Fast jeder Fußballprofi war einmal Balljunge, Einlaufkind oder sonstiges. Es sind die ersten Momente, in denen man erlebt, was einen später hoffentlich erwartet. Die... Anekdote zum Sonntag (47) –  Auf die Beine geholfen

Retro Fussball_abseits.atFast jeder Fußballprofi war einmal Balljunge, Einlaufkind oder sonstiges. Es sind die ersten Momente, in denen man erlebt, was einen später hoffentlich erwartet. Die Augenblicke von denen jeder Jugendspieler träumt: Mit der Kampfmannschaft in der Meisterschaft auf dem Platz stehen und alles geben. Jeder fängt einmal klein an. Auch Theodor „Turl“ Wagner, der im August 89 Jahre alt wird. Als er zu seinem Stammverein Wacker Wien kam, war „Turl“ noch keine dreizehn Jahre alt und wusste noch nicht was ihn erwartete: Mehr als vierzehn Saisonen sollte er für die Schwarz-Weißen spielen und einen Meistertitel sowie einen Cup-Sieg erringen. Auch für das Nationalteam lief er 45 Mal auf und nahm an der legendären Weltmeisterschaft in der Schweiz 1954 teil. Kein Wunder, dass Wagner nach dieser Laufbahn nicht viel von Understatement hält, so meinte er letztes Jahr gegenüber der Kronen Zeitung auf die Frage, was er vom ÖFB-Team bei der kommenden EM erwarten würde: „Erstes Ziel muss das Achtelfinale sein, sonst brauchen wir gar nicht hinfahren. In der K.-o.-Phase ist immer alles möglich.“

Damals als Wagner noch lange nicht in der Ersten von Wacker spielte, war er regelmäßig im Praterstadion als Ball-Schani tätig und schaute der Kampfmannschaft auf die Füße. Einer der bekanntesten Wacker-Spieler war damals Karl Zischek, der im Wunderteam rechts außen auflief. Als Zwanzigjähriger schoss der Stürmer beim 5:0-Sieg über Schottland, der Geburtsstunde der Hugo-Meisl-Mannschaft, zwei Tore. Er galt als extrem torgefährlicher Vollstrecker. „Turl“ Wagner, der ebenfalls Angreifer war, hätte sich nicht träumen lassen ein ähnliches Niveau zu erreichen. Zu den Höhepunkten seiner Kindheit gehörten zu diesem Zeitpunkt noch jene Momente, die er regelmäßig in der Meisterschaft erlebte, wenn er als Ballbub verschossenen Bällen hinterherlief um diese rasch zurück ins Spielfeld zu befördern. Eines Tages krachte der Spielball wieder ins Out und Klein-Theodor machte sich auf die Socken um die Kugel zurückzuholen. Er lief mit dem Ball in der Hand Richtung Linie und fiel über die eigenen Füße. Peinlich. Die Spieler waren von dieser Unterbrechung genervt. Nur einer erbarmte sich: Karl Zischek ging auf den Buben zu und reichte ihm die Hand. Mit einem Ruck zog er den erstaunten Wagner hoch und raunt ihm zu: „Als Fußballer musst du beim Laufen immer aufpassen.“ „Turl“, der vor Zorn über das Missgeschick den Tränen nahe war, riss sich zusammen und nahm wieder seinen Platz am Rande des Feldes ein, während Zischek den Einwurf vornahm. Doch er sollte die liebevolle Geste des siebzehn Jahre älteren Stürmers nie vergessen. Einige Zeit später spielten beide im Wacker-Dress zusammen und nach Zischeks Karriereende wurde Wagner sein Nachfolger als Goalgetter der Meidlinger. Bis dahin konnte er noch von vielen Tipps des Flügelstürmers profitieren. Die Praxis Nachwuchskicker die wöchentlichen Ball-Schani-Dienste übernehmen zu lassen, erwies sich als gute Idee. Begannen die zukünftigen Kampfmannschaftsspieler doch früh die Philosophie ihres Klubs aufzusaugen, dann und wann lernten sie auch die Gewohnheiten ihrer späteren Mitspieler genau kennen. Wie Wagner von Zischek – und Hilfsbereitschaft ist eine Tugend, die man nicht nur auf dem Platz braucht.

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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