Seit der Erstteilnahme 1998 war Japan bei jeder Fußball-WM mit von der Partie. Zwei Achtelfinaleinzüge waren bisher die größten Erfolge, danach haperte es zumeist... WM-Analyse Japan: Schwieriger, spontaner Neustart nach Trainerchaos

Seit der Erstteilnahme 1998 war Japan bei jeder Fußball-WM mit von der Partie. Zwei Achtelfinaleinzüge waren bisher die größten Erfolge, danach haperte es zumeist an der Spielstärke und der Physis. Bei fast allen Auftritten bei Großereignissen zeichneten sich die „Blue Samurai“ vor allem durch ihre große Laufstärke und Intensität aus.

Japan hat seit zwei Monaten einen neuen Trainer, nachdem der Bosnier Vahid Halilhodzic kurz vor dem Turnier entlassen wurde. Sein Führungsstil, einige schwache Testspielresultate und die Tatsache, dass er Stars keine Spielgarantie gab, sorgten für Unruhe im Verband. Der 63-jährige Akira Nishino soll Japan nun aus der hausgemachten Krise führen.

Halilhodzic wurde unter anderem deshalb gefeuert, weil er einen Test gegen die Ukraine verlor und gegen Mali und Haiti nur remisierte. Aber auch unter Nishino wurde es nicht markant besser: 0:2-Niederlagen gegen die Schweiz und Ghana – danach war der Katzenjammer im japanischen Lager schon recht groß. Die Generalprobe glückte dann aber doch noch: 4:2 gegen eine stark angeknackste paraguayische Mannschaft. Dabei wurde stets im typischen 4-2-3-1-System gespielt.

Drei unspektakuläre Keeper, allesamt mit Einsatzchancen

Die japanischen Probleme beginnen schon im Tor. Eine klare Nummer Eins gibt es derzeit nicht. Eigentlich galt der 35-jährige Eiji Kawashima vom FC Metz als Stammkeeper, aber zuletzt kamen auch Kosuke Nakamura und Masaaki Higashiguchi zu ihren Einsätzen. Beide sind durchschnittliche, wenig charismatische Torhüter. Am Ende wird wohl dennoch der deutlich routiniertere Kawashima spielen, was zwar die beste Lösung ist, aber dennoch nicht für Sicherheit bürgt.

Abwehrchef mit England-Erfahrung

Maya Yoshida vom FC Southampton ist unumstrittener Abwehrchef und war bei den Saints zuletzt auch weitgehend Stammspieler. Er ist eine recht zweikampfstarke Aufbauinstanz mit Erfahrung im Mutterland des Fußballs. Neben ihm müsste eigentlich Gen Shoji von den Kashima Antlers spielen, allerdings muss er fast zwangsläufig dem 31-jährigen Tomoaki Makino weichen, weil der Spieler der Urawa Red Diamonds mit seiner Beidbeinigkeit eine wichtige Facette ins Aufbauspiel der Japaner bringt. Makino ist für den einen oder anderen Bock gut, schont sich aber nicht und haut alles rein, was er hat.

Hochinteressante Personalien in der Außenverteidigung

Die Außenverteidigerpositionen der Japaner sind stark besetzt: Links spielt Yuto Nagatomo, mittlerweile 31 Jahre alt und zuletzt Leihspieler bei Galatasaray, nachdem er sieben Jahre lang fast durchgehend Stammspieler bei Inter Mailand war. Der nur 170cm große 105-fache Nationalspieler kann auch mit Ball ein hohes Tempo gehen und spielt sehr zielgerichtet und mutig. Er ist sicher eine der wichtigsten und stabilsten Personalien in dieser Mannschaft. Auf der rechten Seite spielt einer der beiden Sakais. Hiroki Sakai von Olympique Marseille hatte im Frühjahr mit Verletzungen zu kämpfen, ist aber wieder fit und sollte daher aufgrund seiner Kampfkraft gesetzt sein. Sein Ersatzmann wäre Gotoku Sakai, bis zuletzt HSV-Spieler und Sohn eines japanischen Vaters und einer deutschen Mutter. Gotoku ist die pragmatischere Lösung, aber da die Außenverteidiger bei Japan Dampf machen müssen, wird eher Hiroki spielen.

Klare Staffelung im zentralen Mittelfeld

Das zentrale Mittelfeld der Japaner besteht aus einer klaren Sechser-Achter-Zehner-Staffelung und einigen guten Einzelspielern. Der defensivste Spieler ist Kapitän und Frankfurt-Legionär Makoto Hasebe, der als richtiger „Wadlbeisser“ gilt. Mit 110 Länderspielen ist er nach Okazaki der zweiterfahrenste Nationalspieler im Team. Der davor spielende Achter ist mit Hotaru Yamaguchi auch eher ein Spieler, der Fußball kämpft. Der 27-Jährige mit der auffälligen blonden Mähne ist normalerweise auch eher ein Sechser, aber durch Hasebes tiefe Feldposition gibt er den Verbindungsmann nach vorne und ist spielerisch wohl auch die größte Schwäche im Mittelfeld der Blue Samurai. Denn auf der Zehn spielt der einzige echte Star der Japaner: Shinji Kagawa ist der beste Techniker im Team, eine wichtige Pressinginstanz und ein enorm torgefährlicher Mittelfeldspieler. Allerdings muss Kagawa eine schwierige Saison verdauen und braucht daher sicher die Unterstützung starker Nebenleute.

Vieles offen an den Flügeln

Nach einem starken Frühjahr sollte der Düsseldorf-Legionär Takashi Usami auf der linken Außenbahn gesetzt sein. Zuletzt machte aber auch Eibar-Legionär Takashi Inui auf sich aufmerksam und wäre aufgrund seiner großen Kreativität ebenfalls ein legitimer Starter. Rechts zeichnet sich ein ähnliches Bild: Eigentlich sollte der gute Dribbler und auf den ersten Metern schnelle Genki Haraguchi, ebenfalls gerade mit Fortuna Düsseldorf aufgestiegen, starten. Aber zuletzt machte ihm ein zweckentfremdeter Stürmer, nämlich der Mainzer Yoshinori Muto den Rang streitig. Zudem kann auch der Popstar im japanischen Team, Keisuke Honda, der mittlerweile in Mexiko spielt, beidseitig und auf der Zehn spielen. Hier ist also alles offen und Eingespieltheit sieht anders aus.

Keine echten Goalgetter

Im Sturmzentrum stellt sich nur die Frage: Osako oder Okazaki? Der 32-jährige Shinji Okazaki bestritt bereits 113 Länderspiele, erzielte 50 Tore und hat daher eindeutig den Routinevorteil. Allerdings war der harte Arbeiter zuletzt bei Leicester kein Stammspieler und es könnte ein wenig an Spielpraxis mangeln. Deshalb ist es wahrscheinlicher, dass Yuya Osako Stammangreifer der Japaner sein wird. Osako wurde zuletzt beim 1.FC Köln mit Fortdauer der Saison stärker und wird nach der WM nach Bremen wechseln. Er wäre auch der bessere Angreifer, um die Mittelfeldspieler hinter sich gut in Szene zu setzen. Richtig gut sind aber – nach internationalen Maßstäben – beide Varianten nicht.

Der Technische Direktor als Rettungs-Coach

Mit dem einstigen Technischen Direktor des Verbands, Akira Nishino, holte Japan einen auf japanischer Klubebene hochdekorierten Fachmann. Speziell mit Gamba Osaka feierte der 63-Jährige große Erfolge. Allerdings ist Asiens Trainer des Jahres 2008 auch einer vom alten Schlag. Taktische Innovationen sind speziell dann, wenn er für die Implementierung nur zwei Monate Zeit hat, nicht sein Ding und wir erwarten keine großen Besonderheiten im Spiel der Japaner. Mit Halilhodzic auf der Bank hätte das Ganze sicher interessanter ausgesehen.

Die abseits.at-Einschätzung

Teilweise gute Einzelspieler, da und dort interessante Spielergruppen, die auffälliger werden könnten als andere – so zum Beispiel ein Links-Gespann mit Nagatomo und Usami oder Inui. Aber die Serie der Japaner wird dennoch reißen. Bisher war es immer so, dass sie vier Jahre nach einem Vorrunden-Aus bei der nächsten WM das Achtelfinale erreichten. 2014 schied man in einer Gruppe mit der Elfenbeinküste, Griechenland und Kolumbien aus – die Parallelen zur diesjährigen Gruppe sind markant. Japan wird brav spielen, aber an den teils physisch stärkeren, teils konzeptuell besser eingestellten Gruppengegnern scheitern.

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen