Die Wiener Austria schickte kurz vor Weihnachen Karl Daxbacher in die Wüste, um mit dem neuen, jungen, aufstrebenden Trainer Ivica Vastic modernen Fußball zu... Abseitsverdächtig | Vom Edelgeiger zum Betonmischer: Wie konnte das passieren?

Die Wiener Austria schickte kurz vor Weihnachen Karl Daxbacher in die Wüste, um mit dem neuen, jungen, aufstrebenden Trainer Ivica Vastic modernen Fußball zu zeigen und in neue Sphären aufzusteigen. Leider sieht die Realität bisher anders aus. Bereits nach vier Spielen werden erste Rufe der Kritik laut. Ein Brief an Vastic soll erklären, was uns so gar nicht passt.

 

Lieber Ivo,

ich bin enttäuscht von dir. Da wurde Karl Daxbacher immer wieder hart dafür kritisiert, dass er zu defensiv spielen lasse. Er erlaube seinen Offensivkünstlern keinerlei Freiheiten, er lege zu wenig Wert auf gepflegtes Spiel, er wechsle zu wenig aus, er bringe nicht die nötigen Ergebnisse. Obwohl die Wiener Austria bis kurz vor Weihnachten ganz gut dastand, durftest du statt Daxbacher ans Kommando. Natürlich, du wirst jetzt gleich wieder darauf verweisen, dass deine Mannschaft etwas Zeit braucht, um deine Philosophie zu verinnerlichen. Und ja, natürlich verstehe ich, dass du nach den schwerwiegenden Abgängen der beiden Offensivgeister Junuzovic und Barazite nicht einfach den gleichen Stil spielen lassen kannst wie vor deren Abgang. Aber die Austria holte doch Ersatz für die beiden Top-Scorer.

Tomas Simkovic bekam unter dir bisher noch nicht wirklich eine Chance, Roman Kienast wirkte bisher eher wie ein Fremdkörper als wie ein Spieler, der der Mannschaft unmittelbar helfen könnte. Bei allem Respekt, Ivo, aber mittlerweile hast du mit deiner Mannschaft eine gesamte Wintervorbereitung absolviert, und auch vier Bundesligaspiele mit dir als Headcoach sind bereits ins Land gezogen. Wie die Zeit vergeht! Aber trotzdem bin ich etwas enttäuscht. Als bekannt wurde, dass du Trainer in Wien-Favoriten wirst, verband ich das eigentlich hauptsächlich mit positiven Attributen. Ein junger, aufstrebender Trainer, der bereits bei den Amateuren mit hoher Erfolgsquote gearbeitet hat. Ein ehemaliger Poet am Ball, ein Liebhaber des offensiven Spiels. Endlich wieder ein Trainer, der den berühmten Grundsatz von Ernst Happel, „lieber spiel ich 4:4 als 0:0“ täglich lebt. Doch: Weit gefehlt!

Zugegeben, du hattest es nicht leicht. Im ersten Spiel nach der Winterpause konntest du froh sein, dass deine Mannen sich auf dem sehr fragwürdigen Terrain nicht verletzten und sogar noch drei Punkte gegen harmlose Rieder ins Trockene gebracht haben. Dann kam auch schon das Derby. Ein ganz, ganz schwaches Spiel von beiden Teams, das du aber (anscheinend, um deine Mannschaft zu schützen?) konsequent schöngeredet hast. OK, das waren zwei wirklich schwere Partien, und man muss ja auch erst langsam aus dem Winterschlaf erwachen.

Doch was passierte dann?  Eine miserable Vorstellung gegen die Kapfenberger, die vom rettenden Ufer soweit weg sind wie die Erde vom Mond. Ein schmeichelhafter 1:0-Sieg über Innsbrucker, die im Niemandsland der Tabelle nach einer Motivation suchen. Das habe ich mir wirklich anders vorgestellt.

Statt einem Offensiv-Feuerwerk wirfst du Woche für Woche den Betonmischer an. Vier Spiele, ein Torverhältnis von 3:1 und sieben Punkte geben dir aber zumindest am Papier mehr oder weniger Recht. Doch willst du das wirklich? Willst du wirklich wieder den alten Catenaccio-Stil in Mode bringen? Wozu verstaubte italienische Konzepte wieder ausgraben, wenn es doch schon neue, erfrischende Offensiv-Konzepte gibt?

Spiel doch mal mit zwei Spitzen! Gib deinen Mittelfeldstrategen doch mal etwas mehr Freiheiten! Lass´ doch deine Offensivgeister mal zum Zug kommen! Nicht nur ich, nicht einmal nur die Austria-Fans, sondern ganz Fußball-Österreich würde es dir danken. Denn was wir alle gerne sehen würden, sind Tore. Und damit wurden wir bisher in der Rückrunde nicht gerade verwöhnt. Die Tabelle sieht aus, als würde man in Österreich noch mit der alten 2-Punkte-Regel spielen, europaweit sind wir Spitzenreiter, was die Anzahl der Unentschieden angeht. Leider enden die meisten davon in letzter Zeit torlos. Wie das letzte Live-Spiel im ORF, das langweilige 0:0 von Kapfenberg gegen Sturm Graz. An die 40-mal konnte man den Foulpfiff von Schiedsrichter Rene Eisner erleben; den Torschrei dafür kein einziges Mal. Dir muss doch selbst das Herz bluten, wenn du solche Spiele deines Ex-Vereins siehst. Wo früher das magische Dreieck Vastic-Reinmayr-Haas die Liga zerbombte, herrscht heute Ebbe. Wir steuern unaufhaltsam auf den punkteärmsten Meister seit Jahrzehnten hin. Während in anderen Ligen die Top-Stürmer bereits an der 30-Tore-Marke kratzen, führen bei uns Bodul und Maierhofer mit jeweils neun Treffern die Schützenliste an. Sogar Nacer Barazite, der von dir so schmerzlich vermisste Niederländer, seit Monaten nicht mehr in der Liga beschäftigt, rangiert noch immer auf Rang 2 der Schützenliste. Da kann doch was nicht stimmen.

Wenn gar nichts mehr hilft, bleibt noch die Möglichkeit, das Ganze selbst in die Hand zu nehmen. Lieber Ivo: wenn du schon nicht offensiver aufstellen willst, schnapp dir selbst ein Trikot und zeig´ uns noch mal, was du kannst. Ich werde diesen Brief auch an deine Kollegen Schöttel, Stöger, Kühbauer, Kogler und Foda schicken – denn euch zuzusehen, hat weitaus mehr Spaß gemacht, als heute ein 0:0 nach dem anderen zu bewundern.

(Archimedes)

Archimedes