Im Rahmen eines Referendums stimmten 51,9% der Briten für den Austritt von Großbritannien aus der Europäischen Union. Brexit-Gegner in Europa und vor allem in... Die Auswirkungen des Brexit auf den englischen und internationalen Fußball

england_fansIm Rahmen eines Referendums stimmten 51,9% der Briten für den Austritt von Großbritannien aus der Europäischen Union. Brexit-Gegner in Europa und vor allem in Großbritannien halten den Atem an. Was der Brexit für Großbritannien, Europa, die Wirtschaft und das Pfund bedeutet, wird derzeit lang und breit diskutiert, ohne dass eine hundertprozentig verlässliche Aussage getätigt werden kann. Aber was bedeutet der EU-Austritt der Briten eigentlich für den Fußball?

Die englische Premier League steht wohl vor der interessantesten Transferperiode aller Zeiten. Der neue TV-Deal bringt den Vereinen prall gefüllte Kassen – selbst die englischen Abstiegskandidaten werden mehr Geld aus dem Fernsehtopf bekommen, als deutsche Titelanwärter wie Bayern oder Dortmund.

Schwaches Pfund

Durch den Brexit fiel das Pfund Sterling nun aber auf das Rekordtief der letzten 31 Jahre. Die britische Währung stürzte im Vergleich zum Euro um über 6% ein. Offensichtlichstes Problem für die Premier League Klubs ist damit der Wertverlust. Die Kohle, die für den TV-Deal in die Kassen gespült wird, ist schlichtweg weniger wert. Die englischen Klubs werden dadurch natürlich auch nicht derart zahlungskräftig wie zuletzt bleiben.

Größeres Problem: Arbeitserlaubnis

In Wahrheit ist dies aber das geringste Problem. Ein größeres Problem stellt die Arbeitserlaubnis für ausländische Spieler dar. Eine der vier Grundfreiheiten der Europäischen Union ist die so genannte Personenfreizügigkeit, die es jedem EU-Bürger erlaubt, in einem anderen Land als dem Heimatland wohnen und arbeiten zu dürfen. Dies wird nun einerseits für englische Fußballer wegfallen, was keine riesigen Auswirkungen haben wird, da englische Klassespieler auch zumeist in England unter Vertrag stehen. Sehr heikel ist jedoch der umgekehrte Fall. EU-Ausländer dürfen nicht mehr einfach nach England wechseln, als würde man innerhalb des eigenen Landes den Verein wechseln.

FA will mehr Engländer in den Klubs

Seit vielen Jahren herrscht eine Konfliktsituation zwischen der FA und der Premier League, da der nationale Verband natürlich gerne englische, für das Nationalteam spielberechtigte Spieler im Vorteil sehen würde. Die Premier-League-Klubs haben aber das finanzielle Rüstzeug um Topmannschaften aus internationalen Stars zusammenzustellen und wollen dieses natürlich auch nützen. Die Balance aus beidem zu finden ist sehr schwierig. Die englischen Klubs sind nicht mit einem Österreicher-Topf abzuspeisen, wie es hierzulande der Fall ist. Das Geld haben sie nicht nötig. Derzeit dürfen englische Klubs in ihrem Kader 17 Ausländer haben – die FA würde dies gerne auf 13 reduzieren, stößt dabei aber auf taube Ohren und fast schon Rebellion.

45% Engländer bis 2022

Das offizielle Ziel der FA ist es, dass 45% aller Premier-League-Spieler zum Beginn der Saison 2022/23 für das Nationalteam spielberechtigt sind. Momentan sind es nur 33%, also ein Drittel aller in der Premier League angestellten Spieler. Durch den lukrativen TV-Vertrag ist es aber nun sogar möglich, dass sich diese Zahl weiter zurückentwickelt, statt auf die angestrebten 45% anzuwachsen. Deshalb verabschiedete die FA vor gut einem Jahr neue Regulierungen zur Arbeitserlaubnis. Diese sollen sicherstellen, dass keine Durchschnittskicker gekauft werden, die dann englischen Talenten vorgesetzt werden.

Automatische Arbeitserlaubnis nur nach FIFA-Regeln

Ein Nicht-EU-Fußballer der nach England wechseln möchte, muss in den letzten zwei Jahren (für U21-Spieler gelten die letzten zwölf Monate) einen Mindestprozentsatz an Länderspielen für sein Land bestritten haben. Wie hoch dieser Prozentsatz ist, bestimmt das FIFA-Ranking der jeweiligen Nation. Wenn eine Nationalmannschaft in den letzten Jahren im Schnitt zwischen den Plätzen 1 und 10 der FIFA-Weltrangliste rangierte, muss der Spieler in diesem Zeitraum zumindest 30% der Länderspiele mitgemacht haben. Bei den Plätzen 11 bis 20 sind’s zumindest 45%, bei 21 bis 30 bereits stolze 60% und über Platz 31 hinaus 75%. Durch den Brexit ist es nun möglich, dass dies nicht nur auf Nicht-EU-Ausländer, sondern neuerdings auch auf EU-Ausländer zutrifft.

Wo würde Österreich stehen?

Österreich wäre nach dieser Regelung, die die letzten zwei Jahre als Benchmark heranzieht durchschnittlich auf Rang 29. Um eine automatische Arbeitserlaubnis für England bzw. die Premier League zu bekommen, müsste ein Spieler also 60% der Länderspiele in den letzten zwei Jahren mitgemacht haben. Dies würde auf Marko Arnautovic und Christian Fuchs zutreffen, auf Kevin Wimmer nicht und bei Sebastian Prödl wär’s haarscharf. Sehr schwierig wird auch der Sprung nach England, automatische Arbeitserlaubnis inklusive. Spieler wie etwa Philipp Schobesberger hätten aufgrund ihrer A-Nationalteam-Einsätze praktisch keine Chance auf eine Arbeitserlaubnis ohne Ausnahmeverfahren.

Das Ausnahmeverfahren zur Arbeitserlaubnis

Wenn sich ein Spieler nicht „automatisch“ qualifiziert, weil er zu wenige Einsätze im Nationalteam hatte, gibt es ein Punktesystem nach dem er bewertet wird. Der Spieler muss hier vier Punkte sammeln, dann wird die Behörde, die sich mit Ausnahmen der Arbeitserlaubnis auseinandersetzt vorschlagen, dass er das OK für die Premier League bekommt. Allerdings MUSS diese Behörde dies nicht vorschlagen, sondern KANN.

Die sechs Voraussetzungen und die Punkte, die ein Spieler für die Erfüllung der Voraussetzungen bekommt, lauten wie folgt:

– Die Ablösesumme, die für den Spieler bezahlt wird, ist höher als durchschnittlich 75% aller getätigten Premier-League-Einkäufe der letzten zwei Transferperioden. Wäre der Durchschnitt aller Premier-League-Transfers also 10 Millionen Euro, müsste ein Verein mindestens 7,5 Millionen Euro bezahlen, um diese Voraussetzung geltend zu machen. – 3 PUNKTE

– Die Transfersumme liegt zwischen 50% und 75% des Durchschnitts – also in unserem Beispiel zwischen 5 und 7,5 Millionen Euro. – 2 PUNKTE

– Das Gehalt, das dem Spieler bezahlt wird, ist höher als durchschnittlich 75% der Top-30-Verdiener, die in den letzten zwei Transferperioden in die Premier League wechselten. – 3 PUNKTE

– Das Gehalt, das dem Spieler bezahlt wird, liegt zwischen 50% und 75% des Durchschnitts der Top-30-Verdiener, die in den letzten zwei Transferperioden in die Premier League wechselten. – 2 PUNKTE

– Der Spieler kommt aus einer Top-Liga und hat für seinen bisherigen Verein mindestens 30% der möglichen Spielminuten in dieser Liga absolviert. – 1 PUNKT

– Der Verein des Spielers hat in einer internationalen Gruppenphase gespielt und der Spieler hat mindestens 30% der möglichen Spielminuten mitgemacht. – 1 PUNKT

In den „möglichen Minuten“ sind nur Phasen berücksichtigt, in denen der Spieler tatsächlich fit und nicht verletzt war. Zu den internationalen Gruppenphasen zählen Champions League, Europa League und Copa Libertadores.

Bereits in England spielende Kicker sind zu 99,9% sicher

Dieses Regulativ wird mit hoher Sicherheit nicht genau so bleiben. Die FA muss nach dem Brexit Adaptierungen vornehmen, kann die bisherige Situation von Nicht-EU-Ausländern natürlich nicht eins-zu-eins auf EU-Ausländer ummünzen. Einerseits wird es zu 99,9% nicht passieren, dass bereits in England aktiven Fußballern die Arbeitserlaubnis wieder entzogen wird. Es wird erwartet, dass die FA ein derartiges Regulativ in nächster Zeit verabschiedet, wonach etwa Kevin Wimmer „safe“ wäre.

Top-Leute wird man immer kaufen können

Echte Weltklassespieler werden natürlich weiterhin keine großen Probleme haben, nach England zu wechseln. Die Engländer sind trotz des Brexit nicht der Feind ihrer eigenen Premier League. Schon der zuvor beschriebene Punktekatalog sollte jedem echten Klassekicker den Weg nach England ebnen. Für durchschnittliche Spieler wird es wesentlich schwieriger in die lukrativste Liga der Welt zu gelangen. Dies trifft natürlich auch auf österreichische Kicker zu, die den Sprung wagen wollen. Zudem ist es für Spieler, die aus Österreich nach England wechseln aufgrund der Ablöse- und Gehaltsauflagen im Punktekatalog sehr schwer, vier Punkte zu sammeln und damit automatisch die Arbeitserlaubnis zu erhalten.

Doppelte Staatsbürger als nächstes Problem für Premier-League-Klubs

Premier-League-Klubs haben zudem jetzt einen Nachteil, wenn sie Spieler aus Südamerika holen möchten, die eine Doppelstaatsbürgerschaft mit einem EU-Land haben. Dies trifft derzeit etwa auf brasilianische Kicker wie Fernando (Portugal), Lucas Leiva, Lucas Piazón (Italien) und Wellington Silva (Spanien) oder argentinische Kicker wie Sergio Aguero, Erik Lamela, Pablo Zabaleta, Leonardo Ulloa (Spanien), Federico Fernandez, Manuel Lanzini, Sergio Romero oder Martin Demichelis (Italien) zu. Wie erwähnt, werden diese, bereits in England spielenden Kicker, keine Probleme haben, in der Premier League zu bleiben. Würden sie aber noch woanders, etwa in Südamerika spielen, dann werden sie in Zukunft eher in die EU wechseln, da sie einerseits unter die Personenfreizügigkeit fallen und damit frei wechseln können, andererseits in einem EU-Land immer noch die sportlichen Rahmenbedingungen für einen späteren England-Transfer treffen können.

Streit FA vs. Premier League vorprogrammiert

So oder so ist aber klar, dass das Thema Arbeitserlaubnis noch zu einem riesigen Streitpunkt zwischen der FA und der Premier League werden wird. Die Liga wird sich nicht kampflos unterwerfen und versuchen durchzusetzen, dass sich so wenig wie möglich ändert. Die FA wittert nun aber sehr wohl ihre Chance, die 45% Engländer-Quote vielleicht schon vor 2022 Wirklichkeit werden zu lassen. Der Brexit schafft dafür die Voraussetzungen, die Premier-League-Klubs stehen nun aber trotz unglaublichen TV-Geldern vor ernsten Problemen.

Artikel 19 als massives Problem für die Zukunft

Ein weiteres großes Problem für die Premier-League-Klubs stellt Artikel 19 des FIFA-Regulativs dar, der besagt, dass internationale Transfers erst ab dem Alter von 18 Jahren abgeschlossen werden dürfen. Die einzige Ausnahme dieses Artikels stellen Wechsel innerhalb der EU dar, die bereits ab dem Alter von 16 erfolgen dürfen. In diese Ausnahme fällt das Vereinigte Königreich nun nicht mehr und ähnlich wie bei den Doppelstaatsbürgern, werden andere große Fußballnationen innerhalb der EU, also Deutschland, Spanien, Italien und Co., künftig einen großen Vorteil bei EU-internen Transfers der 16- bis 18-Jährigen haben, was sich in der jüngeren Vergangenheit als eine der wichtigsten Alterssparten und wahre Goldgrube erwies.

Ronaldo und Henry hätten’s nicht geschafft…

Hier ist eine Liste von Premier-League-Spielern, die nach den momentanen Regelungen zum Zeitpunkt ihres Wechsels in die Premier League höchstwahrscheinlich keine Arbeitserlaubnis bekommen hätten: Laurent Koscielny, Hector Bellerin, Loic Remy, Kurt Zouma, Gerard Deulofeu, N’Golo Kanté, Robert Huth, Emre Can, Alberto Moreno, Simon Mignolet, Dejan Lovren, Jesús Navas, Bacary Sagna, Eliaquim Mangala, Anthony Martial, Ander Herrera, David de Gea, Adnan Januzaj, Bojan Krkic, Yann M’Vila, Dimitri Payet und viele andere.

Das noch krassere Beispiel: Nach den momentanen Regulierungen hätten einst Cristiano Ronaldo, Thierry Henry oder David Ginola ebenfalls keine Erlaubnis gehabt nach England zu wechseln.

Deutschland wird für Österreich als Markt noch wichtiger

Für österreichische Klubs bedeutet dies, dass Großbritannien bzw. die Premier League nicht im Stande sein wird, horrende Ablösesummen für Spieler zu bezahlen, die von den Klubs nicht als absolute Stützen eingeplant werden. Einerseits weil die Klubs nun weniger bzw. weniger wertvolles Geld haben, andererseits – und das ist noch wichtiger – weil das Arbeitsregulativ durch den Brexit enorm restriktiv wird. Deutschland wird damit für österreichische Fußballer noch mehr das Nummer-Eins-Zielland, als es ohnehin schon war. In England wird man sich als ÖFB-Kicker wohl nur dann eine goldene Nase verdienen können, wenn man zuvor bereits woanders in Europa von sich reden machte.

Keine Verlierer ohne Sieger

Allgemein scheinen die größten fußballrelevanten Brexit-Profiteure innerhalb der EU Deutschland, Spanien, Italien, aufgrund der Doppelstaatsbürgerschafts-Problematik aber auch Frankreich, Portugal oder die Niederlande sein. Wir tippen sogar eher auf Frankreich und Portugal als größte Profiteure, da gerade die Ausbildungsvereine wie Lyon oder Porto, Transfers aus Afrika und Südamerika nun wesentlich einfacher abwickeln können, als die englischen Klubs. Dies gilt vor allem für Doppelstaatsbürger, die EU-Bürgern gleichgestellt sind.

Noch muss aber abgewartet werden, wie die FA reagiert und in welche Richtung die Regulative geändert werden. Eine Tendenz ist aber bereits eindeutig abzusehen.

Daniel Mandl, abseits.at

Daniel Mandl Chefredakteur

Gründer von abseits.at und austriansoccerboard.at | Geboren 1984 in Wien | Liebt Fußball seit dem Kindesalter, lernte schon als "Gschropp" sämtliche Kicker und ihre Statistiken auswendig | Steht auf ausgefallene Reisen und lernt in seiner Freizeit neue Sprachen

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