist diese Mannschaft mit einigen hoch interessanten und auch schon bekannten Namen bestückt, die man in Zukunft im europäischen Fußball noch öfter hören und sehen könnte. Das zentrale Mittelfeld im 3-5-2 bestand aus Routinier und Kapitän John Obi Mikel als tiefstem Punkt, vor bzw. neben ihm positioniert waren die beiden Youngsters Etebo und Wilfried Ndidi von Leicester City. Die breiten Wing-Back Positionen nahmen Victor Moses und Brian Idowu ein, die Sturmlinie besetzten Iheanacho und Ahmed Musa, der mit seinen zwei Treffern zum Matchwinner avancieren sollte.

Neutralisation bei niedriger Intensität in der ersten Halbzeit

Die ersten 45 Minuten waren wirklich von absoluter Vorsicht auf beiden Seiten geprägt. Die Isländer zogen ihr gewohntes 4-4-2 Abwehrbollwerk auf, die Nigerianer versuchten zwar das Spiel zu bestimmen und zu kontrollieren, strahlten aber mit teils unpassenden Bewegungen und Positionierungen eigentlich nie wirklich Torgefahr oder Durchschlagskraft aus. Dazu war auch ihr Absicherungsgedanke zu stark ausgeprägt. Die drei zentralen Verteidiger deckten die zentralen Zonen und die Halbräume konsequent ab und rückten bei eigenem Ballbesitz (oder mit dem Ball am Fuß) nicht zu weit auf, zusätzlich ließ sich immer ein zentraler Mittelfeldspieler vor den isländischen Abwehrblock fallen um den Ball abzuholen und in höhere Zonen zu transportieren. Dadurch befanden sich immer mindestens vier nigerianische Spieler hinter dem Ball, was natürlich zu Lasten der offensiven Optionen und der Durchschlagskraft gehen muss.

So sah das Spiel zum größten Teil in der ersten Halbzeit aus. Die 3-5-2 Struktur bei den Nigerianern mit einem abkippenden Mittelfeldspieler und den breiten Flügelverteidigern. Auf der anderen Seite die klare isländische Ordnung und Kompaktheit gegen den Ball mit einigen direkten Zuordnungen und den entsprechenden Laufwegen. Vor allem die zu statischen Positionen der beiden Achter von Nigeria machten den Angriffsvortrag schleppend und stellten die Wikinger selten vor Entscheidungskonflikte oder Übergabeprobleme. So bringt man die Isländer nicht aus ihrer defensiven Balance.

Obwohl wie bereits erwähnt die Intensität in dieser Partie nicht allzu hoch war, das Spiel gegen den Ball sowie das situativ höhere Pressing der Isländer war so wie immer ein echter Hingucker für alle Liebhaber des homogenen, mannschaftlich geschlossenen Verteidigens. Dabei waren zwei spielspezifische Aspekte neben ihrer grundsätzlich kompakten Positionierung auf dem Feld entscheidend für die defensive Stabilität bis zum nigerianischen Führungstreffer (klar, der Gegner hat auch nicht besonders bzw. gar nicht darauf reagiert).
In erster Linie stellten sie die Räume um das nigerianische Mittelfeld herum konsequent zu. Die beiden Stürmer positionierten sich auf Höhe des Mittelkreises und stellten mit ihren Bewegungen und Deckungsschatten den Sechserraum für vertikale oder diagonale Zuspiele zu. Der abkippende Mittelfeldspieler (meist war es Mikel) bzw. die drei Verteidiger konnten praktisch nie das Spiel durch die Mitte öffnen und mussten stattdessen relativ früh (oft war es zu früh) zum Pass auf die breiten Flügelverteidiger greifen, die aber von den isländischen Außenspielern aggressiv angelaufen wurden und daher relativ leicht isoliert werden konnten. Die zwei Sechser direkt hinter den beiden Stürmern erhöhten die Kompaktheit und den Zugriff im Zentrum des Spielfeldes. Sowohl Sigurdsson als auch Gunnarsson konnten sich ziemlich mühelos an den beiden nigerianischen Achtern orientieren und neutralisierten so mit den beiden Angreifern die komplette nigerianische Kreativzentrale.

Wichtiges Detail in diesem Kontext war, dass die Abwehrkette sehr aufmerksam und aggressiv den Zwischenlinienraum verteidigte. Die beiden Stürmer von Nigeria bewegten sich nämlich gerne mit kurzen Antritten in diese Räume, diese Bewegungen wurden aber sofort von aufrückenden Innenverteidigern balanciert und daher kaltgestellt. Musa und Iheanacho konnten sich bei der Ballannahme dadurch nie aufdrehen und mussten oft wieder den Weg nach hinten oder in die Breite wählen. Ein derart konzentriertes und gut getimtes sowie abgesichertes Aufrückverhalten von Verteidigern in den Zwischenlinienraum sieht man selten, auch (oder gerade auch) bei einigen europäischen Topmannschaften nicht.

Eine interessante und sauber umgesetzte Facette im isländischen Pressing gab es noch, und zwar das situative Angriffspressing. Vereinzelt gab es nämlich solche Sequenzen auch schon in der ersten Halbzeit und nicht erst nach dem ersten Gegentreffer. Dadurch soll vornehmlich der Rhythmus beim Gegner gebrochen werden und selber soll man durch gezieltes Gegnerlenken in aussichtsreiche Umschaltsituationen kommen. Der emotionale und psychologische Aspekt ist bei solch dosiert eingesetzten Mitteln (vor allem wenn das Pressing greift und sich gute Umschaltaktionen ergeben) nicht zu unterschätzen und hat in der Vergangenheit schon einige Partien komplett auf den Kopf gestellt. Hier eine solche Pressingsequenz grafisch dargestellt:

John Obi Mikel spielt in dieser Situation wie so häufig einen horizontalen Pass auf den rechten Halbverteidiger. Während (!) der Pass noch unterwegs ist, schaltet der linke Flügelspieler Bjarnason auf Aktivität und rückt in die erste Pressinglinie vor, um den nigerianischen Passempfänger unter Druck setzen zu können. Durch den Pressingauslöser von Bjarnason passen auch dahinter aller Spieler ihre Positionen an und stellen die umliegenden Passoptionen zu. Der linke Außenverteidiger verlässt dafür ebenfalls die Kette und rückt auf den rechten Flügelverteidiger Moses heraus.

Welche Räume hätte Nigeria besser öffnen und bespielen können?

Potential wäre bei den Bewegungen und Positionen der beiden Achter gewesen. Sie tauschten zwar immer wieder die Positionen untereinander und wechselten sich mit Mikel ab, wer die Bälle von den drei Verteidigern abholt. Im Grunde blieb aber immer die 1-2 Struktur im zentralen Mittelfeld bestehen. Für die isländische Raumdeckung sind Positionswechsel kein Problem, stattdessen hätten die Afrikaner das isländische Sechserduo viel öfter in Bewegung bringen müssen. Die jeweiligen Halbräume hätte man sich dafür zunutze machen können. Die isländischen Flügelspieler agieren nämlich im moderatem Mittelfeldpressing ziemlich mannorientiert und lassen sich deshalb auch immer wieder in die Abwehrkette zurückfallen und füllen diese auf. Mit höheren Positionen der beiden Wing-Backs hätte man sich in einem ersten Schritt diesen Raum freiziehen können. Daraufhin hätten die Achter in diese Zonen herauskippen können und hätten gleichzeitig mit diesen Bewegungen die Sechser aus der Position gezogen. Der ballnahe isländische Sechser kann sich dann nämlich nicht nur auf das Zentrum konzentrieren, sondern muss gleichzeitig auch den offenen Halbraum neben sich im Auge behalten. Das isländische System hätte man dadurch in einem ersten Schritt einmal leicht stören können. Im Mittelfeld hätte man dann mit dem zweiten Achter sowie mit Mikel und den entgegenkommenden Stürmern Überzahlsituationen herstellen können und die Isländer tiefer und passiver in die eigene Hälfte zurückdrängen können. Das heißt zwar noch nichts, weil die Isländer mit bis zu sechs Leuten auf einer Linie den eigenen Strafraum exzellent verteidigen können, man hätte aber mehr Druck und eventuell auch mehr Entscheidungskonflikte bei den Isländern herbeiführen können. Ob daraus Tore entstehen, steht nochmal auf einem anderen Blatt Papier, die Wahrscheinlichkeit erhöht sich aber auf jeden Fall. Gewonnen haben sie trotzdem, auch wenn in der ersten Halbzeit aus einem Plus an Ballbesitz nicht eine nennenswerte und zusammenhängende Offensivaktion zustande kam.

Drei Punkte holte trotzdem Nigeria

Auch wenn man nach der Analyse ein klassisches Unentschieden vermuten könnte, gingen die drei Punkte trotzdem an die Mannen von Gernot Rohr. Das 0:1 war aus isländischer Sicht natürlich äußerst bitter und ärgerlich. Nach einem weiten Einwurf von Gunnarsson landete der zweite Ball bei den Nigerianern und die Absicherung bei den Isländern war auch nicht voll auf der Höhe. Danach hat man gesehen, dass diese Mannschaft richtig gut und geschlossen verteidigen kann, nach vorne aber schon (noch) die Mittel fehlen, um sich unter Zugzwang Torchancen erspielen zu können. Trainer Hallgrimsson versucht konsequent mit längen Bällen für Chaosmomente beim Gegner zu sorgen und geht dann auf offene zweite Bälle, um mit seiner individuell unterlegenen Mannschaft den Zufall heraufzubeschwören. Genau diese Idee, die Idee eines absoluten Underdogs, macht den isländischen Fußball so besonders. Den Wikingern droht zwar das aus, ihre Spielidee wird aber weiter Bestand haben.

Sebastian Ungerank, abseits.at

Stefan Karger