Es wirkt nicht so, aber der Senegal ist erst zum zweiten Mal bei einer Weltmeisterschaft dabei. 2002 in Japan und Südkorea war die Elf... WM-Analyse Senegal: Geniale Einzelspieler, aber Unsicherheiten im Konzept

Es wirkt nicht so, aber der Senegal ist erst zum zweiten Mal bei einer Weltmeisterschaft dabei. 2002 in Japan und Südkorea war die Elf des mittlerweile verstorbenen Bruno Metsu die große Überraschung des Turniers. Erst im Viertelfinale scheiterte man knapp durch ein Golden Goal an der Türkei. Die Mannschaft war damals ein richtiger Underdog mit kaum etablierten Spielern. Qualitativ hat sich seitdem – und speziell in den letzten Jahren – aber vieles getan.

Heute liest sich die Stammelf des Senegal wie ein Who-is-Who aus Europas Top-Ligen. Die Hälfte der Akteure sind Leistungsträger bei englischen, französischen oder italienischen Klubs und der Rest kann es noch werden. Der Senegal stellt womöglich das athletischste Team bei der diesjährigen Weltmeisterschaft, hatte aber im Vorfeld mit spielerischen Identitätsproblemen zu kämpfen. So wurde das 5-4-1-Konzept erst vor wenigen Wochen verworfen und dürfte nur in einem möglichen weiteren Turnierverlauf wieder reaktiviert werden. Ein klares 4-2-3-1 ist die neue Schiene. Nachdem man mit Alain Giresse auf der Trainerbank nicht glücklich wurde, ist nun mit dem ehemaligen England-Profi Aliou Cissé wieder ein Einheimischer Teamchef.

Die Vorbereitung verlief für den Senegal überhaupt nicht nach Plan. Seit März fuhr das Team drei Unentschieden gegen Usbekistan, Bosnien und Luxemburg ein, die Generalprobe gegen Kroatien ging mit 1:2 verloren. Der Grund dafür ist sicher die fehlende Aufbaustruktur über das Mittelfeld hinaus, die durch zahlreiche systematische Änderungen bedingt ist. Wenn die Senegalesen aber diesbezüglich während eines Spiels in einen „Flow“ kommen können, ist dies ein Team, mit dem man rechnen kann.

Schwachstelle Torhüter

Mit dem 26-jährige Abdoulaye Diallo ist nach langem Hick-Hack der Größte der drei Keeper gesetzt. Diallo steht bei Stade Rennes unter Vertrag, ist dort aber nur Ersatztorhüter. Damit dürfte er sich gegen Khadim N’Diaye durchsetzen, der ein paar Länderspiele mehr auf dem Buckel hat, aber beim Horoya AC in Guinea spielt. Der Dritte im Bunde wäre der 24-jährige Alfred Gomis, der immerhin Stammkeeper beim Serie-A-Klub SPAL ist. Ihm fehlt mit erst einem Länderspiel aber das Standing. Die Torhüterposition ist sicher die größte Schwachstelle der Löwen.

Hochveranlagte Innenverteidigung mit gutem Backup

In der Innenverteidigung des Senegal spielen zwei Akteure, die man sich als Stürmer nicht unbedingt als Gegenspieler wünschen würde. Der 26-jährige Kalidou Coulibaly ist Abwehrchef, wichtiger erster Aufbauspieler und unumstrittener Stammspieler beim SSC Napoli. Neben ihm gibt der 27-jährige Salif Sané, der nach der WM von Hannover zu Schalke 04 wechseln wird, den körperlichen Part. Da der 196cm große und enorm athletische Sané, aber auch häufig im defensiven Mittelfeld aufgeboten wurde, ist auch er ein absolut passabler Aufbauspieler und zudem bei Standardsituationen, defensiv wie offensiv, eine enorme Waffe. Mit Kara Mbodji vom RSC Anderlecht gibt es zudem ein weiteres hochkarätiges Backup.

Taktische Probleme in der Außenverteidigung

Auf der linken Seite spielt mit Youssouf Sabaly der stärkste senegalesische Außenverteidiger – obwohl er eigentlich Rechtsverteidiger ist. Sabaly ist im Team ein Newcomer, spielte aber zuletzt eine starke Saison für Girondins Bordeaux und ist offensiv äußerst aktiv. Rechts spielt Lamine Gassama, der zuletzt bei Alanyaspor in der Türkei spielte, aber keinen neuen Vertrag bekam. Der 28-Jährige ist ein unermüdlicher Läufer und guter Kämpfer, hat aber taktische Schwächen. Viele Beobachter würden rechts lieber den 19-jährigen Moussa Wagué sehen, der als riesiges Talent gilt, das aber vorerst langsam an größere Aufgaben herangeführt wird.

Premier-League-Party in der Mittelfeldzentrale

Die Doppelacht des Senegal ist klar vergeben. Der 28-jährige Kapitän Cheikhou Kouyaté von West Ham United ist der Abfangjäger vor der Abwehr. Er hat allgemein einen großen Aktionsradius, muss aber wegen der Aufbaustärke der Innenverteidiger nicht regelmäßig abkippen. Neben bzw. einen Tick vor ihm spielt Idrissa Gueye vom FC Everton, der ein echter Mittelfeldmotor ist, aber manchmal Struktur und Staffelung vergisst. Gueye gibt einen guten Gegenpart zu Kouyaté ab, was bei Alfred N’Diaye von den Wolverhampton Wanderers nicht der Fall wäre. Er ist Kouyaté zu ähnlich. Auf der Zehn ist der Einsatz von Badou Ndiaye sehr wahrscheinlich, was dem Senegal ein wenig die Offensivkreativität nimmt, dafür aber die Defensive auf der Zentralachse stärkt. Bei Stoke City spielt Ndiaye eher auf Achterhöhe. In seltenen Fällen füllte sogar Sadio Mané die Position eines Freigeists auf der Zehn aus, womit man ihm aber die Möglichkeit nahm, sich am Flügel größere Räume zu suchen. Dies ist daher eher unwahrscheinlich und der Senegal wird eher versuchen über geballte Zentrumswucht Bälle zu erobern, um sie dann auf die gefährlichen Flügel zu verteilen.

Tempodribbler auf Weltklasseniveau

Ob rechts oder links – Sadio Mané ist der große Star im senegalesischen Team. Der Ex-Salzburger und jetzige Liverpool-Torjäger kommt im Nationalteam sogar häufiger über rechts, damit auf der linken Seite Platz für Keita Baldé ist. Der 23-Jährige war letztes Jahr noch einer der Stars bei Lazio Rom und fand sich auch in seiner Erstsaison beim AS Monaco sehr gut ein. Mané ist sicher der komplettere Spieler, weshalb man ihn einfacher zweckentfremden kann. Die Möglichkeit, ohne drohenden Leistungsabfall gleich zwei derart präzise und zielgerichtete Tempodribbler aufzubieten, wobei einer auf der „falschen“ Seite spielt, ist ein großer Luxus, den sich nicht viele Teams leisten können. In den Startlöchern stehen aber noch zwei weitere potentiell kommende Stars: Beim 23-jährige M’Baye Niang vom FC Turin geriet die Karriere ein wenig ins Stocken, aber der 20-jährige Rechtsaußen Ismaila Sarr könnte schon bald als der „neue Mané“ gefeiert werden. Die Bühne Weltmeisterschaft könnte für ihn äußerst nützlich sein, vor allem weil er talentierter, dafür aber noch nicht so weit ist, wie Baldé. Mané auf links und Sarr auf rechts wäre also die positionstechnisch sauberere, aber zugleich riskantere Variante.

Viele Optionen im Angriff – und jede hat einen Haken

Die logischste Angriffsoption wäre der ehemalige Fenerbahce-Goalgetter Moussa Sow, der mittlerweile bei Bursaspor spielt und seinen Zenit bereits überschritten hat. Die bessere Variante wäre wohl Moussa Konaté, der letzten Sommer von Sion nach Amiens wechselte und auch in Frankreich nach Lust und Laune trifft. Er ist ein wuchtiger, extrem unangenehmer Angreifer, der Gegenspieler verschleppen und binden kann, wodurch mehr Platz für die starken Flügel wäre. Sow wäre im Vergleich der zielgerichtete Stürmer. Auch Diafra Sakho hat Chancen auf Einsätze, spielte allerdings eine schwache Saison bei Rennes. Mame Diouf von Stoke ist ein Außenseiter für den Stürmerplatz, allerdings tut er sich schon seit drei Jahren bei den Potters sehr schwer, nachdem seine Erstsaison stark war. Im senegalesischen Angriff gibt es also eine große Dichte, aber keine einzige wirklich zufriedenstellende Lösung.

Fotogenes, unbeschriebenes Blatt

Aliou Cissé ist als Trainer ein völlig unbeschriebenes Blatt und auch seine konkreten Spielideen sickerten in der Vorbereitung auf das Turnier noch nicht so richtig durch. Mit langen Dreadlocks, Bart und seiner auffälligen, großen Brille wird er sicher eine der schillerndsten Erscheinungen des Turniers sein. Aber dass er es schafft, nach nur 29 Spielen als Cheftrainer (!) einer Profimannschaft – alle für das Nationalteam des Senegal – dem Senegal eine klare Offensivstruktur einzuimpfen, muss angezweifelt werden.

Die abseits.at-Einschätzung

Kaum ein Team ist so schwer einzuschätzen wie der Senegal. Individuell hat diese Mannschaft das Zeug zum Gruppensieg und womöglich sogar mehr. Zugleich fehlt diesem Team aus teils fantastischen Individualisten ein klares Gesicht, eine klare Struktur und das schwierigste wird wohl das Überbrückungsspiel zwischen den Dritteln sein. Wenn man die Flügelspieler häufig und gut in Szene setzen kann, werden zwangsläufig Tore für den Senegal fallen. Aber die Gegner wissen natürlich, wie man diese Mannschaft „nehmen“ muss und dann stellt sich die Frage, wie der Senegal situativ darauf reagiert. Wir tippen auf den Aufstieg der Senegalesen, weil in der Gruppe die Einzelspieler den Unterschied ausmachen werden. Danach ist aber Schluss, weil dann die mannschaftliche Geschlossenheit den Unterschied ausmachen wird – zu Ungunsten des Senegal.

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen