Kroatien wird bei der Endrunde in Russland wieder einmal zu den größten Geheimfavoriten zählen, was angesichts des starken Kaders keine große Überraschung ist. Wird... WM-Teamanalyse Kroatien: Auf der Suche nach der richtigen Balance

Kroatien wird bei der Endrunde in Russland wieder einmal zu den größten Geheimfavoriten zählen, was angesichts des starken Kaders keine große Überraschung ist. Wird Coach Zlatko Dalić aus den genialen Individualisten jedoch eine Mannschaft formen können, die Chancen auf den Titel hat? Wir sehen uns das Team genauer an und gehen auf die Stärken und Schwächen ein.

Kroatien landete in der Qualifikation etwas überraschend hinter Island auf dem zweiten Gruppenplatz und setzte sich im Playoff gegen Griechenland mit einem Gesamtscore von 4:1 durch. Zu diesem Zeitpunkt hatte die kroatische Auswahl bereits einen neuen Trainer, denn Zlatko Dalić folgte dem glücklosen Ante Čačić nach. Im Jahr 2018 absolvierte Kroatien vier Freundschaftsspiele, wobei die Partien gegen Peru und Brasilien jeweils mit 0:2 verloren wurden, während man gegen Mexiko (1:0) und zuletzt auch gegen den Senegal (2:1) das Spiel als Sieger verließ.

Besser spät als nie

Im Tor der Kroaten steht mit dem 33-jährigen Danijel Subasic so etwas wie ein Spätstarter, denn der 38-fache Nationalspieler wechselte trotz einiger Angebote erst mit 27 Jahren von Hajduk Split ins Ausland. Er ist seit nunmehr mehr als sieben Jahren der Stammkeeper der AS Monaco und lässt sich sowohl im Verein, als auch im Nationalteam nicht viel zuschulden kommen. Er ist kein Tormann der regelmäßig über sich hinauswächst und einen unhaltbaren Ball nach dem anderen entschärft, aber er ist äußerst verlässlich und insgesamt ein sicherer Rückhalt. Auch im Nationalteam musste er einige Zeit warten bis er an der Reihe war, denn Einser-Tormann wurde er erst vor vier Jahren, als Stipe Pletikosa zurücktrat.

Drei Kandidaten, zwei Plätze

Salzburgs Duje Caleta-Car befindet sich zwar als Innenverteidiger im WM-Kader der Kroaten, allerdings wird der junge Mann wohl zu keinem Einsatz kommen. Die Konkurrenz ist mit Vedran Ćorluka, Domagoj Vida und Dejan Lovren einfach zu groß. Zwei dieser drei Abwehrspieler werden in der Startformation stehen – beim jüngsten Sieg gegen den Senegal vertraute Teamchef Dalić auf das Duo Ćorluka/Lovren.
Ćorluka erlitt vergangene Saison einen Achillessehnenanriss und fiel ein halbes Jahr aus. Seit März ist der 1,92 Meter große Innenverteidiger aber wieder fit, auch wenn er sich seitdem erneut einige Male mit kleineren Blessuren herumschlagen musste. Dejan Lovren schaffte es mit dem FC Liverpool bis ins Champions-League-Finale, dennoch ist der physisch starke Abwehrspieler in Kroatien alles andere als unumstritten, da er sich immer wieder Aussetzer leistet. Zudem fand er im kroatischen Team noch keinen Partner im Abwehrzentrum mit dem er richtig gut harmonierte. Domagoj Vida ist ein solider Innenverteidiger und sicherlich der schnellste der drei Kandidaten. Der Besiktas-Legionär, der auch als Außenverteidiger auflaufen könnte, sah bei der 0:5-Niederlage in der Champions League gegen die Bayern schon in der 16. Minute die rote Karte.

Rechte Abwehrseite stärker

Auf der rechten Abwehrseite ist Sime Vrsaljko gesetzt, der seine Rolle offensiver auslegt als der linke Außenverteidiger Ivan Strinic. Vrsaljko eroberte sich nach dem Rücktritt der Legende Darijo Srna einen Fixplatz im Team und machte bei seinem Klub Atletico Madrid in den letzten Jahren einen großen Schritt nach vorne. Vrsaljko ist sowohl in der Offensive als auch in der Defensive ein richtig guter Mann und eine Bereicherung für das kroatische Team. Sein Gegenüber Ivan Strinic kickt bei Sampdoria und agiert weniger spektakulär. Hinten erledigt er seine Arbeit jedoch meist solide. Dies wird auch notwendig sein, da sein Vordermann Perisic oftmals auf die Defensivarbeit „vergisst“. Die rechte Abwehrseite ist mit Vrsaljko jedenfalls stärker besetzt.

Funktioniert Modric auf der 10?

Im zentralen Mittelfeld stellte Zlatko Dalić nach seiner Amtsübernahme sofort einiges um. Er beorderte Luka Modric weiter nach vorne ins offensive Mittelfeld, da das Duo Rakitic/Modric auf der Acht unter seinen Vorgängern nie so richtig funktionieren wollte. Bei der Weltmeisterschaft werden wir demnach voraussichtlich Modric auf der 10, Ivan Rakitic auf der 8 und vermutlich Milan Badelj auf der Sechs sehen. Statt Fiorentina-Legionär Badelj könnte aber auch ein kreativerer Spieler in die Startaufstellung rutschen. Mit Mateo Kovacic (Real Madrid) und Marcelo Brozovic (Inter) gibt es extrem interessante Kandidaten. Insbesondere Box-to-Box-Spieler Brozovic  könnte gut funktionieren, da er neben der spielerischen Klasse auch die nötige Physis mitbringt.
Es gibt wenige Teams, die aus einem Pool von so talentierten Akteuren im zentralen Mittelfeld zurückgreifen können, doch die richtige Balance zu finden erwies sich in der Vergangenheit richtig schwer. Ob Modric auf der 10 die richtige Lösung ist darf auch leise bezweifelt werden – immerhin ist der Real-Spieler auf seiner angestammten Position eine Reihe dahinter immer noch einer der besten Spieler der Welt und in seiner neuen Rolle wird er wohl weniger spielbestimmend sein, da er einfach viel weniger Ballkontakte haben wird. Rein von den einzelnen Akteuren würde die Bewertung eine klare 10 von 10 sein – doch da die Harmonie zwischen den Akteuren in der Vergangenheit fehlte können wir “nur“ acht Punkte geben.

Gefährliche Flügel

Auch die Flügel sind richtig stark besetzt. Inter-Legionär Ivan Perisic wird auf der linken Seite den Vorzug gegenüber Ante Rebic und Marko Pjaca erhalten. Perisic erzielte heuer in der Serie A elf Tore und traf auch im wichtigen Playoffspiel gegen Griechenland. Hoffenheim-Legionär Andrej Kramaric wird vermutlich am rechten Flügel beginnen, wobei er auch während der Partie mit Sturmspitze Mandzukic immer wieder die Positionen wechseln kann. Auch Kramaric weiß wo das Tor steht und erzielte in der vergangenen Saison 13 Bundesliga-Treffer. Noch wichtiger waren aber seine beiden Treffer im Quali-Spiel gegen die Ukraine.

Verschiedene Spielertypen

Als Solospitze bieten sich Mario Mandzukic und Nikola Kalinic an. Mandzukic könnte auch immer wieder auf den Flügel ausweichen, wo er dank seines Fleißes auch viel nach hinten arbeiten kann. Mandzukic ist insbesondere bei Standardsituationen oder bei Flanken eine große Gefahr für den Gegner. Kalinic hingegen ist mit dem Ball am Fuß stärker, ein guter Dribbler, der auch im Kombinationsspiel seine Stärken hat.

Besseres Händchen?

Zlatko Dalić hat bis jetzt nicht viel falsch gemacht – ob er langfristig erfolgreich sein wird hängt in erster Linie davon ab, ob es ihm im Gegensatz zu seinen Vorgängern gelingt Modric und Rakitic effizient unter einen Hut zu bringen und den “richtigen“ dritten zentralen Mittelfeldspieler auszuwählen.
Die Kroaten bewiesen in der Vergangenheit oft ein schlechtes Händchen was die Auswahl des Nationaltrainers betraf, diesmal könnten sie aber den richtigen Mann verpflichtet haben. Dalić hatte auch als Trainer seiner Klubmannschaften schöne Erfolge, auch wenn er diese in erster Linie im arabischen Raum erzielte.

abseits.at-Einschätzung

Unter Zlatko Dalić machte die kroatische Auswahl einen Sprung nach vorne, auch wenn in den Testspielen teilweise noch nicht alles wie gewünscht funktionierte. Um den großen Wurf zu schaffen muss Modric so richtig in seiner neuen Rolle als Zehner aufgehen und das oftmals zu hoch angesetzte Pressing muss kompakter werden. In der schweren Gruppe D wird Kroatien vom ersten Spiel an funktionieren müssen, um den Aufstieg bewerkstelligen zu können. Alles andere wäre aber sowieso eineherbe Enttäuschung.

Stefan Karger, abseits.at

Stefan Karger