Bei der letzten Europameisterschaft war Island eine der großen positiven Überraschungen. Wird die Mannschaft von Trainer Hallgrimsson auch in Russland über sich hinauswachsen? So... WM-Teamanalyse Island: Same old Story

Bei der letzten Europameisterschaft war Island eine der großen positiven Überraschungen. Wird die Mannschaft von Trainer Hallgrimsson auch in Russland über sich hinauswachsen?

So richtig unterschätzen dürfte man die Isländer nach der vergangenen Europameisterschaft sowieso nicht mehr. Dass sie bei der WM-Qualifikation jedoch die Gruppe I vor Kroatien, der Ukraine und der Türkei als Sieger abschlossen, war dennoch eine große Überraschung.
Die Testspiele im Jahr 2018 verliefen aber nicht nach Wunsch, denn nach zwei klaren Siegen gegen Indonesien verlor man gegen Peru (1:3), Norwegen (2:3) und remisierte gegen Ghana (2:2)

Moviestar

Der 24-jährige Schlussmann Hannes Þór Halldórsson hütete auch während der Europameisterschaft das Tor der Isländer und steckte über die gesamte Saison im Abstiegskampf in der dänischen Liga. Seit zwei Jahren ist der 34-Jährige Stammkeeper beim Randers FC und stellt dort immer wieder seine starken Reflexe unter Beweis. Halldórsson ist dennoch immer wieder ein Unsicherheitsfaktor und nicht zu hundert Prozent unumstritten. Einige Fans würden lieber den jungen Runar Alex Runarsson im Tor sehen, der beim FC Nordsjælland in allen Meisterschaftsspielen über die volle Distanz zum Einsatz kam. Halldórsson ist nebenbei Filmemacher und drehte unter anderem im Jahr 2012 ein Musikvideo für den isländischen Beitrag zum Eurovision Song Contest.

In the air tonight

Kari Arnason ist der Abwehrchef in der Innenverteidigung. Der 35-jährige Routinier war vergangene Saison für den FC Aberdeen im Einsatz und heuerte nun bei Vikingur an. Neben ihm spielt der 31-jährige Ragnar Sigurdsson vom FK Rostov. Beide Innenverteidiger können auch mit dem Ball am Fuß etwas anfangen und sind durchaus solide, insbesondere im Kopfballspiel. Mit hohen Bällen braucht man gegen die Isländer nicht agieren. Bei Standardsituationen müssen die Gegner auf die beiden gut aufpassen – Arnason steuerte etwa bei der EM 2016 nach einem langen Outeinwurf den Assist zur 1:0-Führung der Isländer gegen Österreich bei.

Mamma Mia

Birkir Már Sævarsson ist auf der rechten Abwehrseite gesetzt. Der ehemalige Hammarby-Legionär ist 33 Jahre alt und wechselte vergangenen Winter zurück in seine Heimat, wo er bei Valur unter Vertrag steht. Der vierfache Vater hat trotz seiner 33 Jahre noch nichts von seinem Speed verloren, nutzt diesen jedoch nur selten in der Offensive und bleibt zumeist in der eigenen Hälfte. Auf der linken Seite wird voraussichtlich Hördur Magnusson den Vorzug vor Ari Freyr Skúlason bekommen. Magnusson steht seit zwei Saison bei Brisol City unter Vertrag, wo er aber in dieser Saison um seinen Stammplatz kämpfen musste. So wie bei Sævarsson liegen auch seine Stärken in der Defensive. Offensiv erwartet Coach Hallgrimsson keine Wunderdinge von seinen Außenverteidigern.

One

Im zentralen Mittelfeld ist der siebenfache isländische Fußballer des Jahres Gylfi Sigurdsson der große Star der Isländer. Gewöhnlich spielt er im 4-4-2 neben Aron Gunnarsson, wobei der Everton-Legionär den höheren Part einnimmt. Es wäre aber auch möglich, dass er in einem 4-5-1 als hängende Spitze hinter Bödvarsson oder Finnbogason startet. Der bekannteste Spieler der Isländer kam vergangene Saison in der Premier League auf vier Tore und drei Assists. Sigurdsson ist ein torgefährlicher, konditionsstarker Mittelfeldspieler, der auch sehr gute Standards tritt. Gunnarssons Stärken liegen in erster Linie im Spiel gegen den Ball, denn der Cardiff-City-Spieler ist der Spieler mit den meisten Balleroberungen im Team. Ebenfalls berüchtigt sind seine langen Einwürfe, mit denen er bei der Europameisterschaft 2016 zwei wichtige Tore vorbereite – unter anderem auch das gegen Österreich. Sollte Trainer Hallgrimsson auf ein 4-5-1- umstellen und Sigurdsson nach vorne rutschen,  dann spielt Emil Hallfredsson neben Gunnarsson. Hallfredsson steht bei Udinese unter Vertrag, wo er heuer jedoch meistens nur von der Bank ins Spiel kam. Der 33-Jährige hat bereits 64 Länderspiele am Buckel und verfügt über ein großes Spielverständnis.

Baby What a Big Surprise

Am rechten Flügel spielt mit Johann Berg Gudmundsson ein äußerst interessanter Akteur, der in der Premier League beim FC Burnley unter Vertrag steht. Der technisch starke Flügelspieler war bei der Überraschungsmannschaft der Premier League (7. Platz) unumstrittener Stammspieler und absolviert 32 Partien von Beginn an. Neben zwei Treffern steuerte er auch starke acht Assists bei, war also an 10 der 36 Burnley-Treffer direkt beteiligt. Gudmundsson hat alles was ein Offensivspieler braucht – Speed, einen guten Schuss und eine starke Technik. Er ist stark im Eins-gegen-Eins und arbeitet, wie es sich für einen wahren Isländer gehört, auch brav nach hinten. Der 27-Jährige könnte Sigurdsson die Show stehlen und eine der Überraschungen bei dieser Weltmeisterschaft werden.
Am linken Flügel sollte Birkir Bjarnason einen Stammplatz haben. Der Aston-Villa-Legionär ist bei weitem nicht so ein feiner Fußballer wie Gudmundsson, bringt aber eine gehörige Portion Kampfkraft mit. Ganz so stark wie zu seiner besten Saison (2015/16 beim FC Basel) ist der 30-Jährige im Moment nicht, doch im Nationalteam können sich seine Kollegen auf ihn verlassen. Er ist einer der Spieler, die die anderen Akteure in seiner Mannschaft gut aussehen lassen.

Workin’ For a Livin’

Läuft Island wie erwartet in einem 4-4-2 auf, dann besteht die Doppelspitze in der Mitte aus Alfred Finnbogason und Jón Dadi Bödvarsson. Finnbogason werden viele Fußballfans gut kennen, da er beim FC Augsburg ein Mannschaftskollege von Gregoritsch, Hinteregger und Danso ist. Gregoritsch traf vergangene Saison für den 12. der deutschen Bundesliga in 32 Partien 13 Mal, Finnbogason traf in 22 Spielen 12 Mal. Finnbogason ist ein richtiger Allrounder, der über eine gute Technik und Grundschnelligkeit verfügt. Der beidbeinige Mittelstürmer ist auch im Spiel gegen den Ball gut und geht beim Pressing weite Wege. Bödvarsson steht aktuell beim FC Reading unter Vertrag, wo er heuer sieben Saisontore und einen Assist beisteuerte. Er ist schon aufgrund seiner Größe in der Luft enorm stark und arbeitet extrem viel für seine Mannschaft. Coach Hallgrímsson verlangt im Spiel gegen den Ball viel Einsatz von seinen Stürmern – die Verteidigung fängt bei Finnbogason und Bödvarsson an.

Beim Abschluss könnte er aber ein wenig cooler sein. Im Sturm könnten die Isländer bald eine richtige Verstärkung bekommen, denn Albert Gudmundsson steht kurz vor dem Durchbruch bei PSV Eindhoven. Gudmundsson kam meist in der Jugendmannschaft der Niederländer zum Einsatz, zeigte sein Können jedoch schon im Nationalteam, als er beim 4:1-Sieg gegen Indonesien einen Hattrick erzielte. Die Weltmeisterschaft kommt für ihn jedoch noch ein wenig zu früh – der eine oder andere Einsatz als Joker könnte sich aber ausgehen.

Go See The Dentist

Der Trainer der Isländer Heimir Hallgrímsson ist ein gelernter Zahnarzt, der noch bis zur EM 2016 Patienten in seinem Heimatdorf behandelte. Der Nachfolger von Lars Lagerback setzt auf ein unkompliziertes flaches 4-4-2 und lässt sich auf keine großen Experimente ein. Er hatte aber auch nicht wirklich Grund die Spielanlage zu ändern, da Island in den letzten Jahren das Optimum herausholte. Eine Variante wäre allerdings ein 4-5-1 in dem, wie oben beschrieben, Gylfi Sigurdsson hinter einer Solospitze agiert.

abseits.at-Einschätzung

Island geht als großer Außenseiter in die Gruppe D, auch wenn man in der Qualifikation die Kroaten hinter sich ließ. Das Kollektiv steht im Vordergrund und die Mannschaft beweist im Spiel gegen den Ball immer wieder große Disziplin. Im Aufbauspiel wird öfters auf weite Bälle nach vorne zurückgegriffen, auch um den Kampf um den zweiten Ball zu eröffnen. Standardsituationen sind eine Waffe – auch Einwürfe, wie wir leider wissen. Dennoch wird es in dieser Gruppe für den Aufstieg im Normalfall nicht ausreiche.

 

Stefan Karger