Zu Russland, Saudi-Arabien und Uruguay in Gruppe A gelost wurde auch Ägypten – oder sollte man lieber sagen „Salah-Land“? Die Ägypter sind erstmals seit... WM-Teamanalyse Ägypten: Das Bangen um die „Schulter der Nation“

Zu Russland, Saudi-Arabien und Uruguay in Gruppe A gelost wurde auch Ägypten – oder sollte man lieber sagen „Salah-Land“? Die Ägypter sind erstmals seit 28 Jahren bei einer Weltmeisterschaft dabei und rechnen sich dank ihres Wunderkindes sogar Chancen auf den Aufstieg aus.

Die Euphorie nach der erfolgreichen WM-Qualifikation war in Ägypten groß. Allerdings konnte die Mannschaft von Héctor Cúper mittlerweile seit Oktober 2017 bzw. sechs Spielen nicht mehr gewinnen. In all diesen sechs sieglosen Spielen lief Mohamed Salah nicht für die Ägypter auf, was deutlich aufzeigt, was Ägyptens Problem und auf der anderen Seite Trumpf ist. Während beim Gruppengegner aus Uruguay vieles an zwei, drei Akteuren hängt, ist Ägypten von einem einzigen Mann abhängig.

Gibt’s den neuen Altersrekord?

Der älteste Kaderspieler bei der diesjährigen WM ist ein ägyptischer Torhüter. Essam El Hadary ist 158-facher Teamspieler, 45 Jahre alt und Stammkeeper beim saudi-arabischen Erstligisten Al-Taawon. Käme El Hadary zum Einsatz würde er Roger Milla als ältesten WM-Teilnehmer aller Zeiten ablösen. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass der 29-jährige Stammtorhüter von Al Ahly Kairo, Mohamed El Shenawy spielen wird. Er ist nicht nur der größte, sondern auch der solideste der drei Keeper. Der Al Ahly Ersatzkeeper Sherif Ekramy ist ebenfalls mit von der Partie, hat jedoch voraussichtlich die geringsten Chancen auf Einsätze. Anders als bei vielen anderen Teams ist die Torwartfrage bei den Ägyptern noch relativ offen und auch Rotation ist denkbar. Eine schwierige Situation, wenn man bedenkt, dass keiner der drei ein echter Klassekeeper ist.

Wackliges West-Brom-Duo bildet die Innenverteidigung

Die Innenverteidiger der Ägypter haben bereits englische Fußballluft geschnuppert und spielen sogar beim selben Verein, was zuerst als Vorteil für die Nordafrikaner wirkt. Sowohl der 29-jährige Ali Gabr, als auch der 27-jährige Ahmed Hegazy stehen bei West Bromwich Albion unter Vertrag. So richtig eingespielt sind sie aber dennoch nicht, weil Gabr erst seit einem halben Jahr ausgeliehen ist und es für WBA noch auf keinen Einsatz brachte. Hegazy ist hingegen Stammspieler und auch eine nicht unwichtige Aufbauinstanz. Die beiden sind deutlich vor die Al Ahly Innenverteidiger Samir und Ashraf zu stellen, sind aber dennoch ein eher instabiles Gespann, das defensiv für Schnitzer gut ist. Die Unausgewogenheit erlaubt es dem Gegner die Seite von Gabr zu bespielen, was sicher in so manchem Matchplan vorkommen wird.

Unterschiedliche Außenverteidiger-Typen

Auf der linken Seite ist der 32-jährige Mohamed Abdel-Shafi vom saudischen Verein Al-Fateh gesetzt. Hier handelt es sich um einen zweikampfstarken und defensiv soliden Routinier, den man allerdings nur selten jenseits der Mittellinie sieht, zumal seine Seite wegen Salahs Rechtslastigkeit weniger bespielt wird. Rechts hat derzeit der 33-jährige Ahmed Fathi die besten Karten und ist ein etwas offensiverer Außenverteidiger, dessen Spielstil gut mit seinem Vordermann Salah zusammenpasst – allerdings auf Kosten defensiver Stabilität. Fathi steht in der Kaderhierarchie aber nur knapp vor Ahmed Elmohamady von Aston Villa, der insgesamt die komplettere Alternative wäre. Die Wahl nach dem richtigen Außenverteidiger ist eine der schwierigsten Aufgaben für Cúper, zumal beide ihre Berechtigung hätten. Fathi steht derzeit bei 126 Länderspielen, Elmohamady bei 82…

Wie gut kann Elneny Konter und Ballbesitzspiel strukturieren?

Die Plätze im zentralen Mittelfeld des ägyptischen 4-2-3-1-Systems sind weitgehend vergeben. Die Doppelsechs bekleiden Hamed und Elneny. Der 29-jährige Tarek Hamed ist zwar nur 165cm groß, aber dennoch der defensivste der drei zentralen Mittelfeldspieler und ein passabler Passspieler. Daneben spielt Mohamed Elneny, der im Nationalteam eine etwas mutigere, offensivere Rolle einnimmt als beim FC Arsenal und als klassischer Achter zu werten ist. Er ist nach Salah der zweitwichtigste Spieler im Team und ist dafür verantwortlich den Ball nach vorne zu schleppen und hierbei vor allem die Konter zu strukturieren. Der in Finnland aktive Abdallah Said spielt auf der nominellen Zehn und ist vor allem im Pressing ein wichtiger Akteur. Der beidbeinige Offensivspieler kann schon mal unauffällig sein und abtauchen, ist aber in seinem Spiel gegen den Ball eine enorm wichtige Instanz im Spiel der Ägypter. Insgesamt ist das Mittelfeld recht laufstark, aber es fehlt an Robustheit und vor allem an spielerischem Esprit. Gelegentlich lässt Cúper deshalb auch den routinierten Shikabala auf der Zehn spielen, der für mehr Überraschungsmomente gut ist.

Die alles entscheidende Frage

Alles blickt auf Mo Salah! Der Liverpool-Star ist auch im ägyptischen Team als Rechtsaußen gesetzt und hat keine besonderen Sonderprivilegien. Er ist auf seiner angestammten rechten Seite sehr stark ins 4-4-1-1-Pressing der Ägypter miteinbezogen und in der Offensive ist er natürlich der Zielspieler des Teams. Die markante Rechtslastigkeit im Spiel nach vorne wurde bereits erwähnt. Dennoch darf man nicht in zu große Euphorie verfallen, denn die große Frage ist natürlich, ob die „Schulter der Nation“ hält. Hundertprozentig fit wird Salah jedenfalls nicht zur WM fahren. Aber auch die linke Seite ist gut besetzt: Der 21-jährige Ramadan Sobhi war 2017/18 immerhin Ergänzungsspieler bei Premier-League-Absteiger Stoke City und auch sein Ersatzmann Mahmoud Hassan, genannt Trézéguet vom türkischen Verein Kasimpasa, ist ein gefährlicher und zielgerichteter Flügelspieler.

Eine Mannschaft ohne echten Stürmer

Nachdem Braga-Legionär Ahmed Hassan – der ein klassischer Zielspieler gewesen wäre – nicht nach Russland mitgenommen wurde ist klar, dass Marwan Mohsen die Solospitze geben wird. Mohsen ist dabei fast nicht effektiv als Stürmer zu werten, sondern ist lediglich ein wichtiger Zuarbeiter und Kombinationsspieler für die wesentlich gefährlicheren Flügel. Bei Al Ahly ist er nicht einmal Stammspieler, aber im Nationalteam wuchs er zu einem Baustein im Kombinationsspiel heran. Das Problem: Wenn man ihn aus dem Spiel nimmt, sind wichtige kombinatorische Automatismen für die Ägypter nicht mehr umsetzbar. Er ist somit eine Schwachstelle im Spiel der Ägypter und wird allgemein nicht viele Bälle sehen. Eine Alternative wäre Kahraba, der zwar noch umtriebiger, dafür aber nicht so klar in seinem Kombinationsspiel ist.

Großer Trainername am absteigenden Ast

Der 62-jährige Argentinier Héctor Cúper hat zuletzt den Orient für sich entdeckt und bestritt die WM-Qualifikation mit Ägypten erfolgreich, weshalb er im Land natürlich schon mal einen Stein im Brett hat. Wenn man sich aber ehrlich ist, liegen Cúpers große Zeiten bereits 20 Jahre zurück. Ägypten ist das erste Team seit vielen Jahren, bei dem der Altmeister aus Chabás nicht floppte. Außergewöhnliche taktische Facetten wird man von der stark auf Konter bedachten ägyptischen Mannschaft also nicht sehen. Das taktisch interessanteste Spiel, an dem Cúper auch sicher gemessen werden muss, ist das Aufeinandertreffen mit Saudi-Arabien, bei dem Ägypten das Spiel machen sollte.

Die abseits.at-Einschätzung

Ägypten stellt weitgehend eine biedere Truppe mit dem einen oder anderen Vorzug in der Zentrale und relativ soliden Außenverteidigern. Mit dabei ist aber auch einer der besten Spieler der Welt und das hebt die WM-Rückkehrer stark von den Russen oder den Saudis ab. Ägypten hat durchaus Chancen die Gruppe zu überstehen, allerdings nur sofern Salah gesund und fit ist. Dass die Gegner der Ägypter speziell das Idol von Millionen in ganz Nordafrika bearbeiten werden, ist natürlich auch klar. Hier wird Cúper gefragt sein, um Salah mit taktischen Mitteln zu entlasten. Wir tippen auf einen Achtelfinaleinzug der Ägypter und gleich darauffolgend das klare Aus.

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen