Trainerwechsel wie in den besten Zeiten unter Frank Stronach, zugleich aber der schlechteste Saisonstart in der mittlerweile sechsjährigen Ära nach dem Mäzen. Die Wiener... Kommentar | Quo vadis, Austria Wien? Die Veilchen auf dem Weg in ein tiefes Tal

Thomas ParitsTrainerwechsel wie in den besten Zeiten unter Frank Stronach, zugleich aber der schlechteste Saisonstart in der mittlerweile sechsjährigen Ära nach dem Mäzen. Die Wiener Austria kommt aus den Turbulenzen nicht heraus und scheut weiterhin kein Fettnäpfchen.

Sie begann so erfolgreich, die Ära nach Frank Stronach. Finanzvorstand Markus Kraetschmer bekam freie Hand und konnte den Klub gemeinsam mit Präsident Wolfgang Katzian auf finanziell gesunde Beine stellen, Thomas Parits krallte sich nahezu jeden österreichischen Youngstar und Karl Daxbacher sorgte am Spielfeld für Erfolge. Doch als der Führungsetage – beziehungsweise jenen Sponsoren, die darin gerne sein würden – einfiel, frischen Wind zu benötigen und der nunmehrige LASK-Trainer beurlaubt wurde, war der Anfang vom Ende gekennzeichnet.

Erst kam Ivica Vastic und hatte mit seiner mangelnden Erfahrung zu kämpfen. Nach einem halben Jahr war dies auch schon wieder vorbei und Franco Foda sollte ihm nachfolgen. Blöderweise sagte dieser ab, als die Austria ihn bereits öffentlich in den Himmel lobte. Also kam Notlösung Peter Stöger und bewies sich als reiner Glücksgriff für den Vorstand, spielten schließlich nicht viele andere Komponenten in der Entscheidungsfindung eine Rolle. Stöger kehrte der Austria nach einem Jahr inklusive Titelgewinn den Rücken. Auf eine Beförderung von Co-Trainer Manfred Schmid wurde verzichtet, Nenad Bjelica – hinter Niko Kovac und Ralph Hasenhüttl abermals nicht der absolute Wunschkandidat – verpflichtet. Dass dieser bereits zwei Spiele nach einer gesamten Wintervorbereitung beurlaubt wurde, spricht Bände über das Agieren des FAK-Vorstands. Herbert Gager durfte sich beweisen und scheiterte. Und wieder ging die Austria auf Trainersuche. Wie gewohnt sagte der Wunschkandidat, dieses Mal ausgerechnet Manfred Schmid, ab, die diesmalige zweite Lösung hieß Gerald Baumgartner und lieferte prompt den schlechtesten Saisonstart seit acht Jahren.

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Austria hatte in ihren Trainerbestellungen stets Pech und arrangierte Trainer, die nicht zum Verein passen oder die Spieler nicht erreichten und somit die Schuld alleine tragen.

Oder etwa doch nicht? Waren ganz andere Dinge die Ursache? Vorweg: Vastic beging Fehler, Bjelica ebenso, Gager ganz genauso. Alle waren nicht die perfekten Trainer für die Veilchen, scheiterten aber nicht nur an sich selbst, sondern ganz speziell auch an Dingen, die sie nicht ändern können. Die Wiener Austria ist in der Post-Daxbacher-Ära ein unorganisierter und reformresistenter Verein, an dem selbst die fachlich besten Trainer – zu denen national auch Gerald Baumgartner gehört – leicht scheitern können.

Die öffentlichen Resonanzen

Scheidende Austria-Trainer fanden in den letzten Jahren immer wieder Gründe zum Sticheln. Einzig Karl Daxbacher verhielt sich wie gewohnt wie ein Sir und verzichtete zumindest öffentlich auf eine üble Nachrede gegenüber den Veilchen. Sein Nachfolger Ivica Vastic hatte es da schon deutlich schwieriger und kritisierte in späteren Interviews den Umgang seiner Vorgesetzten mit ihm und etwaige Aktionen von Sponsoren, die gerne mehr Mitspracherecht gehabt hätten. Nenad Bjelica ging noch weiter in die Offensive und legte viele der internen Missstände – bei weitem jedoch noch nicht alle – offen. Herbert Gager tat dies in kleinerem Rahmen ebenso. Es ist egal, mit welchem violetten Ex-Trainer man spricht – es kommt stets etwas Ähnliches. Oft auch von ehemaligen Spielern, aktuell Michael Madl in einem Nebensatz in der Kleinen Zeitung.

Einzig Peter Stöger plauderte öffentlich kaum darüber, war er in Köln schließlich genug beschäftigt. Wer seinen Abgang als klassischen Auslandstransfer zu einem Verein mit besserem Gehalt und Perspektive betrachtet, liegt jedoch falsch. Der Meistertrainer hätte sich einen Verbleib bei der Austria sehr gut vorstellen können und stellte im Rahmen dessen Forderungen an den Verein. Einerseits wollte er den Kader etwas umkrempeln, um auch nach dem Titel den Biss in der Mannschaft zu halten, allen voran plante er allerdings eine Umstrukturierung. Stöger wollte mehr Einbindung in die Transfergeschäfte, visierte sogar an, Manfred Schmid zum Cheftrainer zu machen und selbst einen Posten nach englischem Vorbild zwischen Trainer und Sportdirektor anzunehmen. Das hätte zugleich aber das Ende für Thomas Parits, mit dessen Arbeit Stöger nicht immer glücklich schien und bereits während seiner Zeit als Cheftrainer einige Transfers im Alleingang abwickelte, bedeutet, was Präsident Katzian weniger gefiel – dieser lehnte ab. Stöger wechselte, Schmid naturgemäß ebenso, traute man ihm schließlich die Rolle des Cheftrainers doch offenbar erst ein Jahr später zu.

Die Einflüsterer

Einer von vielen Punkten, mit dem vor allem Ivica Vastic und Nenad Bjelica haderten, sind die Einflüsterer im Hintergrund des Klubs. Bjelica sprach gegenüber LAOLA1 offen darüber: „Da sind Leute dabei, die nie selber Fußball gespielt bzw. nie etwas mit dem Fußball zu tun gehabt haben. Diese Personen fühlen nicht wie Fußballer, Trainer oder sportliche Leiter. Deswegen ist dieses Umfeld für mich einfach inkompetent. Dennoch beschließen diese Herrschaften Urteile und präsentieren die Entscheidungen. Es ist kompliziert und erschwert die tägliche Arbeit – nicht nur für Nenad Bjelica, sondern auch für Herbert Gager, Ivica Vastic, Peter Stöger, Karl Daxbacher… Einfach für jeden Trainer, der dort tätig ist. Das Problem ist nie der Trainer, sondern immer das Umfeld.

Während die beiden Vorstände Markus Kraetschmer (Finanzen) und Thomas Parits (Sportliches) für das tägliche Geschäft zuständig sind, gehen die großen Entscheidungen – von Trainerwechseln bis hin zu Transfers – nur über den Aufsichtsrat, dem Präsident Wolfgang Katzian und der Verwaltungsvorsitzende Karl Blecha vorsitzen. Wie sich dieser Aufsichtsrat, der die wichtigsten Entscheidungen des Champions-League-Teilnehmers von 2013/14 treffen darf, zusammensetzt, ist durchaus spektakulär. Mit den Vorsitzenden von T-Mobile Austria, der Generali, dem Verbund, der Soravia Group und Leipnik-Lundenberger nehmen gleich fünf Sponsoren Platz und dürfen gegen ihre finanzielle Unterstützung über Glück und Unglück mitentscheiden. Einer davon ist gar Ex-Vizekanzler Josef Pröll. Komplettiert wird der Aufsichtsrat von Verwaltungs- und Kuratoriumsmitgliedern des Vereins und Betriebsrat Michael Kohlruss, der eigentlich für das Merchandising zuständig ist.

Es darf gerade ob der vergangenen Monate angezweifelt werden, inwiefern dieser Aufsichtsrat sportlich vertretbare Entscheidungen treffen kann. Beispielsweise war die damalige Beurlaubung Daxbachers samt dessen Nachfolger Vastic, der ausgerechnet Testimonial eines großen Austria-Sponsors war, im Winter 2011 kein Wunsch des Vorstands, sondern des Aufsichtsrats. Dass man sich exakt zwei Jahre später zum selben Zeitpunkt noch für Nenad Bjelica ausgesprochen hat und ihn eine Wintervorbereitung leiten ließ, anschließend aber nach zwei Frühjahrsrunden in den Urlaub schickte, ebenso.

Karl Daxbacher war nicht nur erfolgreich, sondern auch ein erfahrener und anerkannter Trainer. Als ihm mit Vastic und später Bjelica sowie Gager allerdings noch junge, aber vor allem nicht immer erfolgreiche Trainer nachfolgten, rochen die genannten Herren Lunte und versuchten nicht nur in den Grundsatzentscheidungen, sondern auch im täglichen Geschäft, beispielsweise in den Aufstellungen, mitzureden. Die Wiener Austria war wohl der einzige Verein der Champions-League-Gruppenphase 2013, wo der Trainer nicht alleine über die Aufstellung entscheiden durfte.

Kaderpolitik und Thomas Parits

2006 im Alter von 60 Jahren als Generalmanager verpflichtet, ab Juli 2008 zum AG-Vorstand für Sport avanciert. Im Oktober wird Thomas Parits 68 Jahre alt und durchlebt wohl seine letzten Monate als Vorstand der Veilchen. Wieso dies überhaupt sein kann, ist vielen im Verein dennoch unerklärlich. Ein FAK-Insider bringt die interne Lage auf den Punkt: „Der Sportvorstand ist zu 99% nur noch ein Mythos. Es gibt im Verein keinen mehr, der seinen Abschied nicht herbeisehnt.“ Der Vertrag des Burgenländers lief mit Ende Juni aus, Präsident Wolfgang Katzian verlängerte ihn dennoch um ein Jahr und kündigte den Abschied des ehemaligen Austria-Stürmers für 2015 an.

Die Begründung für die Vertragsverlängerung war, dass gerade nach so einer schwachen Saison und in einer wohl turbulenten Transferperiode die Erfahrung von Parits wichtig sei und zudem in dieser Kurzfristigkeit kein ädaquater Nachfolger gefunden werden könne. Dass man in mehreren Monaten, durch die sich die Verhandlungen mit Parits zogen, nicht auf Namen wie Ralf Muhr (derzeit Akademieleiter der Austria), Günther Kreissl (derzeit Sportmanager des SC Wiener Neustadt) oder die beliebten Ex-Legionäre Milenko Acimovic (derzeit vereinslos, zuvor Sportdirektor bei Olympia Laibach) und Jocelyn Blanchard (derzeit sportlicher Leiter beim RSC Lens) stieß, löst Verwunderung aus.

Thomas Parits trägt großen Anteil daran, dass die Austria nach dem Ausstieg von Frank Stronach und Magna auf gesunden Beinen weiterlief und große Sprünge nach vorne machte. Doch bereits seit knapp drei Jahren ist die Arbeit des Sportvorstands umstritten. Peter Stöger erkannte dies, wie bereits eingangs erwähnt, rasch und wickelte mehrere Transfers selbst ab, forderte nach dem Meistertitel Strukturreformen und eine Entmachtung von Parits. Die Austria lehnte den Vorschlag dankend ab und verlor dadurch Stöger.

Bezeichnend ist, dass seit rund einem Jahr etwa 80 Prozent der Interviews zu Transferangelegenheiten – seien es vollzogene Transfers oder vage Gerüchte – Markus Kraetschmer gibt, obwohl solche Angelegenheiten nicht unbedingt in das Aufgabengebiet eines Finanzvorstands fallen. Ebenso bezeichnend ist auch die aktuelle Kaderpolitik in der laufenden Transferperiode.

Dass die Austria Probleme damit hat, junge Spieler gewinnbringend zu verkaufen, ist nichts Neues. Nach dem Nicht-Erreichen eines internationalen Startplatzes wurde allerdings zudem ein Kaderumbruch angekündigt. Zum derzeitigen Stand verpflichteten die Veilchen exakt vier neue Spieler, wenn man jene Spieler, die von Leihen zurückkehrten und von den eigenen Amateuren hochgezogen wurden, ausnimmt. Lediglich drei Spieler aus der Stammelf der vergangenen Saison wurden abgegeben. Dies ist weit entfernt von einem „Umbruch“. In der Startelf des 0:4-Debakels in Wolfsberg standen acht Spieler, die auch schon in der Vergangenheit zum Stammpersonal der Veilchen gehörten.

Um auf die großen Worte wenigstens kleine Taten folgen zu lassen, soll noch eine fünfte Neuverpflichtung folgen. Doch der Transfer eines neuen Stürmers ist die nächste Posse im violetten Chaos. Intern sorgt dies immerhin für viele Lacher, ist aber traurig zugleich. Am 20. Juni wurde der Wechsel von Philipp Hosiner zu Stade Rennes fixiert – ein Nachfolger ist auch über ein Monat später noch nicht geholt worden. Bei Freiburg bezüglich Zulechner abgeblitzt und von Testspieler van Kessel enttäuscht, wurde das Anforderungsprofil zur Halbzeit der Stürmersuche nochmals überarbeitet. Es soll doch ein vollends ausgebildeter Angreifer, der sofort weiterhelfen kann, sein. Der Hintergrund: Im Aufsichtsrat wurden Stimmen laut, dass die Austria nach der enttäuschenden, aber finanziell lukrativen Saison einmal Geld in die Hand nehmen müsse und einen internationalen Topmann verpflichten sollte. Schnell wie sich so etwas rumspricht, wurden auch diverse Manager hellhörig. Etliche Spieler werden von diesen bei den Veilchen laufend ins Spiel gebracht – der Kurier schrieb in seiner Sonntagsausgabe: „Ständig werden der Austria Stürmer angeboten, die er (Parits, Anm.) nicht einmal anschaut oder gar nicht kennt.

Thomas Parits hat der Austria in einer schwierigen Zeit sehr weitergeholfen und sich damit selbst ein Denkmal gebaut. Damit die seit zwei Jahren andauernde Stagnation sich nicht fortsetzt, wäre einerseits Parits wohl gut beraten zurückzutreten oder Präsident Katzian, der über diese Personalie entscheiden kann, die Reißleine zu ziehen, um eine weitere Katastrophensaison zu verhindern. Denn noch kann die Austria dies verhindern.

Fazit und das Vorbild Rapid

Der schlechte Saisonstart der Veilchen war vorhersehbar. Es ist Gerald Baumgartners erste Station in der Bundesliga, wo er naturgemäß noch mit anderem beschäftigt ist, als das Umfeld glatt zu bügeln. Dies gelang Stöger, der die Bundesliga, aber speziell die Austria sehr gut kannte und zudem Erfolge einfuhr, wodurch er sich auf andere Problemfelder konzentrieren konnte. Letztlich wurde es aber auch ihm zu bunt und er suchte das Weite. So könnte es bald auch schon Baumgartner gehen, der am Saisonstart wenig Schuld trägt und öffentlich wohl dennoch bald am Meisten angeprangert werden wird.

Die Veilchen schlittern ohne Sicherung in ein tiefes Tal. Noch hält sich der Rekordcupsieger an einem letzten Ast fest. Schrillen nicht auch bald bei den zuständigen Herren – ihr Fußballbezug sei dahingestellt – die Alarmglocken, reißt auch dieser Ast ab und die Austria sinkt noch tiefer, um schon bald am harten Boden aufzukommen. Und aus diesem Tal wieder herauszukommen, wird deutlich schwieriger als nun zu retten, was noch zu retten ist.

Es scheint ein österreichisches Syndrom zu sein aus Erfolgen nichts Positives mitnehmen zu können. Sei es die EM 2008, die die Bundesliga für keinen Aufschwung nutzen konnte, oder die Meistertitel von Rapid 2008 und Sturm 2011. Letztere befinden sich auf einem noch direkteren, weil schnelleren Weg ins Tal als die Austria. Rapid befand sich ebenfalls auf diesem Weg nach unten, konnte sich selbst aber noch bremsen. Vielleicht ist gerade der Erzrivale ein gutes Beispiel für die Austria, denn mit Strukturreformen und wichtigen personellen Entscheidungen begab sich Rapid innerhalb kürzester Zeit wieder auf einen aufsteigenden Ast.

Pascal Günsberg, abseits.at

Pascal Günsberg

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