Welche Liga ist die beste Liga der Welt? Europaweit wird in allen Fußballforen früher oder später darüber diskutiert. Auch zahlreiche Experten und Spieler haben... Definitionssache: Die beste Liga der Welt

Spielszene, StadionWelche Liga ist die beste Liga der Welt? Europaweit wird in allen Fußballforen früher oder später darüber diskutiert. Auch zahlreiche Experten und Spieler haben ihre Meinung schon dazu abgegeben, zumeist war es natürlich die eigene Liga, welche diese Ehre erhielt. In diesem kleinen Artikel wird diese Frage etwas anders angegangen. Hier geht es um eine Kritik der Definition und eine Zusammenfassung einer potenziell differenzierteren Einordnung.

Was bedeutet eigentlich „beste Liga der Welt“?

Das größte Problem bei dieser Diskussion dürfte sein, dass es kaum Begründungen gibt. Bei der englischen Premier League wird meistens noch erwähnt, dass es die physisch stärkste und vom Spieltempo her schnellste Liga der Welt ist, doch dies dürfte eher ein Vorurteil sein, welches auf den goldenen Jahren von 2005 bis 2008 basiert, als sich mehrere englische Teams regelmäßig im Halbfinale der Champions League einfanden.

Dies ist jedoch schon seit einiger Zeit nicht mehr der Fall, obgleich natürlich englische Teams auf höchstem Niveau nach wie vor individuell hervorragend besetzt sind. Die Bezeichnung als schnellste Liga dürfte jedoch wirkliche eher ein Stereotyp sein, der sich sogar kontraproduktiv interpretieren lässt.

Während auf dem Kontinent mit großer Kompaktheit, hohen Abwehrreihen, strategisch durchdachter Staffelung und starkem Pressing, sowie sofortiger Ballrückeroberung nach Ballverlusten (= Gegenpressing) gespielt wird, was die Wege im Umschaltspiel kleiner macht, fehlt es vielen Mannschaften in England noch an diesen Basisaspekten.

Chelsea unter José Mourinho in dieser Saison kann man beispielsweise als Indiz dafür nehmen; Manchester City, Arsenal und Co. erhielten teilweise große Probleme gegen die Blues, da sie ihr eigentliches Spiel gegen die gute Defensive und wegen Mourinhos starken Anpassungen kaum durchziehen konnten. Gegen schwächere Mannschaften sind diese Topteams dennoch klar überlegen, insbesondere Manchester City, aber auch Arsenal und Liverpool dominierten zumindest phasenweise kleinere Mannschaften beinahe mühelos und waren in dieser Hinsicht stärker als Chelsea.

International bekam Manchester City auch deswegen immer wieder Probleme und konnte kaum Stabilität erzeugen. Doch wieso wird England dann als stärkste Liga der Welt gesehen? Ist diese Behauptung wirklich so absurd, wie es dieser Absatz womöglich suggeriert?

Spektakel, Augenfälligkeit, individuelle Stärke

Der große Vorteil der Premier League ist natürlich ihre Vermarktungsmöglichkeit durch das Image, welches seit Mitte der 90er langsam und dann immer stärker aufgebaut wurde. Auf der ganzen Welt ist die Premier League jene Liga, welche von den meisten Zusehern verfolgt wird. Die englische Liga ist in fast jedem Land erhältlich, Manchester United hat außerdem zum Beispiel in Asien und in den USA eine riesige Fangemeinde. Chelsea, City und auch kleinere Teams haben hier in den letzten Jahren nachgezogen.

Dadurch und durch viele Investoren konnte extreme Finanzkraft sowohl in der Spitze als auch in der Breite aufgebaut werden. Selbst Mittelklasseteams oder Abstiegskandidaten können Transfers in achtstelliger Höhe tätigen, was zum Beispiel in Deutschland oder in Spanien undenkbar ist. Dies erhöht natürlich die Zugkraft der Liga nochmals, wenn selbst schwächere Mannschaften für Schlagzeilen sorgen, international bekannte Spieler besitzen und individuell gut besetzt sind. Selbst beim Ansehen schwächerer Spiele sind einzelne Besonderheiten, bekannte Gesichter und Spektakel zu erwarten. Doch das ist des Pudels Kern.

Ist Spektakel gleichzusetzen mit Stärke?

Die einfache Antwort dürfte wohl ein „Nein“ sein. Unterhaltung und Spektakel haben nur ansatzweise etwas mit hoher Qualität zu tun, immerhin müssten ansonsten sämtliche Hobbysportarten für Ausführende und Zuseher langweilig sein, da das Niveau ungleich geringer ist. Spektakel kann auch dann entstehen, wenn beispielsweise grundlegende Sachen der Defensive – ob mannschaftstaktisch, strategisch, gruppentaktisch oder individualtaktisch – nicht erfüllt werden, während die individuelle Qualität der Offensivspieler hoch ist.

Desweiteren liegt der Unterhaltungsfaktor natürlich immer auch im Auge des Betrachters. Für viele geht es um technisch hochwertige Aktionen, die anderen wollen lieber möglichst viele und möglichst spektakuläre Tore sehen, zum Beispiel dynamische Abschlüsse aus unwahrscheinlichen Positionen. Wiederum gibt es einige, welche die Taktik am höchsten bewerten, viele interessieren sich eher für Heldengeschichten und Tragödien. Manche sehen sogar im Defensivspiel das grundlegende Merkmal einer qualitativ hochwertigen und unterhaltsamen Mannschaft.

Eine einheitliche Definition kann es also diesbezüglich nicht geben. Selbst bei der Qualität, wenn man diese in Relation zu den Titeln stellen möchte, ist dies bei einer Liga nicht möglich. Die Liga selbst spielt ja nicht im Gesamten in einem Wettbewerb mit, sondern nur einzelne Vertreter in einem bestimmten Wettbewerb mit dem dazugehörigen Zufallsfaktor und anderen Störvariablen und dies auch noch eine Saison, nachdem sie sich eigentlich dafür qualifiziert hatten. Es wäre also eher angebracht die individuellen Stärken der Liga in puncto Spielidentität herauszufinden und diese dann objektiv miteinander abzuwägen.

Die beste Liga – in was?

Eine solche Aufteilung könnte dann Mannschaftserfolge und Spielerfähigkeiten über die gesamte Breite der Liga verbinden und wie folgt aussehen:

  • England: Diese Liga besitzt die höchste individuelle Qualität in der Breite, womöglich auch in der Spitze. Dazu kommt vermutlich der größte Fokus auf die körperlichen und mentalen Fähigkeiten der Spieler. Offensiv werden Schnellkombinationen, viel riskanter Raumgewinn und die individuelle Klasse einzelner Spieler oder kleiner Gruppen fokussiert.
  • Spanien: Die Primera Division dürfte offensivtaktisch und -strategisch in der Gesamtheit am weitesten sein, dazu kommt ein sehr großer Fokus auf spielerischen Fähigkeiten der Akteure. Im Offensivspiel wird das Passspiel im Kollektiv besonders gut fokussiert, viele Mannschaften agieren in Ballbesitz intelligent und konservativ, wodurch aber wohl ein etwas geringeres Spieltempo oder bei mehr Druck mehr Chaos entstehen kann.
  • Deutschland: In der Bundesliga existiert ein extremer Fokus auf das Umschaltspiel und auf die Taktik als solche. Insbesondere Basisaspekte wie Kompaktheit, Pressing, Staffelungen, gruppentaktische Abläufe und defensivstrategische Ausführungen bilden das Fundament der Liga.
  • Italien: Eine hervorragende individualtaktische Ausbildung, Stabilität und starke Strafraumverteidigung sowie Durchschlagskraft bei Angriffen wirken hier wie die Grundpfeiler der meisten Mannschaften. Dazu kommt eine gute Einbindung der Spieler und flexible Formationen über die Liga, die den jeweiligen Akteuren ermöglichen sollen ihre Fähigkeiten in den strategisch relevanten Zonen ausüben zu können.

Dies heißt nicht, dass es eine beste Liga gibt – sondern dass gewisse Grundaspekte in den jeweiligen Ligen vorherrschen, die subjektiv dazu führen können, dass die Liga als solche qualitativ höher gewichtet wird.

Diese Erklärung der unterschiedlichen Aspekte sorgt aber dafür, dass eine einheitliche und verständliche Diskussionsgrundlage gegeben ist, denn die meisten Diskurse dieser Art driften wegen der Definition schon zu Beginn auseinander, ohne überhaupt zu wissen, dass nicht über das Gleiche diskutiert wird. Erst wenn sich dies verändert, ist eine konstruktivere und hochwertigere Debatte möglich.

René Maric, www.abseits.at

Rene Maric