Im diesjährigen Playoff zur Europa League Gruppenphase bekam es der SK Rapid Wien mit dem bis dato unattraktivsten Gegner zu tun. Nach einem 1:0...

Fans RapidIm diesjährigen Playoff zur Europa League Gruppenphase bekam es der SK Rapid Wien mit dem bis dato unattraktivsten Gegner zu tun. Nach einem 1:0 im Heimspiel mussten die Grün-Weißen zum Auswärtsspiel nach Tiflis reisen, wo Dila Gori aufgrund der Untauglichkeit des eigenen Stadions zum Rückspiel antrat. abseits.at-Chefredakteur Daniel Mandl war in Georgien dabei und berichtet über Land, Leute und Länderspiel-Charakter.

Schon am Mittwochmorgen startete die Reise in Richtung Vorderasien. Georgien ist ein Staat in Transkaukasien und somit nicht sonderlich einfach und günstig zu erreichen. Also entschloss sich unsere vierköpfige Reisegruppe für einen längeren Zwischenstopp in Istanbul, um in der türkischen Weltmetropole noch einen angenehmen Tag zu verbringen. Nach einer schlaflosen Nacht von Dienstag auf Mittwoch – hauptsächlich aufgrund der vorzuschreibenden abseits.at-Artikel – ging es am Mittwoch um 4:30 Uhr mit der Autofahrt von Wien nach Budapest los.

Ab Budapest flogen wir nach Istanbul und verbrachten den ganzen Tag im Istanbuler Stadtteil Karaköy im asiatischen Teil. Neben Bier und Raki wurde im Marktviertel des Bezirks vor allem die Sea-Food-Küche auf die Probe gestellt. Fisch, Calamari, Oktopus, Muscheln – das Ganze in einem urigen Seitengässchen… es fühlte sich wie Urlaub an. Wenn auch mit wenig Schlaf, denn kurz vor Mitternacht war der halbe Tag in Istanbul schon wieder vorbei – um 1 Uhr Früh wartete schließlich der Weiterflug nach Tiflis.

Wir erreichten Tiflis etwa um 4 Uhr. Ein Taxi brachte uns um umgerechnet 20€ ins hübsche Hotel – wie sich später herausstellte handelte es sich eher um einen Abzockerpreis, denn innerstädtisch verlangten die Taxifahrer – scheinbar pauschal – sieben Lari für eine Fahrt, was etwa 3,15€ entsprach. Der Vormittag wurde für das ausgiebigste Nickerchen der Reise genützt und zu Mittag ging es in Richtung Altstadt. Bevor die Vorbereitung aufs Match losging, sahen wir uns noch ein wenig in der Umgebung des Hotels um. Wir wohnten nicht im Stadtkern und so gab’s außer einigen kleinen Läden nicht viel zu sehen. Auch Gastwirtschaft suchten wir vorerst vergeblich. Dafür aber fanden wir heraus, dass das billigste Zigarettenpackerl 40 Cent kostet. Der Altwiener Ausdruck „Beuschlreisser“ wäre für diese Glimmstängel allerdings einer zur Hilfe gewesen…

Gegen 13:30 Uhr waren wir in der Tifliser Altstadt angekommen. Und von ebendieser waren wir positiv überrascht. Zwei der vier Auswärtsfahrer sahen Tiflis bereits im Jahr 2007, als Rapid gegen Dinamo Tiflis ran musste. Diese beteuerten nachher, dass sie damals nicht so weit in die Stadt vordrangen und kein solch schönes Bild der georgischen Hauptstadt hatten. Direkt am Rande der Altstadt fließt die Kura, der größte Fluss im Kaukasus, der in der Türkei entspringt und ins Kaspische Meer mündet. Neben einigen futuristisch anmutenden Gebäuden, etwa der nächstgelegenen Brücke über die Kura, stach eine steile Felswand ins Auge, an deren Fuß der Fluss plätscherte, während am oberen Ende direkt am Abgrund Häuser standen. Es waren keine Wunsch-Wohnzimmer für Leute mit Höhenangst, aber ein äußerst imposanter Anblick.

Die Altstadt von Tiflis liegt auf einem Hügel. Dass die Georgier ihn von unten nach oben, meist in orientalisch angehauchtem Stil bebauten, gibt der Altstadt einen tollen Charme und sorgt für ein schönes Panorama. Auf der Spitze des Hügels liegt die Festung Nariqala aus dem 3.Jahrhundert, von der man einen grandiosen Ausblick auf die Stadt hat. Hinter der Festung fängt die Natur an – hügelige Landschaften und Wälder.

Wir machten es uns nun in der Altstadt bequem und suchten ein georgisches Steakhaus auf, in dem vor allem die „Georgienplatte“ mit drei verschiedenen Fleischsorten und dreierlei Saucen zu gefallen wusste. Weil Georgien für seine Weinkultur berühmt ist und wir auch immer wieder gemütlich beisammensitzende Einheimische mit Weingläsern sahen, war eine kleine Weinverkostung natürlich unumgänglich. Es blieb aber nur bei einem Glas, denn der „trockene Weißwein“, den wir vom Kellner in vertrauensvoller Manier forderten, entpuppte sich als eines der seltsamsten Getränke auf meinen bisherigen Reisen. Bernsteinfarben und mit dem Sex-Appeal eines abgelaufenen Balsamico-Essigs. Das neuerliche Umsatteln auf Bier fiel nicht schwer.

Bis zum Abend wechselten wir noch einmal das Lokal und schwelgten in Erinnerungen. In mühsamer Kleinarbeit zählten die Mitreisenden die Top-3 und Flop-3 der letzten 20 Rapid-Jahre für jede einzelne Position auf. Streitpunkte gab’s da natürlich auch – hauptsächlich wenn das Gespräch auf Andreas Dober fiel. Währenddessen wurden das georgische Bier Natakhtari und das Truthahn-Schaschlik gekostet. Das Ganze bei gemütlichen 25°C.

Bis dahin ließ sich das georgische Volk für uns eher schwer charakterisieren. Die Leute machten auf Anhieb einen gastfreundlichen, wenn auch rustikalen Eindruck. Insgesamt wirkten die Georgier eher bequem als temperamentvoll und legten offensichtlich wert auf gemütliches Beisammensein bei ein paar Gläschen Wein. Ich bin davon überzeugt, dass der Umgang mit Straßentieren in gewisser Weise das Spiegelbild einer Gesellschaft darstellt. In Tiflis trifft man hie und da auf eine kleine Katze oder einen verwaisten Hund, die in den Gassen der Altstadt um Essen betteln. Die Georgier gehen freundlich mit diesen Tieren um, kicken sie nicht etwa aus dem Restaurant, sondern streicheln sie, akzeptieren die Koexistenz. Dies war ein Eindruck, den ich im Osten bisher nicht immer gewann und unterstrich die bereits zuvor vermutete Gemütlichkeit.

Ganz anders sieht dies im Straßenverkehr aus. Ich habe schon sehr viele Länder gesehen, aber ein solches Chaos wie auf den Tifliser Straßen gibt es weder in der nicaraguanischen Hauptstadt Managua, noch auf meinem Schreibtisch. Sämtliche Verkehrsregeln scheinen hier eher Empfehlungen zu sein. Die auf den Straßen eingezeichneten Spuren werden nicht mal als Empfehlung wahrgenommen – aus einer zweispurigen Straße, wird schnell eine vierspurige, wenn es jemand eilig hat. Und es scheinen alle eilig zu haben. Das Kreuzen einer Straße zu Fuß war ein wenig wie Bungee-Jumpen. Du musst dich unglaublich überwinden, um diesen ersten Schritt zu machen – und wenn du den gemacht hast, gibt es kein Zurück mehr. Allerdings ist Bungee-Jumpen nach dem ersten Schritt bequemer als das Queren einer georgischen Straße. Ob des irren Fahrverhaltens hätte uns eine Unfallstatistik der georgischen Hauptstadt interessiert – da aber kaum jemand englisch sprach, war diese leider nicht zu bekommen.

Nachdem wir den kurzen aber anstrengenden Fußweg auf die Festung Nariqala hinter uns brachten und einige Fotos von der Tifliser Skyline machten, ging der Tag erst richtig los. Vorerst aber in die falsche Richtung – wir fragten den nächsten Taxifahrer nach dem Fahrpreis zum Stadion von Dinamo Tiflis und ließen uns dabei ein wenig vom letzten Gastspiel Rapids in Tiflis blenden, bei dem Dinamo im Mikheil-Mekshi-Stadion auflief und nicht im eigenen Boris-Paitschadse-Stadion, was unsere Mitfahrer schlussfolgern ließ, dass das Mekshi-Stadion eigentlich eh das Dinamo-Stadion sein müsste. Fahrpreis, no na, sieben Lari. Nur war vor dem Dinamo-Stadion klarerweise kein einziger Fan zu sehen – 1 ½ Stunden vor Spielbeginn. Also erfragten wir mühsam den Spielort des heutigen Kicks und wurden ins Stadion von Lokomotive Tiflis verwiesen. Rein ins Taxi, sieben Lari, schnell ins Mikheil-Mekshi-Stadion.

In weiser Voraussicht früher oder später mit den anderen Rapid-Fans zusammenzutreffen, sorgte ich mich im Vorfeld der Partie nicht um Tickets oder Reservierungen. Dies beunruhigte mich auch noch nicht, als wir am Nachmittag von befreundeten Journalisten erfuhren, dass das Stadion heute ausverkauft sein würde. Nachdem aber in einem Haufen von tausenden Georgiern kein einziger Rapid-Fan zu sehen und die mitgereisten Klubservice-Mitarbeiter Rapids telefonisch wegen eines seltsamen Leitungsfehlers nicht erreichbar waren (ich hörte mich dauernd nur selbst…), wurde die Situation langsam etwas happig und wir waren nur noch zu zweit, weil sich die anderen beiden Mitfahrer schon vorher VIP-Karten um 20 Lari (neun Euro) das Stück gönnten. Noch 40 Minuten bis Spielbeginn, keine Karten und eine Menge Ticket Touts, Händler mit vielerlei Nüssen und misstrauisch dreinblickende Polizisten. Also stellten wir uns mal brav um Tickets an.

Fünf Lari (2,35 Euro) pro Nase und los ging’s. Durch den einzigen (!) Eingang des Stadions und ohne jegliche Sicherheitskontrolle, ging es in den Korpus der weitläufigen Betonschüssel mit den bunten Schalensitzen. Unsere Karten waren für Sektor 29 bestimmt. Dort wären wir jedoch mitten unter georgischen Fans gesessen, was wir auch nicht unbedingt aus Überzeugung gemacht hätten. Glücklicherweise trafen wir im Stadioninneren noch zwei befreundete Rapid-Fans, die ebenfalls privat anreisten und somit dasselbe Problem wie wir hatten. Knapp 15 Minuten vor dem Anpfiff schafften wir es doch noch zum Zaun vor dem Auswärtsblock und unter freundlicher Mithilfe des Klubservice war schließlich auch die Eintrittskarte für Sektor 29 nicht so schlimm für den bei Sektor 21 (Auswärtssektor) stationierten georgischen Sicherheitsbeamten.

Wir fanden uns in einem Block von 350 Rapid-Fans wieder und schauten kurz vor Spielbeginn ins gut gefüllte Mikheil-Meskhi-Stadion. Ein bisschen perplex war die Situation schon: Im Stadion waren 24.000 Fans. Bedenkt man eine kleine Rapid-Abordnung im VIP-Bereich handelte es sich dabei um 23.500 Georgier. Und von ebendieser Zahl waren vielleicht 5% Fans von Dila Gori. Der Rest waren Fußballbegeisterte aus Tiflis, für die der Auftritt Rapids in der Hauptstadt wie ein Länderspiel war. Das gesamte Stadion skandierte „Dila! Dila!“ und in brenzligen Situation ging es lautes Raunen durch den Betonklotz, dessen Akustik trotz fehlenden Dachs nicht zu verachten war. Auch Dinamo und Co. drückten an diesem Abend für Dila Gori die Daumen und die Kicker aus der Provinz erlebten eine Stimmung, wie noch nie zuvor in ihrer Karriere.

Als der Block mit den mitgereisten Rapid-Fans lauter wurde, etwa beim bekannten „Hurra, hurra, die Wiener, die sind da!“ wurde dies mit einem lauten Pfeifkonzert der georgischen Fans abgetan. Allgemein mochten es die Tifliser nicht, wenn Rapid laut wurde. Die konsternierte Stimmung unter den Georgiern nach dem 1:0 durch Louis Schaub kurz vor der Pause, stellte eine Ausnahme dar. Die Rapid-Fans wurden laut, die Georgier schwiegen. Eine neuerliche Wende nahm dies nach Marcel Sabitzers 2:0. Bereits nach dem ersten Tor war man sich im Rapid-Sektor des Aufstiegs sicher und unterhielt sich in der Halbzeit eher über die Champions-League-Gruppe der Wiener Austria. Nach dem 2:0 wurde aber aus Sicherheit Euphorie. Es folgte der eine oder andere, wohlgemerkt stets harmlose und nicht beleidigende Schmäh-Gesang gegen Dila Gori. Das georgische Publikum wurde wütend…

Zwischen dem Auswärtsblock und dem angrenzenden Sektor gab es zwar einen Zaun, aber keine Pufferzone. Die Tribünennachbarn bemüßigten sich unfreundlicher Gesten und vereinzelte Rapid-Fans erwiderten die Provokationen der Georgier. Insgesamt mutete die Situation aber harmlos an – alles keine große Sache. Doch irgendwann begannen die georgischen Fans Gegenstände in den Block zu werfen und ich musste mich an die nicht vorhandenen Sicherheitskontrollen am Eingang erinnern. Wir sahen Münzen und kleine Steine in den Sektor zu fliegen, eine Münze traf mich am Oberkörper. Sie stellte größenmäßig glücklicherweise das Pendant zur 10-Cent-Münze dar. Im Grunde ebenfalls keine große Sache, aber man erinnerte sich an den einen oder anderen Spielabbruch, den ein Münzwurf auf Spieler oder Offizielle bereits verursachte, zumal ein Treffer auf den Kopf auch durchaus unangenehm sein kann. Passiert ist am Ende niemandem etwas, die feine englische Art war’s aber nicht.

In der Schlussphase besorgte Brian Behrendt mit dem 3:0 den Endstand und Rapid stand in der Europa-League-Gruppenphase. Mit dem einen oder anderen befreundeten Fan wurden nun noch Wunschgegner für die kommende Aufgabe besprochen, mit der Mannschaft wurde der Sieg gefeiert. Danach ging es zurück ins Hotel, wo an der Bar die anderen Playoff-Ergebnisse analysiert und die Lostöpfe im Geiste aktualisiert wurden. Wunschgruppen und Horrorlose wurden zig Male durchgekaut. Vorfreude ist eben die schönste Freude. Um 2:30 Uhr morgens ging es dann aber doch ins Bett, denn um 4:00 Uhr war schon wieder Tagwache. Ein langer aber zufriedener Heimweg von Tiflis über Istanbul und Budapest nach Wien stand auf dem Programm. Fazit, kurz und knackig: Tiflis war toll, gerne wieder!

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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