Die dritte Europacupauswärtsfahrt in dieser Saison sollte auch meine letzte sein. Tripolis und Thun musste ich zeitbedingt auslassen, die sehr witzigen Trips nach Brüssel... Groundhopper’s Diary | Revolution in der Ukraine

Fußball in der UkraineDie dritte Europacupauswärtsfahrt in dieser Saison sollte auch meine letzte sein. Tripolis und Thun musste ich zeitbedingt auslassen, die sehr witzigen Trips nach Brüssel und Tiflis machte ich jeweils mit Freunden mit. Wie immer hingen wir ein paar Tage dran, um uns besser auf Land und Leute einzustellen und auch abseits des Spiels etwas zu sehen. Das Reisehighlight der Europacupsaison stand aber noch aus: Kiev!

Die ukrainische Hauptstadt befindet sich seit November im Ausnahmezustand. Der pro-russische Präsident Viktor Janukowitsch, vor einigen Jahren schon aufgrund eines fragwürdigen Wahlkampfes gegen seinen Widersacher Juschtschenko – vermeintlicher Giftanschlag inklusive – in den Schlagzeilen, entschloss sich recht spontan dazu, der EU einen Korb zu geben und sein Land dem Westen gegenüber nicht zu öffnen.

Die Opposition rund um Box-Star Vladimir Klitschko hatte etwas dagegen und besetzte den Hauptplatz der Stadt. Der „Maidan“ wurde von den Demonstranten eingenommen, die Zahlen der anwesenden Menschen schwankten je nach Quelle zwischen 30.000 und 200.000. Wie immer wird die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegen. Die politische Situation war im Vorfeld unserer Reise natürlich ein Thema. Nicht nur, dass man im Osten immer den einen oder anderen rustikalen Fan erwarten muss, würde es nun auch politische Unruhen geben. „Passt auf euch auf“, ein Satz, den wir vor unserem Abflug oft hörten.

Wir entschlossen uns, von Mittwoch bis Sonntag in der Ukraine zu bleiben. Neben der großen Hauptstadt und einem für den SK Rapid enorm wichtigen Spiel, wagten wir uns noch für einen Tagestrip nach Tschernobyl, wo wir den havarierten Reaktor 4 besichtigten und nach Pripyat, die Geisterstadt in der Nähe des weltbekannten Super-GAU-Städtchens. Aber alles der Reihe nach.

Am Mittwoch bezogen wir zu dritt unser Quartier am Lesi Ukrainky Boulevard 7, zu Fuß etwa 10 – 15 Minuten vom Stadtzentrum entfernt. Wie immer entschieden wir uns für eine Ferienwohnung. Man ist einfach unabhängiger und das opulente Frühstücksbuffet im Hotel ist bei Europacupauswärtsfahrten ohnehin illusorisch. Man bleibt lange auf. Man möchte die Stadt auch im Dunklen erleben. Jede Stadt ist im Dunklen anders, als bei Helligkeit.

Gleich am ersten Abend trafen wir einen guten Freund, der bereits am Dienstag in die Ukraine reiste und somit unsere Vorhut darstellte. Einen guten Lokaltipp für den Abend hatten wir also schon mal. In einem urigen, altukrainischen Restaurant wurde das Bier verkostet und möglichst viel von der Speisekarte bestellt, um die ukrainische Küche ein wenig auszutesten. Die berühmte Rote-Rüben-Suppe Borschtsch, Schweinekotelett mit Champignons, „Chicken Kiev“, ein mit Kräutern und Butter gefülltes Hühnerbrustfilet. Die deftige Küche wusste zu gefallen. Nachher gab’s noch einen „kleinen Vodka“ – was bei uns 2cl sind, sind in Kiev aber 5cl. Etwa 10 Griwnja, also nicht mal einen Euro muss man dafür berappen.

Das Spiel gegen Dynamo Kiev war aktuell noch kein großes Thema. Viel mehr stellte sich die Frage, ob der politisch angeheizte Hauptplatz der Stadt ein Problem darstelle. „Eigentlich nicht, da kann man ruhig mal hinschauen, es ist eher wie ein Festival“, so lautete das erfreuliche Urteil unseres grün-weißen Kollegen. Gesagt, getan – ab zum „Maidan“. Bereits auf dem Weg zum großen ukrainischen Unabhängigkeitsplatz fielen einem die Barrikaden auf, die die Demonstranten rund um den Hauptplatz errichteten. Die Miliz und die Sicherheitskräfte waren mittlerweile abgezogen und so hatten die europafreundlichen Idealisten rund um den „Maidan“ ihren eigenen kleinen Mikrokosmos gezogen. Mit allem, was man halt so fand: Alte Türen, Holzplanken, Parkbänke, Autoreifen – und auch der über Nacht gefallene Schnee wurde als effizientes Baumaterial benützt. An den Rändern der Barrikaden fanden sich Durchgänge, durch die man den „Maidan“ betreten konnte. Hinter den Barrikaden herrschte „freundliche Anarchie“, mit Gesang, Tanz – und Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Der Widerstand der Demonstranten erwies sich als völlig gewaltfrei und mehr als nur geduldig. Mit der Parole „Slava Ukraini“, also sinngemäß „Hoch die Ukraine“, machte man seine Forderungen kurz und knackig deutlich. Um die aufgebauten Zelte am „Maidan“ sammelten sich Demonstranten vor brennenden Mülltonnen und wärmten sich mit einem Kaffeehäferl voll Vodka. Manche von ihnen haben seit Tagen nicht geschlafen, standen an vorderster Front als auch die Sicherheitskräfte noch anwesend waren und mit roher Gewalt auf die Forderungen der Demonstranten reagierten. So etwa ein knapp 50-jähriger Ukrainer und ein junger, schwerst illuminierter Weißrusse, die wir vor einem Lokal kennenlernten.

Das Beeindruckende: Auch um 3 Uhr Früh waren noch mehrere Zehntausend Menschen auf dem „Maidan“ unterwegs. Das improvisierte Rahmenprogramm, das neben Reden und Gebeten auch Popkonzerte ukrainischer Musikgrößen und klassischen Sängern beinhaltete, kannte keine Sperrstunde. Die ganze Stadt war auf den Beinen, keiner wollte die Revolution verpassen. Und wir waren mittendrin – ein aufregendes Erlebnis und ein Stück Zeitgeschichte, das man nur in einem kleinen Fenster erleben konnte. Fußball interessierte in dieser Stadt vorerst niemanden.

Am nächsten Tag stand das Spiel gegen Dynamo Kiev auf dem Programm. Die Nervosität stieg Stunde für Stunde. Auch wenn Rapid klarer Außenseiter war: Im Europacup waren immer schon Sensationen drin. Ein paar Drinks als Tranquilizer vor der Partie, Treffen mit Freunden, die erst am Donnerstag anreisten und dann ging’s zu Fuß ins NSK Olimpiskiy, die Heimstätte von Dynamo Kiev. In diesem Stadion wurde unter anderem das Finale der Europameisterschaft 2012 ausgetragen. Klar: Modernisiert wurde die Hütte den Richtlinien entsprechend, dennoch war dieser Fakt etwas schwer vorstellbar.

„Innerhalb der UEFA-Richtlinien“ – so kann man die Qualifikation des Stadions als Finalspielort bezeichnen. Großen Flair versprüht die einstige Betonschüssel aber nicht. Das Stadion ist relativ weitläufig, natürlich sehr groß und wirkt eher kühl. Wären keine modernen Skyboxen und die mittlerweile üblichen Gastrocards mit dabei gewesen, hätte man das Stadion als relativ normales, wenn auch gigantomanisches Fußballstadion angesehen. Die Akustik war lediglich OK, der  Auswärtsblock keine Besonderheit. Hervorzuheben sind aber – so wie überall in Kiev – die enorm hilfsbereite Polizei und freundliche Ordner, als Sinnbild für das allgemein sehr freundliche ukrainische Volk. Wohlgemerkt in einer Situation, in der im Stadtinneren eine Revolution vor der Tür stand.

Es waren etwas weniger Rapid-Fans mitgefahren, als man zuerst glaubte. Oder aber die Masse verlor sich aufgrund des großen Stadions ein wenig. Der Stimmung tat dies aber keinen Abbruch und die grün-weißen Supporter waren im weiten und spärlich gefüllten Oval zu Kiev stets gut zu hören. Als Terrence Boyd für das frühe 1:0 sorgte, glaubte man bereits an ein neuerliches Europacupwunder, wie man es ja gerade in Auswärtsspielen in den letzten Jahren immer wieder erlebte. Am Ende setzte sich aber die Kiever Qualität durch, die mit Fortdauer des Spiels keine Zweifel offen ließ. Einzig Hofmanns Torchancen vor der Pause hätten Rapid in eine gute Ausgangslage für die zweite Hälfte bringen können, aber durch die Pausenführung von Dynamo war der Kuchen im Grunde gegessen.

Nach dem Spiel stellte sich heraus, dass einige der Rapid-Anhänger noch länger in der Stadt bleiben würden. So auch wir. Die freundliche Militärpolizei öffnete uns die Tore zur Stadt erneut, sodass wir uns frei bewegen konnten und nicht den Weg mit den anderen Rapid-Fans zu den Bussen antreten mussten. Zuvor forderten sie die Individualreisenden aber noch auf, dass sie ihre „Farben“ in der Stadt nicht offen zur Schau stellen sollten. Also wurden alle Schals versteckt und es ging wieder ab in Richtung Stadt.

Zu Fuß bewegten wir uns nochmal in die Innenstadt, um einen Schlummertrunk zu nehmen. Auf dem Weg dorthin wurden wir von dem einen oder anderen Kiever Fan angesprochen. „Austria?“, lautete die Frage. Angesichts dessen, dass die wenigen Fans, die Kontakt mit uns suchten, nicht gerade ungrantig und ziemlich rustikal aussahen, waren wir uns nicht ganz über ihre Intentionen im Klaren. Aber interessanterweise wollten die Fans der siegreichen Mannschaft mit uns Schals tauschen. Damit konnten wir leider nicht dienen, aber für einige nette Momente sorgten diese Fragen dennoch. Es war etwas, das man speziell im Osten nicht unbedingt erwarten würde.

Am nächsten Tag erlebten wir nach der Revolution und dem Europa-League-Spiel noch das dritte Highlight unserer Reise. Mit dem Bus ging es zu einer organisierten Tour durch Tschernobyl und Pripyat. Im April 1986 war der Reaktor 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl in die Luft geflogen, seitdem ist das Gebiet rund um den Reaktor, ein Bereich von der Größe Luxemburgs, Sperrzone. Das Gebiet zu betreten ist allerdings für kurze Zeit nicht sonderlich gefährlich, wenn auch mit Sicherheitsauflagen bedacht,

Es waren etwa zehn Rapid-Fans, die sich die 150 US-Dollar teure Reise in die Katastrophenzone leisteten. Die Reise führte uns durch das kleine Straßendorf Tschernobyl, in dem sämtliche Häuser verlassen waren. Von einem Moment auf den anderen mussten die Bewohner ihre Häuser räumen – sie dachten, dass ihre Abwesenheit nur für wenige Tage sein würde und nahmen daher nur das Nötigste mit. Manche Bewohner schienen aber schon geahnt zu haben, dass ihre Abwesenheit länger dauern würde: Auf einem Haus stand in kyrillischen Buchstaben auf ukrainisch „Entschuldige und auf nimmer Wiedersehen, mein Haus“ geschrieben. Ein beklemmendes Gefühl.

Auch den havarierten Reaktor 4 konnte man besichtigen und dabei bis auf 270 Meter auf den Schrottmeiler herangehen. Er sieht aus, als würde er jeden Moment in sich zusammenfallen und die Strahlendosis ist in unmittelbarer Nähe des Reaktors höher als anderswo. Noch eindrucksvoller war jedoch die Stadt Pripyat, in der einst die Kraftwerksarbeiter wohnten und die als reiche Stadt galt. Heute ist Pripyat eine Geisterstadt, die gespenstische Anblicke, wie etwa den alten Vergnügungspark offenbart. Das Seltsamste an einem Spaziergang durch eine Geisterstadt ist nicht unbedingt die Tatsache, dass die Stadt eine wilde Vorgeschichte hat, sondern eher, dass sie völlig still ist. Unsere Stiefel, die tiefe Abdrücke in den Schnee drückten, waren das einzige Geräusch, das man klar und deutlich vernehmen konnte. Und das obwohl die Natur das Gebiet rund um Pripyat wieder zurückeroberte und eine große Artenvielfalt herrscht. Flora und Fauna sind wieder auf dem Stand des 17.Jahrhunderts angekommen, die Natur ist völlig unberührt, allerdings ist die DNA der dort heimischen Lebewesen schwerst instabil.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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