Der Sonntag ist der Tag des Herrn. Aber nicht nur seiner, denn diesen Sonntag fand in meiner Heimatgemeinde das alljährliche Fest des Sportvereins statt,... „Nicht im Mittelfeld herumschieben, da seh‘ ich nix!“ – Lokalaugenschein bei einem Sportfest

Schweres Foul, GrätscheDer Sonntag ist der Tag des Herrn. Aber nicht nur seiner, denn diesen Sonntag fand in meiner Heimatgemeinde das alljährliche Fest des Sportvereins statt, inklusive Grillen, Elferkönig und Kleinfeldturnier. Die hungrigen Kirchgänger und auch jene, die ihr Seelenheil wo anders finden, strömten also zum Fußballplatz eines 300-Seelen-Ortes irgendwo in Ostösterreich. Ich bin auch mit von der Partie. Denn es geht schließlich um Fußball und da bin ich immer dabei. Wie tüchtige Österreicher mache ich mich mit meiner Sippschaft zu „High Noon“ auf um totes Tier und kaltes Bier in meinen Verdauungsapparat zu füllen und um den Hobbykickern auf die Bäuche, äh Waden zu schauen. Echt sportlich eben.

Auf dem kurzen Fußmarsch in Richtung Fußballplatz, erzählt der Erste schon, dass er als Mitspieler beim heutigen Turnier angeworben wurde: „Do hob I earm g’fragt: Wüsst mi umbringen?“

Angekommen verrät der Blick auf die Speisekarte: Die Auswahl für Vegetarier ist gering. Grillwürstel mit Pommes und Salat, Kotelett mit Pommes und Salat, Steak mit Pommes und Salat und Spieß mit – erraten- Pommes und Salat. Schon bei der Getränkebestellung, wählt die Autorin in Anbetracht der hochsommerlichen Temperaturen ein Krügerl.  Ein Seiterl gibt’s gar nicht.

Während wir nach kurzer Wartezeit und emsigen Begrüßen des restlichen Dorfes unser Grillgut genießen, begeben sich die Spieler der vier Turniermannschaften zum Aufwärmen. Ein einziger joggt um den Platz, während die Restlichen planlos einige Pässe und Torschüsse schlagen. Die Torfrau (!) unseres Dorfklubs zeigt noch relativ wenig Einsatz. „Die hebt sie ollas fürs Spü auf!

Kurz bevor Match Nr. 1 losgeht, ist die Unterhaltung auf unserem Tisch noch bei Politik stehengeblieben. „Warum redest du vom BZÖ in der Vergangenheitsform?“ „Najo, die gibt’s bald eh nimmer.“  Nach dem Austausch von Naturheilkundetipps (Schnaps gegen Wespenstiche, aber intravenös!) und Witzen über/gegen die Kirche sind wir auch verbal beim runden Leder angelangt. Unser Star, der mitspielende Nachbar, kommt uns am Tisch besuchen und meine Mutter ist darüber so beglückt, dass sie ihre Frucade auf die Erde haut. Danach glänzt sie mit fußballerischem Fachwissen:„Na sicher, bin ich Austria-Fan!“ „Dann nenne mir einen Austria-Spieler ….“ „Hans Krankl!“ „ … aus der aktuellen Kampfmannschaft! Falsch und falsch!

Wurscht, das erste Match beginnt. Aber die Landbevölkerung widmet sich lieber ihrem Teil des ermordeten Schweines respektive der verschiedenen Kuh anstatt dem Sommerkickerl die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Verborgen bleibt für uns auch, wer da eigentlich am Platz steht. Selbst unser Insider, der Nachbar, der im Augenblick als eine Art Libero agiert, wusste bis zum Anpfiff nicht, wer da jetzt genau am Wettkampf teilnimmt. Irgendwie scheint er es auch jetzt noch nicht zu wissen.

Da die eine Mannschaft in orangefarbenen Dressen agiert und darüber hinaus ziemlich foulanfällig ist, taufen wir sie kurzerhand „fliegende Holländer“. Die Gegner, die eine Kombination aus grünen Trainingsüberziehern, roten Stutzen und gelben Trikots tragen, werden für uns zum „Team Jamaica“. Ziemlich mau, geht das Spiel 3:1 für die Pseudo-Oranje aus. Der Schiedsrichter, der von der Heimmannschaft gestellt wurde, bewegte sich übrigens nicht vom Mittelkreis weg. Eh klar, der muss ja im nächsten Match selbst spielen.

Das erste Spiel ist aus, das erste Getränk auch. Mein Tischnachbar teilt sich netterweise ein weiteres Krügerl mit mir, das halbierende Umschütten erledigt meine Mutter. „Die Mama kann des!“Das hat‘s ja vorher hinlänglich bewiesen!“.  Meine Erzeugerin bekommt wegen ihres Frucade-Unfalls erneut ihr Fett weg.

Weitere Spieler treffen ein. Der ansässige Gastwirt kommt mit einer großen Sporttasche. „Hat er da auch Talent drinnen?“, wird in der Runde gefragt. Sein Airbag ist auf jeden Fall aufgeblasen, ein paar Kilo zu viel trägt der gelernte Koch mit sich herum. Jetzt schon schleppt sich der erste Verletzte mit professionell verbundenem Knöchel nachhause. Einen Handtuchhalter Marke Amateurfußballer hat er aus seinem Haxen gemacht.

Im zweiten Match spielt die Altherrenmannschaft des Ortes gegen die Kampfmannschaft desselbigen. Die Altherren gehen mit 0:7 unter und die Aufmerksamkeit der Zuschauer nimmt zu: „Na net do im Mittelfeld umanander schieben, do sich i nix!“. Wahrer Worte aus der österreichischen Fußballseele.

Im nächsten Spiel – wer gegen wen ist eh wurscht – herrscht Torflaute. Erst in der zweiten Hälfte fällt das erste Tor. „Na endlich ist der Bann gebrochen!“ „Wer hat sich was gebrochen?“ Die Tischrunde ortet ob eines Hörfehlers eine erneute Verletzung. Klar, bei der starken Beanspruchung.

Auch die Kleinsten dürfen ran, der Nachwuchs spielt gegen die Kampfmannschaft, die sich den Minikickern geschlagen geben muss. Es geht in die Zweikämpfe, bis einer heult, und das ist meist der Erwachsene, weil der Junior statt dem Leder das Schienbein des Gegners trifft. Unangefochtener Stürmerstar der Kleinen ist die Nr. 12, der im viel zu langen Trikot, aussieht als würde er ein Kleid tragen.

Im nächsten Spiel glänzt bei „Team Jamaica“ die Solospitze, die einst im Nachwuchs einer österreichischen Bundesligamannschaft stand, und jetzt bei Turnieren wie diesem kickt. Wenigstens sorgt dieser junge Mann für ein paar schöne Solos. „Dem hams net gsagt, dass des nur a Jux-Turnier is… wie damals dem Schoko Schachner“, kommt das Gespräch auf den Nichtangriffspakt von Gijón. Vergleiche mit dem A-Team sind überdies heute besonders angebracht. „Der steht herum, wie Falschgeld! So wie bei der Nationalmannschaft.

Nach etlichen Erfrischungsgetränken begleichen wir unsere 70 €-Rechnung und beglückwünschen den Turniersieger, die Heimmannschaft. Die Altherren pflegen ihre „Wunden“ (Muskelkater) und die Kleinen machen die Welle vor der Haupttribüne. Also vor der Tribüne halt. Es gibt eh nur eine. Der Sportverein bekommt ein fettes Trinkgeld und das Versprechen im nächsten Jahr wiederzukommen. Fußball ist schließlich Volkssport und dass wir heute irgendwelche Parallelen zwischen dem Mikrokosmos eines Hobbyturniers zur professionellen Situation in Österreich ziehen könnten: Nieeeemals!

Marie Samstag, abseits.at

Marie Samstag

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