In einem packenden und teilweise hochklassigen WM-Spiel trennten sich Spanien und Portugal mit einem 3:3 Unentschieden, auch dank einer imposanten Ronaldo-Show. Die Spanier haben... WM-Analyse: Packendes 3:3 zwischen Spanien und Portugal

In einem packenden und teilweise hochklassigen WM-Spiel trennten sich Spanien und Portugal mit einem 3:3 Unentschieden, auch dank einer imposanten Ronaldo-Show. Die Spanier haben sich allen Anschein nach auch durch das Chaos kurz vor Turnierstart samt Trainerwechsel nicht allzu sehr aus dem Konzept bringen lassen. Trotz zweimaligem Rückstand zogen die Mannen von Neo-Trainer Fernando Hierro ihr dominantes Spiel (63% Ballbesitz) durch und beeindruckten dabei so wie immer mit ihrer Ballsicherheit, technischer Brillanz und strategischem Geschick. Vor allem die Raumbesetzung (bzw. Nichtbesetzung von bestimmten Zonen) war ein besonders interessanter strategischer Aspekt in dieser Begegnung.  Die Portugiesen dagegen konnten mit einem griffen und kollektiv geführtem Spiel gegen den Ball über sehr weite Strecken gut dagegenhalten und erkämpften sich so unterm Strich einen nicht unverdienten Punkt.

Grundordnungen und Personal

Fernando Hierro schickte seine Mannschaft in einer 4-1-4-1 Grundordnung mit einem Sechser und zwei Achtern auf den Rasen. Auf der rechten Außenverteidigerposition musste Dani Carvajal ersetzt werden, für ihr übernahm Klubkollege Nacho dessen Aufgaben.
Edel-Sechser Sergio Busquets gab wie gewohnt den Anker im zentralen Mittelfeld, um ihn herum agierten die beiden Achter Iniesta und Koke, die primär (vor allem Iniesta) das Spiel aus den Halbräumen aufbauten.
Wenn Isco und David Silva die Flügelpositionen besetzen weiß man, dass diese äußerst invers und variabel agieren und selten die Breite halten werden. Durch deren einrückenden und abkippenden Bewegungen stellten sie eine unglaubliche Dominanz im Mittelfeld dar, auf die wir später noch näher eingehen werden (Stichwort Raumbesetzung).

Europameister Portugal startete dieses Turnier in einer 4-4-2 Grundordnung mit drei klaren horizontalen Linien, zwischen denen es anders wie bei den Spaniern kaum zu Positionsrochaden kam. Dies erhöhte aber die defensive Stabilität und Kompaktheit, was aufgrund der Spielcharakteristik natürlich ein ganz entscheidender Punkt im portugiesischen Matchplan war.
Die Viererkette vor Torhüter Rui Patricio kennt man noch von der Europameisterschaft 2016. Jose Fonte und Pepe bildeten das Innenverteidiger-Duo, unterstützt wurden die beiden von den Außenverteidigern Guerreiro auf links und Cedric Soares auf der rechten Seite. William Carvalho und Routinier Joao Moutinho besetzten die zwei Positionen im zentralen Mittelfeld, dabei wusste vor allem der 26-jährige Carvalho von Sporting Lissabon mit seiner Ruhe und Übersicht am Ball zu überzeugen. Die Flügelpositionen im 4-4-2 nahmen Bruno Fernandes und Bernardo Silva ein, die vorderste Sturmlinie bestand aus Superstar Christiano Ronaldo und Goncalo Guedes.

Mit Überzahl im Mittelfeld zur spanischen Spielkontrolle

Wie bereits erwähnt starteten die Spanier in einer 4-1-4-1 Grundordnung. Ausgehend von dieser Initial-Grundordnung kam es aber zu etlichen Positionsrochaden und fluiden Bewegungen zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen, alle aber mit dem Ziel, Überzahl und Kontrolle im zweiten Spielfelddrittel herzustellen.
Einige Punkte waren dabei offensichtlich, vier davon hatten jedoch entscheidenden Anteil an der Spielcharakteristik. Da wären zum einen natürlich die inversen Positionen der beiden „Flügelspieler“ Isco und David Silva. Bei eigenem Aufbauspiel bzw. Ballbesitz rückten beide konsequent in die Halbräume bzw. gar in das Zentrum ein und versuchten so, Überzahl im Mittelfeld herzustellen und sich von der direkten gegnerischen Deckung (portugiesischen Außenverteidiger) entziehen zu können, was von Portugal teilweise sehr gut gekontert werden konnte. Nominell hatten dadurch die Spanier eine 5 gegen 2 Überzahlsituation im Zentrum, was für die Ballzirkulation logischerweise ein Segen ist. Beide waren aber auch situativ die ersten Anspieloptionen für die eigenen Innenverteidiger im defensiven Halbraum, indem sie sich noch tiefer fallen ließen und mit den Achtern Iniesta und Koke die Positionen tauschten.

Zweiter Punkt war, dass diese Dominanz hauptsächlich über den linken Halbraum vorgetragen wurde. Neben der passenden Struktur und Dominanz befinden sich dort nämlich mit Iniesta und Isco zwei Spieler, die beide über herausragende technische Fähigkeiten in engen Räumen verfügen und dazu ihr kleinräumiges Passspiel mit strategischem Geschick verbinden können. Die Rollenverteilung zwischen den beiden war dabei meist recht klar. Iniesta positionierte sich in der ersten Aufbauphase im linken Halbraum und bot sich dort für kurze und risikoarme Pässe der Innenverteidiger (überwiegend von Ramos) an. Daraufhin löste sich Isco von seiner Flügelposition und rückte in den linken offensiven Halbraum zwischen den portugiesischen Abwehrlinien ein. Der Zwischenlinienraum vergrößerte sich etwas, weil der rechte Sechser Moutinho auf Iniesta herausschieben musste, um nicht in hilflose Passivität zu verfallen. Die Spanier provozierten immer wieder solche Konstellationen und versuchten diese Räume mit ihrer Überzahl und Passqualität anzuspielen, um über das portugiesische Mittelfeld drüber zu kommen und anschließend mit Isco und den nachrückenden Akteuren für gefährliche Momente im dritten Drittel zu sorgen. Diese Durchbrüche waren in der Regel aber sehr gut vorbereitet und auch nicht zwingend die oberste Prämisse, stattdessen sollte im Mittelfeld die Kontrolle hergestellt werden und der Gegner regelrecht zerspielt und herausgelockt werden. Aber auch das kennt man von den Spaniern bereits.

Dennoch geht es auch bei den Spaniern nicht gänzlich ohne Breite im Spiel. Diese Funktion hatten die beiden Außenverteidiger Jordi Alba und Nacho zu erfüllen. Beide schoben bei eigenem Aufbau auf Höhe der Mittellinie vor und hielten konsequent ihre Positionen in den Flügelzonen. Aber auch ihre Passwege waren meist horizontal bzw. diagonal angelegt. Bei den Spaniern sieht man in solchen Situationen keine aussichtlosen Long-Line Pässe oder weite Bälle in den Rücken der gegnerischen Abwehr auf einen einlaufenden Mitspieler, wie das bei so vielen anderen Mannschaften der Fall ist. Stattdessen sind sie wirklich Träger und Unterstützungsspieler des eigenen Ballbesitzes. Zuspiele in die Flügelzonen werden entweder wieder direkt klatschen gelassen oder in den nahe gelegenen Halbraum gespielt, in dem ausreichend Optionen vorhanden sind. Pässe innerhalb der Flügelzonen sind man daher äußerst selten, was den Druckaufbau und das Pressing für den Gegner natürlich extrem erschwert.

Der vierte Punkt ist sozusagen die Zusammenfassung zu den oben geschilderten Punkten zum spanischen Bewegungs- und Passspiel. Durch die Fokussierung auf das zweite Spielfelddrittel erfolgt zwangsläufig eine Nichtbesetzung von anderen Spielfeldzonen, vor allem das dritte Drittel ist häufig unter- bzw. gar nicht besetzt. Das ist insofern paradox, gilt doch die Besetzung der Offensivpositionen im modernen Fußball als Schlüssel für Durchschlagskraft und Torgefahr. Aber Spanien ist eben anders und man kann ihre dominante Herangehensweise nicht auf alle anderen Mannschaften übertragen, dafür sind die individuellen Spielerprofile zu entscheidend.
So kam es einige Male vor (wenn sich Diego Costa auch noch hat fallen lassen), dass die portugiesische Abwehrkette weit und breit keinen Spieler zu decken hatte, während sich die Akteure im Mittelfeld die Seele aus dem Leib rennen mussten, um halbwegs die Kompaktheit und den Zugriff herstellen zu können. Einige Male reagierten darauf die Portugiesen mit aufrückenden Mannorientierungen, wie wir noch sehen werden. Es wird aber definitiv interessant zu beobachten sein, wie Spanien die Raumbesetzung gegen die Außenseiter Marokko und Iran wählen wird.

Kompaktheit und lokale Mannorientierungen sorgen für Zugriff

Das Ballbesitzspiel der Spanier war schon auf einem sehr hohen Niveau, aber auch das Spiel gegen den Ball von Portugal war sehr gut strukturiert und griffig interpretiert, ansonsten wäre der Spielverlauf und das Ergebnis wohl wesentlich deutlicher ausgefallen.
Dafür formierte sich der Europameister in einem flachen 4-4-2, getaktet meist in einem tiefen Mittelfeldpressing. Die erste Pressinglinie um Superstar Ronaldo (der gut mitarbeitete) positionierte sich um den spanischen Sechserraum herum und versuchte, Pässe auf Sergio Busquets zuzustellen. Das Mittelfeldband dahinter agierte ähnlich kompakt und zugriffsorientiert. Dabei orientierten sich die beiden Sechser häufig lokal mannorientiert an den spanischen Achtern Iniesta und Koke. Besonders offensichtlich wurde dies, wenn sich die spanischen Achter für Zuspiele in den jeweiligen defensiven Halbraum fallen ließen. Um diese zu stellen, verließen die Sechser die horizontale Linie und attackierten auf Höhe der beiden Stürmer heraus, dahinter sorgte der ballnahe Flügelspieler und der zweite Sechser für die nötige Absicherung und Tiefenstaffelung. Durch diese vielen kleinen Mannorientierungen schafften es die Portugiesen immer wieder, in direkte Zweikämpfe zu kommen und die Spanier bereits mit dem Rücken zum Tor zu stellen.

Interessant waren auch gewisse Mechanismen im Zugriffsverhalten auf die abkippenden Bewegungen von Isco und Co. Auch hier griffen sie ähnlich wie horizontal auch in der vertikalen Linie auf Mannorientierungen zurück und verfolgten abkippende Bewegungen bis tief ins Mittelfeld. So war Innenverteidiger Pepe Mitte der ersten Halbzeit einmal am Mittelkreis zu finden, weil sich Stürmer Costa dorthin hat fallen lassen. Spanien reagierte darauf selten bis gar mit entgegengesetzten Läufen in die Tiefe, wodurch solche Verfolgungen relativ stabil und gut abgesichert gemacht werden konnten. Dies alles führt dazu, dass Portugal auch ohne Ball ständig im Spiel war und selten in eine totale Passivität verfiel, was gegen diese Ballbesitzdominanz und Passsicherheit leicht möglich gewesen wäre. Die Struktur und die Bewegungen innerhalb dieser Struktur waren gut bis sehr gut. Kompliment an Portugal und Trainer Fernando Santos.

Fazit

Das Unentschieden geht unterm Strich durchaus in Ordnung, auch wenn Spanien die dominantere und etwas torgefährlichere Mannschaft war, dies belegen auch die Expected-Goals Daten (Spanien mit 1,55; Portugal mit 1,11).
Aber er war ein erstes hochklassiges Spiel bei diesem Turnier, das Lust auf mehr macht. Beide Teams haben nun klare Außenseiter vor der Brust, die sie aber mit ihrer individuellen Klasse und mannschaftstaktischen Struktur bespielen können. Bei Portugal werden andere Facetten in den Vordergrund rücken (müssen), konnten sie sich gegen Spanien doch sehr konstant auf ihr Spiel gegen den Ball und Konter verlassen.

Sebastian Ungerank, abseits.at

Sebastian Ungerank